The Project Gutenberg EBook of Dr. Mabuse, der Spieler, by Norbert Jacques

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Title: Dr. Mabuse, der Spieler

Author: Norbert Jacques

Release Date: October 22, 2015 [EBook #50285]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DR. MABUSE, DER SPIELER ***




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                       Dr. Mabuse / der Spieler

                           Ullstein-Bcher

                Eine Sammlung zeitgenssischer Romane




                              Dr. Mabuse
                                 der
                               Spieler


                                Roman
                                 von
                           Norbert Jacques

                     Im Verlag Ullstein / Berlin

       Alle Rechte, einschlielich des Rechts der bersetzung,
                             vorbehalten
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                                  I


Der alte vornehme Herr stellte sich selber vor. Wie blich, verstand
niemand den Namen. Aber er war elegant und in diskretes bestes Tuch
gekleidet. Er hatte als Vorstecknadel eine einfache weie Perle, etwas
barock, aber von der Weie eines blonden Frauenrckens, wie Karstens
sagte, und legte gleich so gegen 20000 Mark vor sich auf den Spieltisch.

Der junge Hull, Stmmling eines Industrie-Millionen-Vermgens, an dem
sein Vater ihn reichlich teilnehmen lie, hatte ihn mitgebracht.

Man begann gleich zu spielen. Der Gast nahm mit einer stummen Verbeugung
das Spiel an, das man vorschlug: Einundzwanzig. Die Stze waren
unbegrenzt. Ritter hielt die Bank als erster.

Zunchst zeigte das Spiel durchaus nichts Ungewhnliches. Verlust,
Gewinn gingen reihum.

Aber bald begann es, da Hull verlor. Das begann fast mit demselben
Augenblick, da die Reihe, die Bank zu halten, an den alten Herrn kam.
Hull verlor zuerst Hundertmarkscheine. Er spielte gelassen und in sein
Pech ergeben. Vor dem alten Herrn mischten sich kleinere Noten in den
Haufen der Tausender, die er vor sich hingelegt hatte.

Nur nach auen spielte Hull gelassen. Innerlich befand er sich in einer
heien Erregung. Es gingen Schleier vor seinem Hirn hin und her. Seine
Noten chassierten zu dem Gast hinber, ohne da er es eigentlich merkte.
Seine Sinne waren wie von einem feinen und unsichtbaren Spinnweb belegt,
das ihn immer mehr einengte.

Er trank einige Kognaks und lie sich dann eine Flasche Sekt bringen.
Das half aber zu nichts weiterem, als da er das Fach seiner Brieftasche
wechselte und zu den Tausendern griff. Er hatte sie nachmittags von der
Bank geholt.

Sein Spielpech wurde unwahrscheinlich. Hatte er gute Karten, so war ihm,
als ob aus irgendeinem in Dunkel verhllten Winkel seines Innern heraus
eine mahnende Hand sich auf seinen Mund legte. Er verlie die Hhe
seiner Einstze und nannte eine geringfgige Summe.

Der alte Herr sollte nun die Bank weitergeben. Aber er erbot sich, Hull
zuliebe sie noch zu behalten. Er sagte:

Wenn die Herren einverstanden sind, so behalte ich die Bank noch einige
Runden. Sie sehen, wie sich vor mir das Geld huft. Ich bin der Gast
Ihres liebenswrdigen Klubs. Tragen Sie meinen peinlichen Gefhlen gegen
Herrn Hull Rechnung, und gestatten Sie mir, um was ich Sie bitte.

Aber obgleich das in bescheidener Redeform gesagt wurde, klang es doch
herrisch, jede Abweisung fortschiebend.

Der Klubdiener beugte den Gast argwhnisch. Aber er spielte mit den
Karten, die der Klub selber stellte und die stets eben erst aus der
Hlle gebrochen wurden.

Das Spiel feuerte in den Kreis. Man trank auch viel. Ein leichter Rausch
umsponn den Tisch. Der Gast schlo sich beim Trinken nicht aus. Er
benahm sich in keiner Weise auffllig. Er hatte einen ruhigen, lang in
jedem Auge, das ihn anschaute, verweilenden Blick, groe graue Augen,
die etwas Herrenhaftes hatten und die das Spiel kaum zu begleiten
schienen. Seine Hnde waren gro, massiv und ruhig, als seien sie aus
Holz. Den andern, viel jngern, zitterten schon die Finger vom
Widerschein innerer Erregtheit.

Hull spielte weiter, obgleich er seine Tasche immer dnner werden
sprte.

Was ist los? fragte er sich immer. Er wollte aufstehen und ein Spiel
vorbergehen lassen, um an einem Fenster Luft zu schpfen und einmal in
die Stille der Nacht hinauszuschauen, aus der er einen Strom Ruhe fr
sich selber atmen zu knnen hoffte. Aber er sa wie gefesselt auf dem
Leder, prete die Ellbogen auf den roten Filz, und alle Gedanken fielen
unbeherrscht aus ihm in eine Leere, wie in die Dimensionslosigkeit eines
Schlafs.

Sonst war er nicht gerade ein leichtsinniger Spieler. Er berlegte,
verfolgte den Gang des Glcks und war immer dran, ihn auszunutzen, wenn
er ihm gnstig war, oder sich zu dmpfen, wenn ein anderer an der Reihe
war.

Doch an diesem Abend kannte er bald keine Hemmungen mehr. Keine Note
hatte einen Wert fr ihn. Ja, es war fast als ob er mit Lust verlre.
Mit Genu seine Noten hinberwechseln sah. Es mute nur immer etwas
geschehen. Man teilte die Karten viel zu trg. Man verzgerte ins
Endlose das Nennen der Einstze. Das Geld schlich um den Tisch fr ihn
wie kranke Krten.

Dazu trank er, und alle Sinne, ber die er die Herrschaft verloren
hatte, wurden feurig wie Vollbluthengste, die auf einer Heide dem
Kutscher durchbrennen. Sie rannten mit ihm in eine Wste. Es gab keinen
Menschen und keinen Weg mehr. Ja, die Luft schien weggeatmet. Er fiel
nur hin im Spiel.

Man begann sein Pech zu besprechen. Er bekam schlechte Karten, das war
gewi, aber er spielte auch schlecht. Er war unvernnftig. Man begann
von befreundeter Seite aus das Spiel zu zgeln und sprach von letzten
Runden.

Hull erfate das Wort zuerst nicht. Man mute es ihm begreiflich machen.
Da lehnte er sich auf. Er ward unvermittelt jhzornig, schrie und schlug
mit der Faust auf den Tisch.

Das groe Auge des Unbekannten zog sich da leicht etwas von ihm und den
andern zurck, und es schien, als glitte es nach innen. Leis erlosch
etwas von dem Glanz. Der Gast legte die Karten hin und stopfte das Geld
in die Tasche; doch tat er das nur so nebenschlich, als sei es ein
Taschentuch. Es stand aber noch eine Runde.

Hull schrie:

^Va banque!^

Der alte Herr gab die Karten. Hull deckte die seinigen rasch fr sich
auf. Er hatte 21.

Da geschah etwas in ihm, etwas ganz Unverstndliches, Widersinniges ...
er warf seine Karten mit den Bildern nach unten auf das Paket der
andern, beiseite geschobenen und rief:

Ich habe wieder verloren.

Rasch deckte der alte Herr seine Karten auf. Sein Auge erflammte wieder,
hastig und blitzschnell verlschend. Er zhlte die Summe, nannte eine
Zahl und warf seine Karten mitten auf den Tisch.

Hull geschah es, als fiele er von einem schwankenden Brett, das irgendwo
in einer Finsternis schwebte, in unsichtbare Dinge aufgehngt.

Wo war ich? fragte er sich zaghaft und verblfft.

Er begann, alles um sich neu zu sehen, so als trte er jetzt erst in den
Kreis: die drei Glhbirnen, rund, matt unter dem Schirm, das rote,
lichtbeschienene Tuch, seine Freunde, den fremden, alten Herrn,
zerstreute Karten und Geld.

Wo war ich? Wo war ich? stammelte er.

Seine Gedanken erwachten, wurden aus einem nebelhaft Umfangenen zu einer
kleinen, nchternen Klarheit. Es war so, als ob er Behnge von ihnen
fortzge, um sie zu entkleiden.

Dann wurde er von einem pltzlichen Mitrauen gegen sich selber erfat,
das ihn krank machte. Eine Weile grub er den Kopf in die Fuste, badete
die Augen in den Handhhlen, die wie mit eisigem Reif belegt sich
anfhlten, und sich aufrichtend, sagte er:

Was habe ich getan? Ich hatte 21! Da hat jemand mit meiner Stimme
gesagt: Ich habe wieder nichts! ... Da ...

Er ri die fortgeworfenen Karten vom Haufen und deckte sie auf.

Es war ein As, eine Zehn und ein Bube!

Einundzwanzig!

Der alte Herr zog seine groen grauen Augen nun ganz in sich hinein. Sie
wurden klein und sahen aus, als ob sie in einer groen Ferne stnden.
Durch den Krper des Fremden ging sichtbar ein gewaltsames Reien --
rasch, hastig besiegt. Dann dehnte sich der Brustkorb, und der Atem ging
einige Male tief und schwer, als msse er Luft unmittelbar in die Seele
pumpen.

Zu spt! sagte er dann leis und streng.

Hull schttelte nur den Kopf.

Meine Bemerkung ging nicht gegen Sie, antwortete er wieder gefat,
sondern gegen mich. Wieviel schulde ich? fragte er liebenswrdig.

30000!

Hull leerte seine Brieftasche.

Sie mssen sich bis morgen nachmittag vier Uhr mit 10000 Mark begngen
und einem Schuldschein natrlich. Wollen Sie die Freundlichkeit haben,
mir Adresse und Summe in mein Notizbuch zu schreiben!

Als Hull sein Buch zurckbekam, stand darin:

                              _Balling_
                     Hotel Excelsior, Zimmer 15.

Er bergab mit einer lchelnden Verbeugung seinen Schuldschein dagegen.

Zur Revanche bereit, Herr Hull! sagte Balling, indem er sich erhob.
Meine Herren, darf ich Ihnen fr die Gastfreundschaft des Abends
danken? Gute Nacht!

Er sagte das in einem fast unhflichen Ton, aber mit einer
Entschiedenheit, die die anderen Herren auf die Beine brachte.

Karstens bot ihm sein Auto an.

Nein, danke, mein eigenes erwartet mich unten.

Er ging etwas steif, als sei er ermattet, hinaus, ohne weitere
Hflichkeitsbezeugung. Der Klubdiener fhrte ihn zur Haustr.

Hull, du bist verrckt, sagte Karstens, als der Fremde den Raum
verlassen hatte.

Was ist nun eigentlich geschehen? fragte Hull ruhig dagegen.

Frage deinen Geldbeutel!

Meine Geldtasche ist leer. Wer hat mein Geld gewonnen?

Dein Freund! machte Karstens, indem er zur Tr hinaus zeigte.

Wieso mein Freund? Ich sehe den Mann zum erstenmal. Wie kam er
hierher?

Hull, entschieden, du brauchst die Adresse von einem guten Arzt. Emil,
Telephonbuch!

Karstens bltterte:

Da, Dr. Schramm, psycho-pathologische Behandlung, Ludwigstrae 35 ...

Ich verstehe deine Scherze nicht, lieber Karstens!

Wer hat denn diesen herrlichen Einundzwanzig-Spieler mitgebracht? --
Du!

Das ist nicht wahr, Karstens!

Ludwigstrae 35, mein Teurer! Rasch!

Natrlich haben Sie ihn hergebracht, Hull, sagte ein anderer.

Ich? Ich? Ich erinnere mich jedenfalls nicht mehr. Es kann sein.

Hull zog sich dann zurck, erschlafft, erstaunt, grbelnd ber das
Rtsel, das dieser Abend so unerwartet und brutal ber ihn geworfen
hatte.

Gegen Morgen, als er einmal erwachte, kam ihm eine blasse, rasch
vergehende Erinnerung, als ob der fremde alte Herr an einem Tisch im
Caf Bastin mit ihm gesessen und als ob sie zusammen gesprochen htten,
und zwar ber das Theater. Aber was sie gesagt, wute er nicht mehr,
noch ber welches Theater gesprochen wurde. Das dunkle Gewebe seines
Hirns hielt nur noch die blitzende Empfindung eines schrillen
Scheinwerfers fest, der ihn whrend des Gesprches bestrahlte. Er bohrte
sich, nicht mehr zum Schlaf kommend, hinter den grauen Fetzen dieser
Erinnerungen her; aber mehr bekam er nicht mehr zusammen.

                   *       *       *       *       *

Das Erlebnis gewann nicht an Klrung durch das, was Hull am Nachmittag
des dem Spieltag folgenden Tages widerfuhr.

Er hatte bis vier Uhr die 20000 Mark flssig gemacht und brachte sie ins
Hotel Excelsior.

Man telephonierte ins Zimmer Nr. 15.

Herr Balling sei da, hrte Hull, und bitte um die Karte des Herrn. Die
gab er und fuhr bald hinauf.

Mitten im Zimmer Nr. 15 stand ein Mann, den Hull in seinem Leben noch
nicht gesehen hatte. Ein kleiner, dicker, glatt rasierter Mann mit
amerikanischen Zgen. Er machte auch eine puritanische Verbeugung.

Ich bin wohl falsch gefhrt worden. Verzeihen Sie! sagte Hull zu ihm.
Ich wollte ins Zimmer Nr. 15.

Da sind Sie! antwortete der andere.

Dann hat Herr Balling mir eine fremde Nummer aufnotiert.

Ich heie Balling!

Diesmal trume ich nicht. Ich bin ganz bei Sinnen. Ich spiele nicht
einundzwanzig, sagte sich Hull und fuhr dann laut redend zu dem Fremden
fort: Aber das Rtsel wird sich ja gleich lsen. Haben Sie dies
geschrieben?

Er hielt Balling sein Notizbuch hin, in das der Fremde von gestern Abend
Namen und Adresse eingetragen hatte.

Nein! antwortete der Dicke.

Dann bin ich Ihnen auch nicht beim Einundzwanzig 20000 Mark schuldig
geblieben?

Meine Zeit ist kurz bemessen. Ich erwarte einen Geschftsfreund, sagte
der Dicke und zog seine Uhr.

Ich berlasse Sie sofort Ihrem Freund, mein Herr, und bitte nur noch
eine Frage stellen zu drfen. Es ist nicht meine Schuld, da ich Sie
belstige. Ich bin irgendwie irregefhrt worden.

Der andere nickte.

Hull fuhr fort: Ist Ihnen dann vielleicht ein Herr bekannt, der groe
graue Augen hat, etwa sechzig Jahre, weie Favorites, grauer Zylinder,
elegant diskret gekleidet, groe Nase, und der auch Herr Balling heit?

Ich kann Ihnen immer nur nein sagen! antwortete Balling von Zimmer Nr.
15.

Da empfahl sich Hull. Er fragte unten, ob nicht ein zweiter Herr Balling
im Hotel wohne?

Nein!

Ob Zimmer Nr. 15 nicht vielleicht von einem inzwischen verreisten Herrn
Balling ...?

Nein!

Ob die Schrift hier bekannt sei?

Nein!

Zum ersten Male in meinem Leben kann ich eine Spielschuld nicht an den
Mann bringen, sagte sich Hull, als er das Hotel verlie.

Allmhlich aber wurde er unruhig.

Welche geheimnisvollen Zusammenhnge! So etwas war ihm nie geschehen. Er
hatte gewonnen ... verloren ... viel und wenig. Er war in Geldnten
gewesen. Er hatte Pech mit einem Mdchen gehabt. Er hatte sich einmal
seris auf Pistolen geschossen. Aber das konnte man alles mit der Hand
greifen sozusagen ...

Doch diese Geschichte mit dem Herrn Balling und den 20000 Mark flatterte
immer irgendwie hinter einem. Er hatte vergessen, da er selber den
Fremden in den Klub gebracht. Er hatte gespielt, als habe er den Kopf in
einem Sack. Er war 20000 Mark schuldig geblieben; der andere gibt eine
Adresse an, die zwar besteht, aber nicht die seinige ist, und auch das
Geld will er nicht haben ...?

Wenn nicht Hull gerade ohne Geliebte gewesen wre, so htte er sich
mitteilen knnen. Nun fra er es in sich hinein, whrend er ber den
Lenbachplatz und die Promenade hinaufschlenderte und allen Menschen ins
Gesicht schaute, ob nicht vielleicht zufllig der alte vornehme Herr
unter ihnen komme. Er ging ins Caf Bastin und schaute jedem, der dort
sa, unter die Nase. Er setzte sich hin und wartete darauf, ob nicht
vielleicht, wie er sich sagte, der ^genius loci^ seinen Erinnerungen
unter die Arme greife.

Aber es endigte alles in einem wsten Durcheinander. Er fand sich immer
weniger zurecht und bekam allmhlich mit einer kleinen, aber zhen
Beunruhigung zu tun. Es war ihm, als liefe unsichtbar neben ihm eine
zweite Kraft, die mit ihm nichts zu tun hatte, als da sie darauf drang,
auf ihn aufzuhocken wie ein Affe und ihn zu irgendwelchen bsen
Abenteuern zu fhren.

Hull drckte sich daran vorbei, in seine einsame Junggesellenwohnung zu
gehen. Da traf er Karstens. Er rief ihn erleichtert an.

Aber Karstens fragte:

Nun, ist dir die Erinnerung gekommen?

Mein Lieber, mir geht es bse!

Mit den 20000?

Da sind sie! Er klopfte auf die Brusttasche. Nein, die will keiner
haben, denke dir. Im Zimmer Nr. 15 im Excelsior wohnt ein Herr Balling,
aber es ist nicht der meinige. Wir haben uns nie gesehen. Er hat nie
Einundzwanzig gespielt, und niemand ist ihm 20000 Mark schuldig. Ich
werde die 20000 Mark nicht los! Aber dafr bekomme ich das Gruseln. Es
geschieht etwas mit mir. Wer ist um mich? Und ich sehe ihn nicht! Mit
mir wird es noch bse gehen!

Auf in den Klub! Vielleicht kommt dein Herr Balling, sich heute sein
Geld selber holen!

Und der wirkliche Herr Balling von Zimmer 15 im Excelsior?

Ja, Mensch, du hast Sorgen! Ich gestehe dir's zu. Komm!

Gut! Vielleicht kommt er.

Abends im Klub kam es nicht zum Spiel. Der Fall regte die Phantasien
dermaen auf, da niemand den Pfeffer des Hasards ntig hatte. Man
berhufte Hull mit dummen oder gleichgltigen Ratschlgen.

Emil, fragte einer den Diener, wie war denn sein Auto?

Frstklassig, Herr Baron, etwa ein Zwanziger zumindest, geschlossen,
elegant, eine Karosserie wie die Wiege eines Kronprinzen, wenn man
diesen Vergleich heute noch machen darf, so ... gerundet, geschweift, so
... so ... Er setzte mit einem Sprung von fnf Metern an und fort war
er. Seine 24 hatte der Wagen. Aber auf die Finger habe ich ihm geschaut,
wie er das Sauglck gegen den Herrn von Hull gehabt hat. Reinlich
gespielt hat er.

Mehr erfuhr man nicht ber den Fremden. Es meldete sich niemand weder im
Klub noch bei Hull, um die 20000 Mark einzukassieren oder Revanche zu
geben.

Hull lernte tagsdarauf ein Mdchen kennen, das in der Bonbonniere
Grotesktnze auffhrte. Sie war halb mexikanischer Abstammung, sagte
sie. Sie beschftigte ihn sofort in ausgiebigem Mae, lenkte ihn ab, und
bei ihr befreite er sich rasch vom Druck der 20000 Mark, die er nicht an
den Mann bringen konnte.

Es war halt bestimmt, da du sie an die Frau bringen solltest, sagte
ihm Karstens, als er diesen von der wieder zurckgekehrten Sorglosigkeit
unterrichtete.




                                  II


Etwa vierzehn Tage spter waren die Kreise der Menschen, in denen das
Leben des Tages nur ein langweiliges Verplempern von Zeit ist, vor
Anbruch der Stunde des Spiels, in der die Nerven aus dem Blut Spannung,
Leben und Kraft pumpen, mit der Mre eines Fremden erfllt, der, wo er
in einen Spielsaal eindrang, sich mit Geld belud.

Es war immer ein anderer. Es war bald ein junger Sportsmensch, bald ein
gesetzter Provinzpapa, bald ein blondbrtiger, wie ein Knstler
zurechtgemachter Mann, bald ein entsprungener Raubmrder ... bald ein
entthronter Frst ... heute Franzose, morgen aus Leipzig ... er verschob
im Nebenberuf Steinkohlen von der Saar ber die Schweiz nach Bayern oder
machte Valutageschfte mit Neuyork und Rio de Janeiro. Es war immer ein
anderer, aber die Phantasie legte die verschiedenen Bilder bereinander
und machte eines daraus.

Geschlossene Gesellschaften gab es ja nicht mehr. Das Geld war ein
Schlssel auf alle Schlsser, ein Pelzmantel bedeckte jeden Beruf, wenn
man ihn anhatte, und eine Brillantennadel berstrahlte jeden Charakter.
Man kam, in welche Gesellschaft man wollte.

So war keiner mehr vor dem anderen sicher, und in jeder Gesellschaft
wurde der Sagenhafte, wurde der Glcksspieler an jedem Abend erwartet
und gefrchtet. Jeder Nachbar konnte es sein.

Bei den Behrden liefen Klagen ber ruberische Spieler ein. Es konnte
ihnen wohl in keiner Weise Falschspiel nachgewiesen werden. Aber ihr
Glck im Spiel war derart, da man nicht glauben konnte, es ginge von
allein.

Hull kam jetzt durch die Dame aus der Bonbonniere in mehrere
Gesellschaften, in denen gespielt wurde. Er hrte viel von dem
Spielruber und von verschiedenen Seiten, denn die Kulissenleute
beschftigten sich gern mit solchen Erscheinungen, die, wie ihr eigenes
Leben, den Rahmen des ans Alltgliche Gebundenen sprengten, und waren
bedacht, es ins groe Phantastische, aus unheimlichen Krften sich
Nhrende abzuschieben.

Aber Hull hatte einen kleinen, alltglich gescheiten Kopf. Er dachte
wohl noch immer an die Geschichte seiner 20000 Mark, jedoch mehr von dem
heiteren Punkt aus, da er sie nach einer radikal anderen Richtung
untergebracht hatte als derjenigen, zu der sie bestimmt gewesen waren.
Er wute heute, wo er sich gnzlich von dem Vergessen-Spuk befreit hatte
und immer mehr zur berzeugung gekommen war, seine Freunde htten ihm
mit jener Nacht einen konsequenten, aber schlechten Scherz serviert, da
sein Schuldschein und die 20000 Mark erledigt seien, und da das einzig
Anrchige an der Sache jener Balling gewesen war, der irgendwie mit
seinem Spielglck trotz des Dieners Emil sich nicht sicher gefhlt habe.

Um so mehr war er erstaunt, als sich bei ihm eines Tages ein Herr von
Wenk meldete und ihm die Geschichte aus jener Nacht neu aufgewrmt auf
den Tisch stellte.

Hull verhielt sich ablehnend.

Aber da sagte der andere, er sei Staatsanwalt. Der Herr von Wenk wurde
in den hflichsten Formen sogar zudringlich und zog ein Schriftstck
hervor. Das sei er gezwungen, in seiner Eigenschaft als Beamter
vorzulegen, wie er sagte.

Htte Hull sich wenigstens mit der Cara Carozza, der Freundin aus der
Bonbonniere, besprechen knnen, statt allein da vor dem Mann zu sitzen
und allein nachzugrbeln, was zu sagen oder wegzulassen fr seine
Bequemlichkeit am zutrglichsten wre.

Er befand sich wohl in seinem Liebesglck mit Cara Carozza und hielt
nicht im mindesten darauf, im Namen der Tugend des Landes von alten
Speisen zu essen.

Sie unterhalten, verbeln Sie mir die Einmischung in so persnliche
Verhltnisse nicht, Beziehungen zu Frulein Cara Carozza von der
Bonbonniere, sagte nun gar der Besucher.

Uff, mein Gott! seufzte es in Hull.

Knnen Sie mich mit der Dame zusammenbringen? In Erfllung meines
Amtes, das mir der Staat bertrug. Wenn ich Sie freilich bitten drfte,
dem Frulein gegenber mich als Privatperson gelten zu lassen. Unntz,
Ihnen zu versichern, da ich Sie fr einen durch und durch makellosen
Mann halte, der vollkommen unverdchtig ist. Auch ber die Dame ist mir
Nachteiliges nicht bekannt. Sie erweisen aber dem Land und
wahrscheinlich sich selber einen Dienst. Sie stehen von heute an
unmittelbar unter dem Schutz der Polizei. Beunruhigen Sie sich nicht.
Noch ist das nichts anderes als eine vielleicht bertriebene Vorsicht.
Sie sollen jedoch sicher sein, in keiner Weise an den Diensten zu
Schaden zu kommen, die Sie Volk und Staat zu erweisen in der Lage sind.

Wie soll ich das alles verstehen, Herr Staatsanwalt? fragte Hull
unsicher.

Sie werden sich doch Gedanken ber Ihren glcklichen Gegenspieler
gemacht haben?

Ganz offen gesagt, ich hatte eine Weile Angst, Herr Staatsanwalt. Es
schien mir etwas Unheimliches bei der Sache zu sein. Schlielich habe
ich mein vermutliches Vergessen, da ich selber jenen Herrn mitgebracht
htte, auf einen schlechten Spa meiner Freunde geschoben.

Aber dieser Herr Balling, der im Hotel ein anderer war als abends zuvor
im Klub?

Der ist mir noch heute unklar. Man gibt sonst falsche Adressen an, um
zu prellen. In diesem Fall aber war es geschehen, um 20000 Mark nicht zu
bekommen.

Knnten Sie es sich nicht so erklren, fuhr der Staatsanwalt fort,
der fremde alte Herr mu in irgendeiner Weise falsch gespielt haben? Er
begngte sich, vorsichtig oder gewarnt durch einen Zufall, dessen
Kenntnis sich Ihnen entzieht, mit dem Geld, das er in bar gewonnen
hatte. Er nannte einen Namen, der ihm gerade einfiel und von dem er
durch irgendeinen Zufall Kenntnis hatte. Wenn nicht der Herr Balling vom
Nachmittag im Excelsior nichts anderes als eine Ummaskierung des Herrn
Balling aus Ihrem Klub war. Aber Sie sagen ja, der erste sei ein
kleiner, dicker Mann gewesen, der andere aber von auffallender
Krperform ... Spielen Sie noch, Herr Hull?

Ein bichen, so dann und wann!

Zusammen mit Frulein Carozza? Ich bin mit einem Ihrer Kameraden
befreundet. Mit Karstens! Er wird mich Ihnen vorstellen, und wir werden
eine Bekanntschaft gesellschaftlich erneuern, der amtlich vorgegriffen
zu haben mir nicht allzu sehr verbelt werden mge. Ich hoffe, Sie auf
meine Seite zu bekommen.

Dann ging Wenk. Er begab sich in sein Amtszimmer.

                   *       *       *       *       *

Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Proze, in dem er als
Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine
Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das
Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es
seinem Beruf zwischen Anwlten, Richtern, Angeklagten gab. Frher hatte
er regelmig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen
Liebe, im Spiel die Macht ber eigene Beherrschung ausprobierend,
Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des
Glckes anheim gegeben.

In dem Spielerproze hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das
Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden
Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten,
hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt.

Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren,
oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie frs ganze Volk gewesen.
Dann hatte bald jene verhngnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von
den Kriegsbehrden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut
versetzt wurden, um sie fr die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu
halten: die gesteigerten Lhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von
Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. berall
wurden Schleusen geffnet, und in dem Mae, als die Waren seltener
wurden, begann das Geld ber alle Dmme zu schwemmen. Es war Wenk klar,
da jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die
glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem
verhngnisvollen Ausgang des Krieges fr Deutschland und so auch schuld
an der politischen Entwickelung waren.

Sie hatten an Stelle der unvergnglichen, zu aller Entsagung, zu voller
Pflichterfllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Gtzen --
das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfate das ganze Volk.

Der Krieg hrte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte
doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der uere Erfolg, der
uere Glanz genommen worden war.

Hunderttausende waren durch den Krieg an ein unttiges Leben gewhnt
worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine
Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem
bettigt als einesteils im Bewutsein der Macht ber Nebenmenschen und
andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemt waren verhngt worden.

Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhltnisse, in die sie
aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie
waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie
fhrten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphre der
Zuflle, der rasch aber hastig und vorbergehend die Nerven betubenden
Zustnde aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurckgekehrte Volk
warfen, sein Klima zu ihren Bedrfnissen umschufen.

Das war begreiflich, gewi! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des
Volkes ber den laufenden Tag hinaus zu leiten, mten nun mit letzter
Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wre eine Genesung zu erhoffen.

Der Spielerproze hatte Beispiel ber Beispiel gezeigt, wie die
Entwickelung sich gemacht hatte.

Dieser Proze hatte Wenk weit herum in den Gesellschaften gefhrt, die
in dem neuen Laster -- im Spiel -- lebten und auch von ihm lebten. Seine
berzeugungen waren verankert, seine Kenntnis und sein Erkennen der
Gefahr schreckhaft vergrert worden.

Man spielte im Sous-sol um fnf und im ersten Stock um Fnftausende von
Mark. Man spielte straein, straaus, hausauf und -ab. Man spielte mit
Karten, mit Waren, mit Gedanken und mit Genssen, mit der Macht wie mit
der Schwche, mit dem Nchsten wie mit sich selber.

Heute spielten auch die Menschen, deren Natur das Spiel nicht lag, die,
bequem und gelassen, gewohnt waren, Gelegenheiten abzuwarten und nicht
sich ihnen entgegenzuwerfen.

Wenk war ein Beamter gewesen, der sein achtunddreiigstes Jahr in einer
ebnen und gut temperierten Karriere erreicht hatte. Im Krieg hatte er
sich bei den Fliegern als Freiwilliger gestellt, weil er Liebe zum Sport
hatte und von seiner lebhaften Jugend her die Erinnerung an den Reiz der
Gefahr in sich bewahrte. Diese Ttigkeit hatte ihn aufgepulvert, und er
ging in seinen Beruf mit heftigeren Gefhlen zurck, als er ihn
verlassen hatte. Der Spielerproze und was er in seiner Atmosphre
gesehen, hatte ihn aufs leidenschaftlichste aufgerhrt.

Er war sofort zum Minister gegangen, hatte geschildert, was er gesehen
und erkannt, und ihm dargestellt, da gegen diese neue Cholera gekmpft
werden msse, sonst zermrbe sie den Volkskrper. Bei der Wertlosigkeit
des Geldes und den gesteigerten Bedrfnissen knne sich das Volk nicht
anders helfen, als die zahllosen Papierscheine rastlos immer wieder aus
einem Besitz in den andern zu jagen. Der normale Produktions- und
Vertriebsverkehr ergbe dazu aber nicht das ntige Tempo und beanspruche
auch Arbeit. So geschehe es nach und nach, da das Spiel den Herzschlag
hergeben msse, in dem das wirtschaftliche Leben pulsiere.

Der Minister lchelte. Er war ein neuer Mann. Er sagte: Unser Volk ist
gesund. Sie sind ein Pessimist!

Aber Wenk fuhr gegen ihn an: Es ist durch und durch krank! Woher kann
es gesund sein -- nach solchen Jahren und einem solchen Leben?

Da gab der Minister, der sich unsicher fhlte und nichts unversucht
lassen wollte, nach und schuf einen neuen Posten, den Wenk einnahm.

Der ehemalige Staatsanwalt und Beamte wurde wie in einem Wirbel in sein
neues Amt aufgerissen. Er widmete ihm alle Anstrengung und Energie. Er
schaffte sich nicht zu seinem Titel einen Klubsessel und ein bequemes
Bureau, sondern bildete sein Amt vom geringsten auf, ward Spitzel und
Detektiv, unermdlich immer sich selber hinausstellend, sammelnd, was er
erreichen konnte. Alles tat er selber. So war er bald, da er das geringe
Ausma seiner Krfte im Kampf gegen die Ausdehnung des Lasters frh
erkannte, auf den Gedanken gekommen, aus den Kranken selber eine Garde
zu schaffen.

Und er fing bei jenen Menschen an, deren Reichtum nicht wie ein
zugelaufener Hund im Haus herumlief, sondern die durch ihren
Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung, die gestrzt war, politisch
und menschlich in die Opposition gedrngt worden waren.

Er wute: Keines Schuld an den bestehenden Verhltnissen war strker als
die dieser Menschen, weil sie zu einer Zeit, wo Widerstand ntig gewesen
wre, feig sich versteckt hatten. Aber er wute auch, da in ihnen eine
neue Entschlukraft emporwollte, da sie gut zu machen sich sehnten, was
sie gesndigt hatten.

Das waren vor allem die reichen jungen Mnner ohne Beruf. In der
Formlosigkeit, in die die Entwertung und Verschiebung des Geldes das
Land gestrzt hatte, war es ihnen verwehrt, ihr bisheriges Leben
fortzufhren. Ihre Gesellschaft hatte sich mit neuen Reichen durchsetzt,
die sie gebrauchten, weil sie sich von ihnen gebrauchen lieen.

Der Staatsanwalt von Wenk hatte sich an ehemalige Korpsbrder gewandt,
von denen das unterschiedliche Leben seines Amts ihn seit langem
getrennt hatte; und den er zuerst wiedergefunden und auch gewonnen
hatte, war Karstens gewesen. Von ihm hatte er Hulls sonderbares und
verdchtiges Spielabenteuer mit allen Einzelheiten erfahren.

Er verglich die Geschichte Hulls mit dem Material, das sich rasch bei
ihm gesammelt hatte. Es kamen immer neue Klagen ber ruberische
Spieler, die so ausgezeichnet arbeiteten, da ihnen ein Makel nicht
nachgewiesen werden konnte, so andauernd aber gewannen, da nichts
anders denkbar war, als da sie dem Glck nachhalfen.

Wenk war geneigt, aus einigen, wenn auch sehr weitlufigen hnlichkeiten
alle diese Flle auf eine zusammenarbeitende Bande zurckzufhren. Ja,
er hatte den Eindruck, als sei hier ein einzelner Mann am Werk. Aber
dieser Eindruck war nur gefhlsmig. Hulls Erlebnis war nun in dieser
Reihe das sonderbarste, rtselhafteste und gefhrlichste. Aber Wenk
witterte, da in ihm dafr auch der Schlssel zu den andern lge.

                   *       *       *       *       *

Als Wenk gegangen war, stritt Hull lange Zeit mit sich. Die
unnachsichtige Form, in der Wenk bei aller Hflichkeit bei ihm auftrat,
hatte auf ihn gewirkt. Er ahnte, was der Staatsanwalt wollte. Denn er
selber mute sich oft unzufrieden erklren mit seinem Leben, wenn auch
meist die Bequemlichkeit derartige Gedanken von ihm fern hielt.

Er htte in gewhnlichen Zeitluften hemmungslos und ohne Bedenken sein
genieerisches Leben so lange gefhrt, bis seine Gesundheit ihm das
bliche Ende gesetzt htte, oder bis es in eine der herkmmlichen oder
unvorhergesehenen Ehen ausgegangen wre.

Hull stimmte nicht berein mit dem Verlauf, den die Dinge in Deutschland
nach Versailles genommen hatten. Zugleich fragte er sich: Wo warst du
1918, als die Wendung kam? Und frher, als sie sich vorbereitete? Bist
du nicht mit schuld, du, Hull und ihr alle? ... Das meinte der
Staatsanwalt.

Aber Hull sah in sich nicht das geringste jener Persnlichkeit, die zur
Rettung fehlte, und er schttelte das Bedenken von sich ab, fuhr zu Cara
Carozza und erzhlte ihr vom Besuche Wenks. Um Gottes willen, bringe
uns nicht in die Tinte mit deinem Staatsanwalt, lieber Gardi, sagte
die.

Aber ... aber ... spielen wir falsch? Betrgen wir? Wuchern wir,
schieben wir? Wir lassen uns doch nur leben. Wo denkst du hin,
Maidscherl?

Gardi, ein aufgefaltetes Spiel Karten ... ein Bankhalter ...
geschlossene Tren und ein Staatsanwalt! Das kann einen an den Galgen
bringen!

Ich versprach's ihm aber!

Dumm! sagte sie nur mehr. Du httest dich anders herausziehen knnen.
Die Escha bringt heute ihren Freund mit. Wir gehen zu Schramms. Karstens
telephonierte vorhin, er komme auch.

Dann kommt Wenk sowieso. Also gut, es ist nun einmal so!

Der Oberkellner des kleinen Weinrestaurants von Schramms, das sich
krzlich in einer der vornehmen Villenstraen aufgetan hatte und von
einem raffinierten Kunstgewerbler in einem verschrobenen Geschmack
ausgestattet worden war, fhrte Karstens und Wenk nach dem Nachtmahl in
einer Loge nach hinten und eine Wendeltreppe hinauf in ein Zimmer, das
keinen anderen Ausgang und berhaupt keine Fenster zu haben schien.

In der Mitte des Slchens stand ein Tisch von einigem Umfang, oval, aber
bei jedem Sessel zu einer Nische ausgehhlt, in die sich der
Platzinhaber hineinsetzen konnte, so da die Tischplatte rechts und
links unter seinen Ellbogen ihn umflo. Die Platte war aus einem barock
gederten, flammigen Kiefersfeldener Marmor. Nur in der Mitte war ein
vollkommen weies Oval eingelassen. Um den Tisch herum, hinter den
Sesseln der Spieler erhhte sich der Fuboden, aber die Wnde waren mit
verdehnten Liegediwans ganz angebaut, auf denen mild himbeerfarbene
Polster mit schwarzen Ornamenten aufquollen. Eine glserne geschliffene
Tonne hing an Messinggestng tief ber den Tisch und erstrahlte von
elektrischen Birnen, die aus silbernen Armen niedergriffen. Die Wnde
oberhalb der himbeerfarbenen Polster waren mit demselben freudigen
Marmor belegt, aus dem die Tischplatte bestand.

Wenk wurde der Carozza vorgestellt.

Ich konnte den Mund nicht halten, Herr Staatsanwalt. Meine Freundin ist
unterrichtet. Verbeln Sie mir das nicht, bitte!

Wenk machte eine leichte Verbeugung, in der ein Bedauern nicht
unterdrckt war.

Fr Karstens und Wenk waren Pltze am Tisch zurckbehalten worden. Sie
setzten sich mit Verbeugungen, aber ohne da jemand sie weiter
vorstellte.

Man spielte Bakkarat.

Karstens neigte sich zu Wenk: Nur der junge Mann mit dem blonden
Vollbart ist fremd. Die andern spielen immer hier.

Wenk warf einen Blick auf den Genannten und traf dessen Augen. Er sah,
da auch sie ihn anschauten, und er blickte gleich ber sie weg in die
Hhe. Aber er fhlte, da der andere gemerkt hatte, man habe von ihm
gesprochen. So oft in der Folge er nun zu dem Fremden hinberblickte,
fand er dessen Augen wie aufpassend auf sich liegen.

Der Fremde spielte khl und zurckhaltend. Er verlor oft. Da lie Wenk
seine Aufmerksamkeit von ihm und wandte sich den andern zu, die er der
Reihe nach beobachtete. Sie waren alle mit ihren Blicken in dem weien
Oval, auf das die Karten aufgeschlagen wurden. Selten kehrte einer den
Blick ab. Es waren Herren in Frack und Damen, dekolletiert und bermig
modisch gekleidet. Das Spiel hatte sie ins Genick gebissen und ritt auf
ihnen.

Da ist niemand, sagte Wenk sich. Es sei denn der mit dem blonden
Vollbart. Er begann wieder, ihn zu beobachten. Aber es fiel ihm nichts
anderes auf, als da jener seine Blicke erwiderte. Wenk widmete zugleich
der Carozza seine Aufmerksamkeit. Er sah sie hingegeben spielend neben
Hull sitzen, aus dessen Kasse sie sich bediente, wenn sie verlor. Gewann
sie, so hufte sie aber das Geld vor sich auf. In einem Spieler zu ihrer
andern Seite glaubte er einen bekannten Tenor der Staatsbhne zu
erkennen, dessen Bild oft in den Schauksten hing.

Ist das Mrker? fragte er Karstens.

Der nickte.

Wenk gewann etwas. Er spielte nicht lnger, als bis er sich berzeugt
hatte, da fr ihn nichts los sei. Dann berlie er seinen Platz einem
lteren Herrn, der schon eine Weile hinter ihm sa und ihm mit
Bemerkungen ber seine Art zu spielen lstig gefallen war. Er setzte
sich in eines der Polster und schaute noch ein Stndchen dem Spiel zu.
Dann empfahl er sich. Karstens ging mit. Hull blieb mit der Carozza. Als
Wenk schon einige Stufen hinuntergegangen war, blickte er nochmals zum
Tisch zurck.

Da war es ihm, als ob der Blondbrtige mit seinen groen mausgrauen
Augen gierig sein Fortgehen verfolgte und dann blitzschnell, wie in
einer bezwingenden Drohung die Augen auf die Carozza richtete. Aber es
mochte auch eine Tuschung des Lichts sein. Als Wenk unten an der Treppe
angekommen war, stand er unversehens einen Blutschlag lang Brust an
Brust mit einer Dame, die die Hand schon auf das Treppengelnder gelegt
hatte. Er sah ihr mitten in die Augen. Betroffen trat er zurck, indem
er sich tief wie zu einer Huldigung verneigte, und ging. Er wollte zu
Karstens sagen:

So schn sah ich nie eine Frau!

Dann aber kam ihm das wie ein Verrat vor, und er trug, mit Wnschen
umbrennend, das rasche Bild ihrer Erscheinung schweigsam durch die
Nachtgassen. Zu Hause geriet er bald in Schlaf. Doch die zwei mausgrauen
Augen, die viel lter waren als der gepflegte leuchtende Bart, hockten
ihm im Schlaf auf die Brust und versuchten, das rote As unmittelbar aus
seinem Herzblut herauszumischen.

Als er am Morgen erwachte, empfand er jedoch nichts als eine weite
Sehnsucht, die Frau an der Wendeltreppe wiederzusehen.




                                 III


Am Abend darauf war Wenk in der Nhe von Schramms zu einem musikalischen
Abend geladen. Eine junge Klavierspielerin spielte moderne Gerusche.
Wenk langweilte sich, ward unruhig und die Beute von immer abirrenden
Vorstellungen. Es war ihm, als verabsume er irgend anderswo etwas. Das
wurde so qulerisch in ihm, da er sich heimlich aus dem Haus entfernte
und nur der Dame des Hauses eine Entschuldigungskarte hinterlie.

Er kam bei Schramms vorbei und wollte hastig vorbergehen. Da fiel ihm
ein, auf dem ersten Stockwerk der Villa, in der dies neue Speise- und
Spielhaus war, nach den Fenstern des Slchens zu schauen, in dem er
gestern abend gespielt hatte. Die Fassade hatte unten im Hochparterre
groe Fenster, hinter denen malvenfarbene Vorhnge ein sachtes Licht
spendeten. Auf dem ersten Stockwerk waren nur vier Fenster. Doch alle
sah er leblos und dunkel. Da sagte er hinauf: Und hinter euch
lichtlosen Fenstern leuchtet doch ihr Licht ... ihr Licht. Da ging er
hinein, voll von Hoffnung, die Frau wiederzusehen.

Der Oberkellner kam sofort auf ihn zu, nahm Hut und Mantel, indem er
flsterte: Marmortisch? und den Gast gespannt anschaute. Das war, wie
es schien, das Losungswort fr die Wendeltreppe. Wenk nickte: Ja. Der
Oberkellner ging rasch vor ihm her nach hinten. Wenk folgte gemessen.
Dann wurde er die Wendeltreppe hinaufgeleitet.

Der erste Mensch, den er am Spieltisch sah, war der Blondbrtige. Er sa
in seiner Nische, mit breiten Schultern vorgebckt, die Augen fast
erstarrt ber den Tisch scheinbar auf einen Spieler geheftet. Er sa da,
aufgeballt, wie ein Raubtier, das seiner Beute schon einen Tatzenhieb
versetzt hat und wartet, was das Opfer noch tun knne. Er schien nur
Muskel zu sein. Diese Empfindung hatte Wenk. Sie flog ihn so stark an,
da er erschrak.

Ein Platz war leer. Er setzte sich und zog seine Geldtasche. Er war
durchkreuzt von Vorstellungen, als ob etwas am Tisch geschehen sei. Er
sah die Spieler, niedergebeugt ber die Gier ihres Erwartens, rundum
hocken. Sie waren allein einer deutlichen, wenn auch nicht absichtlichen
Bewegung eines von ihnen zugewandt.

Der Blondbrtige hielt die Bank.

Da erst sah dieser auf. Wenk bemerkte, wie er erst unwillig durch die
Strung die Augen zu ihm hob. Dann geschah es, ganz gewi zu erkennen,
da der Fremde leis mit dem Gesicht zurckzuckte. Aber mit derselben
Bewegung schon bissen sich seine Kinnladen aufeinander, da der Bart
rundum sich hochhob. Alles andere war nur Eindruck gewesen. Dies aber
war fr Wenk ganz sicher. Ein Schauer berlief ihn wie vor einer
pltzlichen gefhrlichen Begegnung.

In demselben Augenblick drehte der Bankhalter die Karten um.

Einer sagte: Basch hat schon wieder verloren!

Alle schauten nun deutlich auf den blassen, mageren Mann, dem sie
heimlich zugewandt gewesen, als Wenk eintrat.

Basch schob mit einer milden, verschlafenen Bewegung die Geldnoten, die
er in das weie Oval vor sich gelegt hatte, dem Blondbrtigen zu. Der
hackte danach wie ein Raubvogel. Der Verlierer sank zurck, fingerte
eine neue Tausender-Note heraus und legte sie mit derselben langsamen,
traumhaft befangenen Sanftheit vor sich, mit der er die verlorenen
Scheine fortgeschoben hatte.

Wieviel verlieren Sie jetzt? fragte eine Dame vom Polster hinter Basch
her. Sie werden Glck im Leben haben. Wenn man so verliert! Ich schaue
Ihnen zu wie einem Wettlauf. Sie mssen einen Rekord aufstellen. Im
Verlieren! Dann werden Sie im Leben so glcklich sein, da ich Sie ...
Dazu lachte sie verwegen. Da erkannte Wenk mit einem sen Erschrecken
in seinen Adern in der Sprecherin die schne Frau, die er gestern an der
Wendeltreppe fast berrannt hatte.

Alles fertig! rief der Blondbrtige mit einer strengen Stimme und
schlug der Sprechenden das letzte Wort vom Mund zurck.

Basch hatte ihr nicht geantwortet. Er machte nur, als der Bankhalter
rief, eine melancholische darbietende Bewegung der Hand ber seinen
Tausend-Markschein, eine Bewegung, lose, verschwommen und geheimnisvoll,
als wolle er das Papier beschwren, dahinzugehen.

Er schaute seine Bltter an. Er hatte die Hand, und auer ihm hatte
diesmal niemand pointiert.

Ich gebe, sagte der Blondbrtige scharf.

Basch wiegte trumerisch: Nein, mit dem Kopf.

Wenk sah den gefrbten, lohenden Haarschopf der Carozza, hoch und lose
aufgetrmt, hinter einem Gesicht leuchten. Aber seine Augen gingen immer
wieder zu der anderen Frau.

Der Bankhalter kaufte eine Figur und deckte seine Karten auf. Er hatte
nur vier. Auch Basch legte seine Karten um, auf einmal, mit einem
fieberhaften Anlauf. Er hatte drei.

Er spielt, als habe er ther getrunken! flsterte Wenks Nachbarin.
Bei drei keine Karte zu nehmen! Idiotie!

Der Blondbrtige im Geldeinziehen warf einen raschen Blick ber Wenk.
Der fhlte sich gegen den Gewinner gereizt. Er erhhte seine Einstze.
Er gewann, verlor manchmal dazwischen und gewann wieder.

Basch verlor weiter, jedesmal. Wenk nahm innerlich immer mehr seine
Partei. Er setzte sein Geld, als sei es eine Waffe fr Basch und gegen
den Blondbrtigen ... als schlge er damit auf den Blondbrtigen ein.

Wenk sah, der Blondbrtige schaute niemanden an als Basch und ihn. Er
nahm also den Kampf auf. Wenk strzte kopfber ins Spiel, heibltig,
von einer dunklen Kraft bezwungen, die gegen den Bankhalter aus seinem
Blut in sein Hirn wuchs. Er verlor sich von sich selber. Er spielte
nicht mehr, um zu beobachten und zu entdecken. Er war dem Spiel
unterlegen. Er spielte wie alle die Menschen, die er dem Spiel zu
entreien hergekommen war. Er verga sogar die schne Frau. Als er das
leis zu erkennen begann, schmte er sich, und es kam ihm zum erstenmal
am Abend der Gedanke, im Zimmer umzuschauen, ob Hull das nun she.

Aber es war gar nicht Hull, der hinter der Carozza sa. Wenk schaute
vergeblich umher. Hull war nicht da. Die Carozza sa mit einem fremden
Kavalier hinter einem Spieler, mit dem sie gemeinsame Einstze machte.
Da fand sich Wenk wieder zurck. Er hrte auf zu spielen und verlie
gleich den Saal im rger gegen sich.

Als er auf der Wendeltreppe war, sah er, da auch der Blondbrtige sich
erhob.

Wenk hatte sein Auto zur Villa der Musikfreunde bestellt. Daran
erinnerte er sich erst, als er schon ein Stck Weges der Stadt zu
gegangen war. Er ging also rasch zurck und fuhr heim. Er legte sich
gleich ins Bett. Aber er fand keinen Schlaf, weil ihn der Gedanke nicht
verlie, da er nicht htte weggehen, sondern bleiben sollen. Da er
htte mit Basch sprechen sollen.

Er stand wieder auf und ging ein Bndel Akten durch, um sein Gewissen zu
beruhigen. Bei diesem Durchlesen von Angaben fremder Menschen bekam er
den Eindruck, sie alle, die in dem Mae verloren hatten, da sie an
nichts anderes als an Falschspiel glauben konnten, mchten so hnlich
wie Basch am Spieltisch gesessen haben. Wre er geblieben und htte er
sich vernnftig benommen, so htte er also zum erstenmal Gelegenheit
gehabt, selber zu sehen, was bis dahin sich erst durch fremdes
Bewutsein durchsieben mute, bis es zu ihm kam.

Da war Wenk ganz verzagt. Ich mu anders arbeiten, ganz anders! Der gute
Wille gengt nicht. Flei gengt nicht. Selbstverleugnung und
unerbittliche Disziplin und ein wenig mehr Schlauheit! Ich mu auch mit
allen Tricks arbeiten, die der Gegner anwendet ... mit Maskierung,
heimlicher berwachung ... Ich mu mich selber aufs Spiel zu setzen
vermgen ... mu selber Leimrute sein, um nicht als Gimpel darauf
gefangen zu werden ... Der Herr Staatsanwalt mit einem falschen Bart ...
den Browning im Handballen versteckt ... Jockeymtze und Zylinderhut mit
Percke und so weiter ... wie im Kino ...

Vor dem Spiegel beschaute er sein bartloses Gesicht, und er fand,
Grimassen schneidend, den Mund verziehend, die Kinnladen auseinander
spannend, aus Papierfetzen geschnitzte Bartschemen vorklebend, da sich
sein Kopf zum Maskieren sehr eignen msse.

Am nchsten Tage lie er sich von der Fahndungs-Polizei eine ganze
Ausstattung besorgen. Mit Hilfe eines Fachmannes der Polizei probierte
er alle Requisiten durch, lernte Brte kleben, durch eine Schminke
Gesichtsfarbe ndern und lter oder jnger machen, Entstellungen durch
Narben und anderes mehr. Er konnte nun als Onkel aus der Provinz, als
roter Eilradler, als Taxameterchauffeur, als Dienstmann, Kellner,
Hausmeister, Fensterputzer, Arbeitsloser und so weiter losgehen. Den
Vormittag ber studierte er das kriminalistische Museum durch, das die
Polizei angelegt hatte, begab sich wieder mit Photographien, die er dort
gefunden, zu seinen falschen Brten zurck und arbeitete mit fanatischem
Eifer.

So verging der Tag, und abends war ihm, als sei er ein strkerer Mensch
geworden. Er war zugleich bescheidener und wagemutiger. Er wre am
liebsten gleich durch alle Spielhuser der Stadt gelaufen.

Aber er ging nur zu Schramms. Lang hatte er sich berlegt, ob er nicht
in irgendeiner Ummaskierung dort erscheinen sollte, mehr um sie ein
erstes Mal auszuprobieren und zu lernen, sich sicher darin zu fhlen,
als um etwa unter ihrer Deckung ans Werk zu gehen. Er wurde auch weniger
durch die Aussicht, etwas zu erreichen, hingefhrt, als um ein neues Mal
vielleicht den Blondbrtigen spielen zu sehen: er wollte so sich selber
gegenber gutmachen, was ihm von seinem Versagen am vergangenen Abend
her so peinigend nicht aus der Erinnerung weichen wollte. Auch Basch
htte er gern gesehen und versucht, mit ihm ber das Kartenpech zu
sprechen, unter dem er so gelitten. Er ging also, wie er war.

Es war schon spt, als er hinkam. Hull war dort. Aber es zeigte sich
weder der Blondbrtige noch Basch. Von dem ersten hrte er nur, er sei
gleich nach ihm fortgegangen, und das sei allgemein aufgefallen. Basch
habe nach dem Weggehen des Blonden wie erschlafft und ohne
weiterzuspielen in seinem Sessel gesessen und sei auf einmal
verschwunden gewesen. Niemand kannte ihn recht. Er sei sonst nie zu
Schramms gekommen.

Die Frau, die hinter Basch gesessen, schtzte seine Verluste auf
dreiig- bis fnfunddreiigtausend Mark. Der Blonde habe das alles
gewonnen. Er habe aber erst gewonnen, als er die Bank selber hielt. Es
sei wohl alles in Ordnung zugegangen. Der Diener, der die Karten
liefere, sei sehr zuverlssig.

Unter den Gesprchen ber den gestrigen Abend hrte man auf zu spielen.

Die Carozza sagte: Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und
wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie knnen
tun, was sie wollen. Es ist strker als sie. Es ist ihr Geist, ihr
Gott.

Aber das glaubte die Escha nicht. Sie meinte, ein jeder Spieler treffe
einmal in seiner Laufbahn auf die Serie der Glcksstunden. Sie lgen
vorbereitet vor ihm, langerhand hingehngt von seiner guten Fee. Denn
sie glaube an die gute Fee eines jeden Menschenkindes. Man drfe es
nicht aufgeben, diesen Stunden entgegenzuspielen. Man werde sie einmal
pflcken knnen wie pfel im Herbst vom Baum ...

Den Blonden kannte keiner. Basch hatte ihn mitgebracht. Am ersten Abend
seien sie auch zusammen fortgegangen. Am zweiten Abend zusammen
gekommen. Man hielt ihn fr einen entthronten Frsten. Er war so
herrenhaft und so kurz in der Sprache. Fr einen entthronten Frsten,
der Geld brauche.

Es ist mir sonderbar mit ihm, sagte Hull, es ist mir, als ob ich
schon einmal mit ihm gespielt htte ...

Bldsinn! sagte die Carozza.

In seinem Innern jedoch lebten diese Vorstellungen sich weiter aus:
Nicht, als ob ich mit ihm gespielt htte. Als habe er mich in
irgendeiner Weise beleidigt, ganz schwer, bis ins Blut hinein. Aber wie?
wo? wann? das wei ich nicht. Es ist mir fast, als sei es in einem Traum
gewesen.

Bse Augen hat er, sagte eine Frauenstimme.

Die Stimme schien Wenk bekannt. Er schaute hin. Vor dem hellen Licht
ber dem Tisch war der Winkel so finster wie ein Loch. Er sah niemanden
darin.

Die Carozza sagte gegen die Stimme im Dunkeln mit einem Ton, der Wenk
gereizt vorkam: Bse Augen! Was will das sagen! Beim Spiel schaut
niemand darein wie der heilige Aloysius.

Aus der finsteren Ecke kam es zurck: Er sah Basch an wie ein Raubtier
seine zu Tode gehetzte Beute!

Wenk rief: Genau denselben Eindruck hatte ich!

Lebhaft erhob er sich und ging auf den Winkel zu, trat in die dunkle
Nische und schrak zurck. Denn die Sprecherin war die schne fremde
Frau. Wenks Gesicht berstrmte Blut. Sein Herz begann zu klopfen, da
ihm war, als ob die Schlge aus der Brust heraus rundum in den Raum
klopften. Da fate er sich. Er sagte sich: Das ist nun ganz toll! Ich
suche Verbrecher und bin im Begriff, mich in jemand zu verlieben, den
ich morgen vielleicht ins Gefngnis bringen mu. Das ist blde! Er nahm
seine Geistesgegenwart zusammen, verbeugte sich vor der Fremden und
fragte: Es wrde mich interessieren, wieso die Gndigste zu einem
Eindruck kommen, der bis aufs Bild meiner Vorstellung entsprach?

Das kann nichts anderes sein, entgegnete die Frau lchelnd, als eine
ungewhnliche innere bereinstimmung zwischen mir und dem Herrn
Staatsanwalt!

Staatsanwalt? Wenk erschrak. War er hier bekannt? Aber ja doch, durch
die Carozza! Ein Staatsanwalt, Hter des Gesetzes, Rcher der gestrten
Ordnung und ... selber die Gesetze bertretend. Das war malerisch. Ja,
die Carozza! Er sah aus der Nische in das feurig beleuchtete Zimmer. Der
gefrbte Schopf der Tnzerin flammte zwischen den Kpfen. So, du!
schimpfte er ergrimmt bei sich. Du willst mir meine Mhe verderben, du
...

Da erinnerte er sich des Blickes, den der Blondbrtige auf sie geworfen
hatte, an jenem ersten Abend, und er vollendete: Du Anreierin! Denn nun
war ihm der Zusammenhang klar. Die Carozza schleppte dem Blondbrtigen
Opfer herbei. Er drohte: Warte du, ich passe auf!

Unsere bereinstimmung scheint Sie betroffen zu machen, sagte die
fremde Dame in seine Gedanken hinein.

Meine Gedanken wurden in der Tat abgelenkt. Verbeln Sie, bitte, das
mir nicht, gndige Frau, bat Wenk, es ist unverstndlich, da eine
fremde Macht die Kraft Ihrer Nhe zu durchbrechen vermag. Aber es ist
erklrlich ...

Er vollendete nicht. Zwei Vorstellungen drngten sich pltzlich in ihm
herauf: Diese Frau war zweifellos eine vorzgliche Beobachterin. Wenn er
eine solche Frau zur Helferin htte! Aber die andere Vorstellung kam
weit her aus seinem Blut: Wre es nicht lohnender, all dies Suchen,
Sphen, Listen hinter schlechten Menschen aufzugeben und diese Frau zu
lieben? Sie ist schn wie eine Knigin! Sie sieht stolz aus wie eine
Gttin!

Da sprte er, wie mit einer heftigen Bewegung ihre Hand seinen Arm traf.
Still! zischte sie, bitte! Zugleich sah Wenk drei Herren in den
hellen Kreis des Zimmers treten. Voran ging ein junger Mann, den er vom
Sehen kannte, weil vor einigen Tagen in einer Ausstellung kubistischer
Maler ihm aufgefallen war, da jemand die ungewhnlichsten dieser Bilder
zusammenkaufte. Er fragte nach dem Namen des Kufers. Der Saaldiener
sagte: Der Graf Told ist es. Dort steht er. Dieser Graf Told war der
junge Mann, der den anderen voranging.

Herr Staatsanwalt, hrte er die Frauenstimme flstern, wollen Sie mir
einen groen Dienst erweisen?

Ich stehe Ihnen zur Verfgung!

Herr Staatsanwalt, ich will ungesehen in den nchsten Minuten diesen
Saal verlassen haben. Knnen Sie mir dazu verhelfen?

Ja, antwortete Wenk.

Wie kann ich dies machen?

Das ist einfach. Merken Sie sich den Durchgang zur Treppe. Es sind nur
einige Schritte, sehen Sie. Sie mssen sich ihn so merken, da Sie ihn
im Dunkeln finden. Ich habe mich vergewissert, wie das elektrische Licht
funktioniert. Die Anschalter sind ber dem ersten Treppenabsatz. Ich
gehe hin, drehe aus, Sie benutzen die Dunkelheit, um auf die Treppe zu
kommen. Sind Sie an mir vorbei, stelle ich mich jedem in den Weg, der
zur Treppe will, um Sie zu verfolgen oder um an die Schalter zu kommen.

Gut! Ich danke Ihnen!

Die Flucht glckte. Als Wenk die Frau unten ankommen sah, drehte er
wieder an, trat mit einem Lcheln ins Zimmer zurck und sagte: Eine
Spielerei, die nicht die Folgen der gnzlichen Finsternis voraussah.
Verbeln Sie, bitte, es mir nicht.

Man lachte. Aber die Carozza stand bleich am Ausgang zur Treppe, wohin
sie mit einem Sprung in der Dunkelheit gekommen war. Sie erholte sich
rasch und begab sich zu Hull zurck, ihn auffordernd, sie heimzufhren.
Wenk schlo sich ihnen an.

Im Begriff, die Speiserume zu durchschreiten, sah er, wie der
Oberkellner Hull einen Brief bergab. Hull trat an einen leeren Tisch
unter eine Lampe, ri die Umhllung auf und zog einen kleinen Zettel
hervor.

Dann war es, als ob ihn ein unsichtbarer Hieb auf den Sessel
niedergeschlagen htte. Die Carozza trat auf ihn zu. Er knllte den
Zettel in die Tasche, erhob sich und folgte der Gesellschaft.

Drauen trennte man sich.

Hull kam nochmals zu Wenk zurck und sagte ihm mit hastiger,
aufzitternder Stimme: Ich mu mit Ihnen sprechen. Noch heute nacht!
Knnen Sie mich in Ihrer Wohnung empfangen in einer Stunde? Es ist
furchtbar. Ich werde verfolgt!

Da schauen Sie! sagte Hull, als er kam.

Er warf mit einer verzweifelten Gebrde ein Kuvert auf Wenks Tisch. Der
ffnete es und entzog ihm ein Krtchen. Darauf stand:

   Besttige, Herrn Balling

                              20000 Mark
                          (_Zwanzigtausend_)

   zu schulden, zahlbar bis 21. November 4 Uhr nachmittags.

                                                      _Gerhard Hull._

Mein Schuldschein, sagte Hull tonlos. Und nach einer Weile: Drehen
Sie um!

Auf der Rckseite las Wenk: Sie sind gewarnt. Meine Sache allein ist
es, da ich die 20000 Mark nicht einkassierte. Spiel ist Spiel! Eine
Angelegenheit zwischen Ihnen und mir, und kein Staatsanwalt hat etwas
dabei zu suchen.

Wenk war erschttert. Ja, ja, ja, rief er immer wieder und fand keinen
andern Laut, um den inneren Sturm auszudrcken.

Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kmpfte: Wir haben neben
ihm gesessen. Sie, ich! Wir htten ihn am Arm fassen knnen, ein jeder
an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?

Ich bin verfolgt! flsterte Hull, der fr nichts anderes als fr seine
eigene Bedrngnis Gefhl hatte.

Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter
vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der.
Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir htten ihm die Hand
auf die Schulter legen knnen!

Hull ffnete nur den Mund. Jetzt wute er, weshalb ihm der Blondbrtige
bekannt vorgekommen war: die groen grauen, brutalen Augen! Ja, sagte
er nur, es ist derselbe!

Er ist entwischt! rief Wenk. Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms.
Und Sie, Herr Hull, mssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber
kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.




                                  IV


Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses
dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schne Frau auf die
geheimnisvolle Weise fortgehen mssen? Habe ich wiederum versagt
vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand
gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung.
Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fhlte,
ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der
Zusammenhnge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen
Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine
beschwingte Fruchtbarkeit. Er hrte ber seinem Leben den Flgelschlag
eines neuen, starken und vergrerten Daseins. Er bestand Kmpfe des
Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Sprsinns, der Energie und
Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens.

Aus seinem Mund lsten sich die Rauchwlkchen der Zigarre, die er eine
nach der anderen verbrannte, und schwebten ber ihm. Es lenzte, strmte,
Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in
eingebildeten, heldenhaft berstandenen Kmpfen mit dunklen groen
Riesen, die Mitmenschen erwrgen wollten. Er hatte jemanden bei einem
falschen, rotblonden, Mnnlichkeit vortuschenden Bart gefat.

Aus der nachtbesessenen Stadt strzte die Zeit herauf in das Zimmer, die
mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung
geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen
Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ...
Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet
allen Dnkels wie aller Bequemlichkeit! Er wute nicht, sagte er sich in
seinen ekstatischen Selbstgesprchen, war das eine neue, erlsunggebende
Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die
Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen?

Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, flo er
nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen!
Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt
hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er
herzugeben hatte.

Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was
Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in
der Hilfe des einen zum andern: dies rote schumende Meer, das an den
Ksten des Menschseins in einer Dunkelheit, ber die niemand Herr war,
zu Gut oder Bse verbrannte. Ein Verbrecher hrte auf fr den
Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu
sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft
der Hlle gespeisten Sinnen, deren gelstige, dmongesttigte, sich
selber bertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts
zurckgebrochen wurden, so wie Jesus die Snden der Menschheit in seinem
Wesen ertrinken lie. Der Kmpfer wuchs am Gegner.

Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbrtigen nun ins Genick gebissen.
Wenk hatte in ihm einen groen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es
bereits wute. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er
ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nhrte.

Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf
einmal vertraut. Und staunend erkannte er, da der Zustand, in den er
geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universitt, Korps und
Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt
hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt
gefhrt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmtige Sehnsucht
nach seinem Vater, der nicht mehr lebte.

                   *       *       *       *       *

Von Hull erbat sich Wenk am nchsten Tage eine Liste aller heimlichen
Spielhuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten
Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem
Mdchen gegenber dabei nicht genannt zu werden.

Wenk besuchte die Huser Abend fr Abend. Er ging dabei in der
Verkleidung eines reichen lteren Herrn aus der Provinz. Diese
Verkleidung hatte er als die erste gewhlt, weil er fr sie in einem
Onkel ein Modell hatte, das er sich blo zu kopieren bemhte. Der ltere
Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Grostadt aus vollen Zgen
zu genieen.

Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie,
unter der Hand zu verbreiten, da er, der Provinzonkel, von einem
unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in
der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von
Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, knnten so, wie eine
Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun
eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen,
gewann er dann feste Summen, die er das nchstemal wieder dem Spiel ins
Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den berblick ber sich und
die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete ber Karten und Spiel hinweg mit
einer Schrfe, die ihm Genugtuung verschaffte.

Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben fhrte, in
ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung
der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu
versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der
ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz
ungewhnliches Ausma. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als
der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab
und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewhnlicher Form.

Da bemerkte Wenk, da die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der
blichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll
geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine gerumige Dose,
die mit grngepunkteter Haifischhaut berzogen war. Er machte alle
Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so da Wenk viel Zeit
zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich
auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine
Reise gemacht hatte. Die pltzlich auftauchende Erinnerung war so
heftig, da er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte fr sich
selber sagen wollen.

Der Professor sa ihm gegenber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer
Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet
hatte: Sie ist aus Tsi nan fu!

Er wiederholte betonend und skandierend: Tsi ... nan ... fu ... Als
sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn
einstrme und die er im Klang des fremden Wortes gensse. Er schaute
dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den
Glsern vergrerten Augen.

Wenk war sofort in einem besonderen Verhltnis zu dem alten Professor.

Tsi nan fu! sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen
Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen,
nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben
unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des
Lichtkreises der Lampen ber seiner Stirn errichtete wie eine ffnung in
der Wand.

Wenk griff unwillkrlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute
sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die
drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Blle kommend, das Ziel
getroffen?

Wie Wenk sich so umschaute, sah er, da hinter seinem Spielnachbar die
Frau sa, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte.
Es schien ihm, als blicke sie ihn spttisch an. Er wute nicht, wie er
sich zu ihr benehmen sollte. Da fhlte er an seinen Fingern die
Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich
daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er
schlfrig. Dunkel sprte er, da die starren Augen des Professors schuld
an dieser Schlfrigkeit waren. Er verga die schne Frau.

Wenk verscheuchte diese Schlfrigkeit. Er setzte sich steif auf und
schaute auf die grne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es
war ihm, als lgen die durch das Glas so sehr vergrerten Augen des
alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dmmerige Erinnerung an
einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewutsein. Eines
Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge
seiner Kabine und sieht ein dnnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem
Meer und dem Himmel. Das ist die Mndung des Jangtsekiang. Ja, des
Jangtsekiang ...

Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und lie das
Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Krper
einzunisten. Wenk streckte sich aus und geno sie.

Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging
reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, da der alte
Herr die Bank bernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das
ist sonderbar, da ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis
zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann.

Wenk entschied sich, da er das erwarte, weil ihm der Professor durch
die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung
interessanter sei als alle andern, und da dies Erwarten einem Gefhl
der Anteilnahme und Sympathie entsprnge.

Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender
wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist
kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich!
Wohin wird das geraten?

Da bernahm der alte Herr die Bank, und es ging wie eine Erlsung durch
Wenk ... wie die Erlsung von einer unsinnigen und unnatrlichen
Spannung. Jetzt wird alles in Ordnung ausgehen, sagte er sich. Er setzte
eine kleine Summe und wollte damit betonen, da er sich nicht als Gegner
des Bankhalters empfinde, da er nur fr die Form gegen ihn mitmache ...

Er gewann. Er hatte acht. Und stellte dann fest, da er eine viel hhere
Note gesetzt, als er beabsichtigt hatte. Deshalb schob er Einsatz und
Gewinn zu neuem Einsatz hin.

Er zog einen Knig und eine Fnf. Er kaufte bei einer Fnf nie eine
Karte hinzu. Das war so feststehend in ihm, da, als die Reihe an ihm
war, Ja oder Nein zu sagen, er berhaupt nichts sagte.

Sie nehmen! hrte er auf einmal in seine Zerstreutheit hinein. Es war
eine groe, gewaltvolle Stimme, die das sprach. Sie klang fast wie ein
ihn bedrohendes Erbrausen. Aber es war ihm sonderbarerweise, als kme
sie von dort, wo vorhin die drei Laute Tsi nan fu das unsichtbare Ziel
getroffen hatten.

Da flsterte Wenk verschchtert: Bitte! Im selben Augenblick fuhr er
gegen eine innere Zersplitterung auf. Aber es war zu spt. Er hatte eine
Fnf bekommen, die, zu den fnf gezhlt, sein Spiel wertlos machte.

Der Bankhalter deckte fr sich eine Vier mit einer Dame auf, zu denen er
keine Karte genommen und infolgedessen gewonnen hatte. Der Onkel aus
der Provinz verliert! hrte Wenk eine Frauenstimme.

Wenk war erstaunt ber die flchtige Begebenheit. Er drehte sich noch
einmal herum und schaute in die Dunkelheit hinauf. Dann wurde er
unruhig. Und zugleich war es ihm, als senkte sich ein Flgelschlag ber
seine Augen. Flgelschlag, sagte er sich, als das Bild erschien. Ja, er
sa doch in einem Vogelkfig. Er bekam sieben.

Das ist nichts, redete ihm etwas ein, obschon es fast sicher gewonnenes
Spiel war. Aber Wenk widerstand und sagte deutlich: Keine Karte!

Ihm war es, als fielen ihm die Augen zu ber der Anstrengung, dieses
Nein gesagt zu haben ... Dnne Stbe versuchten sich wie Gitter durch
seine Augendeckel zu rammen, um sie ganz zu schlieen.

Da, in einer letzten Auflehnung seines Willens gegen die unnatrliche
Mdigkeit erkannte er, wie die Hand des Professors auf den Karten lag.
Sie drckte sich mit einem leisen Erzittern an die obere Karte an,
inbrnstig sie an ihn abgeben wollend, und es ging ein heimlicher,
heier Strom von dieser Hand auf ihn ber, der ihn zwingen wollte, die
Karte zu nehmen, obgleich er schon Nein gesagt hatte.

Mit dieser Erkenntnis wurde er pltzlich ganz wach. Er empfand, als
snken hinter seinen Augen Ketten durch, die bestimmt gewesen waren,
seinen Geist zu fesseln, und mit offenen Augen schaute er den Professor
an, auf einmal von einem unbegreiflichen, gierigen und aufreizenden
Mitrauen gegen ihn befallen. Er war versucht, aufzuspringen und die
bebenden Finger von der Karte fortzuschlagen.

Sie nehmen! sagte die harte, groe Stimme, wie einen Befehl. Es war
dieselbe Stimme, die er vorhin gehrt hatte.

Da antwortete Wenk, bermig laut, sich vergessend und unwillig: Nein,
ich habe schon gedankt!

Die vergrerten Augen in den Scheiben der Glser blieben stehen, lagen
einen Blutschlag lang auf ihm, sprangen zurck wie Hunde vor einem
mchtigeren Angreifer. Der alte Herr legte sich etwas nach vorn, bat um
Wasser und Kognak und in rascher Folge darum, das Spiel aufgeben und die
Bank abtreten zu drfen. Ein pltzliches Unwohlsein ...

Alle kmmerten sich um ihn, scharten sich um seinen Platz.

Wenk blieb sitzen. Er war betroffen durch den Zusammenhang seines
kleinen Erlebnisses mit dem Schwchezustand des Greises. Hing das
zusammen? Er fhlte sich verantwortlich fr das Zusammenklappen des
alten Herrn. Irgendwo in seinem Unterbewutsein deckte sich verdunkelt
eine Vorstellung auf, als habe er mit jenem einen Kampf ausgefochten,
und die Folge sei nun das Unwohlsein. Er berlegte, wie er helfen knne
...

Da langte er in die Westentasche und suchte das Flschchen mit
Englischem Salz hervor. Er nahm den Stpsel ab und hielt es hinber,
indem er sagte: Vielleicht Englisches Salz? Ich habe grade ...

Aber da war er sehr erstaunt zu sehen, da der alte Herr schon fort war.

Das jhe Mitrauen von vorhin kam zurck. Er erhob sich rasch und
drngte sich durch die herumstehenden Spieler. Er wollte dem Manne nach
und ihn einholen. Einer erhob die Hand gegen ihn und sagte etwas
Unverstndliches, als sei er, Wenk, schuld am Zustand des alten Herrn
Professors. Aber Wenk fuhr mit der Hand zu seinem Revolver in die
Brusttasche. Die Carozza trat ihm entgegen. Er umging sie hastig, den
anderen mitziehend. Mit der freien Hand lste er dann den fremden Griff
gewaltsam, all seine Kraft einsetzend, von seinem Arm. Befreit eilte er
in den Flur hinaus, der lang und halb verdunkelt seitwrts aus dem Haus
ging. Er hrte, sobald er ihn betreten hatte, Schritte hinter sich,
hastete weiter, schlo eine Tr hinter sich ab, die er durchgehen mute,
und mndete bald in die Nebengasse, wo die Automobile warteten.

Im Schein einer Laterne bemerkte er noch den alten Herrn, nun keineswegs
mehr gebckt, sondern mit krftiger Eile in eines der Autos steigend.

Seinen eigenen Chauffeur sah er auch schon das Fahrzeug ankurbeln. Er
rief ihm leise zu: Hinter dem dort her!

Sie flogen ihm nach. Es war ein groer, berlegener Wagen. Aber da es
noch frh am Abend war, war viel Verkehr in den Straen. Der andere
konnte seine volle Schnelligkeit nicht geben, und sie blieben
hintereinander hngen. Bald wurden sie in eine Kette von Autos und Wagen
eingeschlossen, die von einem Theater kamen, und Wenk konnte bequem und
unverdchtig bis zum Palasthotel folgen. Vor diesem Hotel hielt der
Wagen des Professors. Bevor noch Wenks Fahrzeug stoppte, sah Wenk den
andern hastig in die Hotelhalle hineingehen. Er drehte sich einmal ganz
flchtig um. Wenk eilte ihm nach.

Ein Zufall schlo ihn in eine ins Hotel einkehrende grere Gesellschaft
ein. Sie deckte ihn. Er sah beim Bureaufenster den alten Herrn eine
Depesche hastig aufreien. Das Lesen hielt jenen fest.

Wenk hatte Zeit, sich einen deckenden Beobachtungsposten auszuwhlen. Er
sah von dort aus, wie der alte Herr verstohlen ber sein Telegramm
hinweg den Vorraum musterte. Dann ging jener rasch zum Lift, ri die Tr
auf und verschwand hinein. Aber Wenk sah, da im Innern ein Fhrerjunge
gesessen hatte.

Er wartete, bis an der kleinen Lichtscheibe das Stockwerk aufleuchtete,
an dem der Lift hielt. Er sah ihn im Zwischengescho durchfahren, im
ersten Stockwerk halten. Dann lutete er den Lift herab.

Erster! sagte er dem Bediener. Sie fuhren allein hinauf.

Ist das nicht der Herr aus Zimmer Nr. 15 gewesen, der grade
hinauffuhr? fragte Wenk den Jungen.

Nein, mein Herr, es ist der hollndische Professor von Nr. 10.

Dann hab ich mich verschaut! Danke! sagte Wenk.

Langsam schlenderte er durch den Flur. Er kam an 10 vorbei, verweilte
einen Augenblick, indem er sich vorsichtig gegen die Tr hinber beugte,
ging dann weiter und lauschte rckwrts nach der Tr von Nr. 10. Er
hrte eine Tr sich ffnen. Es konnte 10 sein. Er verweilte, indem er
etwas an seinen Hosen richtete, und als die Tr sich wieder geschlossen
hatte, drehte er sich um.

Da sah er, da vor 10 ein Paar Schuhe stand.

Er ging zurck und hatte einen ungewhnlichen Einfall. Er wollte bei 10
anklopfen und den alten Herrn fragen, ob sein Unwohlsein vorber sei.
Ihn so berrumpeln. Denn es war sicher, da dieser Mann fr eine
Verhaftung reif sei.

Dieser Gedanke schien Wenk sehr khn und aussichtsreich zu sein. Aber
als er vor 10 stand, sah er, da die Schuhe, die hinausgestellt worden,
ein Paar Damenschuhe waren. Da gab er den Gedanken auf, begab sich
hinunter und verlangte den Direktor des Hotels zu sprechen. Er zeigte
ihm die ntigen Ausweise und erkundigte sich nach dem Bewohner von Nr.
10.

Man brachte das Gastbuch. Nr. 10, sehen Sie hier, Herr Staatsanwalt,
Professor Groich, Haag.

Nach ihrem Buch wohnt er allein.

Jawohl.

Wohnt er immer oder nur vorbergehend allein und gelegentlich mit
weiblicher Gesellschaft?

Ich bernehme jede Garantie, Herr Staatsanwalt. Wir sind sehr streng
darin gegen unsere Gste.

Dann hat dieser Gast trotz seines betrchtlichen Krperbaus sehr kleine
Fe.

Wie meinen Herr Staatsanwalt?

Er trgt nmlich Damenschuhe!

Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.

Kommen Sie mit, Herr Direktor.

Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit
hohen Stckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder.

Da entsicherte Wenk seinen Browning und ffnete ohne zu klopfen die Tr.
Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das
Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer,
das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle
Schrnke, das Bett, die Lden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete
auf die Strae hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden.

Er lie den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel
verlassen habe. Nur der Bureauchef! sagte der Portier.

In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und
wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. Sie sind ja eben
schon weggegangen! rief er.

Ich? -- Ich war bis vor einer Minute im Bureau! antwortete der
Angestellte.

Da wute Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war
ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich fr den Fall der Not die
Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe
hatte er vor die Tr gestellt, weil er richtig berechnete, da der
Verfolger, bevor er ins Zimmer eindrnge, auf die unerwarteten
Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit
hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er
bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei
an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling
von Hull.

Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung
alles, was ihm von jenem Blondbrtigen noch vorhanden war, und versuchte
es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber
sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms
haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so
verschwommen, ndernd und ungewi war das, was er von dem alten
Professor in seinem Hirn zurckfand, obgleich diese Begegnung kaum eine
Stunde hinter ihm lag.

ber dem wurde er schlfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer
ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu
erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit berfiel ihn wie nach
einem starken Blutverlust. Jenes Gefhl von einem inneren
Leichtergewordensein, das er vom Schlu von Mensuren so wohlig in der
Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten
Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollstndig in Besitz.

Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich
ganz auszukleiden. Er fhlte sich dabei leise umbaut wie von einem
rtselvollen Schlo. Und er wute, in den drei Zauberlauten Tsi nan
fu, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand
erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten,
lag der Schlssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu ffnen.

                   *       *       *       *       *

Wenk ging die nchsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein
eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum,
stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im
Schutz des Fhrersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen.

Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Huser war und langsam
die Dienerstrae hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung
aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er
gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschrften Schrecken
durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbrtige! Er drehte den
Rcken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und
whlerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto
hielt vor der Tr. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt.
Er schrieb sich die Nummer auf.

Der Chauffeur verlie es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen.
Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf,
machte aber mit den Hnden Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei.

Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tr zu. Da war es
aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben
sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde.
Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der
Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mchtigen Sprung, als wolle
es ihm enteilen.

Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm.
Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine
grere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstrae. Wenk vermochte
nicht Schritt zu halten. Die Strae war weithin leer. Er sah, als er
selber noch auf dem Maximilianplatz war, da das Auto die
Wiedenmeierstrae nahm. So fuhr er, immer weiter zurckbleibend, aber in
der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze
Wiedenmeierstrae her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brcke ankam, sah er,
wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine
sausende Kurve fuhr und pltzlich mit donnerndem Motor auf die Brcke
zurck und an ihm vorbeistrzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstrae
hinab, die er gerade heraufgekommen war.

Das war natrlich verdchtig, und Wenk gab sich nun alle Mhe, den
Anschlu an ihn zu behalten. Noch auf der Brcke machte er kehrt. Wieder
bog der andere Wagen in die Maximilianstrae hinein. Diese war nun von
Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern
heranzukommen.

Das fremde Auto hielt vor einem Variettheater. Wenk sprang jenseits der
Strae aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verlie und, Wenk den
Rcken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den
drmezerreienden Schrecken: Das war er doch! der Blondbrtige! ... Das
ist er doch!

Von einem Fieber gepackt, schob er durch die Menschen ihm nach ins
Theater hinein. Er sah, da er den Fremden im Foyer berholte. Dann
wartete Wenk mitten zwischen Menschen, drehte sich auf einmal um, als
der andere bei ihm angekommen sein mute ...

Aber Wenk sah ein breites, bartloses Gesicht mit einem brutalen Mund und
brennenden groen Augen. Es war ihm fremd. Und fremd und gleichgltig
schauten ihn die groen Augen an. Wenk, zornig und enttuscht, drckte
sich beiseite und wollte wieder hinaus zu seinem Auto.

Einige Versptete hasteten um ihn herum zur Garderobe. Es war genau acht
Uhr, und die Klingeln gingen zum Zeichen des Beginns. Wenk malte sich in
diesem Augenblick aus, was fr ein Taumel es fr ihn geworden wre, und
was fr ein Aufsehen es erregt htte, wenn er ihn mitten aus den
Menschen heraus verhaftet htte.

Unfhig, sich von dem enttuschenden Fremden zu trennen, wandte er sich
noch einmal um. Er sah, wie sich der andere gerade aus einem Rudel
Menschen trennte, die in den Saal stoben, und ruhig nach der linken
Seite der Logen ging. Dort waren die fnf Parterrelogen. Das wute Wenk.
Da entschlo er sich kurz und kaufte einen der Logenpltze. Er bekam den
letzten. In jeder Loge waren fnf Sitze, sah er auf dem Plan.

Er ging zu seinem Auto zurck, schmuggelte sich hinein, kleidete sich
drin in den Frack, telephonierte vom Theaterbureau seinem Chauffeur, das
Auto holen zu kommen, und begab sich zu den Logen.

Es war dunkel, als er eintrat. Er versuchte gleich, in dem ungewissen
Licht die Gesichter zu unterscheiden und den Fremden herauszufinden.
Aber er fand ihn nicht.

Als die Nummer vorbei war und das Licht wiederkam, gelang es ihm jedoch
ebensowenig, den Fremden unter den zwanzig Herren und Damen zu finden,
die in der Loge saen. Das war durchaus unglaubhaft. Der Flur fhrte nur
auf die fnf Logen. Die Logen waren ber mannshoch hher als der Saal.

Wo war jener Mann hingekommen?

Von einem Argwohn erfat und unruhig eilte Wenk auf die Strae, um zu
schauen, ob das Auto des Fremden noch da sei. Ja, es stand noch da. Gott
sei Dank!

Wenk atmete auf und wollte zu seinem eigenen Fahrzeug gehen und in ihm
abwarten, wohin der fremde Wagen spter fahren werde. Da sah er, da der
Wagen auf einmal eine Taxameteruhr hatte. Er hatte sich vorhin das Auto
genau angeschaut. Es hatte bestimmt keine Uhr gehabt.

Wenk, schon im Vorbeigehen, berlegte nicht mehr lange, trat auf den
Chauffeur zu und fragte: Sind Sie frei?

Der Chauffeur sagte: Jawohl!

Da stieg Wenk ein, indem er seine eigene Adresse nannte. Er wollte sich
auf der Fahrt berlegen, was er weiter tun msse. Da fiel ihm auf, da
der Fhrer, der in der Dienerstrae stumm gewesen war, hier auf einmal
gesprochen hatte.

Das Auto fuhr an. Ein slicher Duft begann sich im Innern auszubreiten.
Wenk fhlte von ihm seine Schleimhute gereizt.

Also etwas war doch los! Vorhin stumm, jetzt kann er sprechen, berlegte
Wenk. Vorhin privat ... jetzt Taxameter. Wonach roch es so stark? Es
brannte ihm frmlich in Nase und Augenwinkel.

Wenk zog, um das herauszufinden, einige volle Zge ein. Er wollte dann
das Fenster ffnen. Er hielt den Geruch nicht lnger aus. Wonach roch es
denn? Er hob seinen Arm. Aber er sah, der Arm ging nicht hoch, gehorchte
einfach nicht. Zugleich war ihm, als sei ihm ein Brett vor die Augen
gepret.

Da bekam er eine Angst, die wie ein glhender Ball ihn durchplatzte.
Nicht mehr fhig, sich zu wehren, begann er laut zu brllen, warf sich
hin und stie mit dem Fu nach der Klinke der Tr. Er traf sie nicht.

Er lag nur noch wenige Augenblicke am Boden, in denen rasch sich
verdunkelnde Lichtfetzen von Bewutsein sein Blut durchflogen. Dann
erloschen auch sie, und eine Ohnmacht, die sein Gehirn wie mit Blei
ausgo, prete ihn auf den Bodenteppich des bald in rasender Fahrt die
Straen durchtobenden Automobils.

Der Chauffeur fuhr mit dem betubten Staatsanwalt von Wenk in der Nacht
nach Schleiheim. Dort lud er ihn auf eine Bank und fuhr nach Mnchen
zurck. Er fuhr zur Xenienstrae und hielt vor einer alleinstehenden
Villa. Auf einem Schild war zu lesen:

                             _Dr. Mabuse_
                    Psycho-analytische Behandlung.

Gleich kam ein Mann von massiger Gestalt, pelzverhllt aus der Tr und
rasch durch das Grtchen auf die Strae. Er liegt im Schleiheimer
Park. Hier ist das Notizbuch, sagte der Chauffeur.

Haben Sie die Gasflaschen aus dem Wagen entfernt?

Jawohl, Herr Doktor!

Fahren Sie!

Doch in diesem Augenblick trat eine verhllte Frau aus der Nacht auf das
Auto zu, hielt die Tr an und flsterte bettelnd: Du. Mabuse zuckte
unwillig auf: Was willst du? Betteln?

Die Frauenstimme antwortete mild und traurig: Ja, du weit es, um
Liebe!

Du kennst meine Antwort.

Es ist doch einmal gewesen! Weshalb ...? flehte die Frauenstimme.

Mabuse, erbost: Gewesen ist gewesen! Du hast zu folgen. Mein Befehl ist
klar. Es gibt nichts zwischen Nein und Ja! Du weit von Georg, was ich
will. Georg, fahren!

Er war schon im Wagen. Die Frau sank ans Gelnder des Gartens, barg sich
in ihre Pelerine und schluchzte dem rasenden Auto nach: Und wenn ich
nicht aufhren kann zu lieben? ...

Da schlug ein zweites Auto dicht bei ihr in die Bremsen. Ein Mann sprang
ab, auf sie zu: Was wollen Sie hier? fragte er drohend. Ach so! Cara,
du! Nun denn! Hast du mit dem Doktor gesprochen?

Sie nickte nur verzweifelt.

Da ist nichts zu machen. Sein Wille ist wie ein Keulenschlag vor die
Stirn. Also folge! Adje, ich mu ihm nach!

Und Cara Carozza hob sich in den dunklen Kleiderhllen hoch, ging davon,
schmerzhaft gefat, dumpfwillig und opferte sich fr ihn. -- --

Wo sind wir? fragte Mabuse durch das Sprachrohr.

Landsberg vorbei! antwortete Georgs Stimme.

Die Plne in Mabuses Kopf wuchsen aneinander wie Wlder, in denen er
weiter jagte und die nicht aufhren wollten. Immer neue Halden, immer
neue Schluchten! Plne? Sind es Plne? Sind es nicht Trume? fragte er
sich mit einem pltzlichen Erkalten seiner heigelaufenen Gedanken.

... Fnf Millionen Schweizer Franken sind jetzt etwa 25 Millionen Lire,
sind fnf Millionen italienische Fnf-Lire-Stcke. Ein jedes im Gewicht
von 20 Gramm. Fnf Millionen, gengt das? Der Gedanke ist gut. Es ist
dabei brutto zu gewinnen auf jedes Fnf-Lire-Stck, das ich nach dem
heutigen Kurs mit einem Schweizer Franken kaufe, vier Franken; ganzer
Gewinn also vier Millionen Schweizer Franken. Abgehen 30 Prozent Spesen.
Gut! Ein jedes 20 Gramm, wie gesagt ... Fnf Millionen mal 20 Gramm,
wieviel Kilogramm sind das? Hundert Millionen Gramm? Weshalb kann ich so
einfache Rechnungen nicht klar ausdenken? Habe ich Angst?

Ja, da stand er in einem neuen Wald. Habe ich Angst? Angst? Wenn ich
Angst habe, strze ich schon. Wer ist denn Hull? Wer ist Wenk? Das sind
Lachhaftigkeiten! Angst?

Er fate seine Gedanken wie mit der Faust zusammen und strzte sie
zurck auf den Weg, von dem sie sich entfernt hatten ...

... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trgt
jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich
leben auf diesem einzigen Geschft? In einem Monat mu die Summe aus
Italien in Sdtirol und von dort in der Schweiz sein. ber sterreich
ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben mu. Das
Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent
berechnet, gegen 10 Prozent ber den Bodensee oder auch ber die
Tessiner Grenze, wo die Grenzwchter ja schon im Frieden alle glaubten,
sie mten Fchse sein.

Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich
nicht versuchen, doch zu schlafen? Wo? rief er ins Sprachrohr.

Buchloe!

... Buchloe bis Rthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das tte
wohl. Um zwei Uhr mssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in
Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in
Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr.

Aber er fand doch keine Macht ber sich. Er stand unter dem Druck von
Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn
Minuten voraus.

Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, da der Schmuggel
von fnf Millionen Fnf-Lire-Stcken von Italien und Sdtirol ber
Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfnfzig Menschen am Tage
beschftigte an jeder Grenze. Das waren fnfhundert Menschen fr den
Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkufer dazu und die Sammler in
Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund
viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine
kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bsen, und schlich durch
lichtlose Nchte, ausgetrocknete Bergbche hin und durch verwachsene und
vereiste Winterwlder unter dem Hammer seines Willens und an den
Gewehrffnungen der Grenzwchter vorbei. Und hatten keine Gedanken in
sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernhrer, den Befehlshaber,
den Herrn der Macht.

Ihr Leben wagten sie fr ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie
wre es erst, wenn sie ihn shen, wenn er mit ihnen sprche, auf einmal
auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoend, und sie
glaubten, sie seien abgefat, und es sei dann gerade er, der sie im
Dienst hatte, ihr Herr!

Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch
anders sein! Wenn er ber den gestrzten Urwald ritte und die
Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heien, unter seine
Peitsche nhme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken lge!
Da wre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum
sich erfllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der
sich einst zu erfllen begonnen hatte drben auf der einsamen groen
Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollstige
Schaukel, deren Seile aus Wellenbndern bestanden. Da hatte er Menschen
besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln
ber das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut ber die Menschen, mit
seinem Willen ber die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen berwuchsen
ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er
es nicht ntig hatte, da er so, so frei war, Knig und Gott ...

Aber der Krieg stberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das
verhate kleine Europa zurck. Er konnte nicht leben in diesen Lndern.
Er fhlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die
dummen Khe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er
nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates
einen Staat fr sich gegrndet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit
Macht ber Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld
erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwldern Brasiliens zu grnden,
das Reich Eitopomar.

Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille
zerspritzte sie. Aber drben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es
niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war.

Allmhlich, unter den gesteigerten Vorstellungen, war Mabuse in einen
Schlaf geglitten, der seine Glieder, geballt zwischen die Polster, und
seine Phantasie verloren an Trume fesselte, die alles Schwergewicht der
Materie aufhoben. Zwei Stunden lang schlief er, in die schwarzen Meere
seiner Trume versunken.

Dann war es ihm, als schlge ein Hmmerchen auf seinen Schdel. Immer
auf dieselbe Stelle seines Schdels. Es war lstig. Es war unerhrt. Er
hatte nur zwei Stunden zu schlafen zwischen Buchloe und Rthenbach. Wer
wagte, diesen Hammer an seinen Kopf zu schlagen?

Mit einemmal war er wach. Der Hammer war die Signalpfeife des
Sprachrohrs. Ja! rief Mabuse in den Sprecher.

Ein Auto ist hinter uns!

Gezeichnet?

Grauer Fleck auf der rechten Laterne.

Wie spt?

Halb eins!

Wo sind wir?

Zwei Kilometer vor Rthenbach!

Halten Sie! Es ist Spoerri!

Das Auto hielt. Gleichzeitig verloschen die Scheinwerfer. Sofort
verloschen auch die des folgenden Autos. Dieses fuhr dicht auf. Dann
stoppte es. Eine Stimme hustete herber.

Kommen Sie! rief Mabuse.

Einer kam durch die Nacht heran. Mabuse hatte die Mauserpistole aus der
Manteltasche genommen. Der Wagenfhrer setzte eine kleine elektrische
Lampe an, und man sah im Lichtkegel einen mantelverhllten Menschen.

Spoerri?

Ja, Herr Doktor!

Die Hand lie die Pistole in die Tasche zurckgleiten. Spoerri, halten
Sie hier eine Viertelstunde oder fahren Sie auf einem andern Weg nach
Schachen. Sie mssen kurz nach mir dort sein, halb zwei bis zwei. Ich
bin zu groen nderungen entschlossen, die ich Ihnen mitteilen mu,
bevor wir in die Schweiz hinberfahren. Sonst? ...

Alles in Ordnung. Ich habe noch hundert Kilogramm Cer-Eisen im Wagen.

Los! Halb zwei bis zwei!

Sie fuhren wieder. Die Scheinwerfer blieben eine Weile, wo die
Landstrae sich der sterreichischen Grenze nherte und Grenzwchter
patrouillierten, gelscht. In Schlachters brannten sie wieder an, und
das Dorf sank mit hastiger Gespensterhaftigkeit in ihren Lichtkegeln
zurck.

Halbwegs Lindau, wo der Wald auf die Lindauer Steige stt, hielt es
wieder. Niemand da?

Nein, Herr Doktor!

Pesch?

Ich sehe niemanden!

Mabuse verlie ungeduldig den Wagen. Ich will ihn zchtigen. Ich will
absolut, da alle pnktlich sind!

Er wartete weiter. Die Minuten krochen. Mabuse schlug mit der Faust in
der Manteltasche auf die Schenkel. Warten lassen! ... Warten lassen ...
der Schmuggler! Ungeduld verbrannte ihn. Er war tief beleidigt,
irgendwie an seiner Ehre gekrnkt. Ein Schmuggler lie ihn warten ...
den Herrn.

Nach fnf Minuten tnte ein Auto ber den Nebenweg. Es fuhr mit
schwachen Lichtern. Auf der Landstrae hielt es. Pesch! schrie Mabuse.

Ein Mann wand sich aus dem offenen Wagen. Ja, hier! Ich bin es, Herr
Doktor! Pesch!

Es ist 1 Uhr 45. Um 1 Uhr 35 sollten Sie hier sein.

Auf zehn Minuten kommt es nicht an. Ich habe auch schon gewartet!
antwortete auflehnend die Stimme aus der Finsternis.

Wenn ich eine Peitsche hier htte, wrde ich Sie durchprgeln. Zehn
Minuten sind fnfzehn Kilometer Vorsprung vor einer Verfolgung, Sie
Esel! Sie verdienen in dieser Nacht zweitausend Mark von mir.

Der andere entgegnete frech: Und Sie mit meiner Hilfe zwanzigtausend!

Mabuse: Schwachkopf -- fnfhunderttausend! Das geht Sie jetzt nichts
an. Es ist nur, um zu sagen, wer hier Herr und wer Knecht ist.

Der andere: Sie sind nicht mein Herr!

Da bumte Mabuse sich auf. Ich bin nicht ... sagen Sie! Er brllte:
Doch! Sie knnen heimfahren. Ich brauche Sie nicht mehr. Nie mehr!

Er wandte sich schon in sein Auto hinein. Da sagte er noch hastig und
drohend: Sollten Sie etwa Lust verspren, eine anonyme Anzeige zu
versenden, so wissen Sie, da in einem Wald eine Tanne wchst. Bis der
Strick vermorscht und Sie in Ihren eigenen Dreck fallen lt. Wie der
Kollege Haim. Fahren, Georg!

Das Auto strzte weiter.

In der Gegend von Bad Schachen, wo Villen mit ppigen Anlagen Automobile
unauffllig machten, war ein Parktor offen, und ohne sich zu besinnen,
fand Georg den Weg in die schwarze Allee, die zur Villa fhrte. Die
Lichter waren gelscht.

Spoerri kam, noch whrend Mabuse und Georg an der Haustr standen.

Als Mabuse aufschlo und im Flur das Licht andrehte, sah er, da Spoerri
in der Tracht eines Mnches war. Es ist nebenschlich, sagte Spoerri.
Ich mute heute rasch in die Schweiz hinber, und drben im Rheintal
ist die Kutte besser als ein ungeflschter Grenzschein. Der letzte von
mir liegt in St. Gallen. Sie wissen ja, da ich dort vorzeitig abreisen
mute. Ich hatte aber bei Xaver die Listen. Die brachte er mir heute
nach Altsttten. Das kann man doch nicht mit der Post schicken,
heutzutage.

Sie saen dann in dem groen getfelten Speisezimmer. Georg brachte ein
Nachtessen, das er zubereitet aus Mnchen mitgenommen hatte. Er hatte es
auf dem elektrischen Herd aufgewrmt. Noch essend, sagte Mabuse: Wir
liquidieren am Bodensee. Die Verluste sind fnf Punkte hher als an
Land, nach den Listen, die gefhrt wurden. Ich habe fnf Millionen
Stcke italienischer Fnf-Lire-Stcke aufkaufen lassen. Sie kommen nach
Sdtirol, mssen ber Vorarlberg nach der Schweiz geschafft werden.
Organisieren Sie das, Spoerri. Der italienische Mittelsmann ist Dalbelli
in Meran. Sie mssen morgen hinreisen. Ich gebe einen Monat Zeit. Damit
fangen wir dann zugleich das neue Gebiet an. Die Schweiz ist jetzt
scharf gegen Silbereinfuhr. Darum ist die Konkurrenz im Einkauf
schwcher. Man bekommt genug Fnf-Lire-Stcke in Italien. Ich habe es
auch mit franzsischem Silber versucht. Aber seit dem Frieden von
Versailles ist in Frankreich eine unmgliche Bande in die Geschfte
hineingekommen, die niemandem etwas gnnt, weil sie frher keine
Kaufleute gewesen sind. Haben Sie sich gemerkt?

Spoerri nickte und rechnete heimlich.

Warten Sie mit dem Rechnen, bis ich alles gesagt habe, fuhr Mabuse ihn
scharf an.

Spoerri schaute verwirrt auf.

Mabuse fuhr fort: Mein Vertrauensmann in der Regierung hat mich darber
unterrichtet, da die Zwangswirtschaft auf Fleisch im nchsten Monat in
Bayern beseitigt wird. Die Tatsache wird noch geheimgehalten. Die
Preisunterschiede zwischen Bayern und Wrttemberg sind enorm und werden
die erste Woche wenigstens nach der Aufhebung bedeutend bleiben. Aber
gut ist, man kauft jetzt schon auf. Notieren Sie sich, da ich bis zehn
Millionen Mark darin anlege. Soviel man bekommt, kaufen. Baldauff ist
tchtig. Sie fragen Mgerle in Stuttgart wegen der Abnahme an. Da
beizeiten fr die Kleinarbeit des Hinberbringens gengend Leute mobil
sind! Es mu alles am dritten Tage nach der Ausgabe der Verordnung
erledigt sein. Es wird sich um tausend bis zwlfhundert Stck Grovieh
handeln. Man schaut wieder etwas auf Qualitt. Kein Kleinvieh. Das
Risiko ist zu gro. Rechnen Sie es selber aus, bevor Sie Weiteres darin
vornehmen. Es sind 30 Prozent mehr zu lsen. Davon knnen 10 Prozent als
Ausgaben verwandt werden. Sie mssen genauer rechnen als das letztemal
beim Salvarsan.

Ich hatte dabei nicht ...

Ich wei; wie gesagt, nicht genau gerechnet. Pesch scheidet aus. Lassen
Sie ihn von der Beseitigungskommission scharf bewachen. Er ist impulsiv.
Es darf bei dem geringsten Anzeichen nicht gefaxt werden. Er kann zu
Haim gehenkt werden. Man hat den noch heute nicht gefunden ... Wie teuer
haben Sie das Cer-Eisen bezahlt?

Es war teurer als ...

Es ist immer alles teurer, als ... Polen oder die Sowjets knnen es
draufschlagen. Wie teuer?

Fnfzig Mark!

Also fnfzig Schweizer Franken. Sie mssen es haben. Keinen Rappen
nachgeben!

Es pfiff im Sprachrohr unter dem Tisch. Ja, Georg, rief Mabuse hinein.
So ... gut. Die >Rhein< ist da, Spoerri. Georg, Sie steuern. Die
Wertpapiertasche nicht vergessen. Schlu! Sie reisen doch ohne jede
Gefahr nach Zrich, Spoerri?

Sobald ich ber die Grenzkontrolle bin, ja! Ich reise dann weiter als
Pater.

Wenn Sie mit der >Rhein< fahren, brauchen Sie doch keine
Grenzkontrolle, Sie bernehmen die Aktentasche und bringen ihren Inhalt
auf meine Bank. Konto: Ingenieur Salbaz de Marte. Hier ist die Liste:
eine Million Deutsch-Luxemburger, zwei Millionen Deutsch-berseer,
fnfhundert Stck Tausendmarkscheine. Diese gleich in Milreis
umwechseln. Es ist gnstiger als ber Dollars oder Schweizer Franken.
Benachrichtigen Sie Doktor Ebenhgel, da neue Papiere im Depot sind.
Ich lasse ihm sagen, die erste Konjunktur benutzen und verkaufen, gegen
Milreis ... Es ist noch eine schwierige Sache zu erledigen: die Ablsung
der Leute am Bodensee, die fr mich ttig waren. Wenn sie verdienstlos
werden ...

Viele wollen sowieso nicht mehr mitmachen, sagte Spoerri.

Ich wei. Das sind die, die satt geworden sind. Sie sind nicht zu
frchten. Sie haben sich mit meiner Hilfe ihre Huser schuldenfrei
gemacht. Aber die Not zwang mich manchmal wahllos zu sein. Alle, die
kein eigenes Haus haben, nicht aus den Augen lassen! In Konstanz ist das
Pulverfa. Da wohnen die jungen Burschen. Wenn wir ihnen den ppigen
Verdienst entziehen, sind sie pltzlich nichts mehr als Gauner, sitzen
in acht Tagen im Gefngnis und reden in der Wut. Sprechen Sie noch mit
Georg darber, was dort zu machen ist. Er soll morgen hin. Am sichersten
wre, sie in die Fremdenlegion abschieben. Gehen Sie Magnard aufsuchen,
sobald Sie von Zrich und Meran zurck sind. Auf das Kopfgeld verzichten
Sie natrlich nicht. Sie geben es Georg, damit er es unter die
Betroffenen verteilt ... Beauftragen Sie Bhm, die drei Motorboote zu
verkaufen, die wir auer der >Rhein< noch auf dem See haben. Der trgt
noch immer an der Mtze die Fassade des Kniglich Wrttembergischen
Yachtklubs. Darunter geht das unauffllig. >Rhein< bleibt in der Nhe,
fr alle Flle. Das Boot kann sechzig Kilometer machen, wenn es ihm aufs
Steuer brennt. Wir gehen!

Georg wartete drauen. Die drei Mnner tasteten sich durch die
Dunkelheit des Parks zum Steg. Sie hrten schon den Motor leis atmen.

Man hat meinen Befehl ausgefhrt: Es ist nichts an Bord? fragte
Mabuse.

Auer dem Cer-Eisen, nichts!

Hinaus damit. Ich bin kein Alteisen-Trdler!

Georg lief voran. Drei Mnner arbeiteten in der Finsternis. Dann stiegen
Mabuse und Spoerri ein, und das Boot fuhr gleich los. Es fuhr vorsichtig
unter der niederen Nacht. Kaum wagte der Motor zu pusten. Leis
schtterte die Kabine, in der Mabuse sich in seinen Pelz hllte. Dann
ging er auf die hintere Plattform hinaus und dann ungeduldig zum Motor
nach vorn.

Als sie eine Weile fuhren, horchte er hinaus. Es war ihm, als hrte er
einen Lrm. Der Lrm perlte durch die Gerusche des eigenen Bootes an
sein Ohr. Halt! befahl er.

Georg stoppte. Da verging der Lrm drauen. Man fuhr wieder an. Es
geschah alsbald, da auch der Lrm auf dem See um sie von neuem klang
... bald rechts, bald links ... Mabuse ging auf die Plattform, wo das
Gerusch des Motors weniger stark war. Da hrte er es ganz deutlich.

Wir sind verfolgt oder wenigstens beobachtet, sagte er sich. Ist das
schon der Staatsanwalt Wenk? Ruhig und trotzig bereitete er seine beiden
Pistolen. Er berlegte, was er tun sollte, wenn ihn die Verfolger
anriefen. Er bemhte sich, in der Finsternis die kleine Flagge zu
erkennen, die am Heck der >Rhein< flatterte. Aber es war zu dunkel.

Spoerri! rief er leise in die Kabine.

Als Spoerri kam, fragte er: Als was fahren wir? Horchen Sie, wir sind
verfolgt!

Nein, nein, sagte Spoerri, wir fahren als Schweizer Wachtboot. Ich
habe Warnung, da die Deutschen heute mobil sind. Da habe ich die drei
anderen Boote herbeordert. Eines fhrt hinter uns, die beiden anderen
rechts und links. Es kme niemand durch. Wir sind schon im Schweizer
Fahrwasser.

Wieviel verdienen Sie im Jahr bei mir, da Sie soviel Sorge um mich
haben? fragte Mabuse mit einem gehssigen Ton.

Genug! antwortete Spoerri. Aber es ist nicht deshalb.

Es ist aus Liebe! geiferte Mabuse. Wollen Sie mit mir schlafen gehen?
Oder ist es die reine Nchstenliebe, die seit dem Kriege euch Schweizern
so gut steht?

Nun ja, sagte Spoerri nur.

Ich habe dreiundeinehalbe Million bei mir in der Aktentasche. Wenn Sie
wagten, mich zu erwrgen, tten Sie es. Aber Sie wagen es nicht. Das ist
alles. Das ist die ganze Menschlichkeit und Liebe, Sie haben im letzten
Jahr von mir 85677 Mark bekommen, und nebenbei ... gengt das Ihnen,
kein Mordsgelst gegen einen Menschen zu haben?

Ja! antwortete Spoerri einfach.

Dann sind Sie ein Knecht. Mein Knecht. Hren Sie: mein Knecht!

Ich hre!

Soll ich dich ins Gesicht schlagen? Nein, ich bringe meine Haut nicht
in Berhrung mit deinem Knechtsfell. Ich spucke nur durch die Luft!

ber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der Bodensee hat keinen
^point d'honneur^.

^Point d'honneur^ ist ein fabelhafter Ausdruck. Ein Point ist so gro
wie eine halb ausgetretene Wanze. Genau so gro wie die Ehre der
Menschen. Was? Ihre auch, ha? Sie haben wohl solch eine Ehre, wie sie
der Bodensee nicht hat?

Ich habe sie nie gemessen!

Sprechen Sie anstndig mit mir. Ich vertrage Ihren Ksewitz nicht ...

Wir kommen aufs Ufer zu.

Weichen Sie nicht aus, Sie!

Nein!

Sie! rief Mabuse unterdrckt, aufquellend in jher Erbosung. Ich
spre, wie der Ha aus meinen Fingerspitzen sprht. Ich drcke Sie Ihnen
an den Hals, Sie ... Sie Hund ... Sie Menschengehunds. Als seien Sie ein
elektrischer Draht in einem amerikanischen Hinrichtestuhl. So fallen Sie
um, Sie jmmerliche Kreatur.

In diesem Augenblick stellte der Motor ab. Der Lrm der Boote hinter
ihnen war seit einer Weile verstummt. Weshalb fhrt er nicht mehr. Habe
ich befohlen? fragte Mabuse jhzornig.

Es ist kein Signal am Ufer!

Da kam Mabuse zu sich. Er stand auf, knirschte mit den Zhnen und
fragte: Was ist los?

Wir mssen warten. Suli ist sonst zuverlssig. Es ist etwas los.

Warten wir! Haben Sie die Waffen bereit?

Ja, wenn das Signal nicht kommt, wre es besser, wir gingen ins
Beiboot. Wir knnten dann zu den anderen Booten zurckrudern.

Hinter Romanshorn begann ein Scheinwerfer aufzudrehen. Er warf einen
Lichtbalken in den Himmel. Der Balken senkte sich, die Finsternis
durchtastend, genau suchend und verweilend, nach der Seemitte aufs
Wasser. Bald stieg er wieder rasch in den Himmel und fiel erbarmungslos
auf die Stelle zu, wo Mabuses Boot hielt.

Mabuse zitterten die Fugelenke vor Spannung.

Aber auf einmal blieb die Sule von Licht an einem hervorstehenden Haus
in Romanshorn hngen, dort, wo auf dem Hgel am Ufer die neue Kirche
war. Daraus sahen sie im Boot, da das andere Fahrzeug weit hinter
Romanshorn sein mute und keine Gefahr bedeutete. Ihr Boot blieb im
Dunkel. Im Bahnhof am Ufer hingen weit verteilt einige Bogenlampen. Ihr
Schein spielte fern auf dem schwarzen Wasser, wie blaleuchtende Leichen
schaukelnd, vergehend, wieder emportauchend.

Da sagte Mabuse streng: Nein, wir bleiben! Sagen Sie Georg, er solle
die Luftdruck-Mitrailleuse an den Motor anschalten.

Spoerri ging.

Unter dem Polster war ein Giftgas-Apparat. Mabuse zog den Schlauch
hervor. Der Wind kam von Sdosten, also dafr aus guter Richtung. Er
bereitete fr sich und seine Begleiter die Masken und versuchte den
ffnungshahn.

Da erschien am Ufer ein Licht, verging schnell, kam wieder, zuckte fort
und blieb dann.

Der Motor knurrte wieder an. Bald fuhr das Boot in den Bach hinein,
zwang sich zwischen Bumen weiter und stie dann sacht an. Der Motor
schwieg, und ein Mann reichte vom Land aus ein Tau.

Dann hrte Mabuse den Namen Dr. Ebenhgel. Ja, sagte Mabuse, er soll
ins Boot kommen.

Eine Gestalt trat aufs Boot herber. Doktor Mabuse, ich, Ebenhgel. Ich
komme gerade von Zrich. Mein Auto ist schuld, da Suli das Zeichen
nicht pnktlich gab. Die Grenzer-Automobile spuken jetzt jede Nacht
herum. Bekamen Sie mein Telegramm? Es ist etwas los. Der Schreiber hat
gewarnt. Er konnte nicht sagen, was es ist. Er erfuhr nur aus einer
Antwort seines Bureauvorstandes, da es ber das Generalkonsulat in
Zrich von der Mnchner Staatsanwaltschaft kam.

So, sagte Mabuse, mit zusammengedrckten Zhnen, das ist der
Staatsanwalt von Wenk. Warte, Herr Staatsanwalt von Wenk! Dann wandte
er sich an Ebenhgel: Ich war nie ohne Gefahr und bin nie darin
untergegangen.

Ich wollte sagen, da man nur von Mnchen aus die Gefahr neutralisieren
kann. Es soll nicht heien, wenn etwas schief geht, wir in Zrich seien
schuld daran.

Mabuse antwortete schroff: Wie sprechen Sie?

Die Sache ist fr mehrere Menschen wichtig.

Fr wen denn noch?

Zum Beispiel fr mich!

Mabuse zog eine weitlufige wegschiebende Gebrde durch die Luft.
Ebenhgel sog geruschvoll die Luft ein.

Ich habe nicht getrunken, fuhr ihn Mabuse an. Wie knnen Sie mich
wegen einer solchen Nichtigkeit diese Reise machen lassen!

Ich hielt es fr wichtig, Sie selber zu unterrichten. Alle Post wird
heute kontrolliert, Menschen sind unzuverlssig.

Wer bezeugt mir, da Sie zuverlssig sind? Sie sind auch ein Mensch.

Unsere gemeinsamen Interessen, Herr Doktor. Ich wollte nur sagen, die
Gefahr droht von Mnchen aus. In der Schweiz wren Sie sicher. Sie haben
ja Reichtmer aufgestapelt, die Ihnen erlauben, in jedem Land zu leben.
Bleiben Sie hier. Bei uns sind Sie sicher.

Was wissen Sie davon? Sie haben mein Vermgen zu verwalten, sonst
nichts. Nur zu verwalten! Basta! Noch etwas?

Der Rechtsanwalt berichtete ber seine letzten finanziellen Operationen
fr Mabuse. Mabuse nahm die Aufzeichnungen, die jener mitgebracht hatte,
an sich. Er schritt dann am Bachufer fnf Minuten auf und ab, allein, um
sich nach dem langen Fahren zu ergehen.

Ist Spoerri noch da? fragte er. Sie brauchen dann nicht nach Zrich
zu reisen, sagte er ihm. Ebenhgel nimmt die Mappe mit. Wir fahren
zusammen nach Schachen zurck.

Auf der Rckfahrt vermochte Mabuse nicht sitzen zu bleiben. Er ging
ununterbrochen auf der kleinen Plattform hin und her. Ein Lichtzeichen
blitzte vor ihm auf. Die drei Konvoiboote pochten wieder um sie. Ihr
Lrm ging verborgen in der Finsternis wie von Geistern.

Mabuse telephonierte durchs Sprachrohr nach vorn: Georg, Kognak! Das
hrte Spoerri, und er erschrak.

Mabuse trank in der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, die Flasche
leer. Er war betrunken, als sie an Land gingen. Er torkelte durch die
Finsternis dem Hause zu, den andern voran, die nach seinem Befehl fnf
Minuten warten muten, bevor sie ihm folgten. Wir trinken weiter,
befahl er im Speisezimmer. Bring! Georg!

Spoerri berfiel ein Gruseln. Er wute, wie es ging. Der Doktor wurde,
je mehr er trank, immer nchterner und grausamer. Spoerri selber mute
sich bis zur Bewutlosigkeit betrinken. Sie tranken nun Sekt zur Hlfte
mit Kognak gemischt.

Das ist aufgelstes Gold, stammelte Mabuse. Her! Grere Glser!
Georg! Die Pokale! Spoerri, ein Zug! Reislufer-Sohn! auf einen Zug!
Hundeblase, hinab! In deine Hundeblase! Er trank vor. Gefehlt! schrie
er, da er vor Spoerri fertig war. Noch einen! Du mut kotzen! Ich mu
dich kotzen sehn! Deine Seele ausspucken sehn, du halbverdautes
Menschenaas!

Spoerri trank, und in den Augwinkeln drehte alles kopfber in eine Tiefe
hinab, in die er selber zu fallen drohte.

Hast du gehrt, der Herr von Wenk? Staatsanwalt in Mnchen! Dein
Notizbuch! ... Beseitigungskommission ... Befehl des Generals, nein des
... Frsten ... Staatsanwalt Wenk. Nein, warte ... Zuerst der Herr Hull.
Der fing an ... Spoerri, Landsknecht, Gedrm, sauf'! So wie ich! ... Ja
... Hull, Hull, schreib': Gerhard Hull! Hubertusstrae 34. Ab mit ihm!
Der Reihe nach. Der zuerst! Wie sie's selber gemacht haben. Georg macht
es. Du hilfst! Die Carozza fdelt es ein. Such' Helfer! Schreib'! Befehl
des ... Frsten! Trink' ... Du ... des Frsten, hast du? H, welches
Frsten, Gedrm, beschmierter Stiefel, welches Frsten? du ... des
Frsten, des Kaisers von Eitopomar in Sd-Brasilien. Ein Wort aus seinem
Mund, und tausend Weibern bluten die Rippen, und fnfhundert Mnner
knnen nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebrde! Grinse nicht,
oder ich kastriere dich mit dem Glasscherben!

Er zerschlug seinen Pokal und bedrohte Spoerri mit den Scherben.
Schreib' i... ich, sthnte der, schreib' i... ich schon.

Tausend Weiber und fnfhundert Mnner! schrie Mabuse.

Doktor? fragte Spoerri zaghaft und durch seine sinnenfressende
Betrunkenheit voll Dumpfheit erschreckend. Wei i... ich jetzt nicht
... wei ... Hull! Ich? Hubertusstrae 34 ... Ich? Ist dir ernst,
Doktor?

Da stand Mabuse auf einmal, so betrunken er war, kerzengrad. Er brllte:
Dir? Dann schlug er Spoerri von oben herab mit der Faust auf die
Stirn, da der mit seinem Stuhl langhin auf den Boden fiel.

Will schlafen gehn, Georg! schrie er hinaus, von Wut zersprengt. Er
lie Spoerri bewutlos liegen, wie er hingefallen war, und ging.

Am nchsten Morgen sa Spoerri schon im Ezimmer, als Mabuse kam. Mabuse
hatte im Bett gefrhstckt. Zeigen Sie Ihre Notizen! befahl er barsch.

Er durchflog sie, fand Hulls Adresse mit trunken fallenden Buchstaben
dazwischen geschrieben und gab Spoerri das Buch zurck.

In Ordnung! sagte Mabuse.

Spoerri umkroch ihn wie ein Hund auf der ngstlichen Lauer vor der
Stiefelsohle.

Das tat Mabuse wohl. Das beruhigte und vershnte ihn. Er wurde
gesprchig. Spoerri ging es auf wie ein taubes kleines Glck, da der
Herr freundlich zu ihm ward, da der furchtbare Wille, der aus dem
groen Kopf dieses machtvollen Mannes auf ihn hmmerte, freundliche
Worte fr ihn herausbrachte und ihm Anerkennung gab.

Spoerri, sagte Mabuse, ich geh' mit Ihnen nach Konstanz. Es ist
wichtig, da die jungen Leute uns keine Dummheiten machen!

Da leuchtete Spoerri. Ja, wenn sie den Herrn Doktor sehen, dann ist
nichts zu frchten.

Die beiden blieben tagsber in der Villa. Mabuse trank, zwang Spoerri
aber nicht mehr mitzutun. Vor dem Mittagessen schon war er betrunken.

Spoerri war, md in Hirn und Blut von dem schweren Rausch der
vergangenen Nacht, auf eine berweiche Art um Mabuse besorgt. Er
versuchte heimlich mit naiven Kniffen, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber
Mabuse merkte das bald. Weg da! Die volle Flasche her! Da das nicht
noch einmal versucht wird! sagte er.

Er mute trinken. Er trank und feuerte seinen bsen, starken Geist an.
Seine Phantasie fand im Rausch die Einflle der groen Geschfte, wenn
sie von seinem Willen alle Ablenkung nach auen fernhielt und der Rausch
ihn in sich selber einschlo wie in eine Burg aus Tausendundeiner Nacht.

Das verstand niemand. Der Alkohol war ihm ein Mrchenerzhler, war ihm
der Strom, der in der Tiefe den Saft des Lebens trug und zum Schpfen
hinreichte. Er badete in ihm wie in der Liebe zu einer Frau, in
flieenden Abspannungen, neue Bahnen erspringend, ununterbrochen. Lste
alle Gesetze auf und lie ihn im Eignen uneingeschrnkt, hemmungslos
wachsend, ber alle Grenzen sich dehnen ... sein eignes System, seine
eigne Welt und Sonne.

Spoerri, wie gefllt dir Europa? lallt er.

O gut, Herr Doktor! antwortet Spoerri entgegenkommend unbesonnen.

Da brllt Mabuse ihn an: Du gehst nicht mit nach Eitopomar, meinem
Reich! Europa ist eine Filzlaus. Einer kriecht dem andern ins Fell. Alle
berkriechen sich. Sie ertrnken sich mit Petroleum. Alle die Filzluse,
die Schmarotzer, die Stinker, die Heimlichen, die Hautjucker. Mit
Petroleum, weil sie wissen, daran krepiert man nicht. Eine Hautpore ist
schon ein Krater fr sie. Aber wenn ich in Eitopomar sein werde ...
Spoerri, du gehst nicht mit! Ich geh' jetzt schlafen. Bis nachher.

Mabuse torkelte hinaus. Im Schlafzimmer auf seinem Bett, angekleidet,
lie er noch einige Minuten, als sei er selber Weltall, befreit von
Grenzen und Rumen, die Ausbrche seines Willens ber sich flieen, Lava
und Urschlamm, kochend durch tausend Nchte dem einen Tag entgegen, der
ihm in dem fernen Reich alle Macht ber Leben und Tod von Tieren,
Wldern und Menschen in seine beiden gierigen Hnde geben sollte.

Abends, als die Dmmerung eingebrochen war, fuhren sie nach Konstanz.

Mabuse war nchtern, schweigsam und mrrisch. Seine Vorstellungen
bearbeiteten schon mit harten Schlgen, die in seinen Nerven fhlbar
widerzitterten, das Rudel junger Burschen, das in dieser Stadt, die in
die Grenze eingespiet lag wie eine Zecke, seit dem Waffenstillstand fr
ihn ttig gewesen war. Von dieser selben Stadt aus hatte er begonnen,
als der Krieg ihn aus dem eignen und selbstherrlichen Reich seiner
Pflanzung auf der Salomonen-Insel nach Europa zurckgeworfen hatte und
er sich hier mit der sprengenden Macht seines Willens nicht besser
zurechtfand als damals, da er, nach dem Examen, die Sdsee gegen eine
Arztkarriere in einer sddeutschen Stadt getauscht hatte.




                                  VI


Wenk erwachte an einem Gefhl von Klte, das ihn mit Schauern
berhpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die
entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich.
Ein taumeliges Gefhl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch
seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die
Schlogebude durchleuchteten die Nacht.

Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mute rechts und
links und hin und her springen, um seinem Krper wieder Wrme
zuzufhren. Wie spt war es?

Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen.
Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein
Notizbuch. Er war einem Ruber in die Hnde gefallen. Sonderbar ... wie
war es gegangen, da er mit dem Leben davongekommen war?

Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er fate sich an den
Kopf und drckte die Schlfen fest, um des verzweifelten Gefhls Meister
zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen
Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Plne ... Das erste,
was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze
Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...

Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen knnte! Er
strmte, da ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und
fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nchsten Bahnhof? Aber wie
spt ist es? Vielleicht ist es fnf Uhr, vielleicht erst eins! Und der
erste Zug? Warten ... vier, fnf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof
warten!

Sollte er nicht jemand im Schlo wecken? Dann mte er erzhlen.

Nein, das htte keinen Zweck. Jetzt Lrm machen! Der Chauffeur hatte im
Auftrag des Blondbrtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener
ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und khn
voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, da einer, der
irgendwie verdchtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise
auf die Nieren geprft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub
sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, da er sich ins Polster
setzte, ffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen,
als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war
viel einfacher und sicherer. Der Fhrer konnte den Gashahn ffnen von
seinem Sitz aus. Natrlich war es so!

Whrenddessen ging Wenk schon auf der Landstrae, und zwar erst im
halben Bewutsein seines Entschlusses, zu Fu in der Richtung auf
Mnchen zurck. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mute er stehen
bleiben, um ein Gefhl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich
seiner bemchtigen und ihn auf der Strae niederpressen wollte.

Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das fr ein Gas, das so
rasch wirkte und so unschdlich war? Man htte ihn ebensogut in ein
tdliches Gas setzen knnen. Dann wre man ihn sicher los gewesen!
Weshalb nur in ein betubendes Gas?

Sollte es eine Warnung sein?

Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von
ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was
stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle
Erlebnisse in den Spielhusern mit dem Blondbrtigen und dem alten
Professor und im Palasthotel. Und alle Huser, in denen gespielt wurde!
Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglckt. Das war
davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.

Er ging schneller und schneller. Die Huser schliefen in der Landschaft.
Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraen schliefen. Sie kamen ihm
wie blasse Lindwrmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf
den flachen ckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in
der Finsternis zur Strae heraufleuchteten, als seien sie in einem
geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten,
wer darber ginge. Es schauderte Wenk.

Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er
sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam
vollkommen erschpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern
aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewutlosigkeit, aus der heraus er
unvermittelt in strkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.

Der erste Einfall, der ihm kam, war der, da sein Leben von jetzt an auf
dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverstndlich. Er
kmpfte mit dem Bsen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze
zwischen Sein und Zerstren war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des
Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nchsten Augenblick:

Darber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der
Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung,
mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des
Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglckt
war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufhlen
... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber
auch an ihrer berwindung.

Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter
verschanzen mssen, da er sein Leben und seine Kraft von vornherein in
ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm berlegen. Der
Gegner arbeitete im Finstern.

Waren Wenks Hnde stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was
an dunkeln Mchten sich ihnen entgegenwlzte, um sie zu zerquetschen?
War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als
Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der
Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Hllenscho der
Schpfung und heraufbrach ber die Welt und seine Heimat.

Er sah ein, da er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen
mute, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mute seine
Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht,
wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Krfte bercksichtigen,
die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mute Helfer
im Lager des Feindes holen gehen.

Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und
zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja,
sie sa da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. Sie
spielen nicht, Herr Staatsanwalt? fragte sie.

Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das
Spiel.

Das Beobachten, lachte sie leis zurck, ist bei einem Staatsanwalt
nicht gut ... fr die Mitspieler!

Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht
gesagt sei, spttisch oder lauernd, darber fand er sich nicht zurecht;
jedenfalls im Dienst eines andern. Der sa wohl da und spielte mit. Ja,
vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.

Er beobachtete sie. Sie sa aber gelassen und unttig da. Sie gab ihre
funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: Sie
sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein
Bann ist beschworen fr den Mitspieler!

Er sagte fr den Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt,
blickt ihn rasch an. Er wei etwas von ihr. Er wunderte sich, da er so
khl berechnend mit ihr verkehren konnte.

Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem
gesellschaftlichen Lcheln entgegen.

Sie ist schn, und es ist etwas von heimlicher, zurckhaltender Kraft an
ihr. Die Mnner spielen um Geld. Es wre mnnlicher, wenn sie um diese
Frau spielten, dachte er sich.

Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herber
und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: Ich war
an dem Abend hier, als Basch verlor!

Ich wei ja, antwortete Wenk befremdet und fragend.

Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.

Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!

Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull
kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am
Abend mit dem alten Professor, wei ich nicht recht, da war eine
atmosphrische Strung ... Nicht wahr? fragte sie auf einmal mit einer
schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswrdigkeit.

Wenk war betreten. Er fragte zurck: Am Abend mit dem alten Professor?
Mit welchem alten Professor?

Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen, lchelte sie schelmisch.

Da sah Wenk ein, da sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttuschtes
Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darber traurig zu sein, da sie ihn
erkannt habe.

Sie waren gut maskiert, sagte sie. Aber ich konnte nicht glauben, da
in Mnchen zwei solcher kleinen sen Affen auf einem Pfirsich seien,
die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat.
Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen
Brillanten an den dummen Mnnerfingern so wohlgetan.

Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: Da es
nmlich auch in unsern Kreisen -- wobei sie rund um den Tisch blickte
-- Mnner gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...

Ihre sprudelnde Ironie, entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend,
verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon da Ihnen mein Ring auffiel und
da Sie seine Heimat so richtig schtzen, verlegt auch Sie in andere
Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.

Ich war Stewarde auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja
nun Schiffe und Beruf weggenommen!

Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, da Sie sich von Ihrem
frheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?

Ich bin nicht dumm! lchelte sie.

Es gibt nichts, was unntiger zu versichern wre, Frau Grfin.

Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schnen Frau, in dem
es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewut, wer sie
war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich
dick tun mit seinem Wissen, da sie an solchen Orten heimlich verkehrte?

Wenk lachte heraus: Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch
aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Grfin? ... sagte Sherlock
Holmes. Wir sind quitt, Gndigste. Wir wollen beide uns bessern und
vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen
dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in
Ihre Taschentcher, Frau Grfin ...

Sie machte erregt: Pst!

Aber auch dies Mimikry wird nichts nutzen!

Ich verstehe Sie nicht!

Sie wollen mich zwingen, Ihnen Schmeicheleien zu sagen. Ich suche
vergeblich nach einer Fabel, um meinen Gedanken ein Kleid zu geben, das
erlaubt, Ihnen unter einem Symbol zu sagen, da man die >Grfin< nicht
in sich unterdrcken kann.

Gleich wird er mich zum Souper einladen! Er will ein Abenteuer mit mir!
sagte sie sich. Sie fhlte sich dadurch sehr aufgeheitert. Sie war
hierher das Lebensberschu stillende Abenteuern um nichts suchen
gekommen, unter ihrer Maske, und fand einen Staatsanwalt.

Den Umweg ber Schramms htte ich dazu nicht ntig gehabt! lchelte
sie bei sich.

Am Tisch ging das Spiel heute ohne Sensation. Sie beschlo den
Seitensprung zu machen, wenn der Staatsanwalt dorthin mndete.

Sie sagte ihm spttisch: Sie vermgen Ihre Schmeicheleien in eine so
gute Maske zu kleiden wie sich selber, Herr Staatsanwalt. Ich mu sie
annehmen, da Sie mich unerkannt berrumpeln.

Ich meine nur, beharrte Wenk, auch die Entfernung der Krone von Ihrem
Monogramm entfernt nicht, um ein beliebtes Wort zu gebrauchen, den Adel
von Ihrer Stirn.

Ich hoffe, Sie maskieren sich noch immer!

Als entzckter Leser sentimentaler Romane, meinen Sie. Allerdings,
Gndigste ... Aber ist dies der Ort, unser Gesprch fortzusetzen, das
vielleicht sich nach einer ernsteren Wendung sehnt?

Sie antwortete und blickte ihn dabei von oben an, hochmtig und
berlegen: Das will sagen, Sie laden mich zum Nachtessen ein!

Das wollte ich eigentlich nicht sagen, weil ich es nicht wagte, wandte
Wenk rasch ein, da er sie erkannte. Er sprte, sie meine, er wolle ein
Liebesabenteuer mit ihr einfdeln. Mit dem blichen Weg ber das
Nachtessen mit Champagner. Jetzt darf ich, sagte er sich, um sie zu
gewinnen, ihre Meinung nicht ganz tuschen und zugleich aber auch nicht
ihre Vermutungen erfllen, und da sie mich erraten zu haben glaubt, ihr
dann das Gefhl einer berlegenheit ber mich lassen. Sie darf mich
nicht als dummen Kerl ansehn. Das Taschentuch mit der Krone scheint echt
zu sein. Wegen Geldes kommt sie nicht. Denn sie spielt nie. Also bringt
sie einer der Anwesenden her oder irgendein Abenteuer, das ich
herausfinden mu. Was es auch sei, ich mu, um sie mir zu gewinnen,
strker sein als das Ungewhnliche, das sie hierher fhrt.

Was knnen Sie mir anbieten? fragte sie ein wenig frivol.

Aber es war Wenk, als empfinde er etwas von Wesenhaftem hinter dem
leichtsinnigen Ton. Da antwortete er rasch, ganz intuitiv, und sobald er
es gesagt hatte, frchtete er, es sei milungen: Groe Abenteuer!
Wirklich groe Abenteuer!

Mit Ihnen? fragte sie dagegen, ebenfalls ohne sich zu besinnen. Als
Liebhaber oder als Staatsanwalt?

Mit mir als Detektiv!

Knnen Sie das? fragte sie wegwerfend.

Soll ich Ihnen einige Proben geben? Ich bin gestern nacht in ein Auto
gelockt und im Schleiheimer Park durch Gas betubt bei vier Grad Klte
auf eine Bank abgeladen worden. Schon heute, vierundzwanzig Stunden
spter, wei ich, da der Mann, der es tat oder tun lie, derselbe ist,
den Sie krzlich als alten Professor spielen sahen, und da dieses
gelehrte alte Haus derselbe Mann ist, der mit einem blonden Vollbart vor
Ihren Augen hier Basch sein Geld abnahm.

Ist das wahr? fragte sie mit einer schweren Stimme.

Ja.

Der ... da ... sa ... mit dem rtlich blonden Vollbart!

Der wie ein Raubtier vor Basch sa ... ja!

Und was soll ... ich? Was ... soll ich dabei tun?

Mir helfen diesen Mann suchen, von dem die Menschen befreit werden
mssen.

Ich bewundere ihn!

Ich miachte seine Kraft nicht. Aber es gibt auch Krfte, die bse sind
...

Und menschlicher und grer demnach als die, die sich gut nennen! rief
sie, und ihre Bste, schlank und voll reifster Jugend, straffte sich in
Auflehnung vor Wenk auf.

Ich verstehe Sie jetzt, gndige Frau. Hren Sie: Nicht menschlicher und
nicht grer ... Kraft ist Kraft. Man kann nicht ihre Ausmae zum
Abmessen nebeneinander stellen, sondern nur ihre Wesenheiten. Menschlich
ist alles, gut wie bse. Die bse Kraft bringt immer nur aus der
Zerstrung guter Krfte Vorteile, und diese Vorteile immer nur fr den
Zerstrer allein. Die gute Kraft trgt Nutzen zu allen, ohne ihrem
Besitzer jenen realen, rohen Gewinn abzuwerfen, den allein der Ausber
bser Krfte zu erreichen trachtet. Welches ist die edlere? Das mssen
Sie sich fragen und ihr folgen, wenn in Ihrem Temperament ein berschu
an Krften ist, die Sie in der Gesellschaftsordnung, der Sie angehren,
nicht ttig machen knnen und aber auch nicht brachliegen lassen wollen
... Man wird brigens auf unser Gesprch aufmerksam. Ich vermute, der
Blondbrtige hat berall Agenten. Erlauben Sie mir, von Ihnen Abschied
zu nehmen und von Ihnen eine Gelegenheit zu erbitten, unsere
Unterhaltung fortzusetzen.

Kommen Sie mich morgen besuchen! Zum Tee, bitte. Nach Tutzing. Grfin
Told.

Sie gab ihm die Hand. Wenk, dem der Name die Zusammenhnge bei der
Flucht in jener Nacht, da der Graf Told hereingekommen war, berraschend
erklrte, kte die schmalen Finger, mit einem Male hemmungslos ihrer
Schnheit hingegeben und wieder mit dem gaukelnden Gedanken spielend:
Weshalb Menschen jagen und nicht diese Frau lieben?

Von diesen Vorstellungen erfllt, ging er.

Als die Grfin allein war, sagte sie sich: Wir Frauen haben keine
Phantasie. Es ist wahr. Das Abenteuer suchte ich zwischen den vom Spiel
Aufgefressenen, und als es kam, glaubte ich an einen Liebeshandel. Aber
siehe, dieser ist ein Mann! Er setzt sein Leben an seine Aufgabe, und
mehr als sein Leben hat kein Mensch zu vergeben, und auch nichts
Strkeres und nichts Schneres als sein Leben! Wenn mir die Mglichkeit
kme, dies zu tun!

Sie war entschlossen, Wenk zu folgen, und war ganz seinen Gedanken
anheimgegeben. Sie schob ihr Leben, wie sie es bisher gefhrt hatte:
tagsber Dame und nachts auf der Jagd nach dem Erleben khner und
dunkler Dinge, die sich nie erfllten, weit von sich.

                   *       *       *       *       *

Wenk fand am nchsten Morgen unter seiner Post ein kleines
eingeschriebenes Paket. Als er es ffnete, lagen seine Uhr und seine
Brieftasche drin mit allem Geld. Nur das Notizbuch fehlte. Auf einem
Zettel war in Maschinenschrift folgendes zu lesen: Ich bin kein
Leichenfledderer. Die Sachen, die mein Angestellter irrtmlich von Ihnen
nahm, erstatte ich Ihnen hiermit zurck. Das Notizbuch behalte ich, weil
sein Inhalt mich angeht. Balling.

Wenk war nicht berrascht. Jener spielte um Zehntausende. Was waren ihm
einige hundert Mark und eine goldene Uhr? Auch die Gewiheit, da der
Anschlag wirklich ihm und in engerem Sinne seinem Notizbuch galt, hatte
er zu bekommen ja nicht mehr ntig gehabt. Er schob die Uhr und die
Tasche ein und setzte seine Gedanken wieder in Trab hinter der lockenden
Grfin her.

Nachmittags wurde er von ihr empfangen. Sie wohnte in einem groen
Hause, das sehr reich, aber mit einem Geschmack eingerichtet war, der
Wenks Empfinden verletzte. Denn seine Vorstellungen ber die Grfin
hatten seit gestern einige Fortschritte gemacht, die es ihm angenehm
gestaltet htten, wenn er sie mit sich in einer strkeren
bereinstimmung gefhlt htte, als die Einrichtung dieses Hauses sie
bewies.

Gleich an der groen Hallenwand hatte ein Pinsel Menschenakte zu
verdehnten Prismen und springenden Kurven, zu Maschinenteilen und
Ochsenvierteln zerfleischt. Farbenklatsche standen da aneinander und
versuchten den Eintretenden zu zwingen, an die Wut des Temperaments zu
glauben, das sie verfertigt hatte. Ach, ihr seid ja klein und khl,
ihr! sagte Wenk zu ihnen hinauf. Man kann irgendeinen unter euch
herausnehmen, und der daneben hat nicht so viel Blut in den Adern, da
er das Verschwinden seines Bruders merkte. So kalt seid ihr.

Der Diener, in einem Kostm, dessen dunkle Strenge vornehm von einigen
kleinen Silberknpfchen und blauen Litzchen aufstilisiert war, nahm ihm
Mantel und Hut ab und ging voran. Die Grfin erwartete ihn am Teetisch.

Wir sind nicht lange allein, sagte sie, mein Mann kommt um fnf Uhr!

Aber Wenk war von der Aufplusterung dieses Hauses die Laune genommen
worden.

Bevor er antwortete, warf er einen flchtig hinweisenden Blick auf die
Wnde des Zimmers.

Die Grfin lachte nur. Das ist mein Mann, sagte sie. Ich halte das
alles fr Idiotien. Was soll denn schlielich daraus werden, wenn man
eine Bluse malt, an einigen frischgestrichenen Scheunentoren abwischt
und dem Beschauer sagt: Sinfonie von Beethoven? Aber, lassen wir jedem
das Seine. Oder ist der Herr Staatsanwalt auch expressionistisch?

Ich kann das nicht behaupten, antwortete Wenk. Sie behaupten, sie
seien das Neue und das andere. Aber unter sich fhren sie alle doch
dieselbe Geheimsprache. Unser Erlsendes aber kommt nur von einer
Persnlichkeit!

Sie wollen erlst sein? fragte die Frau. Erlsen Sie sich denn nicht
selber? In Ihrem Beruf? Ich meine, in Ihrer Ttigkeit? Eine andere
Erlsung, eine Erlsung von auen gibt es doch nicht!

Das ist wahr, sagte Wenk einfach und hatte das Bild der Frau wieder
eingeholt, das ihn seit gestern verfolgte und ihn beim Betreten des
Hauses verlassen hatte. Das ist brigens dasselbe, was wir gestern
besprachen, als wir von der Wage der Krfte des Guten und Bsen redeten.
Und das wollte ich Ihnen heute nochmals sagen.

Ich habe Sie wohl verstanden, entgegnete die Grfin. Ich kann es
Ihnen ja eingestehen: Anfangs dachte ich, Sie suchten ein
Liebesabenteuer. Das war mir sehr lustig. Denn wei Gott, ich suchte
etwas anderes in den Spielhusern.

Sie werden, was Sie suchen, in meinem Werk finden, Frau Grfin, wandte
Wenk rasch ein.

Da stand lautlos pltzlich der Diener im schwarzen Anzug mit den
Silberknpfchen und den blauen stilisierenden Litzchen hinter dem Sessel
der Grfin und neigte sich flsternd zu ihr.

Die Grfin sagte zu Wenk: Mein Mann! Sie sah Wenk ruhig und verweilend
an, und als der Graf kam, stellte sie die beiden Herren einander vor.

Der Graf Told war ein bermig schlanker, mit einer bertriebenen
Lebhaftigkeit wirkender Mann. Er war auffallend jung. Er war mit
Anspruch elegant gekleidet. Er hatte ein besonderes Spiel der Hnde,
wobei ein Ring immer wieder in den Vordergrund kam, in dem ein Stein
eingelassen war, wie ihn Wenk niemals gesehen hatte.

Es mochte ein Rauchtopas sein, aber von blutigen Blitzen durchzuckt,
die, milchig an den Rndern verlaufend, die kleine klare Honigglut des
durchsichtigen Gesteins berschrien. Und mittendrin, wo sich all die
grellen Blitze trafen, hoben sie ein Perlchen hervor, eine Insel, nicht
grer als eine winzige Linse. Die aber war von einem Blau, da ein
Saphir melancholisch wurde und ein ... Das dachte sich Wenk und wandte
keinen Blick von dem Stein.

Er ist ein wenig zu gro fr meine Hand, sagte der Graf, der die
Blicke des Besuchers auf diese Weise beantwortete, aber der Stein ist
so ... wie soll ich seine Ungewhnlichkeit bezeichnen ... nun, ich sage
nichts anderes, so wie eine Erzhlung von Endivian, der Ihnen gewi
bekannt ist, und von dem ich ihn auch habe. Er brachte ihn mit aus
Penderappopimur.

Ist das jetzt der modische Edelsteinhndler? fragte Wenk, der ein
wenig betroffen und keineswegs im Bild war.

Herr von Wenk, sagte die Grfin ernsthaft ... Endivian ist jetzt der
modische junge Goethe dieses Vierteljahrs. Dann lachte sie: Nein!
Endivian, der Dichter, bekam den Stein am Hof Abtimurksers II. statt des
Bechers aus dem Gedicht seines geistigen Vaters ... Sie wissen: Die
goldene Kette gib mir nicht. Und als er zurckkam, schrieb er ihn aus in
Deutschland, sozusagen, wie der Papst die Tugendrose: sein grter
Bewunderer sollte ihn haben. Die Wahl traf meinen Mann. Besser, er htte
mir ihn gegeben.

Weshalb schwrmst du nicht fr ihn wie ich? fragte mit mildem Lcheln
der Graf Told und voll Verliebtheit sie anblickend.

Peter Resch hat seine papiernen Lenden angedichtet. Das gibt dir darauf
die Antwort! lachte die Grfin zurck.

Pfui, Peter Resch, sagte der Graf. Er ist einer von den arrivierten
Impressionisten. brigens habe ich eine neue Erwerbung gemacht,
Liebste.

Bei den Juryfreien?

Kann man anderswo noch Bilder kaufen? Da ist berhaupt nichts mehr ...
Und man hat die ganz klare, unzweifelhaft eindeutige Empfindung: Wenn
dies Malertemperament doch auch noch auf die Farben verzichten knnte
... Es ist der Beginn der Abstraktion von allem, was zur Vermittlung der
Vision eines fremden Bewutseins Hilfsmittel braucht, die in der
Schpfung auerhalb der betreffenden Kunst liegen.

Scheinbar ernsthaft erwiderte die Grfin: Gott sei Dank, man kommt
weiter. Wenn wir nun auch auf dem Gebiet der Musik das Genie in Aussicht
htten, das auf den Lrm der Tne verzichten kann, um sich mitzuteilen,
so wre die Welt an ihrem Ziel angelangt.

Der Graf schwrmend: ... Eine hehre Atmosphrenlosigkeit ... in zwei
Blau ... die sich gegenseitig wie auf einer Himmelsleiter zwischen Sturm
und Blitz in die Weltharmonie schleudern ...

Worauf Gott seinen Thron verlt, lieber Herr Staatsanwalt, sprechend:
Mein Geschpf hat mich berholt, adieu!

Auf diese Weise ging das Gesprch noch eine Weile weiter, und es blieb
Wenk eine Stunde spter nichts anderes brig, als sich zu empfehlen. Er
war traurig, als er nach Hause fuhr.

Kaum sa er eine Viertelstunde an seinem Tisch, als ihm ein Brief
bergeben wurde. Er las:

                    Sehr geehrter Herr von Wenk,

   es tut mir leid, da unsere Zusammenkunft anders verlief, als wir
   beide gedacht hatten. Nicht deshalb schreibe ich Ihnen, denn wir
   knnen unsere Gesprche an einem andern Ort und zu einer andern
   Zeit ja wieder aufnehmen. Aber es knnte sein, da Sie unser Haus
   mit der Empfindung verlassen haben, als ob mein Mann so etwas wie
   ein >kleiner Narr< wre. Auch in meinen Augen. Ich bin daran
   schuld, und ich habe deshalb solche Eile, Sie zu beschwren,
   diese irrtmliche, durch mich verschuldete Einschtzung eines
   Menschen nicht in sich festsetzen zu lassen. Es ist wahr, mein
   Mann kauft expressionistische Bilder. Aber das ist mehr
   symbolisch aufzufassen. Ich habe immer gefunden, je >nrrischer<
   ein Mensch beim ersten Zusammentreffen erschien, um so heftiger
   nherte er sich einem, wenn man ihn in ernsteren Augenblicken
   wieder traf.

   Auf Wiedersehen ... wann? und wo? ... Ihre

                                                    Grfin Dusy Told.

Dusy heit sie! sagte Wenk laut vor sich hin. Lieb' du sie! Kss' du
sie! ... Toll! ... Es berkam Wenk wie ein Strudel eines heien Klimas,
nach dem er sich immer sehnte ...

Dann stand er auf, schttelte die feuchten, warmen Schauer von sich und
sagte bissig gegen sich selber: Das ist ein lieblicher Weg zu dem
Verbrecher ... ber die Verliebtheit in eine schne Frau.

Der Fernsprecher lutete. Hier Hull!

Hull teilte ihm mit, es sei ein neuer Spielsaal erffnet worden. Er
msse den kennen lernen. Der Saal sei nicht nur frs Spiel im groen
eingerichtet, hundert Personen mindestens, sondern er sei mit
mechanischen Vorrichtungen versehen, die bei einem Erscheinen der
Polizei ihn in ein Variet umndern knnten. Davon sollte allerdings
auch er vorlufig noch nichts wissen. Aber die Carozza habe einen Brief
bei ihm liegen lassen. Sie sei ja stets ber alle Sensationen in diesen
Kreisen auf dem laufenden. Sie sollten auch Karstens mitnehmen. Nur
wisse Hull die Adresse des Saales nicht. Sie mten sich der Fhrung der
Carozza anvertrauen. Von seiner Kenntnis des Briefes wisse die
allerdings nichts.

Es wurde eine Zusammenkunft verabredet, und um zehn Uhr fuhr Wenk ins
Caf Bastin, von wo aus man hinwollte.




                                 VII


Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der
hlichen, gleichmigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von auen
zeigte es eine unauffllige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der
Laden- und Mietshuser. Die Rollden vor dem Geschft zu ebner Erde
waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht
lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines
Geburtsjahrs: 76!

Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine
schwrzliche, ausgebrannte Glhbirne mit jener traurigen
Gleichgltigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter,
oft wechselnder Bewohner solcher Huser teilten. Man erstieg zwei
Treppen. Eine massive Tr ffnete sich vor ihnen, und aus einem
Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der
Bruder der Treppe. Er war gnzlich leer. Ein billiger Lufer,
abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwstung, schwarz
und wei gewrfelt durchlief ihn. Die Wnde waren mit gealterten Tapeten
beklebt. Lustig, sagte die Carozza. Aber wartet nur!

Da schwang vom Flur aus eine schmale Tr sich auf. Ein Quell von Licht
strzte in die armselige Dsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den
Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Bfettischchen tat
sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen
saen da, fremd. Man legte die Mntel ab und ging durch in den
Spielsaal.

Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den
Promenadenraum der bekannten Pariser Variets. Man sah durch Luken oder
Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der
Spieltisch. Er war von enormem Ausma.

In der Mitte war eine kreisrunde ffnung, in der ein breiter Drehstuhl
stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die
Pltze fr die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge -- es gab
solche fr eine Person, fr zwei und fr vier -- lag in abtrennendes
Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte
man sich vollstndig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser
Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollstndigte den Apparat.

Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt
oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frnen.

Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf
jeder stand ein Wgelchen. Es war zur Befrderung des Einsatzes und auf
der Rckreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man
durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf
befrderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.

An der Decke, die kreisrund ber dem Tisch von den Logenwnden umspannt
war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen
waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus
Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben
bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung
gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer,
der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke go.

In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit
dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so da stets ein helles
Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief,
verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande,
das, je rascher der Lauf, um so strker vervielfacht erschien.

Das Ziel war durch eine dnne Leiste von Glhbirnchen gebildet, die in
die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln
angebracht, durch das man untrglich den Sieger erkennen konnte.

Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge fr vier
Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens
saen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren.

Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefllt hatten, erhob seinen
sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer
mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend,
hielt er folgende Ansprache:

                     Meine Damen, meine Herren!

Dies ist das Haus >Fort<. >Fort< vereinigt die Wurzel von stark und von
Glck. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat
versucht, ihren gesteigerten Ansprchen gerecht zu werden. Sie knnen
hier spielen: Solo! ^ deux! en compagnie!^ Wie Sie wollen. Solo, indem
Sie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen,
gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja
ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar ... Sie knnen, wenn Sie
sich lieben und in der Verbindung der Herzen eine ^captatio
benevolentiae^ fr das Glck sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden
in die dstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der
elegante Kavalier gerade seine Dame ... vermute ich natrlich nur; denn
ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett
errichteten Zahlen, die auf das Glck gesetzt werden ... An der Decke
finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel
mchte ich es nennen, denn auer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur
Verfgung. ^Les petits chevaux^ des Hauses >Fort<. Einer unserer ersten
Knstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften
ununterbrochen begegnen, hat sie fr unser Haus >Fort< geschaffen und
sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint, die
strkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von
jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish
macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche
Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel,
ber Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen
Schatten. Von unseren ^petits chevaux^ kann man das nicht sagen. Schauen
Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu
einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen
Absichtlichkeit unserem Hausknstler hchste Ehre macht ...

Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem
Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hbsches, spielerisches Bild.

Langsam liefen die Pferde aus.

Auf das htte ich gesetzt! rief eine Frauenstimme, als der
Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten
auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glhbirnen
gebildet.

Der Bankhalter:

Ihrem Glck wollen wir nicht lnger, Gndigste, einen Damm der Geduld
vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses
>Fort< bekanntgemacht habe. Was ... er erhob die Stimme ... tten Sie
jetzt, meine Herrschaften, wenn pltzlich die Polizei in Ihre Logen
eindrnge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer
Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen,
die man einen ^Garde-Police^ nennen knnte. Das Haus >Fort< mag ruhig
der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert
werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drcke ich die
ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie ...!

Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter
Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf
neben sich. Einen Augenblick spter setzte sich die Platte des Tisches
in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geruschlos und rasch. Der
Redner sank mit hinab. Die Logen blieben. Aber von der Decke glitt das
Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen
vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke spter tanzte auf einem
neuen Fuboden ein Quartett von nackten zwlfjhrigen Kindern zu einem
Spiel von Geigen und Flten, das irgendwo im Unsichtbaren pltzlich zu
erschallen begann.

Ein Trupp von Mnnern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet
waren, strmte auf die Logen zu, schreiend: Man hat uns gesagt, hier
werde gespielt! Wo wird gespielt?

berall lachte man in den Logen. Die Mdchen tanzten. Die verkleideten
Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack
da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mdchen hoch. Eines
machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus
der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und
einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mdchen nicht. Der Boden schlo
sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in
der Spielarena war wieder der befrackte Redner.

Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der
Polizei -- die nackten Mdchen! Im brigen, wenn es einmal ernst wrde,
htten sie rasch ein Tchlein um. Auerdem ist wchentlich
Programmwechsel ...

In diesem Ton redete er noch eine Weile.

Das ist ja dummes Kino, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens
vorbeugte, diesem ins Ohr. Allerdmmstes Kino! Wenn die Polizei kme,
htte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.

Karstens zuckte nur mit der Schulter.

Wenk fragte sich, was fr einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge
unmglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die
Auslagen mten doch geradezu enorm gewesen sein.

Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und
hrte.

Entzckend! rief die Carozza ein bers andere Mal. Unsere Zeit ist
genial, was? Hier werden wir Stammgste. Gardi, wie? Auf welches setzt
du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin fr schwarz, Gardi!
Weil du so blond bist!

Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu.

Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen ...
Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische
Trffeln auf Straburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvgel ...

Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trffeln, aus denen diese s
hervorduftete, sagte Karstens: Unsere Mark notiert heut in der Schweiz
sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt
scheint.

Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes! sagte Wenk.
Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er
a nicht.

Die Carozza trillerte. Hull begann allmhlich sich zu schmen, jetzt, wo
seine Genusucht von dem Bewutsein eines andern sozusagen kontrolliert
wurde. Er beschlo, am nchsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk
zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein,
die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grn und Feuer
schillerten, und die eine russische Frstin verkaufen wollte. Die
Frstin hatte ber die Bonbonniere Anschlu an die Carozza gefunden. Sie
versuchte auf die Bretter zu kommen.

Schlu! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht
wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch ... Sie soll ...
sagte er sich ... Ich geh' ins Kloster lieber, als ...

Eine Trffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie krnig noch einmal ihren
Wohlgeschmack zwischen den Zhnen wiederholte und ihn der ganzen
Mundhhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich
kein getrffeltes Aspik mehr zu essen bekme ... Was ja nicht gesagt ist
... brigens!

Wenk stand pltzlich auf und ging. Wohin? rief die Carozza. Sie war
mit einem Male erregt.

Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von
Wenk, der den Saal ungestrt verlassen konnte. Im Vorzimmer nahm er
rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schlo die
Haustr vor ihm auf. Bevor er aber ffnete, schaute der Diener durch das
Guckloch, das in die Tr eingelassen war, auf die Strae.

Da machte er ungeheuer aufgeregt: Mein Herr, ein Polizist!

Aber er ffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grte ihn.
Wenk sah, da der Beamte lachte. Der Diener in der Tr lachte auch. Der
Polizist war vom Haus Fort hingestellt worden. Wenn ein wirklicher
Polizist in die Strae wollte, erklrte der Hausdiener rasch dem
Davongehenden, sah er, da sie schon bewacht war, und ging.

Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte.
Er war entschlossen, dies Haus schlieen zu lassen. Nur wollte er
verhindern, da das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt
gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der
Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt
wei Gott was fr raffinierte Lasterhhlen.

Er berlegte whrend der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Mglichst
ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irrefhrung
des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so hnlich.

Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem
Haus Fort und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das
mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der
ffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne da sie merkte, was es
eigentlich war.

Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang
mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer pltzlichen
Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit
einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bhne mit
Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein.
Ruhelos den nervenauftreibenden Nchten ergeben und in einem Leben
zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tnzerinnenbett Erfllung suchend,
wo es ihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und
Selbstverstndlichkeit einen Gutshof gefhrt oder ein angesehenes,
ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt htte, wenn er
nur den Dreh gefunden ...

Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren
Brger, zur Behbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel
waren und die Nerven in kleinen, dnnen Bndeln sich zwischen arme Adern
verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen,
fr den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war ... diese
Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrhe!

Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses.
Der Beamte, der Herrn Hull zu berwachen htte, sollte sich gleich
hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch she, als den Herrn im
Auge behalten, sobald der das Haus verliee.

                   *       *       *       *       *

Aber mitten in den festen Schlaf hmmerte das Telephon am Bett. Es war
zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. Hier
Staatsanwalt Wenk! rief er, und er wute, von einem Zusammenhang
gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den
Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, da dieses
Gesprch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort
vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner
verhngnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll
und gewaltsam hervorzerrte.

Hier Staatsanwalt Wenk! rief er nochmals und war erregt durch seinen
ganzen Krper.

Ja! antwortete eine Stimme, hier der diensttuende Polizeikommissar!

Rasch! sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was
lauerte? Was lauerte?

Die Stimme jenseits des Drahts berstrzte sich: Der Herr namens Edgar
Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht
ermordet worden. Auf der offenen Strae! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer
Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu
berwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus
transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf
Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten
habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt
persnlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn
Staatsanwalt. Schlu!

Schlu! zitterte Wenks Stimme nach.

Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk strzte
durch den dunklen Treppengang hinab, verga Licht zu machen. Dann, als
er das Auto in der finsteren Strae hrte, seine Umrisse sah, bi er die
Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemt
diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht
nachzugehen ber die Blutlache in der nchtlichen Strae hinweg, sich
ganz einsetzend, um ganz handeln zu knnen.

In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln:
Ich htte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich mu es
so weit bringen, da ich meinen eignen Tod ohne zurckzuschrecken
hinnehmen knnte. Ich mu mich weiter erziehen. Ich mu alle Liebhaberei
zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plnen
gewachsen sein.

... Hulls Leiche lag im Finstern.

Vier Umrisse von schwarzen Mnnern umstanden sie und traten zurck, als
der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie -- es waren Polizisten
--, die Zugnge zu der Strae zu bewachen und niemanden an den Tatort
herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straenbiegungen
hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Husern zeigte sich kein Mensch.

Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht
vorbeigekommen.

Es war drei Uhr frh.

Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte
einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rcken. Sie lag mit dem Gesicht
auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege
blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die
Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut,
das den Wunden entflossen, glnzte im Licht wie schwarzer Marmor.

Wenk war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen
trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprgen, die Lage der Leiche,
die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Tren und
Fenster in der Nhe geschlossen waren. Ob Fuspuren zu sehen waren. Ob
nicht Gegenstnde herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren
... Nichts!

Die Tter seien in den Park des Palastes geflchtet, hatte einer der
Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden.

Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken.

Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. Bitte
niemanden in die Strae lassen! Jeden, der herein will, zur Wache
fhren. Seien Sie hflich mit den Leuten, nicht wahr? ordnete Wenk an.

Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen.

Karstens war bewutlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren
Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rcken, und
von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller
Wahrscheinlichkeit nach die Schdeldecke eingeschlagen. Der Beamte war
weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden
verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte
noch kaum die Augen ffnen.

Er erzhlte:

Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer
Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein
Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffllig vor. Ich fragte mich:
Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen? Ich sah ihn
wenigstens eine Stunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging
auf ihn zu. Er sagte mir barsch: >Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!< und
rckte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke
zeigen. In diesem Augenblick aber ffnete sich die Tr, und ich sah, da
einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull
erkannte. Der Polizist drngte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen
machen und lie mich abdrngen. Ich sah, da mit Herrn Hull noch die
Dame und ein anderer Herr war.

Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstrae davon. Ich war mit
dem Polizisten etwa drei Huser in der entgegengesetzten Richtung. Da
wandte er sich zum Haus zurck und sagte mir: >Nun gehen Sie im Guten!<
Ich kmmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand,
der ziemlich gro war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der
Trkenstrae in die Gabelsbergerstrae ein und verschwanden mir.

Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber hchstens bis
zur Jgerstrae gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jgerstrae
hinein. Pltzlich hrte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrckt und
spitz. Ich wute vom Feld her, da so Menschen schreien, die im
Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in
meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse
hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver.

Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfat. Meine
Augen brannten mich furchtbar. Ich sprte einen Stich in der Schulter.
Ich wollte meinen Revolver abdrcken, aber ich hatte ihn nicht mehr in
der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten,
ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser
Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer sa auf
mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt.
Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schlo die
Augen. Sie mssen aus einer Haustr auf mich losgestrzt sein. Ich war
dann halb betubt.

Wie es weiterging, wei ich nicht mehr genau. Ich hrte nur Schritte
laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch
alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter
kam angelaufen. >Polizei?< fragte ich ihm laut entgegen. >Ja!< rief er
zurck, >was ist los?< -- >Lauf um die Ecke, rasch!< rief ich.

Ich zwang mich aufzustehen und fhlte, da ich nicht so schwer
verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu ffnen. Sie
hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich
konnte aber gar nichts sehen.

Der Lrm fhrte mich zum Tatort. Ich hrte, wie einer sprach und eine
Frauenstimme antwortete. >Was ist?< fragte ich. Da sagte die Stimme:
>Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.<

>Wer sind Sie, Frau?< fragte ich.

Da antwortete die Frauenstimme:

>Ich bin Knstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man
mit mir?<

Ich sagte: >Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!<

Sie wehrte sich. Sie sagte: >Ich wnsche sofort den Herrn Staatsanwalt
von Wenk zu sprechen.<

>Spter!< sagte der Beamte.

Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander,
als ich es so erzhlen kann. Dann mute der Kollege sie fesseln, so
wehrte sie sich, und da hrte ich, wie sie >Georch!< rief.

>Verhaftet sie! Verhaftet sie!< rief ich da.

Weiter wei ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewutsein und bin
erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet.
Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Mu ich sterben?

Da lachte ihn der Arzt aus.

Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf
zu sagen, da man nicht stirbt.

Aber, Herr Bo, wie knnen Sie auch nur ans Sterben denken, sagte
ebenfalls lachend der Staatsanwalt. Sie haben einige heftige
Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!

Herr Staatsanwalt, ich hab' meine Pflicht getan! sagte der Verwundete.
Seine Stimme begann zu zittern, dann lste sich die verballte Spannung,
und er weinte tief und ruhig.

Mehr wei ... ich nicht ... Ich hab' ... meine Pflicht ... getan!

Das brauchen Sie nicht zu versichern, sagte ihm Wenk, wer seine Haut
dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand
dran wagen! Aber, Herr Bo, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen
Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder
gesehen haben, weitererzhlt ... Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum.
Es steht viel auf dem Spiel, und zwar fr die Allgemeinheit. Ich lege es
Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen,
sondern um eine Verbrechergeneration.

Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, lie sich Wenk
erzhlen, da er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen
habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie
auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der
versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und
der ein paarmal sagte: Frau verhaften ... Frau verhaften ...

Dann erst fiel er hin und lie mich los, erzhlte der Beamte weiter.
Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an
der Parkmauer. Aber als ich am Fu der Mauer war, war nichts mehr von
ihnen da. Die Tter mssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen
haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war
viel zu hoch. Da ging ich zurck zum Tatort.

Und die Frau? fragte Wenk. Was geschah dann mit der?

Ich hatte den Eindruck ...

Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern
nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehrt haben.
Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?

Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurckkam, hielt ein Kollege die
Frau fest. Ich rief ihm zu: >Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt.
Verhafte sie auf alle Flle. Halt sie fest! La sie nicht fort!< Wir
waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn
Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen.
Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hnde
zusammengebunden. Wir waren zu zweit und muten dem berfallenen und
verwundeten Kollegen helfen. Wir wuten noch gar nicht, was los war.
Dann erst hatten wir ...

Wir? Erzhlen Sie nur, was Sie gesehen haben ...

Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut
am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere
sthnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon
wegen des Sanittswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei
und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Bo gebeten. Wir
sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.

Was tat die Frau in dieser Zeit?

Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!

Unterbrechen Sie Ihre Erzhlung, Herr Stamm, bis ich mit diesem
gesprochen habe. Wie heit er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht
wahr? Und kein Wort ber den Vorfall aueramtlich erzhlen, auch nicht
Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!

Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heit Wasserschmidt.

Wasserschmidt kam. Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei
dem berfall auf die beiden Herren dabei war? fragte Wenk. Weshalb
taten Sie das?

Weil Polizist Stamm sagte, der eine der berfallenen habe es ihm
zugerufen, bevor er ohnmchtig wurde. Und auch der Kollege Bo hat mich
dazu aufgefordert.

In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der
Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den
Horcher. Bitte? fragte er.

Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord
berichtet ...

Einen Augenblick, rief Wenk aufgeregt zurck. Wer hat Ihnen das
berichtet?

Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen,
denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich
ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als
ich ffnete, und fragte, was denn los sei ... >Im Briefkasten!< Da ging
ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.

Knnen Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt
Wenk!

Ja gewi, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin:
>Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jgerstrae berfallen
und ermordet. Die Tter sind entkommen. Es scheint sich um einen
Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.< Das ist
alles.

Wei auer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?

Nein!

Knnen Sie mir diesen Brief sofort persnlich bringen? Ich schicke
Ihnen ein Dienstauto.

Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und mu die
Redaktion fertigmachen!

Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?

Grube!

Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr
bestimmt sage, da Ihr sofortiges Herkommen uerst wichtig ist und
wichtiger, als da morgen zur schwarzgebackenen weien Semmel der Herr
Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.

Meine Pflicht ist ...

Verbeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts
anderes mehr sage, als da in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen
fhrt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen
Befugnissen. Schlieen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, da
das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade
ber einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schlu!

Wenk schickte gleich das Auto.

Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand
geleistet. Wie machte sie das?

Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des
Wittelsbachpalastes zu, wohin die Tter gelaufen waren, und rief den
Namen: Georg!

Das haben Sie gehrt?

Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: >Georch!< Ganz genau! Und weil
sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespat und
ihr die Hnde gebunden.

Was tat die Dame dann?

Dann war sie ruhig und lie sich abfhren. Unterwegs sagte sie noch:
>Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk
sprechen?<

Da mssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen
gefrhstckt hat, sagte ich.

Vielleicht telephonisch, bat sie nun sehr hflich.

Ich sagte: Wahrscheinlich nicht.

Und spter? Wo ist die Dame?

Noch auf der Wache. Sie sprach ganz ruhig und sagte noch: >Das ist ein
bser Migriff von Ihnen, lieber Freund. Ich hoffe, beim Herrn
Staatsanwalt ein gutes Wort fr Sie einlegen zu knnen. Denn schlielich
erfllen Sie nur Ihre Pflicht. Ich war ja selber bei den berfallenen
Herren, und der Herr Staatsanwalt war auch mit. Er ging nur frher heim.
Sonst htte er alles selber mitgemacht< ... >Warten wir ab!< sagte ich
darauf nur.

Haben Sie ihr vielleicht gesagt, weshalb Sie sie verhaftet haben?

Nein, kein Wort!

Das ist gut. Bleiben Sie im Nebenzimmer.

Wenk bat noch andere Schutzleute herein. Dann kam der Redakteur. Er
protestierte laut, es sei eine Vergewaltigung der Presse durch eine
Behrde, was man ihm antue, und die Zeitung ...

Wenn fr Sie Ihre Zeitung dazu da ist, um den Lesern so rasch und
kopflos unzusammenhngend, wie es Ihnen berichtet wird, stets als
Klatsch das Allerneueste vorzuschwatzen, sei es ein Mord oder ein mit
Unglck endigender Liebeshandel, nur weil es Klatsch ist ..., so haben
Sie recht. Sie haben aber kein Recht, von vornherein einer Behrde, die
dazu da ist, etwas ungleich Wichtigeres zu vollziehen als dumme Leute
mit Klatschprimeurs zufriedenzustellen ...

Sie ..., stotterte erregt der Redakteur, ... versuchen die Presse zu
knebeln. Wir leben nicht mehr im alten System. Der Landtag wird ...

Ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dem Landtag zu befassen. Wollen Sie
mir bitte den Brief geben, von dem Sie telephonierten!

Ich bedaure, sagte der Redakteur, jetzt mit sieghafter Schlauheit.
Das ist Redaktionsgeheimnis.

Verzeihen Sie, Herr Grube, Sie sind ein Narr. Ich achte jedes
Redaktionsgeheimnis, das die Interessen einer Allgemeinheit schtzt. Die
Weigerung, diesen Brief herzugeben, verletzt sie aber nur. Bevor ich
Ihnen nun dieses Redaktionsgeheimnis mit Gewalt aus der Tasche nehmen
lasse, indem ich Sie auf die strafrechtlichen Folgen Ihres Widerstandes
aufmerksam mache, sage ich Ihnen, da dieser Brief das einzige Material
ist, das uns bis jetzt ber eine ungeheuer gefhrliche Mordgeschichte
zur Verfgung steht. Vielleicht nehmen Sie dann Vernunft an und
verbocken sich nicht lnger hinter einer Berufspflicht, die ich, wie
gesagt, anerkenne, aber sehr weit hinter die Interessen einordne, die
mich beschftigen.

Grube wurde unsicher. Schlielich langte er das Papier heraus und
stammelte dazu: Unter Protest ...

Haben Sie noch etwas von dem Mann gesehen, der es brachte? Etwas
erkannt an ihm?

Es fiel nur wenig Licht aus meinem Fenster auf die Strae. Ich glaubte
blo zu sehen, da er gut gekleidet war. Jedenfalls trug er einen
Zylinderhut. Eine Zeit, nachdem er in der Strae verschwunden war, hrte
ich in der Richtung, in der er sich entfernt hatte, ein Auto
davonfahren. Ich nehme an, da es das seinige war.

Herr Grube, Sie sind so freundlich und lassen mir diesen Brief. Sie
werden in einem der aufregendsten Prozesse der letzten Jahre ein
Hauptzeuge sein. Ich bitte Sie um Ihr Ehrenwort, vollkommenes Schweigen
ber den Brief und alles, was mit ihm zusammenhngt, zu bewahren.

Grube, nun gefgig unter den Schauern, die ihn berrannen, entflammt fr
die Sache, gegen die er sich gerade aufgelehnt hatte, sagte laut: Sie
haben es! Ich steh' ganz zu Ihrer Verfgung. Das ist etwas anderes!

Mein Auto wird Sie zurckbringen. Bitte hinterlassen Sie Ihrem Herrn
Chefredakteur, da ich ihn zu sprechen wnsche, sobald er mir zur
Verfgung stehen kann.

Der Redakteur ging.




                                 VIII


Wenk blieb allein. Er war innerlich ganz khl. Er hatte vermocht, alles,
was das Verbrechen an Schrecken und Grauen erregender menschlicher
Anteilnahme in ihm aufgewhlt, ruhig zu unterdrcken.

Den Beweggrund des Mordes kannte er. Es war nicht Rache, sondern etwas
viel Gefhrlicheres und viel Bseres. Es war Terror! Das verriet ihm der
Brief an die Zeitung, der den Mord ber die Polizei hinweg bekanntmachen
sollte. Es war Terror gegen die alle, die sich als Opfer des Spielglcks
jenes blondbrtigen Mannes fhlten.

Wieviel durfte dieser Spieler wagen, da er selber sein Verbrechen der
Zeitung mitteilte, damit es so wirkte, wie er es haben wollte? Wieviel
Menschen hatte er im Sold, um ein Verbrechen auf diese weit vorbereitete
groe Art ausfhren zu knnen? Was waren das fr Menschen? Was fr
Beispiele gab er den Phantasien jener Menschen, die noch unentschieden
zwischen Gut und Bse sich hielten? Was fr Zulufer mochte das
Bekanntwerden der Tat ihm wieder sichern?

Hull war tot, weil er ihm, dem Staatsanwalt, das Erlebnis mit dem
Wechsel erzhlt hatte und weil der falsche Herr Balling ein Beispiel
aufstellen wollte, wie es denen erginge, die sich gegen ihn richteten.
Vielleicht, ja wahrscheinlich war der Anschlag auch mit auf ihn geplant
gewesen, und er war nur gerettet worden, weil sein Unwille ihn aus jenem
Hause davongetrieben hatte.

Nun war es vielleicht unmglich, aus taktischen Grnden unmglich, das
Haus Fort schlieen zu lassen ... Es mute, wie so viele
seinesgleichen, als Falle geduldet werden.

Und die Carozza? Werde ich sie zum Verraten bringen knnen, wem sie als
Treiberin gedient hat? Was? ... Wen verraten? ... Und habe ich ihn dann,
wenn ich schon einen Namen und vielleicht eine Hausnummer wei? Kenne
ich seine Geheimnisse? Seine Vorsichtsmaregeln gegen mich?

Ich werde noch nicht zur Carozza gehen. Ich werde sie in Haft setzen
lassen, sie warten lassen ... Dann sieht sie, da sie sich keines Guten
zu versehen hat. Sie ist lasterhaft, verweichlicht ... Vielleicht macht
sie das von selber mrb?

Aber zuletzt entschlo sich Wenk doch anders. Nein! sagte er, ganz das
Gegenteil werde ich machen. Ich werde sie durch Anteilnahme
einschlfern. Sie ist schlau, aber sie gehrt zum Theater. Je mehr es
mir gelingt, die genauen Rnder der Ereignisse, die zu ihrer Verhaftung
fhrten, in vor Teilnahme triefenden Reden verschwimmen zu machen, um so
unbedachter geht sie mir zu.

Da fuhr er gleich zur Wache. Sie sa auf einem Stuhl in einer
Nebenkammer.

Wenk strzte auf sie zu: Aber Frulein ... Frulein, was hat man mit
Ihnen gemacht? Erst jetzt telephoniert man mir, was geschehen ist. Es
ist gut, da Sie an mich gedacht haben!

O, Herr Staatsanwalt, Engel, der in meinen Kerker Licht bringt!
Verlassen wir diesen Raum! Gleich! Keine Minute kann ich lnger hier
atmen! Furchtbar!

Sie zog voran gegen die Tr ...

Ja, nun mu ich Ihnen allerdings die Enttuschung bereiten, die ich
gefrchtet habe. Wir leben in einem Staat, liebes Frulein. Jeder Staat
ist grausam. Da gibt es Beamte, jeder fr seinen kleinen Kreis und darf
darber hinaus nicht verfgen. Ich bin Staatsanwalt. Aber der
Staatsanwalt ist nur da, um anzuklagen, und nicht, um Unschuldige zu
befreien.

Und dann? fragte die Carozza auf einmal hart.

Der Ton dieser Stimme warnte Wenk. Er wurde schichtweise sachlicher.
Ihr Fall hngt nmlich vorerst nicht von mir ab, sondern vom
Untersuchungsrichter. Ein Verhr durch ihn mssen Sie sich schon noch
gefallen lassen. Das ist peinlich. Aber die Verkettung der Umstnde ist
schuld daran.

Und Sie? fragte die Carozza.

Ja, ich? Ich kann nichts anderes tun, als dem Richter sagen, da wir
alte Bekannte sind und da ich Sie der Teilnahme an einem solchen
Verbrechen nicht fr fhig halte.

Weshalb kamen Sie denn her? Sie sind ja der Untersuchungsrichter
nicht.

Da merkte Wenk, da sie ihn durchschaut hatte. Er wute damit wohl, da
sie ihm entglitten sei, aber wute zugleich auch: Sie ist schuldig!

Ich komme her wegen eines kleinen Umstandes. Ich will Ihnen helfen,
sagte er rasch. Sie haben dem Beamten Widerstand geleistet?

Welche Frau lt sich widerstandslos von Rpeln von Polizeihunden
anfallen?

Ja, gewi, die Lage war an vielem schuld, da Sie sich unbesonnen
benahmen und die Beamten zu ihrem Vorgehen zwangen.

Ich bin eine bekannte Knstlerin. Mein Name htte ihnen Gewhr geben
sollen!

Haben Sie denn den Beamten Ihren Namen genannt?

Jawohl! Jawohl! Sofort!

Das haben die mir merkwrdigerweise nicht gesagt. Sie nannten mir einen
anderen Namen, den Sie gerufen htten!

Da sah Wenk, wie die Carozza ihn mit einem raschen, im Ha noch
prfenden Blick bewarf. Sie schaute gleich wieder fort und trommelte
ungeduldig mit den Fingern auf ihre Knie.

O, einen anderen Namen! Merkwrdig! Mein Name ist doch bekannt genug!
Umworben genug! Was wre das fr ein sonderbarer anderer Name gewesen?

Der Beamte nannte den Namen Georg.

Es ging nichts vor im Gesicht der Frau, als Wenk das sagte. So hat er
schlecht gehrt. Ich heie, wie Ihnen bekannt ist, nicht Georg! sagte
sie gleichgltig.

Es hat aber auch ein zweiter Beamter diesen Namen aus Ihrem Munde
gehrt. Das ist es ja!

Sonderbar! sagte nach einer Weile des Nachdenkens die Carozza. Mein
Mann hie Georg! Sollte ich in der Aufregung ...

Nun, dann ist ja alles klar. Das ist begreiflich. Nur wute niemand,
da Sie verheiratet waren.

Sind!

Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten
benachrichtigen? Oder haben Sie vielleicht keine Beziehungen mehr zu
ihm?

Doch! Seine Adresse ist Frankfurt am Main, Eschenheimer Landstrae 234
... Georg Strmpfli heit er.

Es wird ihm peinlich sein. Frchten Sie keine Schwierigkeiten, weil
durch das Ereignis ja nun Ihr Name, geknpft an den des ermordeten Hull,
in die ffentlichkeit kommt?

Da ri die Carozza den Mund auf. Sie fiel auf den Stuhl zurck. Sie
rief: Ermordet ... Hull ..., und sank dann vom Stuhl auf den Boden.

Wenk war Augenblicke unsicher. Er entschlo sich dann aber, diesen
Anfall nicht zu glauben. Er hob sie auf das Lager. Dann ging er, ohne
sich noch um sie zu kmmern. Er befahl den Beamten, scharf auf die Dame
aufzupassen und vor allem niemanden zu ihr, ja nicht einmal in die
Wachtstube zu lassen. Die Waffen seien schubereit zu halten.

Er fuhr zur Polizeidirektion zurck, verstndigte den Polizeiarzt und
bat ihn, gleich hinzufahren und der Kranken in unaufflliger Weise auch
die Kleider untersuchen zu lassen. Darauf schrieb er einen Haftbefehl
fr sie aus und gab ihn weiter. Er benachrichtigte noch das
Informationsbureau der Polizeidirektion, jeden Journalisten, der etwa
ber den Fall Nachrichten erbitten komme, zu ihm zu senden, aber selber
nichts zu sagen.

Es war Tag geworden. Wenk nahm ein Bad und fuhr dann in die Redaktion
der Anzeigen. Der Chefredakteur hatte ihn antelephoniert.

Nachdem Wenk ihm erzhlt hatte, was vorgefallen war, sagte er: Was mich
ermutigt hat, Ihre Zeit etwas zu beanspruchen, ist nun folgendes: Wenn
es ein einzelner Mord wre, wrde ich der Berichterstattung meinetwegen,
wenn auch ungern, freien Lauf lassen. Aber hinter diesem berfall steht
eine Gesellschaft, an ihrer Spitze ein Mann von scheinbar starken,
vielseitigen Krften. Er mu um sein verbrecherisches Leben eine ganze
Organisation geschaffen haben, die allein den Zweck hat, es zu
beschtzen. Der Brief, den er vielleicht selber in Ihren Kasten geworfen
hat, verrt, da er darauf hielt, den Mord selber in einer seinen
Zwecken passenden Form bekanntzugeben. Damit will er warnen. Das Opfer
hat mir nmlich frher erzhlt, da es mit ihm in einer eigenartigen
Weise zusammengetroffen sei. Er wute das! Er will um seine Ttigkeit im
Dunkeln eine Mauer des Terrors aufbauen. Man soll wissen, da kein Leben
sicher ist, das sich an seines wagt. Sie begreifen, eine wie schwere
Gefahr solch ein Mensch in einer Zeit ist, die, erweicht und zerknetet
einerseits und anderseits in allen bsen Instinkten gesteigert, wie sie
der Krieg zurcklie, jeder Ansteckung zugnglich ist. Ganz knnen wir
das Ereignis nicht unterdrcken. Ich mchte mich aber bemhen, es
auerhalb seines Zusammenhangs, der mir bekannt ist, der ffentlichkeit
zu bergeben, damit die Phantasien nicht aus Mrdern Volkshelden machen.
Dabei bin ich auf Ihre und Ihrer Kollegen Mithilfe angewiesen. Darf ich
Sie bitten, aufs strengste darber zu wachen, da keine Nachrichten ber
den Fall Hull verffentlicht werden, die nicht durch meine Hnde gingen?
Wir sind in einer Zeit geistiger und seelischer Epidemien. Jeder, dem es
um das Wohl des Ganzen zu tun ist, mu sich opfern.

Gewi! sagte der Chefredakteur.

Ich mchte um nichts in der Welt dabei den Eindruck erwecken, als ob
dieses Vorgehen von der Besserwisserei oder dem Allmachtsgefhl eines
Gerichtsbeamten erwartet werde. Nichts liegt mir ferner!

Ich bin auf dem laufenden, antwortete der freundliche Redakteur.

So danke ich Ihnen und wnsche uns beiden fruchtbare Zusammenarbeit.
Unser Volk ist in schwerer Lage.

Wenk wollte sich zu Bett legen, als er heimkam, und einige Stunden
ruhen. Es war zehn Uhr geworden. Da brachte sein Chauffeur, der zugleich
als Diener waltete, eine Visitenkarte: Grfin Dusy Told.

Bitte, bitte! rief Wenk lebhaft und lie die Grfin eintreten.

Hier wird uns zum Gegenstck doch nicht etwa eine besorgte Gattin
stren, die fr unsere Veranlagung nicht das ntige Verstndnis hat?
sagte sie, indem sie Wenk die schlanke Hand herzlich hinhielt.

Das Glck einer Genossin ist mir nicht beschieden worden! antwortete
Wenk und empfand mit einer betrenden Se die Nhe der Frau. Und
dennoch stand sie vor ihm, wie etwas, das traumhaft in einem andern
Leben lag, das er frher einmal gefhrt zu haben schien. Jetzt, hinter
den Ereignissen der Nacht, fehlte ihm der Mut, an die Gefhle der Liebe
und des Begehrens als an etwas Wirkliches zu denken.

Die Frau stand vor ihm. Er fand kein Wort fr sie, und sie selber, in
deren Gedanken die Tatkraft des Mannes und der Flug seiner Seele nach
groen Dingen weitergewirkt hatten, wurde vor diesem Schweigen verlegen,
weil es ihr wie eine Besttigung eigner Empfindungen vorkam. Ja, sagte
es in ihr, gewi, was ich fr ihn jetzt fhle, ist ... Aber sie drckte
sich an dem Wort Liebe vorbei. Sie errtete darob. Wenk sah es. Ein
Schauer ging durch ihn. Er kmpfte mit sich. Er beugte sich auf ihre
Hand nieder.

Aber da stand auf einmal die Leiche des Ermordeten aus seinen Gefhlen
auf, und er war nicht mehr so khn, in einem Wort oder einer Gebrde die
betrte Benommenheit seines Herzens mitzuteilen. Er bot der Grfin einen
Sessel an, und whrend er selber sich einen zweiten holte, kam ihm ein
Einfall, der wie eine Errettung aus dem Zwiespalt mit einemmal seine
ganze Vorstellungskraft berschwemmte: Er wollte diese Frau, die er
liebte, und der er nicht gleichgltig war, seinem Unternehmen
verknpfen, und aus gemeinsamem Werk mochte ihnen die Ernte reifen.

Da sagte er ihr: Diese Nacht ist ein gemeinsamer Bekannter von uns,
Hull, ermordet worden. Karstens ist schwer verletzt. Ich entging, weil
ich zufllig zwei Stunden frher das neue Lokal verlassen hatte, in das
wir gelockt worden waren. Den Anstifter glaube ich zu kennen. Es ist
wieder der blondbrtige Spieler und alte Professor. Die Tter entkamen
spurlos, aber wir haben eine sonderbare Verhaftung vorgenommen, die eine
Ihnen ebenfalls bekannte Dame betrifft. Es ist die Carozza. Sie wissen
von ihrem Verhltnis zu Hull. Ich habe allerdings kaum mehr als
Gefhlsbeweise fr ihre Schuld. Aber ich wte ein Mittel, ihr die Zunge
zu lsen: wenn Sie, Frau Grfin, das Wagnis unternhmen, sich ebenfalls
verhaften zu lassen, so trge ich Sorge dafr, da Sie mit der Carozza
in einer Zelle untergebracht wrden. Sie kennt Sie nicht als Grfin
Told, sondern als eine Dame aus ihren eignen Kreisen. Stellen Sie Ihr
Vergehen als geringfgig hin, da Sie bald wieder herauskmen, selbst
wenn Sie wegen Teilnahme an verbotenem Spiel verurteilt werden mten
... Versprechen Sie ihr zu helfen ... bei einer Flucht etwa ... Vorher
mten Sie ihr weis gemacht haben, da die Lage der Carozza sehr
gefhrdet sei. Vielleicht Verhaftungen in derselben Sache erfinden ...
Sie wird Ihnen dann wahrscheinlich sagen, wer fr ihre Flucht mobil zu
machen sei. Sie verstehen, Frau Grfin. Und wir knnen den Verbrecher
unschdlich machen. Ist das nicht ein geradezu tolles Ansinnen?

Ich erflle Ihren Wunsch! antwortete, ohne sich zu besinnen, die
Grfin. Ihre Stimme klang wie heigelaufen. Wenk war ngstlich berhrt
von der Heftigkeit, von der hektischen Hingabe, mit der diese schne,
vornehme Dame seinen Einfall hinnahm.

Mir hat das ja gerade gefehlt, sagte mit leisem Ton die Frau, etwas
zu tun, ntzlich zu sein, in einem khnen Werk der Einsatz des Lebens,
um das Leben zu spren.

Und das haben Sie in den Spielrumen gesucht? sagte er.

Ich wei es nicht genau. Ich fhlte mich wohl in dieser Gesellschaft,
weil ich keinen Rand sah. In meinem Kreis sah ich ber alle Horizonte.
Ich hielt das nicht aus. Ich bin Ihnen dankbar ...

Wenk wurde es hei in den Augen. Ein Verlangen ergriff ihn, es qulte
ihn, er qulte sich selber mit ihm, und fast brutal fragte er: Und Ihr
Mann?

Die Frau antwortete mild: In jeder Ehe, das wissen Sie nicht aus
Erfahrung, bleibt etwas unerfllt von dem, was das Herz erwartet hat.
Ich nehme meinem Mann nichts, wenn ich versuche, dieses Fehlende ohne
ihn zu finden.

Ich verehre Sie! sagte Wenk. Ein leises Zittern ging durch seine
Stimme.

Nein, wehrte die Grfin ab, es ist Gesetz. Es ist natrlich. Und nun
sagen Sie mir, was ich zu tun habe.

Ich werde Sie an einem Tag, den Sie bestimmen, mit meinem Auto zum
Gefngnisdirektor bringen, und wir werden mit ihm alles vereinbaren.
Wann pat es Ihnen?

Am nchsten Samstag um diese Stunde. Sie erhob sich.

Die grauen Mauern des Gefngnisses werden zu leuchten beginnen! sagte
Wenk.

Vor soviel Abenteuerei! lachte die Grfin.

Nein, Gndigste, vor Ihrer Schnheit!

Und es war Wenk auf einmal, als liebte er sie mit einer Leidenschaft,
die wie eine Flamme aus seinen Augen schlug, unsichtbar. Er beugte sich
so tief ber ihre Hand, da er sein Gesicht verbarg. Sie drckte ihre
Hand mit einer heien, freien Regung sanft an sein Gesicht an zum
Eingestndnis heimlicher bereinstimmung und huschte davon.

Drauen auf der Strae scho ihr alles Blut zu Kopf. Sie sagte halblaut
das Wort vor sich hin, das sie oben unterdrckt hatte: Liebe ... Liebe
...

Im Zimmer Wenks blieb ihr Duft. Wenk sog ihn ein. Dann hob er beide
Hnde vor sein Gesicht, und von einem Geheimnis und von Ahnungen dumpf
dahin gefhrt, flsterte er inbrnstig in die Dunkelheit hinein, die er
so vor seine Augen legte: Mord und Liebe! ... Mord und Liebe! ...

                   *       *       *       *       *

Im Verlauf des Tages stieg das Gercht des Mordes durch die Stadt. Es
wand sich aus der trben Ecke, wo Hull sein wertloses kleines Leben
gelassen hatte. Es war ein dunkler Fleck geblieben. Das Pflaster war
finster vom verwaschenen Blut gefrbt. Tauwetter hatte die Bodenrinne
zwischen den Pflastersteinen weich und erdig gemacht. Die Erdkrumen
hatten das Blut gierig zurckgesogen. Sie hatten sich daran berauscht.
Und aus dem Rausch des handgroen Erdflecks stieg das Scheusal auf, wand
sich aus dem engen Winkel davon und errichtete sich durch die ganze
Stadt.

Es kamen Menschen, seine Geburtsstelle zu sehen, und tranken an der
Quelle von den Schauern der Tat. Sie sahen das Ungeheuer aufstreben.
Ihre Herzen strubten sich vor dem Unwesen. Es trampfte zwischen ihnen
durch, durch sie hindurch wie durch einen Nebel, krperlos ...
eiskalter, flssiger Geist. Es ward ein Lindwurm und ringelte durch die
Gassen in die breite Ludwigstrae, rannte ber die Pltze ins Herz der
Stadt hinein, begann zu flieen nach allen Richtungen, durch die Straen
in die Huser.

Es rann wie eine dunkle Kloake. Es rann tagelang. Sein dumpfer,
feuchtheier Geruch von Auflsung lie Angst in die Menschenporen
dmpfen oder ri eine Kraft, die keinen guten Weg finden konnte, nach
dem Bsen.

In einer Vorstadtstrae wurde in der dritten Nacht spter eine Dirne
ermordet. Man fing den Mrder am nchsten Tag. Es war ein Arbeitsloser,
eine aus dem Krieg briggebliebene Phantasie, die in die Barbarei
zurckgeirrt war. Er sagte, er habe nicht gewut, was er tat, als er dem
Mdchen die Hnde an die Gurgel drckte. Es sei aus der finstern Strae
etwas ber ihn geflossen, es sei um die Ecke gekommen aus der
Jgerstrae ... und das htte ihn gezwungen.

Ein Fhn durchfra vom Gebirge her die Stadt. Er war weich und
leidenschaftlich wie ein Menschenherz. Er brllte den Frhling hinter
sich her. Alle Lichter waren grell. Alle Schatten waren von einer
wilden, jhzornigen Schwrze. Alle Herzen in zwei Farben gespalten.




                                  IX


Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gesprch: Georg
Strmpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten
Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres.
Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als
verheiratet. Nationalitt Schweizer.

Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden
Angaben angemeldet: Maria Strmpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza,
Tnzerin, geboren in Brnn am 1. Mai 1892. Nach Mnchen verzogen von
Kopenhagen.

Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch fr Georg kommen knne.
Beide waren sddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.

Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefngnis. Ich
will nichts von Ihnen wissen, sagte sie schroff zu Wenk. Sie wollen
mir helfen und bringen mich ins Gefngnis.

Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen
gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie ber etwas aufzuklren. Was
Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen
haben. Darber streitet man jetzt.

So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.

Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wren, sie zu zerstreuen,
knnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heie ... Karl,
nicht wahr, Karl Strmpfli?

Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heit Georg!

Er ist Schweizer?

Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.

Gewi. Also, er heit Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen
vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen fr ihn?

Nein!

Nannten Sie ihn nie anders als ...?

Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?

Das hngt vom Untersuchungsrichter ab.

So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwrdig fr eine angesehene
Knstlerin wie mich ...

Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der
Persnlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich
Ihnen nicht versprechen.

Sie gehen wieder? Ohne mich?

Mehr kann ich vorerst nicht tun, sagte Wenk.

Die Carozza wandte sich ab.

Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der
Huser durchstudiert, die an die Stelle stieen, an der der berfall
vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstrae. Er nahm zwei
Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Tter bis an die
Mauer verfolgt hatte.

Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von
Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, da einer
hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Hnden berhrte. Aus
dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen
Februartag.

Wenk ging in die Huser. Mehrere fhrten, wie er sah, nach hinten auf
den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Huser.
Einige hatten Lrm in der Nacht gehrt. Aber sie hatten sich nicht darum
gekmmert, weil es das jetzt immer gab.

Und in den Husern selber? fragte Wenk. Haben Sie da nichts gehrt?

Nein, da hatte niemand etwas gehrt.

Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu
sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Fen. Da waren sie
scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrcken, die ziemlich tief
waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war
Karbol darber gegossen worden. Ein Blechgef lag da, das, wie der
Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte.

Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das
Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es
nicht.

Er wollte es trotzdem versuchen und lie einen der Hunde holen. Der Hund
nahm die Fhrte in der Jgerstrae auf, rannte an die Mauer und sprang
an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht
weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die
Mauer entlang und wieder zurck und wieder entlang, immer in derselben
Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen.

Wenk lie ihn wieder hinberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel
der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten
herbergehoben zu werden, entri er sich der haltenden Hand und rannte
ungebrdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er
blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses
hinab, tief den Kopf bckend, und versuchte hinabzuspringen.

Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der
Hauswand stehen.

Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an
ihr, die in regelmigen Abstnden nach oben gingen. Hier waren Leute
zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren fhrten an
ein Fenster im ersten Stockwerk.

Die Wohnung, zu der das Fenster gehrte, war leer. Er fragte im Haus,
seit wann sie nicht mehr bewohnt sei?

Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte:
Da wohnt doch der Georch drin!

Wenks Herz machte einen heftigen Schlag.

Wer? fragte er rasch. Wie hie er?

Er hrte nochmals: Georch!

Kannten Sie ihn auch? fragte er eine Frau.

Ja natrlich, den Georch!

War das sein Familienname?

Das wei ich nicht!

Das wute niemand.

Von wem wurde er denn so genannt?

Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!

Also Georg hie er, prfte Wenk, um ganz sicher zu sein.

Nein, Georch wurde er genannt, sagte einer.

Hat er lange da gewohnt?

Das wute genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast
nie zu Hause.

Er lie sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwrdiges. Schon
ber die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm
blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bichen lang und mager und
gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet.
Was war er denn? Was machte er?

Geschftsreisender soll er gewesen sein!

Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf
Wenks Liste stand er nicht.

Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest,
da ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheien habe, gebrtig aus
der Elbegegend. Da er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und
sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem
Geschftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte.

Es war Wenk klar, da Hinrichsen und der Geschftsreisende dieselbe
Person waren. Vier Wochen waren es her, da Hull die Unterhaltung mit
Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe
Persnlichkeit und auch der Mrder oder wenigstens der Anfhrer der
Mrder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen.

Vielleicht stimmte die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der
Bodensee lag in der Nhe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar.

Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die
Pastellen.

Einige Stunden spter rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann
namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehrigkeit
habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der
Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die
Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, da er
in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren ber
die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre fter mit
dem Lindauer Dampfboot. Erwarten Sie mich bitte noch heute in
Konstanz, sagte Wenk zurck. Schlu!

Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in
Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm
stets zur Verfgung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm.

Ja, das Flugzeug war bereit.

Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er
auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz.

Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten.
Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften,
um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er fr geeignet
hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und knne sich auch
eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht
so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei
kouragierte Mnner mithtte, so ginge es. Es seien einige Zehntausende
zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so
lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei
Generlen.

Der andere berlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu
dreien knnten sie die Sache machen.

Sie gingen spter in ein anderes Haus. Da kme der Freund hin. Sie saen
lange da. Aber er kam nicht. Wie heit er? fragte Wenk. Vielleicht
kenne ich ihn?

Er nannte sich Ball. Aber vielleicht hie er frher anders. Wir haben
hier alle ein bichen andere Namen ... hi-hi, du verstehst!

Ich verstehe, sagte Wenk.

Da wurde er bla. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur
zu erkennen glaubte, der ihn im Gasauto nach Schleiheim gefhrt hatte.
Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun
der andere vielleicht der erwartete Ball wre! Und er kme zu ihnen an
den Tisch! Dann wre es wahrscheinlich, da er Wenk erkenne, und alles
wre aus.

Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch
Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Zge zu entstellen. Er hatte sowieso
von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in
eine dunklere Ecke zu setzen.

Der andere lie sich jedoch entfernt von ihm an einem groen Tisch
nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen sa. Er kehrte
Wenk wohl den Rcken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen
und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch
durch die Hintertr hinaus.

Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den
verdchtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach
der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein.

Knnen Sie mir Gewiheit darber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur
bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern
gewaschen! drngte und mahnte Wenk.

Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. Die Stadt sei
klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil
ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein pltzliches Erscheinen knne Alarm
geben.

Ich mu mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?

Ja!

So fhren Sie mich gleich hin!

Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter,
schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Hfe
verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein berfall schwer ohne
groes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer
kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen.

Gegenber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte
Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den
nchsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen.

Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk fr den Chauffeur
des blondbrtigen Spielers hielt, stie ihn der Beamte an und raunte ihm
zu: Das ist er, der Poldringer!

Wenk sagte: Es ist derselbe!

Nachmittags war eine Zusammenkunft beim Kriminalkommissar. Wenk
erklrte, es kme darauf an, nicht nur die eine Person, sondern lebend
die ganze Gesellschaft auszuheben. Hier bestehe sozusagen nur die
Unterabteilung des Mnchener Generalkommandos. Und bevor man nicht den
Leiter sicher in der Hand habe, sei es ziemlich wertlos, sich dieses
Dutzend Angestellter zu sichern. Er rate, sich zuerst nicht durch die
Belohnung von fnftausend Mark, die gegen seinen Willen ausgeschrieben
worden sei, verlocken zu lassen, sondern, da man nun eines der Nester
kenne, dieses gut zu berwachen. Das sei jetzt der sicherste Weg, an den
Anfhrer der Bande zu gelangen. Nehme man jetzt den Chauffeur, so sei
der Chef doppelt gewarnt. Und der sei eine der ganz groen Nummern der
Kriminalgeschichte aus den letzten Jahrzehnten. Dann sei nicht nur
Belohnung durch Geld, sondern Ruhm zu erwarten. Die Beamten versprachen
das Ihrige zu tun.

Abends traf Wenk den jungen Mann, der die Autos schieben helfen wollte.
Sein Freund sei verreist, sagte er. Die Geschfte gingen nmlich so
schlecht in der letzten Zeit. Die Schweiz sei bersttigt mit deutschen
Waren, und die deutschen Behrden seien wieder etwas Meister geworden
ber den See. Man knne zum Hungern kommen. Aber er wisse, was er tte.
Verhungern wolle er nicht. Und eher, als da er sich durch Hunger aus
dem Loch vertreiben lasse, verschreibe er seine Haut der Fremdenlegion.
Da sei er wenigstens auch vor der deutschen Behrde sicher. Er knne in
Ruhe fressen und in Freiheit sich erschieen lassen. Hier endigten doch
alle im Kittchen!

Wenk fragte, wie er es denn anstelle, um in die Fremdenlegion zu kommen?
Das ist einfacher als jemals, antwortete er. Vor dem Krieg mute man
nach Belfort reisen. Das ist nicht mehr ntig. Ich kann mich hier
anwerben lassen!

Das lt sich fr den uersten Fall merken, sagte Wenk. Und bei
welcher Adresse?

Da brauchste nur zum Gasthof >Zum schwarzen Stier< gehn und nach dem
Poldringer fragen. Oder komm abends in die Wirtschaft, wo wir gestern
waren. Da sa er. Er hat die janzen Kken an seim Tisch in' Topf
jekriegt! Ich berlegt es mir noch, sagt ich ihm. Wenn unsere
Tff-Tff-Sache klappt, hab ich's nich mehr so ntig. Aber nun ist der
Ball nich aufzufinden. Der fingerte so wat jlnzend. Er wird sich wohl
nach dem fettern Land drben durchjeschlagen haben. brigens hat der
Poldringer sich jestern abend nach dir erkundigt. Was? Du mut auch ein
Schwergewichtler sein. Er meinte, er kenne dir. Ich sagt ihm aber, du
kmst von Basel. Du wolltest zwei Autos berschaffen. Dann sagt er: Dann
ist er's doch nicht, der aus Mnchen! Ich dacht mir, einer kann in
Mnchen jewesen sein und ist jetzt doch in Basel, wat?

Ich war nie in Mnchen, sagte Wenk, nein, er mu sich irren!

Ejal! Schieben wir nur unsere Autos jetzt, wat?! Sag, kannst du mir
einen Jrnen zulangen, als Abschlagzahlung?

Fuffzig? fragte Wenk.

Wenn es dir nich jengt, kannste auch zwei losmachen!

Einer gengt mir vllig! Er gab ihm einen Schein aus der Westentasche.

Du brauchst dich deiner Brieftasche nicht schmen, wenn sie auch en
Loch hat! sagte der andere.

Fr fuffzig Mark aus meiner Brieftasche kaufst du dir nicht mehr als
fr fuffzig aus meiner Westentasche.

No is jut! Wo wohnste?

Im Barbarossa, sagte Wenk auf gut Glck.

Kotznobel, aber wenn sie dir mal an die Hammelbeine wollen, da kommste
nich durch, da de's weit! Geh lieber in den >Schwarzen Stier<. Da is
man sich druff einjerichtet. Uffs Loslsen von die Jrnen! Spurlos, sag
ich dir! Wie wechjeblasen, sag ich dir!

Wenk flog am nchsten Morgen nach Mnchen zurck. Er fhlte sich reich.
Die Reise, so hoch und von praller Klte umstrudelt, gehoben von den
raschen, glcklichen Erfolgen, strkte sein Herz. Er zog an allen
Leinen. Er hatte das ganze Geschirr in der Hand. Es lief auf ein groes
Netz zu. Und er, der Fischer, war bereit und stark.

                   *       *       *       *       *

Eine Stunde, bevor Wenk hinter den blinden Fenstern des Eisenwarenlagers
die Tr des Schwarzen Stiers zu berwachen begann, flog folgendes
Gesprch durch die Fernsprechdrhte von Konstanz nach Mnchen: Hallo,
holla, hier Doktor Dringer. Wer da?

Holla, hier Doktor Mabuse! Bitte!

Der Kranke scheint sich hier aufzuhalten. Ich bin mir noch nicht ganz
gewi, da er's war. Aber ich glaube ihn erkannt zu haben. Ich erbitte
Anweisungen.

Das ist sonderbar! Gestern kurz vor vier Uhr wurde er mir noch in
Mnchen gemeldet. Ganz zweifellos gemeldet. Um wieviel Uhr glauben Sie
ihn gesehen zu haben, Herr Kollege?

Halb acht!

Der Schnellzug fhrt erst um sieben und ist gegen elf in Lindau. Htte
er selbst ein Auto bentzt, knnte er unmglich um halb acht in Konstanz
gewesen sein!

Es ist mglich, da ich mich verschaut habe, aber wenig wahrscheinlich.
Ich gebe die Mglichkeit, da es der gesuchte Geistesgestrte war, nicht
aus der Hand.

Nein, auf alle Flle, forschen Sie weiter. Wenn Sie sicher sind, so
wenden Sie sofort, verstehen Sie, Herr Kollege, sofort die sichersten
Mittel an.

Die eiserne Zwangsjacke, Herr Kollege?

Jawohl! Sie wissen, er ist gemeingefhrlich. Berichten Sie weiter. Was
machen die Nervenkranken?

Sie sind bereit, ins Sanatorium einzutreten. bermorgen reisen sie ab.

Danke! Schlu. Empfehlungen, Herr Kollege!

Mabuse ging erregt einige Male durchs Zimmer. Wie war das mglich, da
der Staatsanwalt, der gestern um vier Uhr noch in Mnchen war, um halb
acht in Konstanz gesehen wurde? Tuschte sich Georg nicht?

Er kleidete sich als Dienstmann um und begab sich in die Amandastrae,
wo Wenk wohnte. Er klingelte an seiner Tr. Der Diener ffnete. Ist der
Herr Staatsanwalt zu Haus?

Nein, er ist verreist. Geben Sie her!

Ich soll aber persnlich ... Wann kommt er zurck?

Ich wei nicht!

Ist er lnger verreist, oder knnte ich vielleicht am Nachmittag den
Brief abgeben?

Der Herr Staatsanwalt hat nichts hinterlassen.

Ho, ich kann mich wohl auch auf Sie verlassen, sagte dann der
Dienstmann. Sie geben den Brief ja so sicher ab wie ich, was?

Natrlich! Geben Sie her!

Der Diener las rasch die Adresse. Aber sie lautete: An Herrn
Staatsanwalt Dr. Mller. Sie sind ja berhaupt falsch. Hier wohnt Herr
Staatsanwalt von Wenk.

Ach der Herrgott! Da hat man mir eine falsche Nummer genannt. Ich sag'
ja immer: aufschreiben, Herrschaften. Jetzt heit's wieder, ich hab's
falsch behalten! Also, wo wohnt denn nun der Staatsanwalt?

Ich kenn' ihn nicht!

Da ist nichts zu machen! Also wieder zurck! Adieu!

Der falsche Dienstmann ging und wute halb nur, was er wissen wollte.

Unterwegs aber wurde ihm Erleuchtung. Ja natrlich, sagte er sich, er
ist im Flugzeug hingeflogen. Und ich wei wohl, weshalb ...

Den Bruchteil eines Augenblicks wurde es ihm dunkel vor den Augen. So
traf ihn diese Entdeckung. Er ma zum ersten Male seinen Gegner. Diese
Mittel hatte noch niemand gegen ihn angewandt. Georg hatte die
entlassenen Schmuggler noch nicht abgeschoben. Ob durch einen von ihnen
die Reise nach Konstanz so hastig veranlat wurde? Hatte sein, Mabuses,
berwachungsdienst versagt? Es war jedenfalls gefhrlicher als jemals
zuvor. Denn es waren mehrere Agenten der Fremdenlegion entlarvt und
verhaftet worden.

Wenn Wenk die ganze Gesellschaft einsperren lt, kann einer so viel
verraten, da die Wellen bis an mich heranschlagen. Ich bin zum
erstenmal nicht mehr sicher. Ich werde ihn beiseite schaffen ... Weshalb
hat Georg ihn durchgehen lassen, sobald er nur im Zweifel war, es knnte
der Staatsanwalt sein? Der Teufel hole die Menschlichkeit, mit der wir
ihn in Schleiheim laufen lieen! Frher lebe ich nicht mehr, als bis er
fort ist, bis er ausgetilgt ist!

Ich werde meine Flucht gleich vorbereiten. Ich werde ber die Schweizer
Grenze fliehen, wenn ich bis acht Uhr nicht wei, ob Georg nicht
verhaftet ist.

Wo hat ihn Georg gesehen? Wenn ich das wte! Darauf kommt alles an!

Ungeduld, fri mich! Ich habe Fieber vor Ha auf diesen Strer. Wenn ich
mein Frstentum Eitopomar nicht erreiche!

Dann ging Mabuse in seine Wohnung zurck. Er hatte ein Paket unter dem
Arm fr sich selber. Auf alle Flle! Wenn sie vielleicht heimlich im
Innern schon von der Polizei besetzt war, war er ein Dienstmann, der
etwas abzugeben hatte. Es waren Zigarren in dem Paket. Aber die Wohnung
war leer, und rundum war alles unverdchtig.

An diesem Abend verlie Mabuse sein Haus nicht mehr. Es war sicherer,
da er vom Fenster aus selber sah, wer zu ihm kam, als da in seiner
Abwesenheit jemand eindrang und am Fenster auf ihn warten konnte. Er war
doch fr alles bereit!

Er verbrachte den Abend damit, seine Vermgensaufstellung zu berprfen.
Zu der Summe, die er zu brauchen berechnet hatte, fehlte ein halbes Jahr
Arbeit noch in Deutschland. Dort kannte er das Terrain. berall anderswo
mute er mindestens ein Jahr dransetzen, bevor er von neuem beginnen
konnte. Seine Sprachkenntnisse htten ihn sowieso nur auf ein
angelschsisches Land beschrnkt.

Ein halbes Jahr. Er trommelte das in sein Hirn, sein Herz, sein Blut.

Ich bleib' es! sagte er laut in das einsame Zimmer, und es war ihm,
als hrte er wie einen Hammer auf Eisen den Trotz durch sich pochen, der
ihm diesen Entschlu eingab.

Er wurde am nchsten Morgen um halb acht dringend von Konstanz
angerufen. Doktor Dringer! Herr Kollege, ich mu mich geirrt haben.
Nichts mehr zu sehen. Habe alles mobil gemacht. Die anderen Patienten
sind zur Abreise vorbereitet.

Schade, Herr Kollege! Luten Sie abends nochmals an!

Hund! knirschte Mabuse durch das Fenster in die Stadt hinaus, in der
Wenk mit ihm wohnte. Und wenn es nur fr diese halbe Stunde der
Unsicherheit wre, so gehst du um die Ecke! Das erstemal ist es durch
einen Zufall milungen. Das zweitemal wird es keinen Zufall mehr geben.

Mabuse verlie das Haus und ging zu Fu davon. Er begab sich in eines
der modischen Hotels und fragte nach Herrn Generaldirektor Hungerbhler.

Jawohl, er sei da. Zimmer 115.

Als Mabuse in das Zimmer eintrat, ohne geklopft zu haben, war es leer.
Spoerri! rief er leise.

Da ffnete sich eine Schranktr, und Spoerri kam heraus.

Wenk scheint in Konstanz zu sein. Georg hat es mir grade telephoniert.
Aufpassen! Was macht die Carozza im Gefngnis?

Es wre doch gut, wenn wir sie der Beseitigungskommission berwiesen!
Ein toter Mund ist sicher!

Nein, habe ich gesagt. Ihr lebender ist mir sicherer als ihr toter,
entgegnete Mabuse heftig.

Ich habe auf alle Flle Verbindungen mit einem Wrter begonnen.

Wozu?

Um sie herauszuholen, wenn sie leben bleiben soll!

Esel! rief Mabuse unterdrckt. Ich sage: sie ist sicher, wo sie ist.
Wenn man ihr mit den Eisenstben der Gitter die Lippen aufbricht, redet
sie nicht. Lassen Sie diese Dummheiten! Sie kommt heraus, wenn ich
Europa verlasse, eher nicht! Ich kam, um Ihnen zu sagen, da ich fr
Wenk noch einen Monat Zeit lasse. So lang, damit sicher gearbeitet
werden kann. Merken Sie sich das Datum. Keinen Tag lnger! Dann ging er
wieder, fast ohne Gru.




                                  X


Am nchsten Abend war Dr. Mabuse zu Geheimrat Wendel, dem Psychiater,
eingeladen. Es sollte nach einem kleinen Nachtessen eine interessante
Somnambule auftreten. Im Dmmerzustand weckte sie Erinnerungen in sich
auf, die bis in ihre frhen Kindertage zurckreichten ... bis in eine
Zeit, in der die Ausbildung des Hirns noch nicht so weit vorgeschritten
ist, da es ber den Augenblick der krperlichen Erfordernisse hinaus
empfindet oder aufzeichnet.

Mit dem Geheimrat war Mabuse durch einen Patienten bekannt geworden,
durch eine Dame der Aristokratie, die an schweren nervsen Hemmungen
litt, und die Mabuse durch eine hypnotische Behandlung geheilt hatte. In
der Gesellschaft trafen sich nicht nur Gelehrte, sondern auch
Schriftsteller, Knstler und Kunstfreunde von Ruf, so wie es in den
letzten Jahren in der wohlhabenden Gesellschaft Mode geworden war.

Mabuse hatte als Tischdame eine Frau, die er erstaunt, ja betroffen,
kannte. Sie hatte bei seinen Helfershelfern in den Spielslen den
Spitznamen: die Unaktive! Es war die Grfin Told.

Er widmete ihr den Abend ber alle Aufmerksamkeiten, deren er fhig war,
erzhlte spannende, ungewhnliche Erlebnisse von waghalsigen Reisen, von
Tier- und Menschenjagden in fremden Weltteilen. Er sprach mit einer
grimmigen Hingerissenheit, mit einer tierischen Wut, in seinen
Erinnerungen die Kraft nachgenieend, die er veruert hatte. Er fhlte,
was diese Frau in die Spielsle trieb, und es war ihm ber dieser
pltzlichen Entdeckung, als blute sein Herz. Als ffne sich in seinem
Blut ein Spalt, eine Schlucht, die so tief war, da nur zuckendes
Menschenherz sie fllen konnte. Er jagte mit seiner Phantasie und seiner
Sprache nach diesem Herzen wie in den Dschungeln nach Tigern, die
Menschenblut aufgerissen und die Jger zu tobender Blutlust entflammt
hatten.

Diese Frau war das Herz, das er brauchte. Herrschschtiges Begehren
scho in sein Hirn und fllte es aus. Er wollte diese Frau fr sich
haben. Er sah durch ihre Augen, wie seine Erzhlungen ihr Blut
lockerten. Das wollte sie. Er verstand sie immer ungebrdiger und
umfassender. Er malte ihr die fremde Natur, er warf sie ihr hin im Kampf
mit seinem Willen, seinen Muskeln, seinem Geist. Und sie sollte glauben,
die ganze fremde Natur, um die er so gewaltig kmpfte, sei sie.

Sie zitterte in seinen Worten. Sie erschwachte an ihnen. Eine Glut nach
Anlehnung und Zrtlichkeit berfiel sie vor den uerungen dieser
Mnnerkraft so stark, da sie sich von seinen gewaltsamen Erzhlungen,
mit denen er sie an sich zu heften trachtete, wie ein Stck lebendiger,
blutnasser Haut losri, zu ihrem Mann ging und in einer flehenden,
heftigen Bewegung mit ihrem ganzen Leib ihn berhrte.

Mabuse sah es. Es ward rot vor seinen Augen aus seinem ganzen Blut
herauf. Rot von Verlangen und Blutgier. Er ertrug nicht mehr, da andere
Blicke sich auf sie legten ... da irgendeiner der fremden Mnner sie
ansprechen durfte ... Lippen sich ber ihre Hand beugten ... Willen nach
ihr angelten. Rot von Blutgier und Verlangen.

Er mute fort. Er raste gleich im Auto nach Haus. Alle Sinne blieben bei
der Frau zurck, und sich so von ihr entfernend, seinen Krper so von
dem Blut losreiend, schrie er in der Fahrt, in der er, selber lenkend,
die Straen durchtoste, das Bild heraus, das in der Schlucht lag: Mord
und Verlangen! Mord und Verlangen!

Zu Hause trank er, bis er nichts mehr sah als in den Kreisen, mit denen
die Trunkenheit das Zimmer um ihn wirbeln lie, ihr Herz. Es war von
seiner Hand dem schnen Leib entrissen, blutete ber seine Finger und
zuckte in sein Hirn.

                   *       *       *       *       *

Fr die Grfin Told kam der Tag, an dem ihr Unternehmen im Gefngnis
beginnen sollte. Sie begab sich zu Wenk. Er fhrte sie zu der Anstalt
und besprach mit dem Direktor die Angelegenheit.

Bevor sie zur Zelle gefhrt wurde, fragte sie noch: Auf wie lange?

So lange Sie wollen, Frau Grfin, antwortete Wenk. Immerhin hngt es
von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverstndlich gengt ein Wort,
und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.

Sie sagte: Zeit habe ich. Nur mchte ich am nchsten Montag zu einer
Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.

Aber natrlich, das lt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben,
Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon
haben!

brigens, Herr Doktor, sagte sie noch, mein Mann ist auf dem
laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?

Wenk verbeugte sich.

Ein Wrter bernahm die Grfin. Sie wandte sich lchelnd nochmals
zurck.

Gut Glck! rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur.

                   *       *       *       *       *

Die Grfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel
verlassen. Der fremde Mann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die
Berhrung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und
verlie sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drngte den
Staatsanwalt von ihr zurck.

Es kam ihr vor, da sich die Zellentr vor ihr ffnete, als ginge sie nun
in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene
Kammer, wie in eine Zeit der Prfung.

Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. Ich lade zu einem zweiten Abend
meiner Somnambule am nchsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder
ein, hatte der alte Geheimrat mit seinem gtig-skeptischen, anzglichen
Lcheln gesagt. Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mute. Die
Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Grfin Told!

Wohlan! hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht
verbergend, aber auch kein Eingestndnis.

Die Zellentr schlo sich hinter ihr. Vor ihr sa eine Gestalt auf einem
Stuhl. Sie drehte sich nicht her. Nun? knurrte sie wie ein Hund.

Guten Tag! sagte die Grfin.

Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Grfin ihr Gesicht
voll zukehrte, stie diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut
gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr
trat. Frulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!

Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune
der Carozza nicht. Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig
ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag' Ihnen,
Frulein, ein Radau war das! Einer piepste, der andere wollte zum
Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer
setzte sich hin und weinte: >Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin
entehrt!< Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte
mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was
soll ich tun? Das ist doch nichts Bses, in ein Spiellokal zu gehen! Und
gespielt hab' ich ja auch noch nicht einmal!

Aber die Carozza schaute sie nur bse an. Sagen Sie etwas! Was haben
Sie? bettelte die Grfin.

Ich hab' das Bedrfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der
junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?

Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem
nicht wiedergekommen!

Und der alte Professor?

Nein, auch nicht!

Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzhlen, sagte dann die
Carozza barsch. Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich
nicht. Ich bin unglcklich! Ich bin verraten und verlassen worden.
Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Da Sie's
wissen! Ihnen sag' ich's! Sie gehren zu uns. Verloren, ganz verloren,
sag' ich Ihnen. Und verraten, da man sich weniger um mich kmmert als
um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bsen Hunde! ... Die bsen
Hunde! ...

Die Carozza sprang von ihrem Schemel und fate die Grfin an der
Schulter. Sie waren mit uns. Ich schttle es in Sie hinein, rief sie,
immer ungebrdiger werdend, da nie jemand so verraten wurde wie ich.
Und ich hatte es nicht ntig. Ich war eine Knstlerin. Ich war begehrt
und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein rudiger Katzenbalg
in einer Gosse!

Weshalb hat er sie verlassen? fragte die Grfin. Sie fragte das so
schchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mdchen neben dieser groen
wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja
freilich, verlassen fr immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ja
tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. Er ist tot! sagte sie
leise und schwingend.

Wer? rief die Carozza.

Ihr Freund ... Hull! zirpte die Grfin wie ein Insektchen und begehrte
an dem Schmerz des Mdchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in
ihrer Phantasie zu unterliegen.

Aber da schrie die andere auf sie ein: Ach was! Er ist nicht tot! Den
ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da drauen in
der Stadt, so gro wie ein Turm, wie ein Fels, sag' ich dir! Du
Rotznas', was weit du denn, was er war? Alles andere war bldes
Getndel. Untreue ein Nebenschelchen! Hull? Tot? Was ist dmmer,
kleiner, als da Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei
da drauen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu
seinen Fen dulden knnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu
da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der grte Mann, der
besteht. Der wildeste, sag' ich dir! Ein Br, ein Lwenmnnchen, ein
Knigstiger aus Bengalen ... hrst du? Nicht aus diesem frostigen Land
... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm'! Weil
man mich in diesem Loch verfaulen lt!

Auf einmal sagte sie ruhig und fest: Sag', glaubst du, da es Mnner
gibt, die so stark sind, da ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um
mich ... einblasen kann, wenn er wei, da ich das so ... so begehre?

Drauen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie! antwortete die Grfin.
Der leidenschaftliche Atem, der sie so pltzlich aus einem
Menschenherzen berfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.

Wie erbrmlich war sie, einen Menschen berlisten gewollt zu haben. Sie
kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Plne als etwas
Beschmutzendes ab. Sie erglhte an dieser fremden Person wie ein Faden
an den elektrischen Strmen.

Ja, in uns gibt es sie! wiederholte sie.

Er! ... Er! ... sang die Carozza mit einem Tonfall aus der
Appassionata.

Und der Grfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein
Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie
lie die Gestalt gewhren. Sie kam und ging und kam ber sie, wie sie
wollte.

Liebst du ihn? fragte sie die Carozza.

Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: Ach was ...
lieben!

Ich liebe ihn nicht! ereiferte sich die Grfin, den Bewegungen der
spukhaften groen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. Aber er ist doch
alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt fr sich. Er liegt
da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen
Husern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als
habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur.
Und ganze riesenhafte Bume und weite, undurchdringliche Schilfwlder!
Weit du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in
ihm!

Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an
Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so ber
sich treten lie, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der
Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein
Atmchen wute noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins
versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in
der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben fr sich begann und
nur mit schattenhaften Schnren an jener Stunde hing. Man konnte die
Schnre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben
zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurck, als noch einmal
ihre Sinne jenem Bewutsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein
Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stie.

Die beiden Frauen saen nebeneinander, die Grfin auf dem Boden, beide
wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen
der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflsung in dem fremden Blut. Ein
Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten ber
ihnen, das grauenvoll das Nichts aus dem Scho der rinnenden stummen
Zeit heraufflattern lie. Sagen Sie etwas! bat die Grfin mit
schchternem Flehen.

Still, oder ich erwrg' dich ... erwrg' dich! schrie die Carozza.

Da wich die Grfin zurck. Sie fhlte sich, ungemessen und grenzenlos,
wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach auen zu wenden getrachtet
hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines
Steinadlers.

Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde
finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen.
Die Grfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten
Liegestatt. Die Nacht ging ber sie. Die Vorstellungen versanken in
einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake.

Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: Schlfst
du?

Nein!

Weshalb bist du hier?

Da war die Grfin nicht mehr so khn, ihre Lge zu wiederholen. Sie
schwieg kleinmtig.

Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: Du
solltest mich aushorchen! Hab' ich dir etwas gesagt?

Ja!

Von ihm?

Ja!

Hab' ich dir seinen Namen genannt?

Nein!

Das ist gut. Sonst kmst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn
ich ihn genannt htte und du lgst jetzt, so wisse, da er keinen Namen
hat. Er ist tausend Mnner. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer
Erdteil!

So wie er! sagte die Grfin bei sich. Aber einen Augenblick spter
wute sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen htte.

Wann gehst du wieder fort?

Wann du willst!

Dann geh gleich! Geh, sag' alles, was ich gesprochen hab'!

Nein! antwortete die Grfin strrisch.

Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?

Es ist jetzt anders!

Nichts ist anders, begehrte die Carozza wieder auf. Es ist alles, wie
es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er drauen in tausend Freiheiten!
Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstck liegt. Sag' mir
alles!

Nein, ich sag' nichts!

Weshalb, du ... du Luder? fuhr sie die Carozza aufschreiend an.

Weil Sie ihn so lieben!

Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschlge spter warf sie sich
hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen.

Die Grfin blieb liegen. Sie sprte, wie eine Seele, entblt, mit
Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, ber ihrem Herzen lag
und es gefangen hielt. Sie sprte ihr eigenes Blut ber das Herz unter
der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen.

Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrderschaft mit der
Mrderin drben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wute, da
es derselbe Mann war, der in der Gefngnisnacht ihre Pulse vereinigte.




                                  XI


Wenk bekam schlechte Nachrichten ber das Befinden Karstens. Er hatte,
da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von
einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf
bekommen, die die Schdeldecke gesprengt hatten. Er gewann das
Bewutsein immer noch nicht wieder und war seit der Tat in einem
berfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der
andern Seite zu lsen vermochte.

An eine Aussprache mit ihm, sagten die rzte, sei in zwei, drei Wochen
nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte.

Der Carozza gegenber, ber die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften
bewies, etwas htte aussagen knnen, was ihre Anteilnahme an dem
Verbrechen genauer bestimmt htte, mute sich Wenk mit dem Unternehmen
der Grfin begngen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf
alle Flle, ob etwas von der Carozza an Klrung zu erwarten war oder
nicht.

Wenk verlie sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen
denen er seine Krfte sammelte, waren persnlich nicht erreichbar fr
ihn: der eine war das Frauengefngnis, der andere, wichtigere wohl war
Konstanz. Von dort wurde er fter angerufen. Dieser Poldringer durfte
keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen.

Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mute, ging er
in einer erregten Ungeduld hin und her und fter ans Fenster.

Da fiel ihm schlielich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der
Frhe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde spter
nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer
rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an
einer Ecke.

Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu berwachen? Wenk wollte die Probe
machen.

Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, da
jemand, der ihn nur flchtig sah, ihn fr den Staatsanwalt selber halten
konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der
Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem
Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straenecke sichtbar
wurde. Der Geheimpolizist strzte rasch das kurze Stck von der Haustr
auf den Wagen zu, drckte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon.
Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk.

Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt!

Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen sa,
zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fhrt der Schnellzug nach Offenburg.
Es ist ungewi, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben
Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewi, ob der
Beobachtete selber mitfhrt. Ein anderer hat sieben Karten gelst, nach
Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter
sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist mglich, da
er der Fhrer der Burschen wird und in franzsischem Dienst steht. Was
sollen wir tun?

Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die
drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurck, bleibt einer der
Beamten ebenfalls zurck, der diesen oder diese nicht auer acht lassen
darf. Es wre mglich, da sie getrennte Routen reisen.

Der Beamte in Konstanz wiederholte.

Gut! Melden Sie schon jetzt das Gesprch an fr die Abfahrt des Zuges.
Schlu!

Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fnf Minuten konnte er
sprechen.

Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute.
Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Flle sechzehn
Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, da die
Reisenden Psse nach dem Elsa haben. Sie sind geflscht ... Wenn Sie
verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die
Presse nur, da es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion
gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben
und nach Hause expediert worden. ber die falschen Psse zeigen Sie sich
nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen
unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu
bewachen.

Bald danach kam wieder Konstanz: Sieben sind abgereist. Poldringer
allein zurckgeblieben. Er ging zum >Schwarzen Stier< und wird
beobachtet.

Es ist gut, danke. Bitte, luten Sie wieder um sieben Uhr an! In der
Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!

Dann wollte sich Wenk rsten, um die Grfin im Gefngnis abzuholen. Es
war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto.
Als er es unter den Fenstern rattern hrte, ging er hinaus. Er ffnete
seine Tr.

Da stand ein lterer Mann drauen. Der Herr war gebeugt, hatte einen
buschigen schneeweien Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue
Augen.

Herr von Wenk? fragte er.

Bitte! sagte der Staatsanwalt. Verbeln Sie mir nicht ... ich habe
einen eiligen amtlichen Ausgang vor.

Einen Augenblick nur, antwortete der andere. Mein Name ist Hull. Ich
bin der Vater!

Wenk verbeugte sich und lie den Herrn herein. Er fhrte ihn in sein
Arbeitszimmer.

Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie fhrten die Untersuchung. Edgar
war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war
meine Arbeit. Meine Fabriken waren gro. Meine Frau starb frh. Es ist
vielen Shnen unserer Zeit so gegangen. Er sprach mit einer graden
Stimme, fast rauh. Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Shne
waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir htten
es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurckverlangen. Was
ich von anderer Seite ber die nheren Umstnde erfahren, gengt mir.
Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu
kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich
habe aus dem ganzen Unglcksfall nur den einzigen Wunsch brigbehalten,
diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da.
Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu
schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von
Wenk, knnen Sie mir raten?

Wenk antwortete zgernd: Ich mu Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr
Hull, Sie machen mich betroffen!

Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebndigte
Menschenkraft, erwrgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ...
alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im
ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. Ja, ich wei
nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?

Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die
Pflicht, die Mrder zu vernichten. Ich mchte das, was Sie an Schlechtem
aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das
Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich
nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die
Ewigkeit nehme. Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort.

Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglcksfall, der
Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?

Allerdings, sagte Wenk.

Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie
frei sind?

Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten
vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin
immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir knnen zusammen ein Werk schaffen,
glaube ich!

Nein, ich habe Ihnen zu danken, da Sie mir helfen wollen, dies
bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglcklichen nicht
nur im Blut unter den Menschen bleibt.

Sie gingen zusammen aus dem Hause.

Wenk fuhr zum Gefngnis. Er kam eine halbe Stunde spter, als verabredet
worden war. Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen, sagte
der Direktor.

So! machte Wenk enttuscht. Was hat sie hinterlassen?

Nichts!

Und Sie selber wissen auch nichts? ber das Ergebnis? Hat sie Erfolg
gehabt?

Ich habe nicht gefragt!

Weshalb nicht? fragte Wenk, durch den Ton gereizt.

Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen, antwortete der
Direktor milaunig.

Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch,
eine der gefhrlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspren. Sie
scheinen das mizuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut
nichts in dieser Sache.

Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nchstens mit solchen
Neuerungen zu verschonen ...

Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufhlen, Herr Direktor.
Ich werde ein Wort fr Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!

Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttuscht und zornig, als
er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?

                   *       *       *       *       *

Die Grfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam
in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser
Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren
Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gesprche wie ein Netz von
Tnen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von drauen. Ihr
Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er
mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.

Die Grfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis
im Gefngnis erzhlen sollte ... da sie mit dieser Frauenseele zusammen
gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte,
und noch strker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in
der Abwehr erlebte und erkmpfte. Sie spann sich so ein in diese
Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin
nahm in der Entfernung so pltzliche Verhltnisse an, da die Kraft des
Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfllung der zweiten Begegnung
mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet
hatte. Der Mann sank hin vor ihr.

Sie bemerkte, da, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten
seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber
kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem
steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus
sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwrmen
und ihr Inneres mild beschatten knnte.

Sie blickte zu ihrem Mann hinber. Der Graf sa neben der Somnambulen.
Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen
Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hnde. Da
erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefhl, das
wie die Lsung eines Fiebers ihr Herz warm berrieselte ... ein Gefhl
edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er
mich nicht htte, wre er schutzlos. Wre er ein Reifen, der die Straen
hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoen und
gefhrt.

In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der
Tnzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwhlte sie, machte sie von
einer heien, sprhenden Inbrunst und dann wieder eiskhl und fern.
Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd
nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den
dnnen, weien Fingern in die Teiche der groen wolkengrauen Augen ihres
Nachbarn.

Mabuse wurde immer schweigsamer. Er a nichts. Er legte sich auch keinen
Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemnteln. Er gab sich ihr im
Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die
ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die
gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Knigs zu erdulden und
anzubeten. Die Menschen aen nur, um sich zu dieser Anbetung zu strken.

Nur der Graf Told tnzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an
der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen,
fett und fest neben ihm sa und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft
entlie. Da hate die Grfin den Mann, der neben ihr sa und schlecht
gelaunt war, whrend ihr Gatte so gefhrlich auf der Scheide des
Lcherlichen hpfte. Nein, es war nicht Ha. Es war der innere Grimm
zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und
selbstsicheres Hirn und Blut.

Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.

Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelst und die Gesellschaft
des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gesprch ber die
Psychologie des Glcksspiels.

Ich bin eine Spielernatur eigentlich, sagte der Graf, ich bleibe
eiskhl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie
fruchtbar, wenn ich gewinne.

Mabuse sagte: Das Glcksspiel ist die lteste Form, die strkste und
allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer
Knstlerschaft gegeben ist, sich Knstler zu fhlen vermag.

Interessant, antwortete der Graf, fhren Sie das, bitte, weiter aus.

Weil im Glcksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annherung
wenigstens an einen Schpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch
das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem
Krfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das
Unerwgbare, Unmebare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus
Unmgliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der
Geschpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der
Knstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall luft ihre Ttigkeit in
einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn
er dichtete. Die Synthese des glckenden Spiels ist dieselbe: der Zufall
gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann
alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem
Zufall ein Werk eigener Schpfung zu machen.

Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?

Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!

Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde
des Unbewuten, oder des Unterbewuten vielmehr, die sichtbare Form. Das
Unterbewute aber, das steht doch heute fest, trgt unser Seelenleben.
Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?

Gut!

Die Somnambule sollte ihre Ttigkeit beginnen. Ein Arzt fhrte sie vor
und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der
Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzhlte
der Graf mit ehrfrchtig flsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzhlt,
die sich in ihrem Innern whrend ihrer ersten Gehversuche abgespielt
hatten.

Der Graf fhlte eine Wrme, die unnatrlich seinen Hinterkopf
bestrahlte, whrend er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts
hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemlde hingen, die lterer
Schule waren und ihn gleichgltig lieen.

Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt
wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmhlich
der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz
vorn stand und pltzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig.
Einer qult mich, sagte sie.

Niemand qult Sie, sagte die Stimme des Arztes eintnig und
skandierend. Man will Sie in die frhen Lnder Ihrer Jugend geleiten
... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei
... Sie schlafen! ...

Er rieb langsam, kaum berhrend mit der Hand ber ihre Stirn, immer
wieder ... zhlend ... Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie
jetzt?

Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.

Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?

Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...

Sie seufzte, erwachte rasch: Es ist jemand da, der soll fort. Wer qult
mich?

Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Strungen vorhanden, die ich
nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann, sagte der
Arzt.

Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal
versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich
mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Strungen.

Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermge er nicht zu
versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkltung. Er trat aber
sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, da dieses auf
die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten
sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er berstrich einen
Teil ihres Krpers mit den Augen. Das Mdchen wurde wie mit einem Schlag
blasser, als es war. Ohne da das Medium auch nur eine Bewegung machte,
ward deutlich zu erkennen, da in ihr ein Kampf gegen fremdes
Unsichtbares aufging ... da ein Widerstand rasch erlahmte, da ihre
Augen fielen ... fielen ...

Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: Sie liegen in
Tchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs
Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?

Und aus dem schweren Krper dieses bei offenen Augen schlafenden
Mdchens drang eine piepsende, winzige Stimme: Im Bauch drckt es!

Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen
das?

Der Leib einer Frau, sagte das Stimmchen.

Lieben Sie den Leib?

Da ward das Mdchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein
schriller, qualvoller und bser Ton: Nein!

Was wollten Sie tun?

Ihn mit dem Gaumen zerbeien!

Weshalb?

Doch ein Zittern brach ber die Lippen des Mediums, teilte sich dem
Krper mit, und Mabuse sagte: Jede Minute lnger ist Lebensgefahr. Ich
mu die Sitzung beschlieen!

Er legte das Mdchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlste
er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war,
wurde es zu Bett gefhrt.

Die Unterhaltung strzte nun ber Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen
gewollt hatte.

Das ist ein Mrchen gewesen, sagte Told, ein Mrchen vor dem Tor des
Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das
es so zittern gemacht hat?

Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die
Grfin. Sie trat heran. Auch sie fragte.

Da sagte Mabuse: Sie wollte sagen: Weil ich ihr Blut so gehat habe!

Die Grfin erschrak. Die andern schwiegen, peinlich betroffen. Die
Grfin lehnte sich auf und sagte hart: Ein Kind kann nicht hassen!

Woher wissen Sie das? fragte Mabuse brutal.

Das wei ich ... von mir selber! antwortete sie.

So freuen Sie sich ber sich. Denn dann sind Sie nicht nur ein Genie an
Erinnerungskraft, sondern auch ein Engel an Gemt! entgegnete Mabuse
hhnisch.

Gesprche lsten die Gesellschaft auseinander. Nur der Graf Told war
schweigsam geworden. Immer dieser unnatrliche Hitzstrahl gegen seinen
Hinterkopf! Er schaute hinter sich. Er fate mit der Hand den Schdel
ab. Nichts! Er ging zu einem Spiegel! Nichts! Er setzte sich hin, und
ihm war, als solle er einschlafen. Aber er sah alle Menschen und hrte
alles. Er wollte etwas sagen, doch fhlte er, wie die Worte von seinem
Mund weggepflckt wurden gleich fallreifen Frchten.

Als eine Weile so vergangen war, erhob er sich, trat auf den Kreis zu,
in dem Dr. Mabuse stand, und sagte: Wir wollten Bakkarat spielen!

Wie Sie wollen! Wenn wir noch Spielliebhaber finden! antwortete
Mabuse.

Da wurde Told lebhaft. Groartig, mit Ihnen Bakkarat spielen!
Geheimrat, was? Machen Sie auch mit?

Ich habe gesellschaftliche Pflichten gegen die Damen. Aber Sie werden
Partner genug finden, antwortete der Geheimrat.

Bald saen sechs Herren um den Spieltisch. Er stand in einem Raum, der
an den Wintergarten stie. Die Lampe mit einem tiefen Schirm neigte sich
ber den Tisch und lie das Zimmer in einer schummerigen Dunkelheit. Im
Wintergarten, in den man durch ein Fenster sah, leuchteten dunkel die
gespenstischen Arme der fremden Palmen gegen das von Sternenschein
angegeisterte Glas der Wnde. Sie sahen aus wie Leitern, die, aus ihren
starren, hlzernen Formen erlst, dunkel und wie ekstatische Schatten
sich gegen Himmel erstreckten.

Man schlug die Karten, wer zuerst die Bank halten sollte. Gste
umlagerten den Spieltisch. Die Grfin Told stand im Dunkeln abseits und
schaute herber. Mabuse sah ihr Fleisch leuchten auf dem dunkelroten,
weit ausgeschnittenen Kleid, das sie trug. Er war finster und kalt. Kaum
sprach er ein Wort. Alles, was in ihm aufsteigen wollte, unterdrckte
er, und nur um den Grafen Told huften sich seine Gedanken und trmte
sich sein Willen hoch. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er kurz und
abweisend. Er spielte scheinbar mit groer Aufmerksamkeit. Aber er
spielte in Sprngen.

Bald begann es, da die Herren, die mit geringen Stzen angefangen
hatten, ihm dies Beispiel nachmachten. Dadurch ging die Werteinschtzung
des Einsatzes verloren. Neben drei Mark standen fnfzig Mark, standen
zweihundert Mark. Die drei Mark schmten sich, wurden rasch zwanzig und
rascher hundert und zweihundert ... Es ging nicht lang und niemand
wagte, weniger als hundert Mark zu setzen.

Als man begann, fand man Zeit, die Zwischenrume zwischen dem
Kartenablegen und dem Aufheben der neuen Karten mit Gesprchen zu
fllen. Diese Unterhaltung versickerte, verschwand. Die Zuschauer wurden
stumm. Unter den Spielern entbrannte der Kampf, kreiste das Fieber. Es
ging auf die Zuschauer ber.

Die Grfin sah, welche Summen ihr Mann setzte.

Er hat nie gespielt! Was ist los mit ihm? fragte sie sich.

Der Graf gewann. Er lie Einsatz und Gewinn stehen. Es war ihm, als sei
er ein Pferd, ber dessen Flanken der Reiter bedrohend und anfeuernd
hing und hetzte. Er warf Geld hin.

Der Graf sollte als Letzter in der Runde die Bank bekommen. Es war ihm,
als stnde der Augenblick, in dem er selber die Karten verteilen und das
vierfache Risiko an Gewinn oder Verlust haben sollte, wie eine Empore
vor ihm, deren reiche Geheimnisse zu erklettern ein wunderbares Glck
sei.

Es wurde hei. Aus den Phantasien zuckte die Hitze durch den Raum.

Die Grfin beugte sich in dem halben Licht vor, gebannt von dem
unbegreiflichen Tun ihres Mannes. Auf einmal berhrte der volle
Lichtschein den Ansatz ihrer Brust, der sich klar und schn aus dem
Kleidrand hob. Norden und Sden! sagte Mabuse, der diesen
Zwillingspfirsich sah; bs und voll dunkler Wut sagte er es. Norden und
Sden, warte! ...

Dann wich sein Blick zurck und legte sich dem Grafen Told auf die
Hnde.

Der bernahm in diesem Augenblick die Bank.

Er teilte die Karten aus. Er war auf einmal verwirrt, als sei etwas
geschehen. Er war froh, wie er das Paket verteilt hatte. Er gewann
smtliche Einstze. Es war sonderbar, da sich auch das zweitemal
dasselbe Gefhl der Unsicherheit wiederholte. Er gewann wieder.

Das geschah nun fter hintereinander. Die Spieler wie die Zuschauer
erregten sich an der Glcksserie des Grafen.

Ihr Gatte! wandte sich jemand an die Grfin, schauen Sie, er gewinnt
jedesmal.

Alle warfen einen Blick, den die Karten rasch wieder zurcknahmen, auf
die Grfin.

Der Graf teilte die Karten wieder aus. Er deckte sein Blatt auf; er
hatte zwei Figuren und schickte sich eben an, eine Karte zu kaufen.

Halt! rief pltzlich eine Stimme, wie von einem Unteroffizier. Eine
Hand fuhr rot und roh auf den Tisch, auf die schne, schmale weie Hand
des Grafen, an der der farbige Stein funkelte, ri sie empor, und alle
sahen, da der Graf im Begriff gewesen, die Karte, die unten lag, statt
der obersten zu seinen Karten zu nehmen.

Es war eine Neun.

Aha, eine Neun! Jetzt verstehe ich Ihr Glck, Sie Kujon! schrie die
schnarrende Stimme. Sie sind ein Falschspieler!

Alles sprang auf. Man rief durcheinander. Der Graf Told sa klein und
zusammengebrochen an seinem Platz. Er sa da wie ein eingeschlagener Hut
und schaute hilflos auf.

Der mit der schnarrenden Stimme drang auf den Grafen ein. Das Geld her!
Sie! rief er drohend. Alles Geld!

Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im
Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den
Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern
mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von
der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter
den Fen der Menschen durcheinander. Die Menschen drber her! Da
erlosch die elektrische Birne.

Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte,
war auf die hinfallende Grfin gestrzt, hatte sie hoch in seine Arme
gerissen, und einen Sprung spter war er zwischen den Palmen und trug
die Ohnmchtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bume und
weit nach hinten durch Gebsch zu der kleinen Mauer, an der eine Strae
vorbeifhrte. Er hob sie ber die Mauer hinber. Jemand half von drben.
Und einen Augenblick spter toste das Automobil wie ein Ruber davon.

Nord- und Sdkugel! sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt
hinein. Jetzt seid ihr mein!

Die Xenienstrae war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus
das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch
ohnmchtig war, in seine Wohnung hinein.




                                 XII


Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verchtlichen
Blicken und Selbstunsicherheit lste sich Graf Told wie von einem Traum
und schlich ins Vestibl. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht
den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem
Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag.
Aber Told winkte ab: Warten Sie auf die Frau Grfin!

Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause
zu fahren. Wei ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es
ist ber mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen
... Wei ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum
wre!

Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mute aussteigen.
Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel.
Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie
zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu
verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern
das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten
Pedanterie stark an diesem Zusammensein.

Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewut und
erstaunt. So stark flo um ihn die Stimmung der vielen zarten
Erinnerungen des Raumes. Er fhlte sich enttuscht, da sie ihm in
dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere
Erlebnis seines Daseins.

Aber zugleich dnkte es ihn selbstverstndlich, da sie sich von ihm
getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am
Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch
schlecht aus ihm. Nein, Dusy _soll_ fort von ihm sein! Es kam eine
Prfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.

Aber wovon sollte er sich reinigen?

Und auf einmal berfiel ihn, lastend und kalt, was er getan hatte, wie
eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er
hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er
hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen!
Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich
nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoen! Ich
werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand
mir helfen?

Ich wei, da ich es getan habe. Aber ich wei nicht, wie ich es getan
habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrckt. Ich verliere
mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben fr
das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir
vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka!
Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber
was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht,
das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte
meine Augen, mein Gehr, mein Gefhl ... Aber mein Hirn verfault.
Irrenanstalt! Mein Krper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist
in Zwischendunkelheit eingehllt. Kann denn keiner mir helfen?

Er kmpfte mit den Trnen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er
wute nicht: Tuscht mich nicht vielleicht mein Bewutsein ber das, was
ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in
Wirklichkeit, da ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und
angebetet habe, oder meinen Diener einen Mrder nenne oder der
Kammerzofe Dusys Unzchtigkeiten sage? ...

Und dann war es ihm, als brche er zusammen ber den einen Namen: Dusy!
Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du
mir nicht? Hilfst du mir nicht!

Er klingelte und lief dem Diener entgegen. Die Frau Grfin? rief er.

Die Frau Grfin ist noch nicht zurck!

Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...

Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde
angerufen. Die Frau Grfin lt er um die Ehre bitten, ihn morgen
vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher
aufgeschrieben.

Gehen Sie! sagte der Graf.

Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er
laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten,
gestupt von zehntausend ngsten:

Sonst mu ich mich aufhngen! Ich mu es einem Menschen sagen, einem
Menschen! ...

Er strzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an.
Hier Staatsanwalt Wenk! rief eine fremde, ferne Stimme, so da Told zu
erzittern begann.

Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und
antwortete: Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?

Ihm war in furchtbarer Not, als schmlzen vor dem Fieber seines
Verlangens die bermittelnden Drhte und es knne keine Antwort durch
sie kommen. Er atmete auf, als er dann hrte: Mit Vergngen! Ich
erwarte Sie!

Fritz! schrie er hinaus. Richten Sie mir das kleine Auto!

Und er fuhr zurck nach Mnchen.

Wenk glaubte, er kme im Namen der Grfin und es sei im Gefngnis etwas
geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.

Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefhrliches Experiment! Die Frau
Grfin ...

Nein, nein, rief Told dagegen, ich, ich ... Meinetwegen komme ich.
Mir ist etwas geschehen!

Er erzhlte. Er erzhlte auch, wie er den Abend ber diese unnatrliche
Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden htte. Das sei wohl ein
Vorbote des kommenden Unglcks gewesen.

Seien Sie mir nicht bse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich
berfalle Sie. Aber ich htte mich aufhngen mssen, wenn ich es nicht
gleich in der Nacht einem Menschen gesagt htte. Darf ich fortfahren?
Und diese starren Strahlen, wie eine glhende Eisenstange am Hinterkopf,
flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war,
als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei
vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem
Augenblick, der mir so wohl tat -- da geschah es! In der ersten halben
Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging.
Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rckgngig zu machen,
nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.

Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwrtig. Um
Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Grfin und
die Carozza! Er fragte Told:

Haben Sie einen Verdacht?

Der Graf verstand die Frage nicht. Einen Verdacht? Wie meinen ... da
ich frher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!

Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?

Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer
... Nein ... Gegen niemanden!

Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien
... der Ihnen verdchtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern
Geladenen?

Es war ein kleiner Kreis persnlicher Bekannter des Geheimrats. Nein,
niemand!

Wenk lie den Verdacht fallen. Wie htte er auch selbst die Anwesenheit
des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen
knnen! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht ber den
Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewutsein einer ans
Krankhafte streifenden, subtilen Persnlichkeit abspielte, den das Hirn
nur ber seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf
mute zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, da er zu ihm, dem
Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.

Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt berlie ihn sich selber.
Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: Es kommt mir zum
Bewutsein, da ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe
gestrt habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht
belzunehmen. Im Unglck ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht.
Und da greift das Bewutsein nach dem ersten Halt. Sie hatten
angelutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus.
Und da ...

Er schlug um: Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich
sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das
ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter
der Psychiater bevor.

Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewi, was Sie
sagen wollen. Ich bitte Sie, ber mich zu verfgen. Irgendwo rhrt mein
Beruf an die Sphre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und
jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen
gebunden. Ich bedaure, da der Anla Ihres Besuchs ein so unglcklicher
ist, sonst htte ich mich freuen knnen.

Indem Wenk das sagte und damit ausdrcken wollte, da das Abseitige,
geistig oder seelisch Ungewhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er
den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told
war ein Mann von Welt. Er gehrte der Sphre an, von der aus Wenk wieder
das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu knnen
glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate
sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kmmern knnen. Die
Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen
Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht
allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.

Man spricht von unserer Klasse als von einem >besseren< Stand. Diese
Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, mte wieder
lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen
sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger
Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln
Eigenschaften in sich wieder pflegen und sie nach auen wenden.
Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!

Der Graf Told hatte sein Leben vornehm gefhrt, vornehm in den Formen
und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien
hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persnlichkeit bindenden
Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke
gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Mastab gegeben
war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie
aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins
Licht gesetzt, die Geschfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das
Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer
Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht
die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die
fr ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schnem und
Geistigem umgemnzt ihnen zurckbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der
Zeit. Die ganze Zeit lste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr
ganzes Bewutsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so
unbegrenzter wurde seine Macht ber die Menschen. Wie kranke Frauengier
den Scho verkommen lie und ihn immer unstillbarer machte. Alles war
krank.

Da lag die Berhrung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit
der Zeit. Die Zeit bentzte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der
neuen Bilder waren Brsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld
zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die Blauen Pferde hat man einmal
fr zweihundert Mark haben knnen. X. kaufte sie fr achthundert. Heute
sind sie fr zweihunderttausend nicht mehr kuflich. Das waren die
Anekdoten, die sie vermnzten.

Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte
etwas von der Dialektik der Knstler gelernt, deren Bilder er kaufte.

Man wird das Wort prgen, sagte ihm einmal Wenk, er spricht so gut
wie ein Expressionist! Und brigens beginnt diese Kunstgattung sich mit
einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwgern, die
auf hnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie
werden es erleben, da der Expressionist ^eo ipso^ auch Theosoph sein
wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich
nahestnden, sondern man wirft die Geschfte zusammen. Sie werden heute
stets finden, da diejenigen, die am meisten ber den Materialismus
unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind.
Im brigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht
immer um Geld zu gehen. Herrschsucht ber Geist und Seele ist auch ein
Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern
tauschte. Man fischt halt jetzt berall im Trben der Verhltnisse ...
Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns,
gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehrt jetzt der
Krieg gegen uns selber!

Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er mge doch bei ihm bernachten, da
es so spt geworden sei.

Told antwortete unwillkrlich: Ja, aber meine Frau ...

Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt
vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu
sprechen: Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich
werde fr diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so
menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich wei
nicht, wie ich sie berdauert htte -- allein! Jetzt ist sie hinter mir
wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.

Wre es Ihnen, fragte am nchsten Morgen Wenk den Grafen, unangenehm,
wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?

Nein, antwortete Told. Ich bitte Sie, es zu tun!

Der Graf zgerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte
dann, den andern erratend: Ich stehe Ihnen ganz zur Verfgung. Wenn Sie
noch einen Wunsch htten ...

Da antwortete Told rasch und errtend: Ja ... auch mit meiner Frau zu
sprechen, vor der ich mich so ... schme!

Sie brauchen sich nicht zu schmen!

Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr,
glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu bla ... Es fragt sich, ob
ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu fhren, der nun
doch nur ein Kranker ist!

Ich werde mit ihr sprechen!

                   *       *       *       *       *

Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswrdig er konnte und mit
der gtigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete,
erklrte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen,
abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft
der Persnlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von
dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch
zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen,
gewi nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben
wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre
persnlichen Krfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen
Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglck ausgeschlagen. Seine
Phantasie sei wohl erfllt gewesen mit den Rubergeschichten von
Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle
schlielich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem
Erlebnis der Phantasie eines schwchlichen Mannes einen
gesellschaftlichen Skandal zu machen.

Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?

Ja, jetzt, lachte Wendel, wo ich so unfreundlich ber ihn sprach,
kann ich ihn nicht verraten. Er ist brigens ein harmloser
Familienvater, ein Professor an der Anatomie.

Es ist nmlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen knnen.
Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber
geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten
erzhlt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden
Tendenzen bei ihm zu glauben. Er war durch und durch zermrbt und
zerstrt von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu
handeln, um ein pltzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Knnte
nicht unter Ihren Gsten ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen
besonderen Eindruck auf den Grafen machte?

Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher
Maler bei mir, lchelte der Rat.

Bitte, verbeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr
Geheimrat. Sie glauben nicht, da ein solcher Mensch anwesend war?

Nein, das glaube ich nicht. Alle Gste sind mir seit langem persnlich
bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anla es sich handelte. Diese
Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Knstler
von Namen und persnliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch
nicht sehr lange kenne, dessen auergewhnliche praktische Fhigkeiten
ich aber sehr schtze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf
bringt, da man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die
Sache so liegt, wie Sie eben erzhlten. Der Graf ist der Sohn meines
Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem
Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn.
Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.

Wenk ging.

Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort
die Grfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Grfin noch
der Herr htten die Nacht in der Villa zugebracht.

Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurck, in der Told bla,
verhrmt und mit zerrissenen Gesichtszgen auf ihn wartete. Ich habe es
gewut, sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Grfin sei nicht nach
Hause gekommen. Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der
Geheimrat?

Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzhlt haben. Er hatte das
Erlebnis anders, aber als nicht sehr bse eingeschtzt. Er rt Ihnen,
sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er
gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!

Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft! sagte
der Graf, als er die Aufschrift las.

Soll ich zu ihm gehen? bot Wenk an.

Nein, Herr Doktor, einmal mu Ihre Liebenswrdigkeit aufhren. Ich mu
mich ja auch entschlieen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem
Leben Vorhandenes in meine tglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich
werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse
anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.

Herr Doktor Mabuse, sagte ihm Told im Fernsprecher, Sie waren gestern
zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustie ...

Ja!

Ich bedarf Ihrer rztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief
an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!

Die andere Stimme antwortete schroff: Nein. Ich behandle nur im Haus
des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen
vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: um wieviel Uhr?

Um elf Uhr! wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein.

Dann verlie er den Staatsanwalt.




                                 XIII


An etwas Schwarzem, von roten Ringen und Blitzen Durchfurchtem erwachte
die Grfin Told. Es war dunkel und fremd um sie. Ein ganz zartes Licht
leuchtete abgedmpft irgendwo hoch, wie auf einem Berg, in das Zimmer,
in dem sie lag. Sie lag auf einem Ruhebett, angekleidet. Sie hatte das
Zimmer nie gesehen. Auch erkannte sie kaum etwas in dem Raum. Sie lag da
und versuchte, das, was sie erlebt hatte, in sich wieder hervorzurufen.
Es widerstand. Nur hart, wie mit einem Schlag, stand ein Augenblick da,
in dem die grauen Augen jenes Dr. Mabuse, der ihr von Tigern erzhlt
hatte, sich ber sie senkten, grauenerregender als Krallen einer Bestie,
die Blut roch ... geisterhaft ... ein Griff aus Luft, aber der Atem
gerann ihr. Ihr ward, als ob ihr das Herz zurckfloh und wie ein Pferd,
dem die Hufe nicht mehr am Stein hielten, hinterrcks verloren in eine
Schlucht strzte.

Eine Tr ffnete sich. Sie wute nicht genau, wo. Sie fhlte es mehr,
als da sie es genau gehrt htte. Sie wartete auf etwas. Auch ihre
Vorstellungen stauten sich zurck und warteten.

Nach einer Weile sprach aus der zarten Dsternis heraus eine Stimme:
Sie sind wach. Wnschen Sie, da ich Licht mache?

Es war eine Stimme, von der im ersten Klang der Grfin dnkte, sie sei
eine Glocke, das Fest der Seele einzuluten. Aber im Nu zerging diese
Empfindung. Ein Gefhl des Nichtglaubens durchzog sie. Wie kam diese
Stimme in die Dunkelheit? Diese einzige von allen Stimmen, die sie nicht
erwartet hatte. Sie erschrak so ins Unerkennbare der Seele tief hinein,
da ihr war, als frre ihre Haut ber den ganzen Krper zu Eisblumen
zusammen.

Ein Laut knirschte aus ihrer Kehle. Sie hrte ihn nicht. Sie streckte
nur abwehrend die Hnde aus. Da wurde es hell im Zimmer.

Dr. Mabuse schlo die Tr und kam an das Lager heran. Er sagte: Die
Lage ist so: ich habe Sie gewnscht! Ich habe Sie mir genommen!

Die Grfin gewann an den menschlichen Lauten die Beherrschung wieder.
Sie erhob sich vom Ruhebett, aber sie fhlte sich von der Ohnmacht wie
ausgesogen. Was wollte dieser Mann? Ja, sie wute doch genau, was er
wollte. Er war ein Tiger.

Trotzdem fragte sie: Was wollen Sie?

Ich sagte es Ihnen eben! antwortete die groe Stimme kurz.

Und nun?

Bleiben Sie bei mir!

Ich will nicht! schrie die Grfin. Ich will meinem Mann helfen. Ich
will nicht!

Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte
falsch gespielt!

Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das mglich gewesen! Sie wute
doch so genau, da er das nie tun wrde. Welche Widersprche! Welche
Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hlle! Und sie war bei der Helferin
der Mrder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich
durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmchtigen
Unglck, das ihr Mann angerichtet hatte.

Sie hrte die Mnnerstimme, gro, voll Grauen, voll Gefahren: Sie
wollen nicht? Frage ich danach?

Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er
eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war
seine Beute.

Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollstigen Angst hin. Sie
gehrte dem strksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte
sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Mnner, deren
Willen gengte, ohne Berhrung eine Frau zu nehmen?

Wie bin ich hergekommen? fragte sie.

Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich
einrichten? fragte die Stimme gro und kalt neben ihr und mit einem
erbebenmachenden Ernst.

Ich will nicht! schrie die Grfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge
in ihr Hirn eingegraben.

Das ist nicht die Frage! antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er
fllt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... Es handelt sich darum:
bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?

Die Frau, erwachend am Gefhl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde,
vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise
begann sie zu rechnen: List oder Widerstand?

Sie antwortete nach einer Weile: Sie knnen mich in Mnchen nicht als
Ihre Gefangene halten!

Mabuse mit einem drohenden Ton: Woher wissen Sie, da Sie in Mnchen
sind?

Haben Sie mich verschleppt? rief die Grfin.

Ich bin kein Gorilla!

Wer sind Sie? Wie heien Sie?

Wie Sie mich nennen werden!

Dann werde ich Sie Gorilla nennen! wollte sie bse sagen. Aber es
begann, da ihre Zunge in einer sen Schwere diesem hlichen Namen
widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie
eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen
aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie
emsige, nchtliche Heinzelmnnchen.

Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, da es ihr gut gehen
sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglck zugestoen war und ihr selbst,
wer wei was, widerfuhr.

Sie fragte trotzig: Nun also, was wollen Sie von mir?

Aber der Mann schaute sie nur hart und ruhig an, und ihr war, ihre Frage
schwmme klein und verchtlich auf einem groen Meer davon. Das Meer
aber war die Brust dieses Mannes. Es gab innen und auen keine
kraftvollere Brust. Diese Brust war ein Idol ihrer heimlichsten, ihrer
eingeschlossensten Wnsche gewesen. Sich hineinbetten ... hineinbetten
... wie in das Dschungel ...

Da sagte der Mann, nachdem er sie so eine Weile angeschaut hatte, mit
einer gewaltsam erfllten Ruhe: Das Geschlecht der Menschen ist zu
verchtlich geringherzig, als da seine Mnner und Frauen der einen
Kraft fhig wren, die die Schpfung sonst in den Unterschied der
Geschlechter gelegt hat: einmal sehen, wissen, und eins gehrt dem
andern so ganz wie der Tag dem Licht!

Das will sagen, fragte die Grfin zaghaft, Sie lieben mich? Deshalb
... bin ich hier!

Ich begehre Sie. Das ist mehr als Liebe -- fr mich! Sie sind hier,
weil es meinem Begehren keinen Widerstand gibt. Sie knnen eine Knigin
werden. In dieser Brust und in Eitopomar in Sdbrasilien. Eine Knigin
ber Urwlder, wilde Tiere, zahme und wilde Menschen, Tler, Felsen und
Fernen. Wer kann in dieser verchtlichen Gegend Ihnen mehr geben?

Niemand! sagte die Grfin, traumhaft vom Geheimnis umfangen, das so
rasch das doppelte Spiel in ihr begonnen hatte.

Sie haben sich also entschlossen, freiwillig zu bleiben? fragte
Mabuse.

Die Grfin fiel wieder zu ihrer Lage zurck. Sie wich von dem Mann, und
wie Schutz suchend stellte sie sich hinter die Ottomane. Sie prete die
Lippen aufeinander. Aber in ihrem Schweigen whlte in zerrender Qual das
Doppelte, da sie fort wollte und dennoch irgendwoher das Verlangen
trug, zu bleiben und zu gehorchen.

Er sagte: Wenn es das gbe: Ein Mann und eine Frau sehen sich zum
erstenmal, und in dem ersten Blick, den sie tauschen, sagen sie sich:
Jetzt gibt es nichts mehr in mir von dem, was ich war. Jetzt ist alles
wie ein tnernes Gestell zerschlagen, und nur du ... du bestehst.
Undenkbar ist auch nur ein Blutschlag, der nicht durch alles, was ich
bin, dir gehrt. Es ist, als ob die Jahrzehntausende des Bestehens der
Geschlechter in diese zwei Wesen auf einmal alle ihre Kraft geschleudert
htten, mit der die Menschen in so dreckiger Sparsamkeit und mit so
kupplerischen Bremsen umgehen. Welch ein Gese ist der Mensch! Aber das
andere wre Ebenbild Gottes und Schpfung!

Der Grfin war, als spanne sie eine pltzliche Gewalt zwischen zwei
Pole. Sie wute, sie war selber die zwei Pole zugleich, und doch war der
eine anders als der andre. Mu ich von einem zum andern laufen? fragte
sie sich ... Sie wurde sehr mde ... Oder kann ich so ausgespannt
bleiben ... so wohlig ... so von der Sonne einer Wesensart beschienen,
die ich an mir liebe?

Es war der Hang, dem Auergewhnlichen nachzugehen, um zu fhlen, wo sie
am meisten Mensch sei und sie selber, gelst von allem, was um sie hing
und nichts mit ihr zu tun hatte. Und ber die Grfin fiel wieder das
Gefhl eines Paradieses, die Windgesnge elysischer Gefilde, die reine,
ungeteilte Gefhle aushauchten. Fiel ber sie, als ob sie fhig wre,
die sen Gruppen fern von ihrem Blick aufgescharter Horizonte von ihrer
Sehnsucht zu erlsen und in ihrem Blut als eigenen Besitz einzubergen.
Was geschieht mit mir? fragte sie, sich leise zurckkmpfend und schnell
wieder dem tnenden Paradies entgegensinkend, das vor ihren ermatteten
Augen in ihr Herz zu schweben begann.

Das graue Auge des fremden, drohenden Mannes strahlte wie eine
Jahreszeit auf sie. Es stand vor ihr, hoch wie Wolken. Die Jahreszeit
vergewaltigte die Erde. Aber die Erde gab sich in aller Liebe hin. War
das das Geheimnis auch ihrer Natur? fragte sich die Grfin. Die
Jahreszeit ging wie ein Unwesen mit Krften von jenseits des Horizonts
durch die Wlder, ber die Flsse, Stdte, Gebirge ... mit Augen, nicht
rechts, nicht links schauend vor geisterhafter Macht, und war auf einmal
mitten in allen Dingen. Wenn der Mann so wie die Jahreszeit ber mich
geht ... ist das ... das Paradies? Erfllung? Wahr gewordene Sehnsucht?
Erlster Wahn? Ist das meine zweite Natur? Der ich nicht zu folgen
gewagt habe?

Sie wollte widerstehen. Aber eine se Kraftlosigkeit ffnete alle Poren
an ihr. Sie ward dunkel und voll gebender Schmerzhaftigkeit, wie ein
Acker im Mrz. Eine Dohle krhte. Aber es sang eine Amsel hinterher ber
sie. Und die krchzende Dohle und die singende Amsel entrissen eine
Made, eine lebende Made ihrem Bett in der Baumrinde. Und auch die
Baumrinde war im Erwachen, und es sang durch ihre Zellen. Und die Amsel
stieg hoch auf in die Luft und sang in Triolen, die von Erdgeist
trieften ...

Die Frau ward die Amsel. Und ward zugleich die Made. Sie gab sich und
wurde vertilgt. Und wute es nicht vor Dunkelheit und Trubel im Blut.
Sie ward zu allerinnerst aufgerhrt und war ganz unten gewesen, schumte
oben und war nicht greifbar, wie eine Seifenblase ... ber ihr stieg der
Ruf des Mannes wie das Rauschen des Sommers, der das Steigen der Sfte
im gereiften hrenfeld bricht.




                                 XIV


Der Besuch Mabuses beim Grafen Told fand statt. Ihr Krankheitsbild ist
durchaus nicht ein auergewhnliches, sagte Mabuse. Es heilt aus, wenn
Sie die Sicherheit ber sich wieder erlangen. Es wird unheilbar und
verschlimmert sich, wenn Ihnen das nicht gelingt. Es ist ein Vorbote
einer ^dementia praecox^. Ich werde Sie, wie alle Patienten, aus
taktischen Grnden in Ihrem Hause behandeln. Ich stelle eine Bedingung,
da Sie, so lange Sie in Behandlung sind, das Haus nicht verlassen und
niemanden sehen, der Sie an Ihr frheres Leben erinnert.

Told war betubt von der Gewaltsamkeit, mit der dieser Arzt gegen ihn
auftrat. Zart und scheu, wie er war, erdrckt von dem Erlebnis, wagte er
kein Wort gegen ihn. Er frchtete ihn von der ersten Minute an.

Als Mabuse die Villa verlie, in der er eine Menge Dinge gesehen, die
von dem Kult zeugten, den der Graf mit seiner Frau trieb, sagte er sich:
Er mu fort, wenn sein Name nur einmal wieder ber ihre Lippen kommt.

Mabuse war in einer wilden und tierhaften Weise erregt. Die Berhrung
mit diesem Mann, dem die Frau solange schon zueigen gewesen war, pflgte
seine Adern auf, reizte ihn, als sei er ein Stier und empfinge
Wurfspeere in den Nacken. Er bckte sich unversehens wie zum Angriff vor
und bohrte sich in seine Vorstellungen hinein, berstend vor Ha und
Rachsucht. Es war ihm, als sei eine Beule in ihm geplatzt und entliee
einen Strom von Bsem. Er warf sich vollends hinein.

Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Grfin
eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus
hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die
Decke in reichen Formen emporwlbte.

Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war wei wie das Leinentuch ihres
Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: Es ist in der Nacht etwas mit
mir geschehen, das auerhalb meines Bewutseins liegt. Was haben Sie mit
mir gemacht?

Was Sie mit sich machen lieen!

Da erzitterte die Frau so stark, da sie niederglitt, und am Boden
liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen
Tier zu ihm und rief entsetzt: Teufel! Teufel!

Dieser Name gefllt mir, sagte Mabuse. Er schmeichelt mir. Er ist,
ohne da Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nchstemal werden Sie mich
Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!

Die Grfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem
leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in
ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: Wo ist mein Mann?

Aber da sah sie, da Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende
Bewegung machte, da der Frau geschah, als rnne ihre schmerzhafte,
peinigende Frage wie ein Taukgelchen aus der Hand und spurlos
verschwindend in den Staub, und es sei berflssig, nach ihr auch nur
einmal hinabzuschauen. Und so ber ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte
sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, da vor ihm und seinem
Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir
waren?

Wieder mute sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen
begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr
Hirn. Gemartert lie sie ihre Vorstellungen gewhren. Mute es nicht
wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen
nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen
antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablsen.

Der Mann stand schweigsam ber ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie
dachte, mit einem eigenen Laut knne sie dies Drohende zerschlagen wie
eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort
und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: Wo ist mein
Mann?

Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus.

Als er von ihr so fortgegangen war und in dem Raum nichts anderes mehr
zurckgelassen hatte als seinen herrischen Unwillen, vermite sie etwas.
Es wre ihr lieber gewesen, er stnde noch da. Ihre Vereinsamung wuchs
um sie und schlug alle Grenzen ein. Eine Raumlosigkeit tat sich um sie
auf, wie ein Abgrund, der mit saugenden Spektren sie hinablockte. Aber
sie konnte nicht strzen. Sie hing an einer dnnen Wurzel. Sie wute:
Diese Wurzel ist das Wenige, was mir aus meinem bisherigen Leben
geblieben ist.

Sie wnschte, auch diese Wurzel mchte abreien. Lieber htte sie den
ganzen Tod gehabt als das Schweben ber dem Nichts.

                   *       *       *       *       *

Mabuse ging in seinem Zimmer hin und her. Er war ein gefangenes Tier,
gefangen zwischen seiner Rachwut und Herrschsucht und dem Widerstand
dessen, was drauen gegen sein Ziel lag. Es war etwas so Kleines wie die
Erinnerungen, mit denen eine Frau an die Stunden gebunden war, die sie
geheim oder vor Menschen mit ihrem Mann verbracht hatte. Aber weil es so
wenig war, wuchs die Vernichtungsraserei so begehrend in ihm an, um es
ganz zu zermalmen.

Spoerri kam. Er war als Soldat gekleidet. Weshalb? fragte Mabuse
unwirsch, verga aber gleich seine Frage und wollte etwas ber Georg
hren.

Er ist in Schachen in der Villa. Er geht nicht aus. Er ist vorsichtig!

Was macht er?

Nachts hilft er das Kokainlager unter dem Gartenhaus nach der Schweiz
hinberbringen. Ich wte einen neuen Artikel, den sie drben abnhmen.
ther!

Weshalb ther? fragte Mabuse.

Man beginnt es zu konsumieren.

Wer -- man? Wo?

Bei uns, in der Schweiz!

Bei euch? Zu wievielen seid ihr?

Man kann es unter die Leute bringen!

Das erinnert mich an die Mdchen, die Sie nach der Schweiz
exportierten, um den Salvarsanschmuggel zu beleben. Ich will nichts von
Geschften wissen. Verstehen Sie -- nichts!

Ich sage nichts mehr darber!

Spoerri, vielleicht nie mehr!

Da drang ein Jodler aus dem rauhen Hals Spoerris. Herr Doktor!
Eitopomar?

Wir saufen, Spoerri, wir saufen! Ich wei nicht! Wir saufen!
Hirtenknabe mit 86000 Mark Jahreseinkommen ...

O, was habe ich davon? Ich stecke es ja immer wieder in die Unternehmen
vom Herrn Doktor!

Weil es sich dort um 10 Prozent hher verzinst als bei einer
Versicherungsgesellschaft. Soll ich dich auf die Sohle nehmen,
Hirtenknabe? Trink'!

Spoerri fiel als der erste vom Sessel. Er lag auf dem Boden, rund um
sich Schmutz, und schaute unglcklich den Herrn an. Er lag da wie ein
Hund, der am Sterben war und sich bewut wurde, das Leben des Herrn nun
nicht mehr bewachen zu knnen.

Mabuse, pendelnd, mit einer Hand schon an die Tischkante gekrallt, um
nicht mit dem Stuhl zu Boden zu drehen, stotterte: Spoerri, glaubst du,
es gibt einen Menschen, dessen Wille so stark ist, da er einen Mann
tten kann, ohne ihn zu berhren?

Aber Spoerri verstand nicht. Mit seinen glotzenden Augen schaute er dumm
und treu, bekmmert und krank zum Herrn hinauf.

Ich kann das! Und ich tue es! ... Schlafe! sagte er pltzlich; und
sich erhebend, trat er den andern mit dem Fu nieder.

Mabuse ging einige Schritte. Er mute sich sttzen. Da raffte er sich
auf. Sein Willen durchstieg ihn wie eine bronzene Schraube. Und steif
und starr, ohne zu schwanken, vom Trunk entzndet und ber sich selbst
hinausgehoben, ging er in das Zimmer, in dem sich die Grfin aufhielt,
und blieb bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. Von dieser Stunde der Schmach
an war die Frau willig seiner Knechtschaft. Sie verga ihre
Vergangenheit, verga sich selber und war ihm untertan.

                   *       *       *       *       *

In der Nacht fuhr Mabuse nach dem Bodensee.

Beinahe, da er in der Nhe der Villa die Lichter lschte, verunglckte
er am Wagen der Straenwalze, die keine dreiig Schritte von seinem
Garteneingang entfernt stand. Unmittelbar vor ihr griffen die Bremsen
fest. Da fuhr er nicht gleich ins Haus, sondern einen Kilometer weiter,
lie das Auto am Straenrand stehen und ging am Ufer entlang zum Haus.

Weshalb sagen Sie mir nichts von der Straenwalze? herrschte er Georg
an. Eine Streichholzschachtel, die drauen auf dem Wege liegt, kann
unser Verderben sein. Holen Sie das Auto! Laufen Sie! Es steht auf
Wasserburg zu an der Landstrae. Bringen Sie es zu Steuer und kommen Sie
gleich zurck.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen rief der Fernsprecher Wenk aus dem Schlaf. Hier
Straenwalze! hrte er. Er erwachte sofort.

Ich hre, bitte!

Gestern nacht um zwei Uhr kam ein Auto, blieb unmittelbar vor unserem
Wagen halten und fuhr dann weiter. Da es ohne Licht fuhr, folgte auf
meinen Befehl Schmied mit dem Rad. Er fand es eine Viertelstunde weiter
an der Landstrae verlassen. Er kam sofort zur Meldung zurck. Ich
schlich mich in den Garten der Villa. Aber der Hund schlug an. Da ging
ich auen herum ans Ufer. Ich sah einen Mann vom See her in den Garten
und ins Haus gehen. Als Schmied und ich dann zum Auto zurckgehen
wollten, war es nicht mehr da. Heute morgen nichts Auffallendes!

Danke! Erwarten Sie mich heute!

                   *       *       *       *       *

Eine Stunde, bevor dieses Gesprch durch die Drhte lief, es war noch
Nacht, hatte Mabuse die Villa verlassen. Er hatte Frauenkleider angelegt
und war fortgerudert. Er fuhr auf Nonnenhorn zu. Ein Motorboot kam, ein
Fischer, der vom Schmuggel aus der Schweiz nach Hause fuhr. Mabuse hielt
ihn an. Der Fischer sagte, er habe keine Zeit. Er msse mit seinen
Fischen heim. Da sprang Mabuse mit einem Satz aus seinem Boot hinber
auf ihn, warf ihn unter die Bank, knebelte ihn und schob ihn in das
Ruderboot. Er fesselte ihn unter die Bank an, kletterte in das Motorboot
zurck und steuerte es in den See. Er zog die Weiberkleider aus.
Darunter hatte er einen Anzug, in dem man ihn fr einen Fischer gehalten
htte. In weitem Bogen fuhr er zum Ufer zurck, begab sich zu dem
Bauern, in dessen Scheune das Auto verborgen war. Georg lag darin und
schlief.

Whrend einer lngeren Aussprache mit Georg zog sich Mabuse um und fuhr
dann ins Wrttembergische. Georg ging nach Schachen zurck.

Mabuse wollte nach Stuttgart. Seine Gesellschaft hatte ihn von dort aus
am gestrigen Morgen antelephoniert: ein Kranker wolle ihn konsultieren.
Das hie: es war jemand eingefangen worden, der sich zum Ausplndern
eignete.

Als Mabuse abends am Spieltisch sa, kam ihm pltzlich wieder das Bild
vor Augen, wie er unvermittelt vor der Dampfwalze seine Bremsen zog. Die
Walze stand mit groen Umrissen in der Finsternis. Es war, als wollte
sie ber ihn niederfallen, wobei sie ganz unmebare Verhltnisse annahm
und langsam sich zu den Gesichtszgen des Staatsanwalts Wenk nderte.
Wie ein vorsintflutliches Tier stand sie nun, in dies Gesicht gekleidet,
in seiner Erinnerung. Eine flatterige Unruhe strte Mabuse. Er verlie
vorzeitig den Spieltisch mit Verlust und fuhr noch in der Nacht nach
Mnchen zurck.

Unterwegs sagte er sich, als kme eine pltzliche Erkenntnis ber ihn:
Es ist lcherlich. Es ist nur eine Verdrngung, der ich erlegen bin. Ich
will den Wunsch nach dieser Frau durch die Angst vor dem Staatsanwalt
verdrngen!

Da lag Wenk noch strker als bisher in seinem Weg. Weshalb war er noch
da? Hatte Mabuse nicht deutlich genug befohlen? So wollte er den Befehl
wiederholen!

In seiner Wohnung in Mnchen legte er sich gleich ins Bett. Er schlug
die Lust nieder, zur Grfin zu gehen, und schlief rasch ein.

                   *       *       *       *       *

Als die Straenarbeiter in Schachen nach der Mittagspause zur Arbeit
zurckkehrten, hatte sich ein Mann unter sie gemischt, aus einer
Wirtschaft heraus, der ihren Aufseher zu sprechen wnschte. Ob er wohl
Arbeit fnde? fragte er.

Meine kannst du gleich haben, wenn du sie gut bezahlst, scherzte
einer.

Aber der Mann sagte, er wolle die Arbeit ja nur, um selber dafr bezahlt
zu werden.

Das ist etwas anderes, lachte der Arbeiter. Da ist der Aufseher.

Der Mann ging zu ihm. Er sprach leise mit ihm und zog ihn wie
unabsichtlich von den andern fort.

Er knne vielleicht Arbeit bekommen, sagte der Aufseher, als der ein
Polizeikommissar ttig war. Er wolle seine Papiere sehen.

Die gab der Mann her, indem er sagte: Herr Kommissar, zeigen Sie sich
nicht erstaunt. Tuen Sie, als lsen Sie die Papiere durch, und stellen
Sie mich als Gehilfen des Heizers auf die Walze. Der Heizer ist doch
Sergeant Schmied?

Jawohl, Herr ... Ja, also gut! Kommen Sie, antwortete der Kommissar.
Sie knnen die Arbeit haben, da ... kommen Sie. Schmied, bitte! rief
er. Er erklrte Schmied leise, da der Herr Staatsanwalt als Gehilfe den
Tag auf der Walze verbringe.

Was haben Sie noch beobachtet? fragte Wenk, als er mit Schmied auf der
Maschine fuhr.

Der Herr Kommissar hat Sie deswegen nochmals angelutet. Aber Sie waren
schon fort. Es ist sonderbar. Wir sahen doch den Mann nachts in die
Villa gehen; wir dachten, es sei der gewesen, der das Auto an der Strae
stehen gelassen habe. Aber das scheint nicht zu stimmen. Als wir dann
zum Auto zurckkamen, war das Auto fort. Heute frh nun fuhr eine Frau
in der Nhe des Ufers hinter der Villa in einer Gondel. Ob sie von der
Villa kam, konnten wir nicht feststellen. Eine Stunde spter aber kam
auf einmal der beobachtete Poldringer die Landstrae her und ging ins
Haus hinein. Den hatten wir aber gar nicht aus der Villa fortgehen
sehen. Das ist das Sonderbare.

Sie haben keinen Verdacht, die Villa knnte einen unbekannten Ausgang
haben?

Nein, unsere Beobachtungen Poldringers haben bisher stets ganz genau
gestimmt. Er kam immer denselben Weg zurck, den er fortgegangen war. Er
geht berhaupt kaum aus. Nicht jeden dritten Tag!

Gibt es kein Mittel, in die Villa hineinzukommen?

Ohne Auffallen zu erregen, nicht. Ich sehe das an der Art, wie Bettler
dort abgefertigt werden. Sie haben drinnen einen Wolfshund, der scharf
dressiert ist ... Man kme auch nicht heimlich hinein.

Ist der Poldringer jetzt drin?

Ja, ich sah ihn vorhin an einem Fenster!

Hatte das Auto ein Nummernschild?

Ja, Kreis Konstanz. Hier ist die Nummer!

Das ist wohl geflscht. Es kam von Lindau, sagten Sie?

Jawohl. Ich habe die Nummer nach Friedrichshafen, Ravensburg, Lindau,
Wangen und Konstanz hintelephoniert. Von Konstanz aus wurde mir dann
mitgeteilt, die betreffende Nummer gehre einem Auto der dortigen
Sanittskolonne. Das Auto habe Konstanz noch nie verlassen.

Kann man es sich nicht so erklren, da das Auto in der Villa
angemeldet war, aber nicht vor der Villa hielt, weil man das so im
Gebrauch hat, oder weil etwas dem Insassen verdchtig war, zum Beispiel
die Straenwalze ... da Poldringer benachrichtigt war, das Auto an der
Strae erwartete und es zu irgendeinem Versteck weiterfhrte? In der
Zeit kam der Mann, der es hergebracht, in die Villa. Entweder ist er nun
mit Poldringer noch drin, oder er war das Weib in der Gondel. Er fuhr
dorthin, wo das Auto eingestellt war. Dieses Versteck mten wir
ausfindig machen!

Wir hren nachts fter den Lrm eines Motorboots nicht weit vom Ufer.
Aber das knnen wir ja nicht berwachen.

Ich schlafe diese Nacht bei Ihnen im Wagen. Wir stellen den Wagen einen
halben Kilometer weiter vom Haus weg. Kann man sich in der Nhe der
Villa gut eindecken?

Ja!

Wir gehen dann zusammen. Abgemacht? So lerne ich noch Straen
glattwalzen, lachte dann Wenk. Bisher tat ich das nur mit
Verbrechern.

Jawohl, Herr Staatsanwalt! erheiterte sich Schmied und zog den Hebel,
der die Maschine anhielt. Werfen Sie Kohlen ein, Herr Staatsanwalt!
Und Wenk schaufelte der Maschine das feurige Maul voll Kohlen.

Bis dahin haben der Herr Staatsanwalt auch nie einer Straenwalze
eingeheizt, sondern nur Verbrechern! verweilte der Heizer bei dem von
Wenk begonnenen Witz.

Noch nicht genug, Herr Schmied, wie Sie an der Villa sehen. Aber ich
hoffe, mit Ihrer Hilfe ...

Wir kriegen sie, Herr Staatsanwalt! antwortete Schmied eifrig.

Nur nicht so feurig! Ich glaube, wir haben es mit der im Augenblick
wohl gefhrlichsten Bande Europas zu tun. Sie wissen, festgestellt sind
schon jetzt: Falschspielerei, Mord und Terror! Und zwar bandenweise!

Jawohl! sagte Schmied.

Als sie abends zusammen den Wagen verlieen, flsterte Schmied: Herr
Staatsanwalt erlauben, da ich auf etwas aufmerksam mache. Ich tue jeden
Abend hier so, als erginge ich mich ein wenig nach der Arbeit. Rauche
eine Pfeife dazu. Da ist seitlich, sehn Sie, wo wir jetzt hinkommen,
eine kleine Tr. So oft man da vorbeigeht, bellt der Hund. Da hab' ich
mir gedacht, da ist was los! Man sieht sie aber nicht von der Strae.
Sehn Sie ... jetzt bin ich gerade dran ... so! und da knpf' ich rasch
so im Vorbeigehen ... hren Sie den Hund! ... immer einen Zwirnfaden
ber. Wenn die Tr geffnet wird, reit es den Faden ab, ohne da der
Durchgehende es merkt. Ich habe dann noch die Kontrolle ber diese Tr
in der Hand, selbst wenn ich sie nicht sehe. Ich wei dann, ob er nicht
in der Dunkelheit hier hinausging. Morgens ist mein erster Weg zur Tr,
um den Faden wieder wegzureien.

Hngt er jetzt schon?

Ich habe ihn gerade angeknpft!

Das haben Sie geschickt gemacht. Ich hab's nicht einmal gemerkt! lobte
Wenk.

Gehen wir zurck. Eigentlich ist es ein Nebenweg der anderen Villa!

Kennen Sie deren Bewohner?

Seit dreiig Jahren schon bewohnt sie ein altes Frulein. Es bestehen
gewi keine Beziehungen zwischen den beiden Villen.

Sie gingen auf die Strae zurck.

Wenn Sie schlafen wollen, so stehe ich nicht im Weg, Herr Schmied. Ich
wei ja jetzt einigermaen!

Gut wre es schon. Die letzte Nacht, Herr Staatsanwalt! und vor vier
mu ich wieder drauen sein.

Ich wei. Also gute Nacht ...

Wenk durchging die ganze dunkle Frhlingsnacht. Es geschah nichts. Er
bemerkte nichts. Am nchsten Morgen begab er sich in das Hotel in
Lindau, dessen Adresse er in Mnchen hinterlassen hatte. Er sei von
Mnchen angerufen worden, sagte ihm der Leiter. Sein Diener lasse
melden, der Graf Told wnsche ihn dringend so bald als mglich zu
sprechen. Der Herr Graf habe es in die Mnchener Wohnung telephoniert.
Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe den Diener gebeten, es gleich dem
Herrn Staatsanwalt nachzudrahten.

Wenk fuhr nach Mnchen zurck. Er klingelte gleich den Grafen an. Eine
fremde Stimme antwortete, der Herr Graf sei verreist.

Hat er nichts hinterlassen?

Nein!

Wohin ist er gereist?

Ohne Adresse. Schlu!

Das kam Wenk sonderbar vor.




                                  XV


An diesem Morgen war Mabuse bei Told gewesen. Es geht Ihnen schlecht,
sehe ich, strzte er ber ihn. Die Pupillen Ihrer Augen haben sich
unnatrlich erweitert!

Ist das ein Zeichen ...? wollte Told eingeschchtert fragen.

Ja. Reden Sie nicht ber Ihren Zustand. Schlieen Sie ihn aus Ihren
Gedanken aus. Wo ist Ihre Frau?

Told, aufschreckend, vermochte nicht zu antworten.

Ihre Frau wollte wohl nicht mehr mit Ihnen leben ... leben!
wiederholte der Arzt grausam. Was? Sie haben Ihre ganze Vergangenheit
zu zerstren. Alle Verbindungen aufzugeben. Rufen Sie Ihren Diener!

Told klingelte. Der Diener kam. Der Graf verwies ihn mit einer
Handbewegung an den Arzt.

Hat jemand telephoniert?

Nein, Herr Doktor!

Hat jemand aus dem Haus telephoniert?

Told sagte: Ich!

Wem?

Herrn Doktor von Wenk!

Weshalb?

Ich wollte mit ihm sprechen!

Was?

Der Graf verwirrte sich: ... Nur ... so sprechen! Mit einem Menschen
sprechen!

Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs? fragte Mabuse grob. Sie
knnen mit mir sprechen! Was haben Sie auf der Leber?

Der Graf starrte weg. Er hatte nicht einmal mehr den Mut, seinen Arzt
anzuschauen ... Wird er mich heilen? fragte er sich. Dann begehrte er
schwach und zaghaft gegen ihn auf.

Du bist kein Mensch! Du bist ein Teufel! schrie sein Inneres heimlich.
Aber seine heftigen Gedanken glitten hastig davon. Er war so schlfrig.
Ich bin immer mde! sagte er.

Befehlen Sie in meiner Gegenwart Ihrem Diener alles, was Sie besuchen
will oder Sie anruft, kurz abzuweisen. Er hat zu sagen: Der Herr Graf
ist verreist. Ohne Adresse, Schlu!

Mechanisch wiederholte Told dem Diener den Befehl. Der verbeugte sich
und ging.

Ich bin nicht sicher, ob ich Sie weiter behandeln werde! sagte Mabuse.

Aber Told verstand ihn nur mehr halb. Es war ihm, als sickere ein trges
Gift durch seine Adern.

Sie haben Durst! befahl Mabuse.

Ja! flsterte der Graf.

Trinken Sie Kognak und Tokaier gemischt. Soviel Sie wollen. Nur schwere
Sachen! Der Alkohol wird es Ihnen leicht machen. Sie mssen alles in
sich zerstren, was war. Ihre Frau auch. Wenn Sie die berzeugung haben,
da das Ihnen gelingt, sind Sie heilbar. Alles zerschlagen. Sie
verstehen mich! Der Alkohol hilft dazu!

Alles ..., stammelte der Graf, als lge er in einem Sumpf, der ihm
schon die Mundwinkel nte ... Alles ...

Nach zwei Jahren knnen Sie dann daran denken, Ihr Leben wieder
aufzunehmen. Nach welcher Zeit? warf brutal der Arzt dazwischen ...
Nach welcher Zeit? hmmerte er ihm nochmals ins Hirn.

Told erwachte aus dem Hinbrten. An der Zahl erschauernd, antwortete er
leise: Zwei Jahre!

Wissen Sie, da Ihre Frau Sie in eine Irrenanstalt stecken will? Sie
benutzt dazu den Staatsanwalt Wenk. Ist das der, der angerufen hat? Ich
komme morgen wieder!

Der Graf blieb zurck, allein, verstoen. Ihm schien sein Gehirn von
Elefanten ausgestampft, sein Gemt von Nilpferden zerschmatzt, vermengt
mit Kot und Schlamm.

Mich verlt die Welt, murmelte er. Die Bilder, die er um sich gesammelt
hatte, feierten Orgien an den Wnden. Er verstand nicht mehr, was ihm an
ihnen so gefallen hatte, da er sie jahrelang um sich geduldet hatte. Er
nahm ein Jagdmesser und schnitt ein jedes von oben bis unten durch und
schlug mit dem Messer in irrem Grimm in den Rahmen herum.

Als er das getan hatte, sprang er entsetzt zurck. Er fate sich an
seine Stirn und sagte laut: Ja, du mein Gott, ich bin verrckt!

Er begann Kognak zu trinken. Er trank aus einem Rotweinglas. Als er drei
Glser getrunken hatte, war er berauscht. Da schien ihm, als habe der
Arzt etwas zurckgelassen. Es lag vor ihm. Er wute nicht, was es war.
Er griff danach. Da war es ihm auf einmal mitten in den Kopf
hineingesprungen. Wie ein Keil sa es drin eingeklemmt. Er fhlte es
genau zwischen den beiden Gehirnhlften.

Eine Angst zerri ihm das Herz wie Papier in Fetzen. Doktor, Doktor!
schrie er. Er hrte seine Stimme grausig in der Leere verschallen. So
weit die Welt war, er war allein!

Da sank er ohnmchtig hin.

                   *       *       *       *       *

Karstens starb. Die Phantasie griff an dem Tod des zweiten Opfers wieder
verhngnisvoll in die ffentlichkeit. Wenk sah sich bedrngt und
entschlo sich eines Tages, das Letzte mit der Carozza zu versuchen. Er
ging zu ihr ins Gefngnis. Ich spreche nicht mit Ihnen! sagte die
Carozza, sobald sie ihn sah.

Wenk kehrte sich nicht daran und bemerkte mit bekmmertem Ton und
verschwommenen Hoffnungen: Wissen Sie, da auch die schne Dame, die
stets bei Schramms sa und nicht mitspielte, verschwunden ist?

Nein, rief die Carozza im Augenblick, die Sie zu mir ins Gefngnis
geschickt hatten?

Ja! sagte Wenk; aber erst, nachdem er dies gedankenlose Ja gesagt
hatte, erschien ihm die Bedeutung dieser Mitteilung. Das war nun
rtselhaft. Hatte die Grfin der Carozza von ihrer Sendung erzhlt? War
sie mit den Spielern im Bund? Das war doch unglaubhaft. Aber wie
auffallend: die Carozza, die nicht mit ihm sprechen wollte, gab ihre
Absicht auf, sobald die Rede auf diese Frau kam. Wenk wollte der Carozza
nicht die Gewiheit geben, da er erstaunt ber diese Mitteilung war. Er
redete deshalb, indem er zugleich einem Weg nachdachte, auf dem dem
Geheimnis beizukommen sei, ohne viel zu berlegen, was ihm gerade
einfiel. Im Verlauf dieses Hinsprechens uerte er auch schlielich eine
Vermutung, die bei dem vielen berdenken des Zusammenhangs der Carozza
mit dem Verbrecher ihm gekommen war, die er aber mitzuteilen noch nicht
reif genug gehalten hatte. Er sagte:

Sie sind ja nur das Opfer des Verbrechers. Weil Sie sich nicht von ihm
zu trennen vermochten.

Da sprang die Carozza vom Sitz auf und starrte Wenk an wie in einem
Krampfe. Er schaute ihr in die Augen. Der Ausdruck eines malosen
Schreckens stand in diesen Augen und in der Verzerrung der Gesichtszge.
Nun? fragte er aufmunternd und hoffnungsvoll.

Aber die Carozza verharrte in ihrer Erstarrung. Da wagte er es weiter:
Ich knnte Ihnen, wenn wir einig werden, fr Sie gnstige Vorschlge
machen.

Langsam erwachte die Carozza aus ihrem Entsetzen zurck. Seit drei
Jahren, da Mabuse sie von sich gestoen, war ihr Leben nichts anderes
gewesen als eine Kette von mrtyrerhafter Selbstverleugnung und von
ergebener Opferwilligkeit gegen diesen Mann, der sie unglcklich machte
und sie zum Verbrechen trieb. Niemals hatte sie einen Gedanken an sich
herangelassen, ihn zu verraten, ihm diese Opferwilligkeit zu verweigern.
Sie trug wie einen Sklavenstempel durch ihr ganzes Blut das
unumstliche Angehrigkeitsgefhl an seine Strke.

Da auf einmal, in der Bemerkung des Staatsanwalts, sah sie den geliebten
Mann bedroht. Was wute der Staatsanwalt? Woher wute er es? Hatte die
Grfin sie dennoch verraten? Langsam nhrte sie in sich den Plan, zu
erfahren, wie weit der Staatsanwalt unterrichtet wre. Sie konnte
vielleicht warnen ... vielleicht -- und dabei durchzuckten sie wie
Blitze wollstige Gefhle, Doktor Mabuse zu retten und ihn vielleicht
wiederzugewinnen. Nein, das nicht! Das wagte sie nicht auszudenken. Aber
ihn zu retten, wre ihr schon genug gewesen, wre Seligkeit. Sie sagte
schlielich: Da Sie besser unterrichtet zu sein scheinen, als ich
dachte, so will ich reden. Lassen Sie mir zwei Tage Zeit.

Die Carozza hatte durch den Wrter erfahren, da jemand sich um sie
kmmerte. Der Beschreibung des Wrters nach war es Spoerri. Sie fand
also Gelegenheit, von ihrem Gesprch mit dem Staatsanwalt Mitteilung zu
machen und ihre Warnungen anzubringen.

Gut! sagte Wenk jubelnd. Dann wollte er ein briges tun, und da er mit
seiner Vermutung das Richtige getroffen zu haben schien, dachte er, es
sei gnstig, auch noch verhetzend dieser Seele zuzusetzen. Und er sagte:
Ich bin brigens in bezug auf die Grfin einer Spur nachgegangen. Die
Grfin scheint sich bei Ihrem Freund verborgen zu halten.

Aber er schmte sich ber diese Worte so, da er errtete und mit einer
schmerzlichen Inbrunst die paar Begegnungen wiedererlebte, die ihm die
Verschwundene so nahegebracht hatten. Doch seine Worte hatten eine
ungeahnte Folge. Die Carozza fiel ber ihr Lager nieder, schluchzte auf,
versuchte zu sprechen, aber die Worte versagten ihr, und sie erhob nur
drohend und verzweiflungsvoll ihre Fuste ber den Kopf.

Da ging Wenk ganz pltzlich, in der Meinung, es sei gut, sie in dieser
Stimmung nicht zu stren, sondern sie sich weiter in sie hineinhllen zu
lassen. Als er die Tr aufri, fiel ein Mann gegen ihn, doch war es nur
der Wrter. Ich wollte gerade nach der Gefangenen schauen, sagte er.

Verzeihen Sie! entgegnete Wenk und ging davon.

                   *       *       *       *       *

Kurz darauf geschah folgendes:

Bei Hengnau an der wrttembergischen Grenze war ein Mann angehalten und
verhaftet worden, der Khe nach Wrttemberg treiben wollte. Der Mann
stellte sich in den ersten Tagen stumm, dann tobte er. Der
Untersuchungsrichter, um ihn einzuschchtern, sagte ihm eines Tages:
Gestehen Sie nur bald, bevor das neue Gesetz kommt. Wenn Sie vorher
abgeurteilt werden, kann es Ihnen mild gehen. Nachher kann es Ihnen den
Kopf kosten.

Was ist das fr ein neues Gesetz? fragte er.

Auf die Vergehen, die die Ernhrung des Volkes gefhrden, kann
Todesstrafe gestellt werden.

Wie wird man gettet?

Mit dem Beil wahrscheinlich!

Und wenn ich vorher abgeurteilt werde?

Bekommen Sie hchstens ein Jahr Gefngnis.

Da gestand er auf einmal. Er ffnete alle Schleusen. Er gestand alles,
was er seit Jahren getrieben hatte, und nannte alle Namen von
Schmugglern, die er kannte.

Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Angelegenheit wuchs sich
immer breiter aus, und es wurde schlielich eines Tages auch der Name
jenes Mannes genannt, den Mabuse nachts auf der Lindauer Landstrae aus
seinem Dienst entlassen hatte -- Pesch!

Pesch wurde verhaftet.

Er verbrachte die erste Nacht im Gefngnis von Wangen, aus welcher
Gegend er war. Als der Wrter aber am nchsten Morgen seine Zelle
ffnete, war der Verhaftete verschwunden. Wenige Stunden spter wurde
der Gendarmerie nach Wangen telephoniert: im Wald an der Lindauer Strae
liege ein Mann. Es sei zweifellos ein Mord vorgekommen.

Das Gericht begab sich an die Stelle. Der Tote war Pesch. Er war
erdolcht worden. Als man seine Leiche forthob, sah man, da auf dem
groen hellen Stein, auf dem sie gelegen, Zeichen mit Blut gemalt worden
waren. Sachverstndige entzifferten am selben Tage die Zeichen.

Sie hieen: Villa Elise ...

Die Brgermeister smtlicher Ortschaften in der Nhe wurden angefragt
nach einer Villa dieses Namens. So hatte man bald herausgefunden, da in
Schachen es eine Villa Elise gab, die von der Polizei bewacht wurde.

Es wurde sofort Wenk gemeldet. Er fuhr nach Lindau. Die beiden Beamten,
die die Straenwalze fhrten, hatten festgestellt, da Poldringer am
Tage, an dem Pesch ins Gefngnis gebracht worden war, Schachen mit einem
Rad verlassen hatte. Er war erst nach drei Uhr in der Frhe
zurckgekommen.

Da setzte es Wenk durch, da zwei Motorboote auf den See gelegt
wurden. Man gab ihnen den Schein, als gehrten sie zu den
Zoll-berwachungsbooten. Sie wurden mit Scheinwerfern ausgestattet.

Es war wieder ein Menschenleben draufgegangen. Aber der neue Mord hatte
Weiteres verraten ... viel Gefhrlicheres, als man bisher wute. Es war
zweifellos, da die Bande sich auch mit Schmuggel befate; man sah auch,
da unsichtbar zwischen dem Leben und Treiben der Mitmenschen diese
Kraft des Bsen einen Staat fr sich gebildet hatte, der von ihm und der
fr ihn lebte und seinem Willen Tat angedeihen lie.

Pesch hinterlie eine Frau mit fnf Kindern. Da das Vermgen eingezogen
wurde, waren sie dem Elend preisgegeben.

Wenk ging zum alten Hull, um dessen Hilfe fr diese zu erbitten, und
sagte ihm in einem raschen Einfall: Ein Erziehungsheim fr Kinder von
Verbrechern grnden ... unter einem verbergenden Namen ... das wre
vielleicht eine gute Anlage fr Ihr Geld. Man kann die Kinder, auf die
sich ja fter die Eigenschaften der Vter weiter vererben, von klein an
beobachten, ihre Neigungen erkennen, bessern, wenn es geht, oder wenn es
nicht geht, der menschlichen Gesellschaft diese Elemente fernhalten ...
noch bevor sie die Gesellschaft geschdigt haben. So wrde von
vornherein ein groer Teil der Verbrecher unschdlich gemacht und viele
Menschen gerettet ...

Ich will das tun, sagte Hull. Ich danke Ihnen.

                   *       *       *       *       *

Am selben Abend ging Wenk durch die Marstall- auf die Maximilianstrae.
Als er am Vier-Jahreszeiten-Saal vorbeikam, war ihm, als she er in der
Menge von Menschen, die in den Eingang sich drngten, einen Bekannten.
Aber er kam nicht drauf, wer es war, und ging gleich weiter. Er
durchforschte sein Gedchtnis im Gehen, wem dieser so auffallende
bekannte Rcken wohl angehren mchte. Er fand aber die Person nicht
zurck.

Gleich nachher kam er an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Plan der
Klassenlotterie hing. Eine fette Schrift war im dunkeln Fenster zu
erkennen. Das Wort Spielerglck! stach aus ihr hervor.

Dies Wort warf die Erinnerungen Wenks mit einem Schlag auf den Weg. Es
war der Rcken des blondbrtigen Spielers gewesen.

Wenk erschrak vor dieser Entdeckung. Er suchte diesen Mann durch Tage
und Nchte und durch ganz Deutschland, und da war er so nahe an ihm
vorbeigegangen, da er ihn htte an der Schulter festhalten knnen. Er
kehrte gleich um, ging zum Saal zurck und las an der Eingangstr ein
kleines Plakat:

                     _Experimenteller Abend des_
                            Dr. _Mabuse_.

Er beorderte einen der anwesenden Polizisten, sofort sechs Zivilbeamten
herbeizuholen, lie sie in unaufflliger Weise alle Ausgnge schlieen,
und als die Beamten aufgestellt waren, ging er in den Saal. Der Saal war
leicht zu berwachen. Er ging von Reihe zu Reihe. Der Experimentierer
war gerade mit Vorbereitungen beschftigt.

Wenk setzte sich hin und her und berblickte Gesicht um Gesicht,
Menschen um Menschen. Aber er fand niemanden, der diesen Rcken hatte,
dessen Bild sich ihm so stark eingeprgt.

Er sah Bekannte. Der Geheimrat Wendel sa da, gleich in der vordersten
Reihe. Ein Kollege vom Gericht mit seiner Frau und seiner erwachsenen
Tochter. Er tat, als kenne er niemanden, und suchte fieberhaft. Aber es
war alles vergeblich.

Da strzte er sich hitzig kopfber in das Unternehmen, ging zu den
Beamten hinaus und erteilte ihnen folgende Weisungen:

Alle Tren werden verschlossen, bis auf diese eine. Zwei Beamte gehen in
den Saal. Einer von ihnen sofort auf die Bhne und bittet das Publikum,
in Ruhe einer nach dem andern den Saal zu verlassen. Beide passen auf,
da niemand zurckbleibt. Die vier andern stellen sich an der Tr auf
und lassen die Leute durch, Person fr Person. Von der Tr wird nur ein
Flgel geffnet.

Wenk selber wollte an der Tr stehenbleiben, und wenn er den
Verhaftungsbefehl gegen einen Mann aussprche, sollte der Betroffene von
zwei Beamten sofort beiseite gezogen und gefesselt werden. Die beiden
andern Beamten hatten dann nichts anders zu tun, als aufzupassen, da
keine Person sich den verhaftenden Beamten nhere. Die Dienstrevolver
seien schubereit zu halten.

Im Saal entstand bei der Verkndung des Beamten zunchst ein heiteres
Erstaunen. Dann hrte man einige unwillige Rufe. Der Beamte versuchte zu
beruhigen.

Das erste, was sich in Mabuses Vorstellungen zeigte, als er die
Botschaft des Geheimpolizisten hrte, war, ob es ntig gewesen, sich der
Gefahr des ffentlichen Auftretens auszusetzen. Aber er schob diese
Vorstellung gleich als etwas Lstiges weg.

Es war ntig, denn es war fr seine Seele die Kugel, in der sich
Ernhrungsstoff in konzentriertester Form zusammenprete. So mute er
mit seinen suggestiven Fhigkeiten immer in Berhrung mit einer
namenlosen Allgemeinheit bleiben. Dann sprte er seine Macht ber die
Grenze des Kreises hinaus, der ihm verpflichtet war, und von dem er
jeden kannte, schier ins Ungemessene wachsen. Und sein Geist bte sich
vieles zu umfassen, viele Menschen auf einmal in die Hand zu nehmen und
in den irren Dingen, die seine geheime Gabe ihnen auferlegte, ihre
Wenigkeit und seinen Ha und seine Gewalt ber sie auszukosten ...

Hier auf dieser Bhne war er neu geboren worden. Hier hatte er sein
Leben der Macht begonnen, als der Krieg ihn von seinen Pflanzungen in
der Sdsee als einen ruinierten Mann nach seiner Heimat zurckgetrieben
hatte. Dieses gab er nicht auf.

Noch whrend mit traumhafter Schnelle diese berlegungen ihn durchzogen,
ging er zum Beamten hin und fragte, was geschehen sei. Sie mssen sich
an Herrn Staatsanwalt Wenk wenden, sagte der. Er ist drauen!

Da erblate Mabuse, wandte sich weg und stieg raschen Schritts zum
Geheimrat Wendel hinab, den er in der ersten Reihe noch immer sitzen
sah. Im Gehen entsicherte er mit der Hand in der Tasche seinen Browning
und zielte, von einer Blutwelle berlaufen, die Ha und Kampf durch
seine Muskeln warf wie einen Brand, mit seiner Phantasie Wenk mitten in
die Stirn.

Du zuerst und dann! sagte er bei sich.

Aber schon lchelte er den Geheimrat an.

Ihre suggestiven Krfte, sagte der Geheimrat, scheinen den
Staatsanwalt Wenk zu beunruhigen!

Wenk? fragte Mabuse erstaunt tuend zurck.

Ich sah ihn nmlich mit Luchsaugen vorhin von Stuhl zu Stuhl schleichen
und jeden Besucher durch Jacke, Weste, Hemd und Unterkleid hindurch auf
sein kriminalistisches Gewissen prfen. Er scheint seinen Mann aber
nicht gefunden zu haben.

Mabuses Brust dehnte sich von einem schnaufenden Gefhl des Glcks. Er
war wie ein Pferd, das nach langem Hungern und Ziehen den Kopf in die
Krippe senkt.

Trotzdem er sofort klar verstand, fragte er den Geheimrat: Weshalb
meinen Sie das?

Einfach! Wenn er ihn gesehen htte, htte er sich ihn von seinen
Beamten herausholen lassen, ohne Ihre Sitzung zu stren!

Das ist wahr, sagte Mabuse. Gehen wir!

Mabuse drngte zur Tr, den Geheimrat mit sich ziehend. Mit allen Sinnen
pate er um sich auf, in seinen Rcken, wo er den Anschlu an Wendel
nicht verlieren durfte, nach vorn, wo die Gefahr drohte, der er
entweichen wollte.

Bewegungen lie er, wenn sie ihn von dem alten Professor zu trennen
drohten, mit allerlei Listen und einem Einsetzen seines ganzen Muskel-
und Gliederapparats anders verlaufen, als er sie begonnen hatte.

Es kam ihm nur auf eines an: nicht als ein Besonderer durch die Tr vor
den Staatsanwalt zu treten. Der berhmte alte Geheimrat mute von ihm
die Aufmerksamkeit des Sprhundes drauen wegsaugen.

Wendel war ein alter Herr. Auf Eile kam es ihm nicht an. Aber Mabuse
durfte nur nicht als der letzte drauen vorbeigehen, bestrahlt von
Aufflligkeit, doppelt beugt von der Enttuschung, da jener den
Gesuchten nicht gefunden hatte. Es kamen noch welche hinter ihm, unter
denen er sein konnte, wenn er nicht als der letzte den Saal verlie.

Eines war sicher: Er war es, den der Staatsanwalt suchte, und kein
anderer! Wenk wute nicht, da es Mabuse sei, den er haben wollte, sonst
htte er ihn von der Bhne herunter verhaftet. Wie war er ihm auf die
Spur gekommen? Ein Rtsel, das ihn reizte! Verrat? Er wurde nicht
verraten! Hatte Wenk irgend etwas an ihm erkannt von den Abenden in den
Spielslen her? Nein! Er wute, seine Masken machten ihn unkenntlich.
Also ...

Da berhrte eine Hand die seinige. Mabuse sah in das fragende Auge
Spoerris, erblickte neben ihm einen andern Mann seiner Sicherheitsgarde
und lenkte seine Augen sofort unbeteiligt weg.

Spoerri und der Genosse drngten sich vor ihm durch die Tr.

Mabuse rechnete weiter: Also ja, es konnte nur sein, da irgendein
Zufall Wenk auf seine Spur gehetzt hatte. Vielleicht die Erinnerung
einer hnlichkeit ... Bewegung oder Erscheinung ... Wenk durfte also
mglichst wenig von ihm sehen. Und da sein Rcken Wenks Augen am
lngsten ausgesetzt war, zog er den Mantel zwischen den Ellbogen durch
und verbarg damit diesen Rcken.

Da war er mit dem Geheimrat an der Tr. Rasch schob er Wendel vor und
klebte sich an ihn.

In dem Augenblick, wo der Geheimrat in die Tr trat, befahl Wenk einem
Beamten, zwei Mnner, die in der Treppe verweilten, zum Gehen zu
ntigen. Mabuse hrte den Beamten sagen: Soll ich sie verhaften?

Da gewann er den Blick hinaus. Er sah, da die Drohung Spoerri und
seinem Genossen galt. Mabuse versuchte seinen Blick heraufzulenken. Er
schlug sein Taschentuch mit einer groen Bewegung durch die Luft und
schneuzte sich laut. Spoerri sah, verstand und zog den andern mit.

Wenk hatte den Geheimrat an der Hand. Das sah Mabuse.

Da sollte er hinaustreten.

Der Geheimrat stellte vor: Herr Doktor Mabuse!

Wenk, ohne das Auge von der Tr zu lassen, hinter der er den Saal schon
stark gelichtet sah, nahm Mabuses Hand und entschuldigte sich: Sie
verbeln mir die Erfllung einer Pflicht nicht, Herr Doktor?

Mabuse antwortete mit einer verbissenen Freundlichkeit, bereit, die Hand
in der Tasche an die Waffe zu werfen: Nicht im geringsten. Ich trete
selbstverstndlich zurck, wenn es sich wie hier zweifellos um das Wohl
der Allgemeinheit handelt, die Sie von einem Verbrecher zu befreien
haben.

Schon war er weitergeschoben. Wenk winkte ihm noch zu, schaute aber
nicht mehr um, da er die Tr nicht freigeben durfte.

Der Geheimrat nahm Mabuses Arm fr die Treppe. Mabuse geleitete ihn
rasch zur Garderobe und verabschiedete sich. Eines seiner Autos hielt in
der Maximilianstrae. Rechts und links von der Ausgangstr des Foyers
standen die Leute, die zu allem bereit waren, ihn stets begleiteten ...
Spoerri hatte sich mitten in den Ausgang gestellt, um die Treppe zu
berwachen.

Er ging dann hinter Mabuse her. Die andern in gelsten Gruppen, aber
immer bereit, zusammenzuspringen, folgten. Erst als Mabuse im Auto
davonfuhr, gingen sie auseinander und ein jeder seinen Weg.

Im Auto heimrasend, sagte Mabuse sich auf einmal: Ich habe eine Dummheit
gemacht. Ich htte wenigstens fragen sollen, ob ich den Abend fortsetzen
drfte.

Das machte ihn niedergedrckt. Es hatte etwas an ihm versagt. Frher
wre ihm ein solcher Fehler nie unterlaufen, sann er weiter und qulte
sich: Bin ich am Niedergang? Ist es Zeit fr Eitopomar?

Aber auf einmal schrie er dumpf und tierisch auf: Nein. Es ist das
Weib! Wenk wird mich hngen. Das Weib macht mich alt und liefert mich
seinem Strick aus. Weshalb machte die Frau ihn alt, die so jung und
schn war und sich ihm mit einem wehmtigen Fatalismus ergeben hatte? Er
trank diese Ergebenheit wie einen Wein, sagte ein anderer Zug von
Vorstellungen.

Er wurde uneins mit sich. Er fand keinen Genu mehr darin, da er der
groen Gefahr entronnen war. Und in seine kreuz und quer pflgenden
Gedanken schlug unselig und den Atem raubend wie eine Katastrophe die
Vorstellung:

Weil ich sie liebe!

Da hate er sich. Da fhrte er die Ballen von Ha, mit denen er den
Menschen zusetzte, gegen sich und lud sie ber sich aus. So stark litt
er, da er unter dem Druck, den dieses Chaos an Gefhl auf seine Adern
trieb, rchelte.

Er war vor seinem Haus.

Sein breites Gesicht hatte alle Furchen vertieft. Aber das Schreckliche
waren seine Augen. Die Grfin erschrak vor ihnen, als er in ihr Zimmer
kam. Sie waren nicht mehr von dem groen steinernen Grau eines Achats.
Sie waren wie mit kupfern grellen Runen bezogen. Was ist geschehen?
fragte sie.

Da erzhlte er nicht, was er eigentlich erzhlen gewollt. Weit du, wer
ich bin? fragte er. Seine Stimme klang in einer tobenden Wildheit. Ich
bin ein Werwolf. Ich sauge Menschenblut in mich! Jeden Tag brennt der
Ha alles Blut auf, das mir in den Adern luft, und jede Nacht sauge ich
sie mit einem neuen Menschenblut voll. Wenn mich die Menschen fangen,
zerreien sie mich in vierundsechzig Stcke. Ich beie dir die Kehle
durch, du weies Tier, das mich zerstren will!

Die Grfin, aufgepeitscht, irr vor Schmerz und Zerrissenheit, sthnte:
Tte mich! Was gbe es Besseres?

Ich liebe dich! schrie die Stimme des besessenen Mannes ber ihr.

Die Frau barg den Kopf in ihre Hnde. Sie hrte dieses eingestehende
Wort zum erstenmal aus dem gewaltsamen Mund. Ertrnkend wogte unter ihm
der Rausch des Blutes durch ihr Gemt, das sich von der Welt fort in die
Schlucht eines Gefngnisses verloren hatte, aus dem es kein Hinaus mehr
gab.

Ihr Leben war tot. Ihr Blut aber lebte in einer starren Grellheit, in
einer knstlichen, furchtbaren und geisterhaften Entzndung an der
Gewalt dieses Mannes und brannte durch ihre tote Seele wie eine Flamme
durch verschlossene Tren. Sie brannte, und es gab nichts mehr zu
verbrennen. Wovon lebte die Flamme?

Mabuse verlie die Frau, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben. Ich
habe ihr genug gesagt! sprach er bei sich.

Er legte sich zu Bett, fand keinen Schlaf. Es war, als sei etwas Neues
in sein Leben gekommen, das so unvernderlich geschienen hatte. Es war,
als habe die Gefahr, die er schon mit der Hand anfassen gekonnt, in dem
dunkeln, kalten Loch aufgewhlt, von dessen Grund er sein Leben und
seine Taten wie aus einem Brunnenschacht heraufzog. Stundenlang qulte
er sich, dies Neue zu fassen, in sich einzuordnen. Es entwich ihm.

Da ging er zu der Frau zurck, die schlaflos und in Kleidern auf dem
Bett lag.

Er sagte ihr: Wir mssen uns aussprechen! Unsere Schicksale sind
ineinandergelaufen, und wir mssen sie durch unser Leben weitertragen.
Ich habe aus irgendeinem Brunnen meiner Abstammung einen Schu ins Blut
bekommen, der mir ein Leben in der staatlichen Ordnung einer
Gemeinschaft unmglich macht, in der Krfte ber meinen Krften stehen.
Ich bin deshalb so etwas wie ein Ruberhauptmann geworden. Ich kenne nur
zwei Dinge: Herrschenwollen und Hassenmssen! Seit diesem Tag kommst du
dazu. Ich dachte anfangs: die verbrennt mit in den zwei Flammen meines
Gemts. Es ist aber nicht wahr. Hundert sind drin verbrannt. Du nhrst
dich davon. Dir ist es Speise. Wenn ich betrunken bin und den Ha nicht
vergessen, aber etwas beiseitestellen kann, weil es dann schnere Dinge
gibt, nenn' ich dir oft den Namen: Eitopomar.

Eitopomar ist kein Weindunst. Es ist ein Urwald in Brasilien. Er ist
hoch im Land drinnen. Er wird fr mich gerodet. Alles Geld, was ich hier
dieser nichtigen Gesellschaft von Jammerkerlen abnehme, lege ich dort
an. Dort entsteht mein Land. Dort will ich mein Leben beschlieen. Erst
dachte ich: mit meinem Harem! Jetzt wei ich aber: mit dir! Vierzig Tage
mu man reiten, bis man zur nchsten Wohnung von Menschen kommt. Und
auch das sind welche, die es hier nicht aushielten. Man kommt aber nie
hin, weil die Botokuden einen nicht durchlassen. Es ist mglich, da
meine Agenten, die das Geschft geordnet haben, mich betrgen, und da,
wenn wir hinkommen, es kein Frstentum Eitopomar gibt. Aber um dich
betrgt mich niemand!

Meine Lebensart hier hat inzwischen zu ausgedehnte Kreise gezogen, als
da ich noch viel lnger neben und unter der Ordnung und Macht des
Staates und der Gesellschaft mich erhalten knnte. Ich habe heut den
Beweis bekommen, da man mir auf der Spur ist. Es gilt von nun an also
Vorsicht.

In Genua wird fr mich ein Schiff gebaut. Ich fahre nicht auf fremden
Schiffen. Ich bin mein Frst. Das Schiff ist am ersten Juni abzuliefern.
In der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni schiffen wir uns ein. Aber
bis dahin sind es fast noch zwei Monate. Ich kann nicht ruhen. Ich werde
bis zu der Nacht unserer Abreise Ruberhauptmann sein.

Wir wollen klug sein. Du beziehst eine andere Wohnung. Sie ist so sicher
wie diese hier. Aber wenn sie mir diese hier ausspionieren, fangen sie
dich. Ich bin in der Lage, mit aller Wahrscheinlichkeit zu entkommen.
Morgen um Mitternacht siedelst du um. Spoerri fhrt dich hin.

Ohne Widerstand, ohne Beteiligung ihrer Sinne, verzehrt von der Flamme
dieses ber sie hereingebrochenen mnnlichen Willens nahm die Grfin
Worte und Befehl hin ... Schicksal.

                   *       *       *       *       *

Um neun Uhr war Dr. Mabuse beim Grafen Told.

Mabuse, wo er zur Flucht sich jede Stunde bereithalten mute, wollte
jetzt mit dem Grflein abschlieen.

Er ntigte ihn zum Trinken. Das tat Told seit einigen Tagen mit einer
dsteren Leidenschaft. Schweigend sah Mabuse zu. Als Told betrunken war,
sagte ihm der Arzt: Sie sind ein durchaus widerstandsloses Individuum.
Wo haben Sie Ihr Rasiermesser?

Told zeigte lallend auf den Waschtisch.

Ist es geschrft? fragte Mabuse mit einem lastenden Nachdruck. Scharf
genug? fragte er nochmals mit einer Betonung, so scharf, als wollte er
dem Grafen die Frage durch die Kopfhaut einschneiden.

Mabuse nahm es in die Hand, ergriff einen Papierbogen und schnitt einen
scharfen Ri hinein. Drohend sagte er dann: Es ist scharf genug. Ja!

Darauf legte er das Messer zurck, schob es aber nicht mehr ins Etui. Er
rief den Diener herein und sagte ihm: Der Zustand des Herrn Grafen hat
sich verschlechtert. Der Herr Graf trinkt Kognak und Tokaier. Gegen
einen leichten Mosel htte ich nichts einzuwenden. Aber diese schweren
Spirituosen sind nicht erlaubt. Entfernen Sie, was der Graf
briggelassen hat. Der Herr Graf will ... sich ... zur Ruhe ...
begeben!

Das sprach er mit einem auseinandergezogenen, befehlshaberischen Ton. Er
ging dann vor dem Diener aus dem Zimmer und verlie das Haus.

Eine halbe Stunde spter durchschnitt sich der Graf Told den Hals. Er
wute nicht, was er tat. Er hatte die Empfindung, als hindere etwas in
seinem Hals ihn an einem unerhrten Glck. Er wollte nur dieses lstige
Hindernis entfernen.

Um zwei Uhr kam ein Bote Mabuses, um sich nach dem Befinden des Grafen
zu erkundigen. Der Diener sagte, er schlafe. Aber er wollte lieber noch
einmal nachschauen. So fand er ihn blutbesudelt, vom Sessel auf den
Boden gerutscht, kalt schon und tot. Der Bote des Arztes kam ins Zimmer,
sah die Leiche und ging.

Der Diener wute nicht, was er tun sollte. Er hatte die Meinung, da
keine Verwandten des Grafen in der Nhe waren und die Adresse der Grfin
ihm unbekannt war, er msse den Selbstmord zuerst der Polizei anzeigen.
Dann wute er aber wiederum nicht recht, an welches Amt man solche
Meldungen zu geben htte, und es fiel ihm ein, da der Staatsanwalt von
Wenk ja ein Bekannter des Grafen gewesen sei und als letzter ihm
nachgefragt hatte. Er fuhr nach Mnchen, suchte den Staatsanwalt auf und
erzhlte.

Ist der Herr Graf denn immer zu Hause gewesen? fragte Wenk.

Ja, immer!

Weshalb sagten Sie mir denn damals, der Herr Graf sei ohne Adresse
verreist?

Der Arzt hatte mir befohlen, im Interesse des Zustandes des Herrn
Grafen niemanden zu ihm zu lassen und alle Anfrager mit dieser Antwort
abzuweisen. Der Herr Graf empfing niemanden als den Arzt.

Wie hie der Arzt?

Sein Name wurde nie genannt. Ich wei es nicht!

Da erinnerte sich Wenk, da der Geheimrat Wendel ihm doch den Brief an
den Dr. Mabuse gegeben hatte, und da der Graf an seinem eigenen
Fernsprecher jenem telephoniert und mit ihm eine Zusammenkunft abgemacht
hatte.

Wenk zitterte, als er, von den Schauern eines unerhrten Verdachtes
gestreift, dem Diener das Bild des Dr. Mabuse, wie er es von dem
Vier-Jahreszeiten-Saal her in der Erinnerung hatte, vorzeichnete: ein
groer Mann, etwas vorgebeugt, glatt rasiert und geschoren, ein breites
Gesicht mit einer groen Nase und grauen groen Augen.

Wie der Diener sagte: Ja, genau so sah er aus, wurde Wenk aschfahl.
Mit einem Schlag sammelten sich auseinanderliegende Eindrcke ... nur
angeflogene Vorstellungen, halb angedachte Gedanken, Bilder, die sich
verschleiert, aber nicht verloren hatten ...

Weshalb hatte der Dr. Mabuse, als Wenk den Saal rumen lie, nicht
gefragt, zu welchem Zweck das geschehe? Nicht gefragt, ob er nicht nach
der vollbrachten Durchsuchung die Experimente wieder aufnehmen knnte?
Weshalb hatte Wenk, der doch den bekannten Rcken hatte in den Saal
gehen sehen, ihn drinnen nicht wieder zurckgefunden? Weshalb hatten die
zwei Mnner, die der Anordnung, davonzugehen, nicht folgen wollten, mit
dem Augenblick, wo Mabuse aus dem Saal trat, dem Beamten pltzlich
gehorcht? Weshalb hatte das Auge dieses Mabuse, so kurz er
hineingeschaut, so eindringlich in ihm nachgewirkt, als suche es etwas,
was verschollen oder nicht aufgefunden tief in seinem Innersten lag?

Er entlie den Diener.

Er suchte die Adresse des Dr. Mabuse im Telephonbuch nach. Sie stand
nicht darin. Aber Mabuse hatte ein Telephon; denn der Graf hatte ihn ja
von hier aus angerufen. Der Geheimrat Wendel wute die Nummer.

Als jedoch Wenk, nachdem er sich bei Wendel erkundigt, die Nummer
anrief, meldete sich niemand. Er fragte auf dem Auskunftsamt des
Fernsprechers nach und hrte, die Nummer sei aufgehoben.

Wer denn die Nummer bis vor drei Wochen gehabt habe?

Das lie sich so schnell nicht feststellen.

Wenk fragte nochmals Wendel an. Dr. Mabuse habe seine Rufnummer
gendert. Ob er seine Adresse kenne? Nein, die kannte Wendel nicht. Er
habe von Mabuse nur die Rufnummer gehabt und stets telephonisch mit ihm
verkehrt.

Auf dem Meldeamt der Polizei fragte Wenk nach der Adresse des Dr.
Mabuse.

Man fand diesen Namen nicht unter den in Mnchen angemeldeten Personen.

Auf dem Fahndungsamt lie Wenk alle alten Telephonbcher nach dem Namen
Mabuse durchsuchen. Nirgends wurde dieser Name gefunden.

Da ging Wenk zum Direktor des Fernsprechamts, um die Nachforschungen
dort zu beschleunigen. Der Direktor fhrte ihn ins Auskunftsbureau. Dort
waren zwei Frulein. Die bat er nachzusuchen, worum er schon
telephonisch gebeten hatte.

Was wollten Sie wissen? fragte die eine ltere der Damen.

Die Adresse des Dr. Mabuse, der vor drei Wochen unter einer Nummer, die
nicht im Telephonbuch stand, in Mnchen angeschlossen gewesen sei.

Das Mdchen sagte, es lasse sich nichts finden.

Mit diesem Bescheid ging Wenk zum Direktor zurck. Der Direktor sagte,
das sei ganz ausgeschlossen, und begleitete Wenk selber zu dem Bureau
mit den beiden Damen. Er schaute zusammen mit ihnen nach und fand
nichts.

Aber whrend der Direktor sich so vergeblich ber die Listen beugte, kam
Wenk ein Einfall.

Als der Direktor ihm meldete, ein Dr. Mabuse sei im Laufe dieses Jahres
berhaupt nicht in Mnchen angeschlossen gewesen, bat Wenk, dann
nachzuschauen, unter welcher Nummer und Adresse ein Mann namens
Poldringer eingetragen sei. Da sah er, wie die ltere der Frauen
aufzuckte und sich gleich wieder beherrschte. Doch einen Augenblick
spter sagte sie ihm grob, Poldringer gebe es viele in Mnchen, und ohne
Vornamen und genaue Adresse knne sie nichts sagen.

Wenk wandte sich an den Direktor: Herr Direktor, es tut mir leid, Ihnen
die Unannehmlichkeit bereiten zu mssen: ich verhafte diese beiden
Damen!

Er trat gleich zwischen die Frauen und die Weckapparate. Bitte nehmen
Sie Platz auf diesen beiden Sthlen, bis die Beamten kommen. Sie hier,
Frulein, Sie dort!

Das eine der Mdchen wurde kreidewei. Das andere errtete zuerst und
begann dann zu weinen.

Wenk sagte, mehr zu ihm gewandt: Es ist nur eine Formalitt. Sie werden
mir durch Ihr Benehmen ermglichen, die Angelegenheit ohne Aufsehen sich
entwickeln zu lassen, und es ist wahrscheinlich, da Sie nicht lange
ohne Aufklrung bleiben! Dann rief er die Kriminalpolizei an und erbat
sich drei Beamte.

Der Direktor sah die Listen nach Poldringer durch. Unter diesem Namen
waren mehrere Eintragungen. Die meisten waren Geschftsleute. Ein
anderer ohne nhere Bezeichnung wohnte Xenienstrae und ein zweiter ohne
Berufsangabe Ludwigstrae.

Die Mdchen wurden fortgefhrt. Wenk ging zur Ludwigstrae. Er kam in
ein Mietshaus, sah sich die Umgebung und das innere Haus an und ging
weiter zur Xenienstrae.

Ihm blieb das Herz stehen, als er in der Xenienstrae an dem Haus,
dessen Nummer unter dem Namen Poldringer im Telephonamt angegeben worden
war, das Marmorschild sah:

                             Dr. _Mabuse_
                  _Psychopathologische Behandlung_.

Er eilte davon, den Kopf zwischen den Schultern. Er merkte sich nur
rasch die Nummern der gegenberliegenden Huser. Die Strae bestand nur
aus freistehenden Villen.

Das Blut trommelte in seine Augen. Das Herz blies Posaunen, in seinen
Ohren war Geschtzbrausen. Er hatte den Verbrecher. Nein, er hatte ihn
noch nicht. Er kannte ihn nur!

Bevor er Weiteres tat, fuhr er zum Gefngnis. Denn die Frist, die die
Carozza erbeten hatte, war um, und was sie ihm nun mitteilen sollte,
konnte ihm die letzten Sicherungen auf das Glcken des Werks geben.

                   *       *       *       *       *

Am frhen Morgen dieses Tages, als der Wrter im Frauengefngnis die
erste Runde zu machen hatte, wurde die Tr zur Zelle der Carozza
geffnet. Die Carozza schlief noch. Sie wurde geschttelt, und als sie
rasch erwachte, sah sie den Wrter ber sich gebeugt. Aber es war nicht
der Wrter, es war Spoerri. Doch nein, sie trumte. Sie war doch im
Gefngnis. Wie kam Spoerri an ihr Bett? Sie wollte die Erscheinung
wegwischen. Doch ihre Hand blieb am Gesicht hngen. Da erhob sie sich
entsetzt. Sie erwachte sofort ganz. Ja, es war Spoerri. Er sagte: Du
weit, ich stehe mit dem Wrter im Bund!

Die Carozza nickte.

Damit wirst du auch wissen, da er mir gesagt hat, was gestern hier
zwischen dir und dem Staatsanwalt vor sich ging.

Die Frau fragte fahrig: Was war das denn?

Da du den Doktor verraten willst!

Die Carozza sprang aus dem Bett. Wer sagt das? schrie sie.

Bitte nicht schreien. Der Wrter sagte es.

Es ist nicht wahr!

Der Wrter hat kein Interesse zu lgen!

Hat er dem Doktor es gesagt? fragte angstvoll die Carozza.

Da log Spoerri: Ja, der Doktor schickt mich zu dir, natrlich!

Es ist nicht wahr! rief, dem Weinen nahe, die Carozza. Ich wollte ihn
retten!

Kannst du das beweisen?

Ich wollte ihn retten. Spoerri, er ist bedroht!

Er ist immer bedroht. Das ist Unsinn. Kannst du beweisen, was du
sagst?

Die Carozza erzhlte heftig, was zwischen ihr und dem Staatsanwalt
vorgegangen war. Spoerri entgegnete gleichgltig: Ich meine, so
beweisen, da nichts mehr daran zu tfteln ist? Rasch, bitte. Ich mu in
fnf Minuten aus dem Flur heraus sein.

Was soll ich tun, da der Doktor mir glaubt? fragte entsetzensvoll die
Carozza.

Der Doktor ist sehr in Sorge, mu ich dir sagen. Er hatte so was nicht
von dir erwartet.

Nein, nein, stammelte fassungslos die Carozza. Wie soll ich beweisen
... wie soll ich ... Du weit doch, Spoerri ...

Da zog Spoerri mit einem feinen Lcheln ein Flschchen aus der Tasche.
Da drin, sagte er, liegt der Beweis.

Wo? fragte Carozza aufgelst.

Hier drin, meine Liebste, nicht wahr?

Ich verstehe dich nicht, sagte die Carozza.

Ho, das brauchst du auch nicht. Nur zu trinken, weit du, blo ein
Schlckchen. Dann glaubt dir der Doktor aufs Wort.

Da sah die Carozza das Flschchen entsetzt an. Was ist es? stotterte
sie.

Ein Himmelstrnkli, meine Liebe. Tut nicht im mindesten weh. Vom Doktor
selber gebraut. Aber wirf es noch rasch zum Fenster hinaus! Ich mache
dir das Fenster schon auf. Vergi das nicht! Aber ganz rasch, nicht
wahr? Sofort werfen! Denn ohne die Flasche merkt kein Mensch, was dir
geschah. Ja, das erwartet der Doktor. Das ist dann ein Beweis, an dem
nichts mehr zu tfteln ist. Im brigen, du kennst uns ja. Selbst ist der
Mann ...

Dabei hob er ein Messer aus der Tasche und spielte leichthin mit ihm. Er
warf es an die Tr, und es blieb mit der Spitze wagerecht darin stecken.
Er ri es zurck und sackte es wieder ein.

Siehst du, sagte er. Aber nun mu ich. Also auf Wiedersehen!

Er wollte gehen. Die Carozza sprang ihm nach und krallte sich an sein
Bein an. Sie sank in die Knie. Sie schluchzte: Ich bin doch jung. Ich
lieb' doch das Leben. Ich habe ihm doch gentzt. Ich hoffte befreit zu
werden. Von ihm. Wenigstens befreit, wenn er mich schon nicht lieben
kann.

Na ja, sagte Spoerri, aber wie gesagt, er fhlt sich seitdem
beunruhigt. Du kannst es ja halten, wie du willst.

Die Carozza: So befrei' du mich von hier. Ich werde es ihm tausendmal
beweisen, da er meiner sicher sein kann. Ich gebe mein Leben fr ihn
...

Bitte! warf Spoerri roh hinein.

Aber die Frau, losgelassen: Was bin ich denn? Ein Schatten, der hinter
ihm hergeht und sich vor ihm verbirgt, ohne sich von ihm trennen zu
knnen. Tausendmal ... tausendmal ... Befrei' mich ...

Und wenn wir dabei erwischt werden, hngen wir beide, hat er gesagt.
Und wer wei, ob sie dann nicht auch an ihn kommen.

Da war die Carozza auf einmal gefat und sagte: Gut, es ist wahr! Geh!
Und sage ihm ... Nein, du brauchst nichts zu sagen. Ich will dann ja
nichts mehr von ihm ...

Spoerri ging rasch. Das Flschchen blieb in der Hand der Carozza. Es war
an ihren fiebrigen Fingern warm geworden. ... Er glaubt mir nicht, sagte
sie zaghaft. Der Doktor glaubt mir nicht mehr. Sonderbar -- gibt es fr
irgend etwas auf der Welt mehr Beweise als dafr, da meine Gedanken ihm
treu waren? O, dies Leben, dies schmutzige, unverstndliche, zerstrende
Leben! Dies furchtbare Leben! ...

Komm! sagte sie zur Flasche. Nein, daran brauchst du nicht mehr zu
tfteln, du ... Mann! Du ser Mrder! Du Erwrger ... Scheusligkeit,
Seligkeit, du ...

Das schrie sie.

Dann erschrak sie vor ihrem Schreien, als ob sie damit das geliebte
Leben in Gefahr bringen knnte. Sie ri den Stpsel vom Flschchen, und
mitten in der Zelle stehend, trank sie, warf einen Augenblick darauf die
Flasche in das feurige Fensterloch, in das der Morgen der freien Welt
drauen wie die Mndung einer losgehenden Kanone hereinscho ...

                   *       *       *       *       *

Wenk stand vor dem Verwalter des Gefngnisses. Ja, Herr Staatsanwalt,
wir haben Sie leider nicht verstndigen knnen. Sie waren nicht zu
erreichen. Ein Herzschlag scheinbar, sagt der Arzt. Sie lag heute frh
tot in der Zelle.

Wenk ging zwischen Enttuschung und Grauen in die Zelle. Sie war leer.
Die Pritsche noch unaufgerumt. Die Kleider der Carozza lagen auf einem
Schemel. Wenk sah sich um und wollte wieder gehen. Da war ihm, als habe
auf dem Fenstergesims etwas aufgeleuchtet. Er trat zurck, untersuchte
das Fenster und fand einen kleinen Glasscherben, der gerundet war und
einen starken Geruch ausstrmen lie. Wenk stieg auf einen Stuhl.
Drauen fand er noch einen Splitter. Er ging in den Hof hinab, und bald
hatte er die berreste des Flschchens zusammen. Es hatte sich an einem
Eisenstab des Gitters zerschlagen. Wenk lie die Glasreste untersuchen.
Es waren Spuren von Giften daran.

Er ging zu Fu nach seiner Wohnung zurck. Ein neues Opfer, sagte er
ununterbrochen. Ein neues Opfer ... Dann, auf dem Wort Opfer
weiterspielend: Ein wirkliches Opfer. Denn diese hat sich selbst
geopfert! Das fhlte er. Diese Dirne war als ein Opfer ihrer Liebe
gestorben. Sie htte mir doch nichts gesagt, ahnte er nun. Sie wollte
mich blo irrefhren, um Zeit zu haben, jenen zu warnen. Ich habe kein
Glck bei Frauen.

Er war tief ergriffen. Weshalb, fragte er sich, sind diese starken
Seelen immer nur auf der andern Seite zu finden? Immer beim Bsen? Und
als am nchsten Tag die Carozza begraben wurde, stand er als einziger
Leidtragender am Grab. Langsam nur fand er sich zur Arbeit zurck.

Aber dann war er Hals ber Kopf in sie hineingesunken. Er stellte Plne
auf, den Dr. Mabuse in seinem Hause zu fangen. Das erste, was zu
geschehen hatte, war, da man auskundschaften mute, wann ganz sicher
jener sich in seinem Hause befand. Dann mute man wenigstens sich die
beiden Hauptleute sichern, parallel in der Xenienstrae und in Schachen
vorgehen, keine Zeit lassen, da einer den andern benachrichtigen
konnte.

Die Vorbereitungen muten bis aufs uerste ausgearbeitet werden. Und
dann mit einer berrumpelung, die nicht lnger als drei Minuten dauern
durfte, losgeschlagen werden. Denn ein Mann, der mit einer solchen
Khnheit mitten in der Stadt bis in die Domne der staatlichen Justiz
hinein solche Verbrechen durchfhren lie, hatte sich in seinem Hause
gegen berflle aufs beste gesichert. Das war unumstlich.

ber diesen Vorbereitungen verging Zeit.

Zuerst mute sich Wenk eine der beiden gegenberliegenden Villen als
Beobachtungsposten sichern. Er nahm dazu die Hilfe des alten Hull in
Anspruch. Er fuhr gleich zu ihm.

Knnen Sie mir einen groen Dienst leisten? fragte er. Lassen Sie
durch einen Vertrauensmann in einer der Villen Nr. 26 oder 28 in der
Xenienstrae ein Stockwerk oder besser die ganze Villa mieten. So wie
sie ist. Es mu bermorgen beziehbar sein. Kosten spielen keine Rolle.
Ich brauche das Haus fr zwei oder drei Wochen. Das Frhjahr ist da.
Vielleicht wnscht eine Partei eine kleine Reise zu finanzieren. Hull
begab sich gleich ans Werk.

Von Lindau erbat Wenk den sofortigen Besuch des Kommissars von der
Straenwalze. Der Kommissar kam mit dem Schnellzug um elf Uhr nachts.

Herr Kommissar, die Sache ist reif! sagte ihm Wenk. Sie mssen sich
bereithalten, in jedem Augenblick loszuschlagen. Ich berlasse Ihnen den
Plan. Sie haben ja reichlich Zeit gehabt, die Geographie und die
Gelegenheiten kennen zu lernen. Nur mssen Sie mit dem Augenblick des
Eintreffens meines Befehls: Villa Elise verhaften! was gehst du, was
hast du, vom Leder ziehen. Tot oder lebendig. Man wird ein zweites Boot
auf den See legen. Fr die Landseite verdoppeln Sie die Zahl Ihrer
Leute. Die Straenwalze fhren Sie fort. In Schachen beginnt jetzt die
Frhjahrssaison. Halten Sie sich mit sechs bis acht Mann als Strandgste
dort auf!

Um sieben Uhr am andern Morgen reiste der Kommissar zurck.

Um elf Uhr kam der alte Hull mit einem Mietsvertrag fr die Villa 26 in
der Xenienstrae. Es wohnt ein junges Paar da, sagte er, dem mein
Vorschlag, wie es scheint, sehr zu recht kam. Sie wollten nach der
Schweiz, wo die Eltern wohnen, und hatten nur vor der Valuta
zurckgeschreckt. Ich bot ihnen fnftausend Mark fr den Monat. Diese
werden sie in Franken umwechseln. Ich schdige unsere Valuta ...

Aber Sie ntzen der Heimat, Herr Hull! Sie werden sich bald davon
berzeugen, sagte Wenk.

Sie knnen von heute abend sechs Uhr an die Villa beziehen!

Um sechs Uhr hielt Wenk in der Kleidung eines grnen Radlers seinen
Einzug in die leere Villa. Er lie das Rad drauen stehen und suchte
sich gleich ein Fenster aus, das ihm pate. Er war ganz allein im Haus.
Er verdeckte sich hinter einem Spitzenvorhang und schaute auf die
Strae.

Das erste, was er sah, war, nachdem er so eine Viertelstunde Posten
gestanden hatte, da jemand das Rad drauen stahl und damit fortsauste.
Er hatte niemals einen Verbrecher bei der Tat gesehen. Dies Letzte
seines Berufs war ihm erst heute vergnnt. Er leitete es als eine gute
Vorbedeutung in sein Gemt und lachte ber die komische Hast, mit der
der Dieb Umschau hielt, aber schon auch das Rad zwischen den Schenkeln
hatte.

Er berblickte zwei Stunden lang in einem Stck die Haustr und die
Gartentr, die Fenster, das Dach der Villa Mabuses. Kein Mensch kam noch
ging. Wenk blieb bis Mitternacht. Nichts! Er schlief am Fenster ein,
wachte wieder auf, schaute und schlummerte wieder ein bichen und
erwachte dann erst, gerdert, im hellen Morgenlicht.

Wenks Diener als Auslufer von Oberpollinger brachte ihm das Frhstck.

Es wurde ein langer Tag. Wenk zog sich den Fernsprechapparat ans Fenster
und rief mehrere Bekannte und mter an.

Endlich, abends sechs Uhr, hielt gegenber ein Auto. Kaum hielt es, so
fuhr es wieder an und davon. Ein Herr schritt auf die Haustr zu. War es
aber Mabuse? Nein -- denn es war ein alter Herr, der die unverkennbaren
Schritte eines Tabetikers machte. Vielleicht ein Patient.

Dann sah Wenk bald darauf einen Kaminfeger das Haus verlassen. Der
Kaminfeger ging rasch und lustig, eine Zigarette hoch in die Luft
dampfend. Wenk hatte den Kaminfeger nicht ins Haus hineingehen sehen.
Das war ein Zufall gewesen. Der alte tabetische Herr blieb lange.
Wartete er so lange auf den Arzt? Oder war es ein Helfer Mabuses? Das
war zweifelhaft. Aber es durfte nichts berstrzt werden.

Die Dmmerung waltete bereits stark, als ein Mann mit einem Paket drben
an der Haustr klingelte, die mit einer berraschenden Schnelligkeit
sich ffnete. Nach einer halben Stunde kam dieser Mann wieder heraus.

So ging es noch einmal. Auch in der Nacht kamen und gingen ab und zu
Menschen. Dasselbe wiederholte sich am nchsten Tag.

Am dritten Tag wurde Wenk in der Frhe angerufen. Es war sein Diener.
Die Kriminalpolizei habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen. Es sei in der
Nacht etwas in einem Spielsaal vorgefallen. Ob er einen Beamten zum
Berichte wnsche?

Ja, er solle nur in irgendeiner Lieferanten-Uniform kommen.

Der Beamte kam eine halbe Stunde spter, als Telephonarbeiter gekleidet,
und berichtete: Gestern nacht kam ein junger Mann auf die Wache und
erzhlte, in dem geheimen Spiellokal von Schmitz htten sie Bakkarat
gespielt. Ein alter Herr, der zweifellos Tabetiker sei, habe mitgespielt
und immer verloren. Als es drei Uhr morgens war, habe der alte Herr
einen Wutanfall bekommen, habe etwas gerufen, und da seien auf einmal
drei Mnner, die mitgespielt hatten, auf den Tisch gesprungen. Mit
vorgehaltenen Revolvern htten sie Hnde hoch! gerufen. Ein vierter
sei dann von Mann zu Mann gegangen, habe das Geld vom Tisch und alles
Geld aus den Taschen der Mitspieler genommen. Ihm htten sie
zwlftausend Mark geraubt. Den alten Herrn aber htten sie ruhig
gelassen. Der sei dann aufgestanden und sei fortgegangen und war auf
einmal ganz gesund. Zwei von den Rubern haben ihn hinausbegleitet. Die
andern haben den Rckzug gedeckt. Drauen hatten die Ruber zwei
Automobile.

Diese Meldung erregte Wenk.

Seinen Plan strte das Ereignis nicht. Im Gegenteil zeigte seine
Verwegenheit, da Mabuse sich sicher fhlte. Aber Wenk hing hier in dem
fremden Haus an der Gardine wie eine schlafende Fledermaus, und der
Verbrecher ging in der Stadt seine Wege mit einer Khnheit, als habe er
niemanden und nichts zu frchten.

Er nahm sich sein Recht. Wie konnte es anders sein, wenn er, der
Staatsanwalt, der damit betraut war, ihn zu fangen, sich hier an die
Fenstervorhnge klebte!

Wenk verlie kurz entschlossen seinen Posten und kam erst abends zurck.
Er hatte den Befehl gegeben, die Laterne vor Mabuses Haus zu lschen,
indem man die Scheibe einwarf und den Glhkrper zerstrte.

Es war eine dunkle Nacht. Wenk schlich sich in den Garten der Mabuse
benachbarten Villa, sobald sich deren Fenster verdunkelt hatten. Er
hatte einen Behlter mit geschwrztem Mehl bei sich. Er kletterte ber
den Zaun in Mabuses Grundstck, schlich vorsichtig zum Gartenweg und
verteilte das Mehl in einer dnnen Schicht ber ein Stck des kurzen
Dammes zwischen Gartentr und Haus. Darauf eilte er ber den Zaun in den
Nachbargarten zurck und von dort in seine Nummer 26.

Eine halbe Stunde spter verlie jemand das Haus Mabuses. Wenk erkannte
nichts von der Person.

Anderthalb Stunden nachher kamen Schritte in der Strae unter seinem
Fenster vorbei. Er sah einen Mann, der Soldatenuniform trug. Der Mann
ging pltzlich zum Haus Mabuses hinber. Er verschwand in dessen Tr.

Wenk stieg wieder hinab und klemmte sich wieder in einen Busch der
Mabuse benachbarten Villa. Nach einer langen Weile hrte er Mabuses Tr
gehen. Er sah im Sternenschein, da eine ltere, beleibte Dame das Haus
verlie. Sie ging auf die Strae. Fast im selben Augenblick tauchte dort
ein Auto auf. Die Dame stieg rasch hinein, und das Auto jagte davon.

Wenk berkletterte wieder vorsichtig den Hag, der zwischen ihm und
Mabuses Garten war, kroch auf allen vieren ber den Rasen zum Weg, den
er mit dem Mehl bestreut hatte, und beleuchtete eilig mit einer kleinen
elektrischen Taschenlaterne den Boden. Da sah er, da die Sohlenabdrcke
von allen drei Personen von genau denselben Schuhen herrhrten.

Also, der zuerst herausgekommen war, der Soldat und die Dame waren ein
und derselbe Mensch. Und gestern und vorgestern, ging es Wenk auf, der
Kaminfeger, der Tabetiker, der Mann mit dem Paket ... alle dieselbe
Person und alle -- Mabuse!

Wenk blies vorsichtig den Mehlstaub fort.

Diese Nacht mute die Entscheidung bringen. Sturmtrupps der Polizei
lagen auf den beiden nchsten Wachen bereit. Sie waren gerstet, in
jeder Sekunde aufzubrechen. Wenn Wenk Mabuse sicher im Hause wute,
eilte er in seine Nr. 26 hinber, rief an, und drei Minuten spter
konnten die Polizisten das Haus Mabuses umstellt haben. Das Sprengen der
Tr kostete eine halbe Minute. Sechs Mann blieben drauen und umstellten
in drei Minuten das Haus. Sechs strmten mit ihm hinein. War Mabuse in
seiner Hand, flog der Befehl nach Schachen.

Wenk schlich rasch in den Nachbargarten zurck. Er legte sich flach auf
die Erde und wartete. Die Erde atmete die Wrme, mit der sie sich aus
dem Sptfrhjahrstag vollgesogen hatte, um seinen Leib. Er sprte die
Kraft des Bodens. Und in einem Gefhl der hchsten Spannung, jetzt, zwei
Stunden, eine Stunde, vielleicht nur Minuten vor dem Gelingen seines
Werkes, war ihm, als durchbrauste eine Musik, in der alle Geheimnisse
des Menschenblutes tobten, sein Herz. Trnen fllten seine Augen. Mit
Liebkosungen suchten seine nackten Finger den dunstenden Erdboden. Es
war ihm, als fhlte er das entblte Herz der Menschheit, fr die er
sein Leben aufs Spiel setzte.

Sein Entschlu war, hier zu liegen und zu warten, bis Mabuse in
irgendeiner Verkleidung zurckkam. Er konnte nicht mehr fehlgehen. War
jener drinnen ... wie in einer Mausefalle drinnen im Hause ... so eilte
Wenk hinber und rief seinen Befehl in den Fernsprecher.

Aber bevor es soweit war, sollte er noch eine Erfahrung machen, die ihm
das Herz still stehen und einen Schrei in seinen Mund treiben lie,
durch den er sich beinahe verraten htte. Ein Auto kam die Strae
herauf. Es hielt mit einem schreienden Ruck vor Mabuses Gartentr. Aber
niemand stieg aus. Nein, die Tr Mabuses ffnete sich, und es kam jemand
die Stiegen herunter, und als dieser Mensch ins Licht der Scheinwerfer
trat, sah Wenk, da es die Grfin Told war.

Wenn er nicht im selben Augenblick seinen Mund in den Erdboden gepret
htte, wre sein Schrei gehrt worden.

Das Auto raste den Weg zurck, den es gekommen war. Frauenruber!
Gattenmrder! tobte Wenks Blut auf.

Das also war das Geheimnis vom Tode des Grafen Told! Ein Teufel und ein
Werwolf! rief es durch ihn.

Wenk fhlte auf einmal die Khle der Nacht unter seinen Kleidern. Er
zitterte. Bekam er Fieber vor der letzten Minute? Er kmpfte alles in
sich nieder. Er hrte in der Stille der Nacht sein Blut wie einen
Wasserfall am Trommelfell rauschen; so war er mit aller Energie auf der
Lauer und lauschte dem, was kommen sollte.

Es schlug zwlf Uhr. Ihm war, als bebte die Stadt vom Schlag der
Glocken. Als mte dieser Glockenschlag in das unbekannte Haus
eindringen, in dem irgendwo gerade das Scheusal war, und jede Tonwelle
werde ein wogendes Messer, das ihn zerfleischte.

Der Glockenschlag der Mitternacht ging vorber. Ein Schritt hallte nah
oder fern. Wenk konnte es nicht unterscheiden. Von der Stille und der
erwartenden Gespanntheit trommelten seine Ohren laut.

Auf einmal kreischte die Gartentr. Im Sternenlicht war eine breite
weie Hemdenbrust zu sehen. Sie leuchtete. Ein Mann kam rasch auf die
Haustr Mabuses zu ... und in dem einen Augenblick, wo vor dem ffnen
der Tr die Gestalt des Mannes da oben stand, erkannte Wenk trotz der
Dunkelheit ganz genau, da diese Gestalt der Dr. Mabuse war.

So schlo sich das Netz.

Wenk wartete drei, vier Minuten. Strzte die Stadt nicht ein in diesen
etlichen Minuten? Quoll das Pflaster nicht auf? Tobte der Jngste Tag
nicht vom Himmel herunter?

Dann raffte er sich auf und, steif wie ein Blech, berkletterte er den
Zaun auf die Strae und eilte hinber zu Nr. 26. Er strzte in der
Finsternis hinauf, fiel an den Fernsprecher, rief die Nummer und dann an
die Wache die Befehle, die er vorbereitet hatte. Er hatte nur die Strae
und die Hausnummer zu nennen, die er bisher der Sicherheit wegen
geheimgehalten hatte.

Ein Motorfahrer sollte gleich beim Eintreffen der telephonischen Meldung
zur zweiten Wache. Unmittelbar nach ihm sollte das Auto mit der ersten
Mannschaft ihm folgen, an der zweiten Wache muten die vom Motorfahrer
alarmierten Leute gleich auf das Auto und zusammen mit dem inzwischen
angekommenen Fahrzeug der ersten Wache zu dem Haus rasen. So war es
abgemacht.

Wenk hastete, nachdem er telephoniert hatte, wieder hinab. Er stellte
sich in die dunkle Haustr und wartete darauf, den Klang der Automobile
die Strae herauf zu hren. Verbrannte er nicht? Nein, er bi sich auf
die Zhne. Er krampfte alle Muskeln. Er mute kalt und hart sein. Stahl!
Stahl! Stahl!

Er brauchte nicht lange zu warten.




                                 XVII


Das Haus wurde von den dazu bestimmten Polizisten umzingelt, whrend
Wenk an der Spitze der andern zur Haustr hinaufeilte und auf die
Klingel drckte.

Doch schon war die Sprengbombe bereitet.

Mabuse war noch nicht zu Bett gegangen. Der Lrm, der unerwartet die
Strae erfllt, hatte ihn an die Luke getrieben, die in einem der
geschlossenen Lden ber der Haustr angebracht war. Er sah im ersten
Blick: es war die Polizei!

Er erschrak nicht. Er sammelte sich nur. Aus allen Geweben und Gefen
zog er die Kraft, die ihnen innewohnte, in sein Hirn. Er befand sich vor
einem Augenblick, den er Tausende von Malen sich selber vorgeschildert
hatte.

Whrend er das Gesicht an den Spion hielt und sich nichts von dem
entgehen lie, was drauen im Licht der Scheinwerfer, die sein Haus von
allen Seiten in Grellheit badeten, geschah, zog er eilig aus dem
Schrank, den er, ohne seinen Posten zu verlassen, erreichte, eine
Polizistenuniform heraus.

Er hrte die Hausglocke luten.

In der Wand hatte er ein Telephon. Es war eine Leitung, die er zusammen
mit Georg whrend einiger Nchte durch den Boden zu einer Villa gelegt
hatte, die auf der Hinterseite mit seinem Grundstck zusammenstie. Er
drckte das verabredete Alarmzeichen auf den Wecker. Spoerri?

Ja!

Die Polizei ist im Begriff, bei mir einzudringen. Fliehn Sie nach
verabredetem Programm. Die Grfin holen. Das neue Auto fr mich
bereiten. Zndung ausprobieren. Tauben nach Schachen! Schlu.

Whrend er noch sprach, begann er eilig ber seine Kleider die
Polizistenuniform anzuziehen.

Da flog der Knall der Explosion durchs Haus, unter der sich die Haustr
ffnete. Ein Stuhl flog um. Mit einem Satz war Mabuse im Flur.

Mabuse befand sich, als das geschah, im ersten Stockwerk. Dies Stockwerk
war fr sich gegen die Treppe abgeschlossen.

Hinter dem ersten Polizisten, der durch die Fetzen der Tr ins Haus
drang, lief Wenk, einen schweren Revolver in der Hand. Er war betroffen
von der Vornehmheit der Einrichtung. In einem verschwenderischen
Reichtum waren die Tfelungen aus edeln Hlzern ausgearbeitet, mit den
kostbarsten alten asiatischen Teppichen behngt. Er sah das im Laufen im
ersten Blick.

Stumm wies er die, die hinter ihm kamen, die Treppe hinauf. Er selber
und die dazu bestimmten Leute verteilten sich auf die drei Tren, die
aus der untern Halle abgingen. Sie waren alle drei abgeschlossen. In
einer Minute waren sie aufgesprengt. Die Polizisten sausten durch die
Lcher in die Zimmer. Einer gleich an die elektrischen Lampen. Aber alle
elektrischen Lampen waren ausgeschaltet.

Sechs Polizisten waren die Treppen hinaufgestrmt. Die Tr, die in den
getfelten Wnden des ersten Stocks diesen gegen das Treppenhaus
abschlo, war offen. Die Mnner strzten hinein in einen dunkeln Flur.
Sie hielten die Revolver vor. Sie durchwhlten mit den Spitzen ihrer
Revolver die Gegenstnde, die aus der Dunkelheit gegen sie ragten.
Nirgends ging das elektrische Licht.

Es dauerte eine Weile, bis gengend elektrische Taschenlampen zur
Verfgung standen. Dann waren im Nu alle Zimmer besetzt, und die Tren,
die auf den Flur fhrten, schlossen die Beamten hinter sich ab. Sie
zogen die Schlssel heraus. Sie machten sich, als sie niemanden in den
Rumen sahen, ber die Kisten her und brachen sie mit den xten auf.

Mabuse lauschte dem Lrm, der sein sonst so schweigsames Haus wie eine
Fabrik erschtterte.

Er hatte, als er sich das Haus einrichtete, neben die Tr, die ins erste
Stockwerk hineinfhrte, in das Tfelwerk eine Kabine einbauen lassen.
Ein Zimmermann, der zu seiner Bande gehrte, hatte ihm die Arbeiten
gemacht.

Diese Kabine, durch eine Architektur, die von hervorragender
Geschicklichkeit war, verbarg sich unsichtbar in der Raumausgestaltung
des Flurs, von dem aus man hineinkam. Aber die Tr, die vom innern Flur
in diese geheime Kabine ging, war so in die Verzierungen des Getfels
eingefat, da niemand eine ffnung dort vermuten konnte.

In diese Kabine war Mabuse gesprungen, als er die Explosion der Haustr
gehrt hatte. In ihr hatte er einen zweiten Apparat nach der anderen
Villa. Whrend die Treppen noch den Lrm der Heraufstrmenden durch die
Holzwnde ber ihn warfen, drckte er auf den Weckknopf und nahm das
Hrrohr.

Aber niemand antwortete mehr von der anderen Villa.

Spoerri war also schon fort.

Nun kam der Augenblick, wo das Wagnis begann und Rettung oder Tod gleich
nah waren.

Die Kabine hatte eine zweite Tr. Diese, ebenso wie die innere, in die
Architektur des Getfels eingepat, dem Auge unauffindbar, ffnete sich
unmittelbar auf die Treppe. An diese Tr legte Mabuse das Ohr.

Er vernichtete alle Sinne in sich mit der geisterhaften Kraft seines
Bluts, um nur Trommelfell sein zu knnen. Gerusche, Stimmen,
Axtschlge, Rufe, Schimpfworte, Befehle, anknipsende Taschenlaternen, ja
bis zu dem leisen Fauchen hinaus, in dem die Azetylen-Scheinwerfer
atmeten, empfing er wie ein Mikrophon.

Aber nur auf eines mute sich das Trommelfell einstellen: auf die erste
Sekunde, auf die erste Abbrckelung einer Sekunde, in der es keinen
Schritt, keinen Lrm, nicht einmal das Atmen, nicht einmal das Stehen
eines Menschen auf der Treppe hrte.

Dieser Splitter eines Augenblicks mute eintreten, bevor smtliche Rume
des Hauses nach ihm durchsucht waren und man ihn nicht gefunden hatte.

Dann konnte ... dann wrde die Flucht gelingen!

Es war ihm, als spre er wie auf der Trommel einer Zentrifuge sein Blut
versprhn und auf das Trommelfell als einen nadelspitzendnnen Strahl
niedergehn, der sein Gehr fr diese notwendige Fhigkeit vorbereitete.
Alles Blut zog sich aus den Nerven des Fhlens, Sehens, Schmeckens,
Riechens. Sein Wille schlug sich wie eine triumphierende rote Bande
durch seinen Leib. Sein Ohr wurde in seinen Vorstellungen so gro wie
der Bodensee und so fein wie der Gesang eines Edaphonfadens in dem
Brckchen Erde, das er an seinen dnnen Lackschuhsohlen kleben fhlte.
Alles andre in ihm ward ein Eis, ward ansthetisiert. Aber sein Ohr eine
vulkanische Brunst am Herzen der Erde, aus der er lebte.

Und da hrte er den ersehnten einzigen, den von Posaunen und Kanonen
umbrandeten Blutschlag, der ihn retten sollte.

Er stie die schmale Tr zur Treppe auf. Er rannte aufs Geratewohl
hinaus und hinab, bevor er noch nachkontrolliert hatte, ob sein Ohr ihn
nicht getuscht. Aber er sah gleich: es glckt!

Im Flur stand unten ein Polizist. Mabuse rief ihm zu: Er hat sich im
Badezimmer ... Er hat sich im Badezimmer ...

Mabuse sieht sie noch alle herauslaufen aus einem Zimmer unten und die
Treppe anstrmen. In der Haustr stehn zwei Mnner. Sie stehn mitten in
der zertrmmerten Tr, und die Fetzen des Holzes, rund um ihre Krper
hervorragend, scheinen ihnen wie die Spiee eines Heiligenkranzes in die
Rcken einzudringen.

Verstrkung holen ..., schreit Mabuse, als er bei ihnen ist, ... im
Badezimmer verschanzt ...

Sie lassen ihn durch. Er luft, die eine Hand zum Wegschieben benutzend,
mit der andern den Browning haltend.

... Ja, er kommt hinaus ...

Die Nacht brennt von den Scheinwerfern, ein Feuerwerk der Freiheit und
der Beglckung um ihn. Entzckte, flammende Visionen besprhen seinen
Geist und sein Herz. Er trinkt das Licht drauen in vollen Zgen in die
Augen.

Was ist? schreit einer der Mnner drauen auf den Einstrmenden.

Befehl des Staatsanwalts ... Verstrkung holen! Badezimmer verschanzt!
schreit Mabuse zurck.

Nimm das Motorrad! brllt der andre.

Auch das noch! Mabuse hat es schon unter den Schenkeln. Er fllt hinein,
er bettet sich hinein. Er fllt wie von einem Turm herab in ein
weltengroes Polster. Und die Nacht saugt ihn wie ein befreundetes
Ungeheuer fort aus den Scheinwerfern und aus der Hatz, mit der sie ihn
fangen wollten.

Eine Viertelstunde spter wirft er das Rad in den Wrmkanal und schwingt
sich in den neuen kleinen Rennwagen wie auf eine Wolke. Der Rennwagen
streckt den Schnabel nach Sdwesten und rast schnaubend und wie ein vor
Entzcken der Schnelligkeit zirpendes Gescho die Chaussee dahin. Der
Wagen ist gepanzert ...

                   *       *       *       *       *

Was ist los? rief Wenk den davonstrmenden Polizisten nach.

Er ist im Badezimmer. Er hat sich verschanzt! schrie einer zurck.

Wenk raste die Treppen hinauf. Wo?

Im Badezimmer! brllte es von allen Seiten.

Alle Mann zum Badezimmer! kommandierte Wenk.

Man lief. Die kleinen Scheinwerfer der Taschenlaternen rasten an den
Wnden ineinander und durcheinander. Wohin luft man? Zum Badezimmer!
Fnfzehn Mann strzten zum Badezimmer.

Da fragte Wenk: Wo ist denn das Badezimmer?

Aber niemand wute, wo das Badezimmer war.

Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?

Die Zimmer wurden kopfber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen
wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs
Haus. Die Rume glnzen ... Reichtum und Pracht, Gemlde, Teppiche,
Bronzen, Mbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus
Marmor.

Aber das ganze Haus war leer!

Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und
alles Gute, Schne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht
hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.

Man ging mit den xten an die Wnde. Man vermutete etwas. Und bald hatte
man die Lsung des Rtsels und die geheime rettende Kabine gefunden.

Aber Wenk fate sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In
Schachen! Die Villa Elise!

Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien
wurden fr ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet.
In Strahlen um Mnchen herum waren die Landstraen unter den Augen der
Polizei! Die Strecke Mnchen-Lindau hatte acht Posten und jeder einen
Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen,
durch die Nacht nach Mnchen warf.

Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.

Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versumt.
Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des
Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schtzte, so blieben zehn
Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mute.

Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der
Kilometertafel, so meldete Buchloe.

Wenks Herz sang auf.

Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit.
Richtung Kempten. Groer gedeckter Wagen!

Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde spter kam Kaufbeuren.

Groer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben
durch. Richtung Kempten.

Es war 2 Uhr 25.

Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen
fuhr.

Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: Ein zweiter Wagen soeben
durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!

Und zehn Minuten spter folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.

Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird
Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!

Ober-Gnzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gesprch.
Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang
des ersten angezeigt hatte.

Einen hnlichen Bericht brachte Buchenberg.

Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung,
das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem
vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem
ankme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Mnchener Polizisten. Man
solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!

Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung
folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, da der Weg der Fliehenden
auf Schachen ginge.

Ortsnamen auf Ortsnamen glhten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der
Nacht riefen ihn Drfer und Stdtchen an und banden sich an ihn.
Unsichtbares Geisterband warf er ber Landschaften, die bis an die
Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstrae
ri er so aus der Finsternis an sich, und die Landstrae wute nichts
davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in
Finsternis gehllte Chaussee, ber die die Tat tobte, in seiner Hand.

Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem
Feldherrn. Keine einzige!

Hergatz leuchtete es auf, und das kleine Gerusch des Weckers in der
Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der
gerufen wurde.

Ja! sagte er, Staatsanwalt Wenk, Mnchen!

Ein kleines offenes Auto mit groer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu.
Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.

Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!

Wenk wartete. Er hrte in den verstummten Drhten alle Gerusche, die
die Nacht zwischen Mnchen und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie
gewesen, summte.

Sind Sie noch da? fragte Wenk nach einer Weile.

Jawohl!

Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?

Nein!

Nach einer Weile fragte Wenk wieder. Nein! hrte er nochmals.

Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.

Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.

Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft.
Buchenberg -- Isny -- Gestratz -- Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter
Isny bog eine Landstrae nach Wangen und dem Wrttembergischen oder
links eine andere nach dem sterreichischen.

Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er lie
zehn Minuten im Sturm luten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht
in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach
dem sterreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. ber diese
Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto
entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den
fremden, feindseligen, in Finsternis gehllten Straen entrissen.

Aber dann berlegte er sich, es knnte eine Panne den groen Wagen auf
den Weg gelegt haben. Ja natrlich war es so. Denn deshalb hatte der
kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit
einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stren.
Durfte ihn nicht aus der Glckserie herausdrngen. Er vertraute, und es
mute losgeschlagen werden.

Er rief Schachen an.

Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten
Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die
Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!

Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat
wieder rief. Die letzte Etappe -- der Bahnhof von Enzisweiler!

Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstrae
Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!

Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!

Er mute warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht
am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf
den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des
ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu
fesseln, die Lichter zu lschen und eine Stunde lang noch auf den
zweiten Wagen zu warten.

Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18
Minuten.

Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fugelenken und verzitterte in
sein Hirn. Er fhlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen
Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann
pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezhlte Male immer
denselben Weg von den Lenden ins Hirn.




                                XVIII


Spoerri hatte die Grfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe
Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen.

Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das groe Fahrzeug zwischen
Kaufbeuren und Gnzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter.
Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt.

Als die Strae nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit
einem Schlag der vorfahrende groe Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an.
Die Grfin wurde herbergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach
sterreich.

Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen.
Spoerri sollte ber den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mute Dr.
Ebenhgel in Zrich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen
knnte. Mabuse und die Grfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete
Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem
die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die
Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug ber den See in die
Luxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der
Romanshorner Strae weiter nach Zrich. Fr Zrich war nur ein kurzer
Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschfte erledigt wurden.

Es war zu erwarten, da die bayerischen Behrden die Schweiz baten, nach
den Flchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der
Schweiz so kurz wie mglich halten und gleich zur italienischen Grenze
weiter eilen. Psse hatte er fr sich und die Grfin auf einen
portugiesischen Namen anfertigen lassen.

Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle
Schwierigkeiten zu Boden wie Bltter im Herbst.

Die Grfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der
auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein
Mabuse sich ber das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden
Wagens und die ungewisse Nachtdsternis lieen die Umrisse seiner
breiten Gestalt ins Gespenstische verflieen. Nur diese Umrisse hatten
Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr
herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese.

Straenalleen, Bauerngehfte, Drfchen flogen zurck. Der Bodensee kam
in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flchen,
versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein
Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei
ferne Stdtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war
schon die Schweiz.

Lindau blieb abseits. Villenstraen bogen sich ber das sausende
Fahrzeug.

Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte ber das Geleis am
Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem
durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, da das
Gartentor weit offen stand.

Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als
ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm
zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden htte.
Es war kurz nach halb vier Uhr. Er pate mit allen Sinnen rund um sich,
ohne die Schnelligkeit zu bremsen.

Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er lie dem Wagen seinen
vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit uerster Kraft einen Augenblick
lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und
scho, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg.
Eine bleierne Finsternis fiel ber Mabuse.

Da fhlte er, da etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang
von der Bremserseite ber die Tr, prete sich zwischen die Seitenlehne
und Mabuse. Zwei Hnde fuhren ber seine Hnde, entrissen ihm das
Steuer. Ein heier Mund, wild, schwarz, hinreiend wie die Nacht,
flsterte in ihn hinein:

Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt.
Gleich in den See ...

Mabuse lie das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der
neuen Faust drhnte wie Schnellfeuergeschtze an die nachtgrauen Wnde
der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb ber
den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die
sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser
abhaltend. Der Wagen schwnzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte
einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie
ein Gewitter.

Einen Augenblick spter schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte
auf.

Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse untersttzt. Den
Schrei der Grfin warf die Nacht zurck. Dann fuhr das Fahrzeug, mit
einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwrts
drngend, im Wasser weiter.

Es funktioniert wie Zauber! rief Georg.

Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt
mit ihm von der Landstrae ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten
ihn in ein Motorboot.

Die Tauben sind schuld! sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in
seiner Gewalt hatte. Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde,
da hrte ich auf einmal, als ginge eine flsternde Stimme in einem
Buschwerk. Ich pate scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, da eine
Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte
weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz
im Kreis herum, und da wute ich, da wir umstellt seien. Na, ich kam
unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fnfzig Minuten habe ich
gebraucht fr die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht htten,
sen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...

Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die
Villa herum verteilt und bis zum Schlieen des Ringes vier Stunden
gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hrten das
Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten
und warteten auf den Pfeifenruf, der sie ber das Haus und die
Verbrecher loswerfen sollte.

Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel
war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses
verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunchst lagen, hatte ihn
wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und
auf einmal irgendwie verschwand, ohne da er das Dach wieder verlassen
htte. Seine Vermutung, es knnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde
bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels besttigt, der auf
dieselbe Weise im Dachwerk verschwand.

Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurck und meldete, was er gesehen
und vermutete. Der Kommissar erfate sofort die Bedeutung, die diese
Boten haben konnten: da Poldringer von Mnchen her und von den dort
Geflohenen gewarnt wurde.

Er lie deshalb mit groer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten
gleiten und die Tatsache mitteilen, da der Hausinsasse nun
wahrscheinlich gewarnt sei und da man mit doppelter Vorsicht, aber auch
vervielfltigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los msse.

Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die
Georgs feine Witterung empfunden hatte.

... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden
Fingern hob schon die Signalflte an die Lippen. Er wollte im
Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tr der Villa
hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben.

Zwei Beamte lagen in den Struchern links des Hauseinganges und waren an
der Tr, bevor im Innern der Schlssel umgedreht werden knnte. Aber der
Kommissar war nicht zum Flten gekommen.

Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tr. Es strzte ums
Haus herum, als wollte es Hals ber Kopf sich in den See werfen. Der
Kommissar, in der Aufregung und Enttuschung alle Vorsicht aufgebend,
sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, da das Auto in den See
hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium ber
das Muerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut.

Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine
Weile durcheinander. Ans Ufer! brllte der Kommissar.

Sie sahen kein Auto mehr. Sie hrten schon zweihundert Meter vom Ufer
entfernt ein Motorboot in die Finsternis entlaufen. Sie suchten unter
dem Steg, das Ufer hinab und hinauf, kopflos und erschttert, aber
vergeblich.

Da erst verstand der Kommissar, was vor sich gegangen sein mute. Die
unendlichen Mhen, Anstrengungen und Hoffnungen eines ganzen Monats
waren zerschlagen. Der groe Fang war ihm entglitten. Er war so
zerdrckt von diesem wahnsinnigen Gedanken, da er den Revolver, den er
nackt in der Hand hielt, unbewut an seine Schlfe fhrte, als habe er
sein Leben durch das Miglcken des Unternehmens verwirkt.

Er ri ihn eine Sekunde spter wieder weg, und der Schu fuhr, seine
Haare versengend, vergeblich in die Nacht. Auf dem See blinkte ein
Lichtzeichen auf. Weiter ein zweites. Der Schu hatte die Aufpasserboote
mobil gemacht.

Da erst erinnerte sich der Kommissar dieser Helfer, die er im Ansturm
der Verzweiflung ganz vergessen hatte. Die Morselampe! schrie er. War
es mglich, da er die Boote vergessen hatte?

Die verabredeten Lichtzeichen wurden zu den beiden Booten gesandt:
Flchtlinge in Motorboot auf den See entkommen!

Verstanden! blinkte es zurck, und einige Augenblicke spter schlugen
die Scheinwerfer ber das finstere Wasser.

Es ging nicht lange, so hatten sie das fliehende Boot entdeckt, aber
auch gewarnt. Denn es war im Begriff gewesen, in sie hineinzurennen.

                   *       *       *       *       *

Mabuse und Georg bemerkten sofort die Gefahr. Die beiden Scheinwerfer
kamen ihnen entgegen wie die geffneten Kiefer eines Ungeheuers, das
nahte, um sie zu verschlucken. Georg trieb das Steuer nach Backbord, das
Boot fiel geneigt in voller Fahrt in die neue Richtung. Das Wasser
strmte am Steuerruder auf wie ein Hgel und leuchtete brausend in der
Nacht. Es bleibt nur eins, sagte leise Mabuse, die Rheinmndung!

Er berlegte khl und rasch. Er stand wieder in einer Lage, die ihm
bekannt war, weil er sie ungezhlte Male in Gedanken durchlebt und
besiegt hatte. Am deutschen Ufer, an das sie leicht htten zurckfahren
knnen, war wohl weitab alles gegen sie mobil. Am sterreichischen lag
nur Bregenz, das die Scheinwerfer leicht auf die Beine brachten. Die
Rheinmndung hatte zwischen zwei Lndern ein breites, fast unbewohntes
Gebiet. Sie konnten in zwanzig Minuten drben an Land sein und zwischen
sterreich und der Schweiz whlen. Glckte es, das Fahrzeug so gut aufs
Land zu bringen, wie es ins Wasser gekommen war, so hatten sie einen
Vorsprung, der ihre Rettung sicher machte.

Aber eins der verfolgenden Boote lag weit im See. Es schien die Absicht
der Fliehenden zu erraten. Es folgte ihnen nicht direkt. Es glitt ber
Steuerbord, Fahrt mit ihnen haltend, dem Schweizer Ufer zu, als wollte
es im gnstigen Augenblick ihnen den Weg verlegen.

Vielleicht wollte es aber auch nur sich zwischen sie und die Schweiz
legen. Die Scheinwerfer der beiden Boote schlugen zusammen ber Mabuses
Boot her. Der Motor schrie. ber dem Pfnder lag ein kaum merkbarer
Streifen des kommenden Tages. Schsse klangen hinter ihnen. Das eine der
Boote lag nun in ihrem Kielwasser, blieb aber leicht zurck. Die beiden
Verfolger signalisierten durch Morselampen miteinander.

Georg steuerte eine Weile in leichten Zickzacklinien. Das Fahrzeug warf
hin und her unter dem oft wechselnden Druck des Steuers auf das Wasser.
Georg wollte vortuschen, als versuchte es, nach der Schweiz
durchzubrechen. Aber er war auch von den Scheinwerfern erregt. Es gelang
ihm nicht, auch nur auf Augenblicke aus der Lichtbahn herauszukommen.

Das eine der Boote, das ihnen im Rcken fuhr, ging wohl nur deshalb
jetzt so langsam, weil es keine andere Aufgabe hatte, als sie unter
Licht zu halten und ihnen den Rckweg nach dem deutschen Ufer
abzuschneiden? Die Morsezeichen waren geheim. Weder Georg noch Mabuse,
die sich sonst auf derartiges gut verstanden, weil sie beide viel auf
See gewesen, verstanden sie.

Auf einmal erlosch auf dem Fahrzeug, das steuerbordseits mit ihnen fuhr,
der Scheinwerfer. Sie hrten ber dem Hllenlrm, den ihr eigener Motor
machte, wie die Maschine dieses Bootes gegen vorher um einen Ton heller
und nher klang. Ihr eigener Motor stand auf seiner Hchstleistung.

Die Schsse hatten aufgehrt. ber den Geruschen ihres Bootes erhob
sich ein anderer Lrm. Mabuse hielt seine beiden Ohren hin, ihm
entgegen, stahlkalt und aufgereckt, grell beleuchtet von dem
Scheinwerfer. Er trug noch die Polizistenuniform, die ihm die Flucht
ermglicht hatte.

Die Grfin hatte anfangs in einer halben Ohnmacht am Boden gelegen. Die
Schsse, das schieende Drhnen des Bootes, die Eile, die Aufregung der
beiden Mnner hatten sie nach und nach wach gereizt. Sie begann zu
erfassen, was geschah. Sie auch hrte ber dem Lrm ihres Fahrzeuges ein
zweites Gerusch. Sie richtete sich auf. Sie hob den Kopf ber Bord und
hielt das Ohr in die Dunkelheit, woher der zweite Ton kam.

Was ist das? fragte sie Mabuse, der neben ihr stand, mit dem Rcken
gegen die Fahrt, breitbeinig und sicher scheinend. An die Reeling mit
den Hnden gesttzt, lie er das Licht des Scheinwerfers auf sich
liegen, nur um zu horchen ...

Nichts! zischte er zurck. Schweig'!

Was ist das? fragte die Frau noch einmal mit scharfer Stimme, und ein
Ton klang auf in dieser Stimme, den sie lange nicht mehr an sich gehrt
hatte.

Ihr war, als lste sich ein Stein, der ihr Herz eindeckte, langsam in
eine breiige Masse auf. Sie gab sich diesem Vorgang, der halb auer
ihres Bewutseins lag, immer heftiger hin. Sie erkannte immer
deutlicher, was in ihr zu geschehen im Begriff war. Da schrie sie auf
einmal, sprang auf und stellte sich gegen Mabuse: Jetzt aber! ...

Und hrte den verfolgenden Ton von See und Nacht ber sich herfallen wie
ein Glck, das auer Rand und Band geraten war. Sie saugte sich mit den
Ohren und mit dem Herzen an das leichte, se Gerusch ... Sie sprte,
wie es sekundenweise strker wurde. Sie verstand:

Der Verfolger fuhr rascher als sie, kam nher ...

Was ist: jetzt aber? rief Mabuse sie heftig an. Schweig' und setz'
dich!

Was ist das fr ein Ton ... dort? fragte sie mit einer singenden
Stimme.

Der Tod ... vielleicht! sagte Mabuse ruhig zurck.

Fr dich! schrie die Frau ber das kreischende Heulen des aufgewhlten
Wassers in sein Gesicht. Ich darf dich abschtteln! Ich werde gerettet
vor dir! Der Werwolf wird gefangen. Deine Macht ber Menschen und ber
mich ist aus!

Das will ich dir zeigen, raunte Mabuse ihr zu, sich dicht ber sie
bckend.

Dann geschah es, so rasch, da sie kaum auseinanderhielt, was vor sich
ging.

Georg! rief Mabuse. Nur dies eine Wort. Dann zog er sich die
Polizistenuniform von den Kleidern und warf sie hin, und schon hatte
Georg sie angezogen und stand neben der Grfin, sich dem Licht des
Scheinwerfers preisgebend, Mabuse aber am Steuerrad.

Sie hrte einen Ruf nahe. Anhalten! schrie nochmals eine Stimme aus
dem zweiten Ton heraus, der so wollstig in ihr Ohr gesaugt lag.
Anhalten! ...

Eine Kugel zwitscherte. Ein Knall zerspellte die Luft.

Georg scho zurck. Das Boot schwankte auf. Aber dann hatten es
pltzlich zwei hohe Dmme eingefat. Wo war der See? Wo war die weite
Nacht? Es rauschte. Es kmpfte gegen die Frhjahrswasser des Rheins.

Der Scheinwerfer war verschwunden. Eine sachte, milde Grauheit hob die
Flut und die Dmme aus der Finsternis. Sie waren glatt wie Eisenbalken.
Eine Brcke stellte sich quer ber sie. Der Schall des Motors scho von
ihrem Gewlbe herab auf sie nieder.

Da schlug eine fremde Kraft die Grfin zu Boden. Das Boot bohrte sich
mit einem rasenden Schlag hinten in die Hhe. Aber die Frau wurde aus
dem Niederstrzen aufgefangen. Etwas nahm sie hoch. Das fhlte sie noch.
Etwas lief. Schreie erstickten in einem roten Nebel.

                   *       *       *       *       *

Georg lag an Land. Er hatte einen Arm gebrochen. Er hob mit der gesunden
Hand den Polizistenhelm auf und stlpte ihn auf seinen Kopf. Er war von
dem Fall leicht betubt. Aber er htte fortlaufen knnen. Dennoch blieb
er liegen.

Es dauerte nicht lange, so sah er zwei Revolver auf sich gerichtet. Zwei
elektrische Laternen brannten ihre Kreise in seine Augen. Es ist der
mit der Uniform! sagte eine Stimme.

Georg blieb ruhig. Er wurde vom Land in ein Boot gerissen, an eine Bank
gefesselt. Ein Motor setzte an. Das Fahrzeug raste auf der Strmung
hinab. Es fuhr quer dann ber den See nach Schachen zurck.

Der Tag begann, als sie Georg den Holzsteg hinaufschleppten. Sie zogen
ihn in die Villa hinein und schlossen ihn in einen Raum, der vergitterte
Fenster hatte und aus dem er nicht htte fliehen knnen, selbst wenn
nicht zwei Mnner bei ihm geblieben wren.

Der Kommissar sagte: Das ist er, Gott sei Dank! In der
Polizistenuniform! Gott sei Dank!

                   *       *       *       *       *

Wenk stieg um fnf Uhr in der Frh mit dem Wasserflugzeug in Mnchen auf
und landete zwei Stunden spter vor Schachen. Er flog die Treppen hinauf
in die Villa Elise und zu dem Raum, in dem der gefangene Ruberknig
seiner wartete ... des Besiegers ...

Hier ist der Doktor Mabuse! schrie ihm der Kommissar entgegen. Jetzt
haben wir ihn, Gott sei Dank!

Wenk, ganz Musik, ganz Rauschen, Sieg, Kraft und Trompeten, trat in die
Tr und sah auf den an den Stuhl festgebundenen Polizisten.

Wo? fragte er.

Dort ... auf dem Stuhl der!

Wenk schaute genauer hin.

Schon wute er: Entkommen! Schon fiel alles wieder zurck in den
endlosen, leeren schwarzen Schacht, noch bevor er ein weiteres Wort
hrte oder sprach.

Auf einmal sagte der Kommissar: Aber das ist doch der Poldringer, den
wir hier berwacht haben!

Ja, das ist der Poldringer! antwortete Wenk traurig.

Mabuse war entkommen.




                                 XIX


Mabuse trug die ohnmchtige Frau mit hastigen Schritten vom Ufer des
Rheinkanals fort in das nchste Haus. Es wohnte ein Rietbauer drin.

Wir sind verunglckt! sagte Mabuse. Dann stellte er sich ans Fenster
und berwachte den Weg drauen, der vom Kanal kam.

Als eine Stunde so vergangen war und die Frau die Augen wieder ffnete,
sah Mabuse, wie sie aufzuckte, als sie ihn erkannte, und sich, von einem
Schrecken gefat, fortwandte. Er ging rasch zu ihr und flsterte, ber
sie gebeugt, ihr zu: Wir sind gerettet! Wir sind aneinander
geschmiedet!

Seine Worte legten sich eindringlich und im Flsterton mit einer heien
Heimlichkeit auf ihr Gemt. Sie widerstand dem Mann nicht mehr und
begann sich zu erheben. Die Buerin versprach ihr beizustehen.

Mabuse schaute auf einer Karte das nchste Dorf nach. Dann ging er,
sicher, nun nicht mehr unmittelbar verfolgt zu sein. Georg war als Opfer
geblieben und hatte ihn gerettet. Schuld daran war die kleine Dummheit
der Polizistenuniform.

Das Dorf war nicht ferner als zwanzig Minuten. Es hatte einen
Fernsprecher in einem Gasthaus. Mabuse bestellte Kaffee und rief Zrich
an. Es kam nach einer halben Stunde. Wer spricht? fragte er.

Rechtsanwalt Ebenhgel, Zrich! wurde geantwortet.

Ist Spoerri angekommen?

Spoerri ist gerade angekommen. Er ist noch hier.

Spoerri strzte ans Telephon.

Spoerri, ich bin verunglckt. Georg ist liegengeblieben. Wir beide
gerettet. Kommen Sie gleich mit dem Auto. Bringen Sie ein Reisekleid und
einen Reisemantel fr meine Frau mit. Ich erwarte Sie um zwei Uhr am
Bahnhof von Au im Rheintal.

In Ordnung! rief Spoerri zurck.

Meine Frau, sagte ich, wohl mit Berechnung und aus Vorsicht ...
meditierte Mabuse dann. Aber er lehnte sich gegen die Bezeichnung auf.
Sie klang wie eine Fessel. Dann schttelte er aber diese Vorstellung ab:
Sie ist meine Frau, ein Besitz von mir ... Mein! So ist es wahr!

                   *       *       *       *       *

Spoerri kam pnktlich ... Ich fahre Sie durchs Engadin gleich an die
italienische Grenze, sagte er, nachdem Mabuse erzhlt hatte, was
vorgefallen war.

Aber Mabuse sagte nur ein Wort dagegen: Nein!

Herr Doktor, flehte Spoerri, in der Schweiz knnen Sie nicht bleiben.
Die Mnchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekndigt. Wir kmen
nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurck!

Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts
Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine
frheren Befehle an die Beseitigungskommission zurck.

Merkwrdige Freundschaften schliet der Herr Doktor, hihihi! lachte
Spoerri.

Ruhig! Unter meiner Garantie! befahl Mabuse, und sie fuhren durch die
flache Ebene zu dem Bauernhaus.

Die Grfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der sterreichischen
Grenze zu. Was fr Passierscheine haben Sie fr uns? fragte Mabuse.

Schweizerische! Nehmen Sie bitte!

Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter
Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getuscht, aber nie klger
wurde.

Um drei Uhr fuhr das Auto ber die Landstrae Bregenz-Kempten nach
Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach
Mnchen gemeldet worden war, da es vorbeigerast sei, und fuhr aufs
Wrttembergische zu.

Die Reisenden bernachteten in einem Stdtchen sdlich von Stuttgart.

Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: Fr
mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den
Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine
Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Grfin und ich bleiben
morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen
Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht
einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei
kontrolliert, mu er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Bue zu
zahlen. Haben Sie Kognak da?

Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei
Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. Natrlich haben Sie Kognak
da! sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte.

Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte.
Spoerri mute sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gieen.

Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch,
der ihn am Hals fate und unter das Wasser drckte ... als gbe man ihm
einen Mhlstein als Schwimmgrtel.

Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, da es nicht ging.

Haben Sie nicht mehr?

Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit ber die Grenze zu nehmen!

Da lachte Mabuse.

Glnzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen
Kokain, drei Freudenhuser voll Mdchen ber die Grenze gebracht, aber
beim Kognak reicht sein Mut nicht ber drei Flaschen hinaus. Leeren Sie
Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?

Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie
zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurck, das die Grfin neben
dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem
heigelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen
Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen.

Er trat zur Grfin ans Bett. Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast
ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!

Ja! sagte sie kleinlaut.

Da berfiel den Mann eine mrderische Raserei. Er erfate sie aus dem
Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die
Luft ber sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand
zerschellen. Er hate sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwchen in
ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das
Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstren
und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.

Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hngen und
erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem
sie anheimgegeben war -- -- -- unentrinnbar! Sie wnschte den Tod. Leise
betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der
Kinderzeit, und wute, strbe sie jetzt, so zge sie den Mann mit in den
Tod.

Aber in Mabuse, da er so seine Macht ber den Leib der Frau sprte, den
er hochgestemmt hielt, khlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er
hatte wieder den Anschlu an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glck.
Er lie sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die
seine Adern durchklangen, wie die tausendjhrige Eiche im Sturz den
Wald.

Die Grfin blieb mit einer irren Enttuschung im Leben zurck. Jeden
Flecken ihrer Haut fhlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr
Gemt flo aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht
hindurch ... trnenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren
Trnen sich in das Nichts zu erlsen.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen des nchsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach
Berlin.

Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlsse, die die
Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und
benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung
wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und berragte
ihn. Ein Gedanke lie ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn
herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.

Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem
bsesten und strksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war:
von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es
unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land
aufgefunden und aus seiner Burg ausgestbert hatte. Es gab einen
Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stren, ihn zu einer
Flucht zu ntigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die
Schuld dieses Menschen, da sich ganze Organisationen in seine
Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen
verlangte.

Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in
Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre
Persnlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er
hatte ihr Dasein, ihre Schnheit, ihre Selbstndigkeit, ihre
Ausschlielichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war
wie der hchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fhigkeiten. Aber
zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang
entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller
menschlichen und aller mnnlichen Kraft hatte verzichten mssen. An
diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffllbar in seinem
Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...

Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und ber den Atlantik
bereitete er von Berlin aus so vor, da nur das Schicksal Tod sie stren
konnte. Sein Frstentum Eitopomar wartete mit Urwldern, schwarzen
Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde
verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfllen, mit wilden Stmmen auf
ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlsen. Jeder Tag konnte ihn
zum Kaiser krnen.

Aber er wre wie abgestandenes Wasser fr den Rest seines Lebens
verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht
und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstrt htte. Sein
eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder
Nichtsein.

Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk.

Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plnen gegen ihn, konnte
er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurckdmmen, und er sagte der
Grfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen wrden:
Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er
wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!

Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war
seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit
sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dmonischer aufgerhrt
als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen.

Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring,
unaufhaltsam ...

                   *       *       *       *       *

Wenk sa in Mnchen.

Georg hatte man dorthin ins Gefngnis geliefert. Er spielte den
Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm
gehrt. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus
Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in
die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen.

Keiner zgerte einen Augenblick, ihn zu erkennen.

Er blieb stumm.

Eines Tages fand man ihn an seinen Hosentrgern erhngt. Er hatte ein
Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das ein General Napoleons nach
der verlorenen Schlacht von Waterloo berhmt gemacht hatte.

Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur
einige Beweise, da Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub
gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mchtigem Stil weiter
vervielfltigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behrden, da
man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie
wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zrich. Dann
und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren
so streng geschult, da keiner ein Wort des Verrats ber die Lippen
brachte.

Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, da dort ein Spieler arbeitete,
dessen hnlichkeit mit Mabuse so gro war, da er sofort hinreiste. Aber
als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spren.
Drei Tage spter wurde Wenk aus Kln, dann aus Dsseldorf, darauf aus
Essen und schlielich aus Hannover alarmiert.

Wenk war immer unterwegs. Es bestand fr ihn kein Zweifel, da es Mabuse
war, der so vor ihm davonwich. Er mute Aufpasser in Mnchen haben, die
Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk lie keine Vorsicht auer acht.
Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Zge,
Autos, Flugzeuge fr jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der
Verdacht sich nicht mehr abweisen lie, da Mabuse unter Wenks eigenen
Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte
seinen Chauffeur, seine Haushlterin, nderte Fernsprechnummer und
Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswrts.

Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war
dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage spter in der
Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des
Rubers schon zu einer Sage aus.

Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dmonie des
tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die
Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort.

Die Polizei schritt in allen Stdten gleich zu Massenverhaftungen. Aber
sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige
dabei, um den man alle Verbrecher smtlicher Gefngnisse htte laufen
lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf -- die Geographie!
Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu.

Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behrde Urlaub aus Bayern und setzte
sich mit den preuischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als
Spezialisten nach Berlin holten.

Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus
dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde spter seine Wohnung.

Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache
gewnscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie
verlassen. In allen den Stdten, in denen Wenk seiner Spur nachging,
waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm
unterrichtet und abgesandt. Mnchen war zu klein fr das, was Mabuse
vorhatte. Die Abgrnde Berlins waren das sichere Jagdgebiet.

Die Jagd begann schon am zweiten Tag.

                   *       *       *       *       *

Wenk hatte diesen Tag ber mit einem jngeren Kollegen von der Berliner
Polizei seine Akten ber den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten
sich ber einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprchen
zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschlu, in der ersten Zeit den
Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen,
war hchstens angetan, den Stand des Jgers vorzeitig zu verraten.

Abends, nachdem Wenk in der Traube zu Nacht gegessen hatte, ging er in
ein Caf und dann, ermdet von den langen Gesprchen, durch die
Taubenstrae seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer
Haustr, entfernt von der Laterne. Bitte! sagte der Mann.

Was wollen Sie? fragte Wenk unwillig zurck.

Ist dem Herrn vielleicht ther gefllig?

Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam
dann aber in das Leben der Friedrichstrae und verlor ihn.

Wenk machte sich bald Vorwrfe, so davongegangen zu sein. Er htte mit
diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus
dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurck, lie sich
aber von seiner Mdigkeit abhalten und ging nach Hause.

Am nchsten Abend kam er denselben Weg von der Traube durch die
Taubenstrae. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und
her. Wie er dann in die Nhe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat
ihm ein Mann aus einer Haustr entgegen und flsterte: Wnschen Sie
Nackttnze zu sehen?

Wenk blieb stehen. Er sagte: Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein
Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben mchte ich einmal
mitmachen. Wo sind Ihre Tnzerinnen? Los!

Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix
hinterher vonwejen die Polizei!

Wenk versprach es zu tun.

Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und
ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch
einige Schritte geradeaus. Der Mann mute doch in eine der nchsten
Haustren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn
nicht fand. Er schaute dann sphend rundum.

Pltzlich sagte in seinem Rcken die Stimme des Mannes leis und
vorwurfsvoll: Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von
die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!

Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurck, zog ihn in eine Tr. Die Tr
ffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geruschlos schlo
sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur
beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen
kleinen Saal, der gedrngt voll Menschen sa.

Zwei Herren, nahe der Tr, machten Wenk liebenswrdig Platz.

Der Mann war verschwunden.

Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit,
in der es geschah.

Er horchte den Gesprchen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: Also
mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr
Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken lt, ohne da die
Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!

Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: Das weit du ja nicht,
ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche
Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie fr sie Verbrecherfallen
sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...

Wenk horchte gespannt zu.

Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gesprch.
Man nannte sich Beruf, dann Namen.

Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gesprch gleich vermutet
hatte, ein hherer Polizeibeamter. Man traf sich fter.

Der Ungar erzhlte interessante und verwickelte Flle aus seiner Praxis.
Er erzhlte von den Lasterhhlen von Budapest, streifte auch die
heimlichen Spielhuser, die seit Kriegsausgang berall so berhand
genommen htten, und ereiferte sich gegen die immer unverschmter
werdende Khnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervortrten.

Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mitrauen, verhielt sich
vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine
Ttigkeit liege in Mnchen. Aber Berlin, als das grte Sumpfnest, sei
gerade fr ihn als Mnchener Staatsanwalt eine gute Schule.

Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur
einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzhlend.

Wir haben, nahm ihm der Budapester das Wort ab, bei uns jngst einen
hnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante
und nicht gerade gesetzmige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr
weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose
als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir
ziemlich genau wuten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich
nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen
Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen mssen ... also
ziemlich genau wuten, da er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf
deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im
Gefngnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht
nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das
ist eine ganz scheuliche Lage fr einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor
die Geschworenen gekommen wre, wre die Gefahr eines Freispruchs aus
Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht
schmecken. Ich hatte ber ein halbes Jahr drangesetzt, ihn
hochzukriegen. Sein Unschdlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich
ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte
hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von
seinen Fhigkeiten in Privatgesellschaften vorgefhrt. Ich berredete
ihn, mit ins Gefngnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von drauen!
Und wirklich: eine Viertelstunde spter wute ich, da wir wirklich den
Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten,
ihn in kurzem an den Strick zu liefern.

Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzhlung unangenehm. Er empfand einen
starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht
erklren, was einen solchen Umschwung in seinem Gefhl verursacht hatte.
Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete
Persnlichkeiten? fragte der Polizeidirektor.

Ungemein! antwortete Wenk.

Mchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von
seinen Gaben sehen?

Ist er denn in Berlin? Gewi, das wnsche ich aufs lebhafteste!

Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine
Fhigkeiten ffentlich. Er ist rasch berhmt geworden. Den Namen
Weltmann haben Sie gewi schon gehrt!

Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb
unterdrckten: Gewi!

Nun, dieser berhmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil
er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also
abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?

Wenk nannte seine Nummer.

Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem ther, Kokain und
Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere
Laster gepflogen wurden.

Am nchsten Tag schon wurde Wenk gerufen. Hier Polizeidirektor Vrs!
Es trifft sich wie bestellt fr Sie, Herr Staatsanwalt. In einem
Privathaus bei einem Landsmann von uns, ber den ich Ihnen lieber ^entre
nous^ etwas Persnliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es
gengt, da Sie den Wunsch uern, und Sie knnen sich als eingeladen
betrachten. Ohne weitere Formalitt. Es ist ein sehr gastliches Haus.
Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fhlen. Es sind
mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich bernehme alles
Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr
ab. Die Villa liegt etwas weit drauen. Hinter Nikolassee.

Ich danke Ihnen vielmals. Sie berhufen mich mit Liebenswrdigkeiten,
antwortete Wenk zurck. Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.

Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude, lachte die andere
Stimme zurck. Also es ist abgemacht!

Abgemacht!

Wirklich, wie liebenswrdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand
sich undankbar, da er auf einmal seine Sympathie fr den Kommissar
aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.

Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er
zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die
Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an
Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhren, bis er die
ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz
ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den
Gesellschaftsanzug anzulegen.




                                  XX


Der Polizeidirektor Vrs war pnktlich.

Wissen Sie, ich mu Ihnen nun noch einiges ber unsere Gastgeber und
meine Landsleute drauen bei Nikolassee sagen, begann er gleich, als
das Auto anfuhr. Es ist ein ehemaliger Frst von Komor und Komorek, und
er hat eine Tnzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie
natrlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, da er ihnen eines Tages
sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Frsten. Ich pfeif' euch drauf. Von
heut an hei' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er
sowieso und nicht von der Familie abhngig. Das einzige, was er noch vom
Frsten hat, ist eine frstliche Villa da drauen. Sie werden sie ja
sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick
und apart. Aparter als eine Frstin. Nur natrlich nicht mehr ganz jung.
Haben Sie schon zu Nacht gegessen?

Nein!

Ist auch nicht ntig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an
Delikatessen erleben.

Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprchig? und lie den peinlichen
Gefhlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.

Wenk war heimlich erregt. Es war schwl in seinem Gemt. Die Augen
schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln sa
eine unaufhrlich siechende Wundheit, die ihn unglcklich machte. Die
tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrckt gehandhabte
Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen,
obschon es unmglich zu machen war.

Lge ich doch in meinem Bett! flehte er.

Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar.
Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er frher oft gemacht, und er
dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war
ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und
die seit dem Krieg so sprlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine
innere Stimmung schuld daran?

Wir mten doch eigentlich schon in Nikolassee sein! sagte er.

Ich kenne mich nicht aus! antwortete Vrs.

Frher hatte ich Freunde drauen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber
das war ja vor dem Krieg!

Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders! Dann schwiegen sie.

Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte
nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine
mehr.

Nach lngerem Schweigen sagte Wenk: Der fhrt doch nicht etwa drber
hinaus!

Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut
aus.

Wenk nahm das Sprachrohr: Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ...
Villa Komorek?

In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der
Tiefe einer Allee.

Wir sind da! sagte der Polizeidirektor.

Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe
nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber
es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastren, die sich auf sie
ffneten.

Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vrs fhrte ihn zur Garderobe,
die stark mit Kleidungsstcken berfllt war. Eine Uhr in der Halle
schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte
sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mhsam mit Zhlen
nachkommen.

Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich
hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fnfundvierzig Kilometer
machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwlktes Mitrauen
erfllte ihn.

Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie
auf die groe Flgeltr los.

Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Frstin bringen!

Ein Diener zog die Tr auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in
einen mig groen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das
erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bhne klein und halbrund sich
aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen
Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Sthle und ein Tisch
standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal fllten, bewegten sich
Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren
waren es, und die Damen waren alle auf eine auffllige Art modisch
gekleidet.

Da sagte Vrs: Die Frstin! Er stellte Wenk vor.

Ihr Freund, den Sie uns ankndigten? fragte die Dame mit einem
gewinnenden Lcheln. Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich
glaube, wir brauchen nicht in Sorge darber zu sein, da Sie den Abend
in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem
Mann bergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr!
...

Die Frau trat einen Schritt nher in den Kreis eines der Lichter, die in
tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, da die Frau, die er
fr sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr
Kleid war entsetzlich grell, so da er erschrak, als sie ihn pltzlich,
sich von ihm trennend, mit einem bermig freundlichen Lcheln
anblickte.

Mein Gatte! sagte sie dann.

Frst, gr' Gott! lrmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden
los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt
schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in
ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das
sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse
zusammengestellt hatte.

Die Dame des Hauses war verschwunden.

Der Frst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewhnlichkeit,
war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe,
zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprchsstoffe lagen
sozusagen auerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen
eine Form zu geben. Sonst wren sie unbeachtet liegen geblieben.

Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mige Gaben, aber diese feine
Sehnsucht nach Form, die die grte Trivialitt mit solcher Grazie
schaumig macht. Aber wie er aussieht!

Der Frst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.

Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war
Weltmann, den Wenk an der Einhndigkeit ja erkannt htte, nicht zu
sehen.

Wenk sa zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der
Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.

Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehnge, und es trat ein breiter,
groer Mann mit einem etwas gewlbten Rcken heraus. Er war mit bester
Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gsten, die alle im Frack
und Dekollet waren, einen dunkelgrauen Straenanzug aus englischer
Wolle. Man sah gleich, da die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte
Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich
Wenk. Trotz des deutschen Namens.

Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden
hngend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch
ber den Aughhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekmmt und
umgelegt.

Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte:
Die Gaben, die er vor den Gsten der Frstin und des Frsten Komorek
zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, da
den Gsten Tatsachen nhergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas
zu erklren zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklrt werden knne.

Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorfhren und jemanden bitten,
einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Frstin
sei vielleicht bereit.

Die Frstin rief: Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von
Wenk!

Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Frst die Dame!

Der Frst sagte ohne langes Besinnen: Wen soll ich anders bezeichnen
als meine Gattin?

Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die knstliche Hand in
aufflliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der
Tasche seiner Jacke.

Frau Frstin, sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt
hatte, habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die
Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?

Ich wte nicht! antwortete die Frstin.

Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!

Die Frstin zog die Uhr heraus, ffnete den Deckel, schaute und nickte.
Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: Es stimmt!

Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen
Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!

Die Frstin berlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in
Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.

Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zgernd: Es ist eine Farbe,
die Sie in Ihrer Nhe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie
ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht
genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett
ist dabei!

Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk, bat die Frstin, und
man sah, da der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein
durchsichtiges Blauwei umfrbte.

Welchen Herrn nannte die Frstin? fragte Weltmann.

Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!

Mein Herr, Sie haben, sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen
ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, in Ihrer
Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei
Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der
andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst
kontrollieren, ob es stimmt?

Wenk griff lchelnd nach der Tasche. Nein, sagte Weltmann, ich habe
die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie
Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.

Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in
der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man
beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Frstin neigte sich herber. Er
roch das Parfm ihres Puders. Sie sagte: Nun, Herr von Wenk?

Der Suggestor lchelte auf ihn herab und sagte noch: Sie knnen den
Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach
Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe
erlaubt. Er ist in Mnchen erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat
die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen
zu lassen.

Hhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?

Er legte alles heraus. Es stimmte alles.

Genug! sagte Weltmann. Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der
Willensbertragung berzugehen. Bitte einen der Herren!

Jemand kam auf die Bhne. Ist der Herr Ihnen bekannt, Frstin?

Ja, es ist der Baron Prewitz!

Gengt das allen Herrschaften, da der Baron der Frstin bekannt ist,
um etwa den Glauben an ein Einverstndnis zwischen dem Herrn und mir
fernzuhalten?

Es wurde Ja gerufen.

Inzwischen schrieb schon Weltmann etwas auf einen Block so, da der
Baron unmglich lesen konnte, und warf den leichten Block in den Saal.
Er schaute Prewitz an, ganz ruhig und nicht lange. Dann setzte sich
Prewitz in eine schleichende Bewegung, verlie die Bhne und ging
vorsichtig und langsam von Stuhl zu Stuhl, indem er jedem eine Weile ins
Gesicht schaute.

Weltmann rief: Ich bitte vier Herren oder Damen sich rasch zu mir
heraufzubegeben. Rasch!

Ein Rudel strzte vor. Drei Herren und eine Dame wurden oben behalten;
die anderen gingen zu ihren Sitzen zurck. Der Suggestor setzte sie um
den Tisch. Er wies auf ein Spiel Karten, das auf dem Tisch lag.

Sind diese Dame und die drei Herren der Gesellschaft bekannt?

Die Frstin winkte Ja. Viele Stimmen riefen: Jawohl!

Prewitz nherte sich allmhlich dem Stuhle Wenks.

Weltmann schrieb lange wieder auf einen Block und schaute in kurzen,
gedrngten Pausen die vier auf den Sthlen Sitzenden an.

Einer von ihnen sagte pltzlich: Einundzwanzig oder Poker?

Weltmann schrieb stumm weiter.

Man einigte sich auf Einundzwanzig und begann gleich zu spielen.

Es fehlt einer, sagte die Dame.

Ich komme gleich! antwortete Weltmann. Halten Sie die Bank,
Gndigste!

Inzwischen war Prewitz an Wenk herangekommen. Er schaute ihn lange an,
griff ihm dann mit groer Sicherheit in die linke Brusttasche und zog
den Browning heraus. Er stellte sich, die Waffe in der Hand, seitlich
von Wenk auf.

Weltmann sagte von der Bhne herab: Weil Sie so unvorsichtig sind,
einen nicht gesicherten Browning in der Tasche herumzutragen! Bitte,
wandte er sich in den Saal, vorlesen, was ich auf den Block geschrieben
habe!

Jemand las vor: Der Baron soll die erste Reihe abgehen, Stuhl fr
Stuhl, und wo jemand einen unentsicherten Browning in der Tasche hat,
diesen herausnehmen und sich seitlich damit aufstellen.

Man klatschte. Weltmann, mit einer kurzen Handbewegung, verbat sich das.
Er hielt mit Schreiben ein, reichte der Frstin den Block hinab und
setzte sich zu den Spielenden.

Seite eins! sagte er der Hausfrau.

Sie las es fr sich, hielt dann ihrem rechten Nachbar den Block hin und
schaute gespannt auf die Bhne. Dort ging folgendes vor sich:

Der Suggestor gewann Spiel auf Spiel. Manchmal schaute er fort vom
Tisch, und es war dann Wenk, als zwinkerte er ihm zu, heraufzukommen.
Wenk wute wohl, es war eine Tuschung. Irgendein Licht, das sich so
sonderbar in Weltmanns Auge brach, mute schuld daran sein. Aber er
fhlte sich dennoch beunruhigt. Es nistete sich dann, immer strker
drngend, bei ihm die Vorstellung ein, hinaufzugehen und dem Mann von
nahe in die Augen zu schauen, um sich zu versichern, da die blinzelnden
Blicke nicht ihm galten. Aber das wre ja nrrisch! sagte er sich.

Er versuchte, den Zwang von sich abzuschtteln.

Pltzlich, ohne da ein Wort gesprochen worden wre, lehnte sich einer
der Spieler zurck und sagte mit kurz aufbellender Stimme, wie laut aus
einem Traum sprechend: Was habe ich jetzt getan? Ich hatte
einundzwanzig. Da hat jemand gesagt mit meiner Stimme: Ich habe wieder
nichts!

Er griff seine weggeworfenen Karten wieder auf und zeigte ein As, einen
Buben und einen Zehner.

Zu spt! sagte Weltmann, der Bankhalter.

Wenk fate sich an die Schlfen. Dieses Begebnis hatte er schon einmal
erlebt. Wann? Wo? Mit wem? Er zersiebte seine Erinnerungen. Er qulte
sein Hirn ab. Das Bild stand wie eingeschnitten in ihm. Aber es war
losgelst von aller Atmosphre des Wann und Wo und mit wem?

Hinter seiner Stirn wuchs eine Form auf in einer Gleichzeitigkeit mit
dem Nachgrbeln hinter der nicht zu erfassenden Erinnerung, die ihn
geisterhaft bedrckte. Die Form ... war es ein Mensch, eine leblose
Sule, ein Untier ... er htte es nicht sagen knnen ... Da blutete die
Form irgendwo, und Wenk sah nun durch die flchtigen, wie Nebel
hingehauchten Bilder dieser neuen Vorgnge, da die Form einen Mund
hatte und diesen Mund pltzlich spitzte und skandierend das Wort sprach:
Tsi ... nan ... fu!

Dieses Wort erinnerte sich Wenk nun ganz genau aus dem Mund des alten
Professors gehrt zu haben, der kein anderer war als der Dr. Mabuse,
dessentwegen er nach Berlin gekommen war.

Dr. Mab... Dr. Mab... flsterten die heimlichen Stimmen. Wenk versuchte
sich das Bild des alten Professors zu vergegenwrtigen und fand es nicht
mehr genau zurck. Nur der Mund ward ihm deutlich, der den Namen der
chinesischen Stadt so sonderbar eindringlich gesprochen hatte.

Weshalb, fragte sich Wenk unter dem Strom von Bildern, die aus diesen
Erinnerungen aus ihm auftrieben, denke ich jetzt an diesen verkleideten
Professor? Weshalb gerade an den Professor und nicht an Mabuse in einer
andern Gestalt, zum Beispiel in seiner wirklichen Gestalt, wie ich sie
von dem Abend im Saal der Vier Jahreszeiten gut in Erinnerung habe?

Mabuse als Suggestor! Welche Khnheit! Als ffentlich auftretender
Suggestor! Ob Mabuse von ebenso verblffenden Fhigkeiten war wie
Weltmann, und ob Weltmann ein ebenso von Abgrnden durchhhlter
Verbrecher war wie Mabuse? fragte sich Wenk. Immer weiter, unklarer und
unwirklicher verglitten ihm die Gedanken. Es waren keine Gedanken. Es
waren Dunstgebilde, die aus einem Druck dieser zerreibenden Augen da
oben seiner Phantasie entstrmten und vor seinem Hirn durchtrieben.

Er versuchte und richtete dabei seine Blicke mit zwingender Starrheit
auf Weltmann, diesem einen langen, rotblonden Bart umzuhngen, wie jene
erste Form, in der Mabuse an seinen Weg getreten war, sie gehabt hatte.

Und da wute Wenk auf einmal ber einen Weg unerkenntlicher
Zusammenhnge, woher er die Situation mit dem Spieler kannte, der seine
Karten, ohne zu halten, wegwarf, obschon er einundzwanzig und von
vornherein gewonnen hatte. Er kannte sie aus der Erzhlung des
ermordeten Hull. Er hatte sie nach der ersten Unterhaltung mit Hull in
seinem Notizbuch wrtlich aufgezeichnet. Sie standen auf einer der
ersten Seiten des Buches, das der Chauffeur Mabuses ihm aus der Tasche
genommen, als er ihn nachts im Schleiheimer Park abgesetzt hatte. Ja,
die Form, an der es blutete, war Hull selber. Sie lehnte sich jetzt ber
Wenks Stirn wie eine Trauerweide. Leise rannen und raunten die
bluttropfenden Blttlein: Von mir ... Hull! Von mir ... Hull!

Da geschah es in dem bewegten Nebelgebude, das sich in Wenk ruhelos und
so vielgestaltig zusammenbaute, da, wie ein Knochen aus dem
astralhaften Schatten, mit dem die Rntgenstrahlen das Gebein aus dem
durchleuchteten Fleisch hervortreten lieen, etwas aufwuchs ... ein
dunkler Kern, ein wilder, todgeladener Stein ... so schwarz ... ein
Mann!

Die Frstin reichte ihm den Block Weltmanns. Es schob sich in seinen
Vorstellungen etwas zurck. Er kmpfte, um die Worte zu fassen, die er
las: Der Bankhalter gewinnt jedes Spiel. Hat einer der Spieler eine
bessere Karte als der Bankhalter, so ist er unfhig, gegen ihn zu
halten.

Kaum hatte Wenk das gelesen, so rief Weltmann mitten aus dem Spiel mit
einer Stimme, die Wenk wie ein niederbrechender Felsen durchschlug:
Blatt zwei lesen!

Entsetzt drehte Wenk um. Er las: Unter der Macht des Suggestors
versucht einer der Mitspieler die Karten falsch zu geben und sich ein As
nach unten zu legen. Er wird erwischt!

Da raste Wenk alles Blut ins Herz. Wie eine Lawine ri es ihm durch die
Adern. Seine Augen wurden kalt und vereist. Seinen Hnden, zitternd,
entfiel das Blatt. Eine grauenhafte Erkenntnis wlzte sich ber ihn: Das
Geheimnis des Falles Told!

Mabuse hatte den Grafen unterhalb des Bewutseins gezwungen, falsch zu
spielen, um ihn vor seiner Frau zu zerstren, die der Verbrecher haben
wollte! Das war es, da die Grfin damals nachts aus der Wohnung Mabuses
kam. Mabuse hatte den Grafen gettet!

Was auf dem Blatt stand, geschah auf der Bhne. Die Dame, die inzwischen
die Bank wieder bernommen hatte, mischte falsch und wurde erwischt.

Damit schlo Weltmann dieses Experiment. Er erlste die vier Leute aus
dem Zustand, und sie suchten, verstrt und mit Augen, die irgendwo fern
sich noch verloren, ihre Sthle wieder auf.

Weltmann schaute auf Wenk herab.

Wenk wute: Du bist Mabuse!

Die Pltzlichkeit der Erkenntnis hatte seinen Willen gelhmt. Er rang
mit sich um Ruhe und berblick. War er in eine Falle gelockt worden? War
der Ungar ein bestellter Zutreiber? War dies ganze, von Siedlungen
entfernte Haus, die Gesellschaft drin ... ein Hinterhalt, nur
seinetwegen geschaffen?

Langsam kmpfte er sich durch.

Er stand zwischen zwei Polen. Entweder war alles um ihn im Bund mit
Mabuse. Dann gab es fr ihn keine Rettung. Dann war, was er hier
erlebte, die Vorbereitung einer Rache, an deren Ende nur sein Tod stehen
konnte.

Oder es war nur ein Zufall, da er in eine Gesellschaft geraten war, in
der ebenfalls durch einen Zufall Mabuse auftrat? Es konnte ja sein, da
Mabuse Ungar war. Es konnte ja sein, da er frher Rechtsanwalt in Pest
gewesen. Seine Beziehungen zu Geheimrat Wendel bewiesen, welches
Doppelleben er gefhrt hatte. Das war also alles nicht von vornherein
ohne bereinstimmung mit der Annahme, ein Zufall habe ihn und den
Verbrecher hier zusammengebracht.

Die nchste Frage, ber die Wenk Klarheit zu bekommen versuchte, war
die, ob Mabuse ihn kannte.

Da sagte er sich, rasch, erbleichend: Ja, er kennt mich. Er hat mich bei
Schramms gesehen und in den Vier Jahreszeiten. Das ist sicher.

War dieser Mann so tollkhn und ber sich gewi, da er trotzdem, ja wie
zu einer teuflischen Verspottung Wenks, das auffhrte, was Wenk soeben
droben auf der kleinen Bhne gesehen hatte ... ihm geradezu Aufschlu
ber all die Rtsel gab, mit denen er seine verbrecherischen Handlungen
eingekleidet hatte ...

An Hilfe der Polizei war nicht zu denken; denn Wenk wute nicht einmal,
wo er war. Aber wenn er den Frsten ins Einverstndnis zge? Aus der
Gesellschaft heraus sich Hilfe holte, um den Mrder dingfest zu machen?

Das aber knnte er nur tun, wenn er der Gesellschaft vollkommen sicher
wre; sonst wre von vornherein alles verloren. Stimmte es schon mit dem
Haus, so war ihm durch Erfahrung bekannt, da dieser Verbrecher stets
von einem Teil seiner Bande schtzend umgeben war, und da dies Leute
waren, die vor keinem Teufel zurckschreckten. Um ihn saen gewi
zahlreiche Helfershelfer Mabuses.

Aber wenn Wenk sich wie unabsichtlich irgendwo an eine Tr machte,
hinausginge und im Schutz der Nacht entflhe, den Gang mit Mabuse fr
eine Gelegenheit aufsparend, bei der Wenk bessere Waffen zur Verfgung
htte ... Oder wenn er unauffllig ein Telephon aufsuchte, im Hause und
die Polizei um Hilfe riefe? Aber wohin sollte er sie rufen?

Grandios, haben der Herr Staatsanwalt jemals hnliches gesehen? fragte
Vrs.

Wenk verga zu antworten. Er hatte die Frage gehrt und sich, noch war
sie nicht ausgesprochen, vorgenommen, dem Ungarn harmlos und umstndlich
begeistert zu antworten. Aber der Vorsatz war rasch in der Flut der
berlegungen und Plne, die ihn durchtobte, davongeschwommen. Er merkte
es nicht einmal.

Vrs warf ihm einen raschen Blick zu. Da erbat der Suggestor neue
Mitwirkende.

Wenk, pltzlich zu einem Entschlu kommend, wie mit einem Ruck gefat,
khl und khn, eilte selber hinauf als der erste. Lieber den Wolf im
Gesicht als im Rcken!

Da sah er, wie der Baron Prewitz, den man vergessen hatte, ihm folgte.
Mit automatisch dem seinen angepaten raschem Schritt sprang er hinter
ihm her, den Browning in der Hand. Sie wagen sich nur unter Bedeckung
in mein Land, Herr Staatsanwalt, lchelte der Suggestor.

Das ist Hohn! sagte sich Wenk. Er kennt dich!

Wenk verbeugte sich nur, wie um zu sagen, er heule mit den Wlfen. Er
stand nun neben dem Suggestor. Die beiden Gestalten maen sich
aneinander. Wenk hatte diesen Werwolf gehat und mit der Rachsucht
verfolgt, die er dem Feind der Ordnung, in der allein das Volk gesunden
konnte, entgegenbringen mute.

Wie er sich nun aber neben ihm erhob, eine Weile allein mit ihm auf dem
Podium, abgesondert von allen andern, und sie beide auf dem Gipfel des
Kampfes umeinander standen, war ihm, als seien sie zwei gleich starke
Krfte, die nur nach verschiedenen Richtungen gingen. Die Begriffe Gut
und Bse verwelkten an diesem heimlichen Optimismus und fielen ab. Es
war nur mehr: Mensch zu Mensch!

Und aus seinem bedrngten Blut stieg etwas wie ein Vertrauen auf die
Ritterlichkeit seines Gegners ... ein Vertrauen, das auf einen
schwingenden, kaum wahrnehmbaren Instinkt zurckging: sie muten beide
kmpfen stets unter dem Einsatz ihres Lebens. Sie hatten sich wohl einer
gegen den andern gewandt; aber das muten sie sich nachsehen jetzt, in
dieser aufs letzte getriebenen, feierlichen, heien Minute.

Wenn ich schlafen knnte, sagte sich Wenk mit einer innigen und zarten
Sehnsucht.

Er sah Weltmann von nahe in die Augen. Er bersah sein ganzes Bild. Es
war die aus Muskeln zusammengereckte Gestalt, und Wenk ri in Gedanken
den aufgeklebten Schnurrbart weg und die Augenbrauen und die schwarze
Percke, und darunter sah er den kahlgeschorenen, hochgeschwungenen
Schdel des Dr. Mabuse.

Wenk htte ihn jetzt unter allen Verkleidungen erkannt. Er schaute
Mabuse ruhig an. Die Blicke des andern flackerten gegen ihn. Die grauen
Augen verzehrten sich selber in ihrer Gre und dem kalten Feuer, das
sie von sich gaben.

Der Suggestor schien dann eine Weile Wenk nicht mehr zu beachten. Er
widmete sich den Heraufkommenden. Kaum hatte einer die Bhne betreten,
so machte er unversehens kehrt und begann zurck in den Saal zu laufen.
Einer nach dem andern! Ein Dutzend, mehr ...

Die unten blieben, lachten. Der kleine Saal wollte entzweibrechen vor
Gelchter. Es kamen immer mehr. Einer machte es wie der andere.

Wenk erfate mit einer Hand das Gelenk der andern Hand und fhlte, ob er
noch Bewutsein ber seine Nerven und Muskeln hatte. Er wollte
widerstehen. Die Aufwallung von Herzensgre und Edelmut war rasch
verkltet. Er hate, bedrohte, verwnschte jetzt. Er nahm den letzten
Kampf auf.

Sein begieriges Blut flammte den Gegner an, berwachend und zugleich auf
Selbstwehr bedacht. Irgendwo in seinem Krper klang eine Saite an, wie
von einer Mandoline. Er begann dieser sonderbaren Musik hinzuhorchen.
Sie war so zart und fern. Aber gleich schlug er sich zurck auf seinen
Posten der Wehr und Wache.

Da berfiel ihn ein geradezu wunderbarer Einfall: Wenn er jetzt so tte
wie die andern und liefe wie im Zwangstraum, da ... an den Sthlen
vorbei ... die Allee von Sthlen, die se, rettende Allee ... die Tr
war offen, gro, verheiungsvoll ... Rettung und Pflicht zugleich ...
ans erste Telephon drauen in der Nachbarschaft ... Polizei rufen ...
eine glnzende List! und schauen, wie die andern es machten, und es
denen gleichtun und harmlos traumumfat tuend, zurck in den Saal kommen
und warten ... auf die Polizei, die helfende ... Eine wunderbare List!

Ein Muskel schon zog sich in einem Bein an ...

Da rief Weltmann dem Baron streng zu: Weshalb passen Sie nicht auf?
Revolver hoch! Sehen Sie denn nicht, da dieser Verbrecher fliehen
will?

Er wies auf Wenk, und Prewitz hob den Browning mit einer traumverlorenen
Lssigkeit, mit einer Entsetzen gebenden stupiden Gleichgltigkeit. Er
hob die Waffe Wenk vors Gesicht. Wenk sah das kleine Loch, und schwarz,
tief gefhrlich tobte die Hlle da drinnen. Er wute, die Waffe war
entsichert.

Sie schieen beim ersten Schritt, den er tut, ohne meinen Befehl,
sagte Weltmann mit einem vieldeutigen strengen Lcheln.

Wieder klang aus diesem furchtbaren Augenblick heraus die feine
Zupfsaite in Wenk an, an einer andern Stelle als vorhin. Eine milde,
wehmtige, gut gekannte Weise erklang, als bliese sein Vater an seiner
Wiege auf einer Flte ein Schlaflied.

Er horchte hin und er rutschte in diesen paar Blutschlgen, wo er sich
so an das Horchen nach den rtselvollen Klngen verlor, zwei Handbreiten
von der Wirklichkeit ab, die er noch gerade ganz klar mit der einen Hand
am Puls des andern Handgelenkes gesprt hatte.

Die Flte ward die Zauberflte. Was rundum diese eine Vorstellung
einbettete, ward ein Zaubergarten; eine hohe, wilde Hecke umschlo seine
bengstigende Wirrnis. Aber ein Loch in dieser Hecke war offen. War von
ganz weitem offen, unbewacht ... der Himmel der Freiheit flutete herein
und kam auf ihn zu, wie mit silbernen Zangen aus ther, um ihn an sich
zu reien und zu befreien.

Und da lief er trotz der Pistole des Barons. Er machte springende Stze
ber die Bhne ... der Revolver entsank der Hand des Barons ... Wenk
hetzte mit einem Sprung die Treppen hinab. Er durchraste die Allee der
Sthle auf die Tr zu, warf die Beine wie ein Fllen, das auf der Wiese
den Sommer sprt.

Der ganze Saal brllte vor Ergtzen ber diesen Streich des Suggestors.
Aber Mabuse sandte ihm ein Lachen nach, das greulich berstend an den
Saalwnden zerschellte.




                                 XXI


Wenk lief spornstreichs zwischen den Dienern an der Tr durch, die
hinter dem Handrcken mit ernsten Gesichtern lachten. Er lief durch die
Halle, die offene Tr auf die Freitreppe, purzelte die Stiegen hinunter,
ri die Tr des Autos auf, das dort stand ... Schon sprang das Auto an
und war in wenigen Augenblicken in der Allee und der Nacht verschwunden.

Im Saal sagte Mabuse, sein Lachen auf einmal unterbrechend: Er fhrt
ins Caf Hlle, Ihnen eine Weizensemmel holen!

Der Schlag, mit dem das Auto anfuhr, warf Wenk in den Polstersitz. Aber
kaum berhrte er den Sitz, so war ihm, als ffnete sich das Leder. Wenk
sank rasch zurck in ein Loch hinein. Etwas schlug ber ihm zusammen. Es
krachte wie von Eisen.

Da erwachte er aus der Hypnose. Er lag unglcklich und unwissend, wie er
hingekommen, den Kopf hintenber, scheinbar in einer Vertiefung des
Rcksitzes. Er wollte sich erheben, verstrt, nach Ruhe und Erkennen
suchend. Aber er vermochte nicht aus der Vertiefung hochzukommen. Etwas
prete ihn immer wieder zurck. Eine harte, unnachgiebige Fessel lag
ber ihn mehrfach gekreuzt.

Das Auto fuhr mit einer werfenden Tobsucht. Es schttelte ihn gegen die
Eisenstbe, als die er bald die Fesseln erkannte, die ihm das Aufstehen
unmglich machten. Sie lagen eng ber ihn gepret.

Er stemmte sich in einer aufflammenden Verzweiflung gegen sie. Aber er
merkte gleich, das war alles vergebens. Das war alles fr die Katze!
Also war er verkauft und verloren. Er war auf den Leim gegangen.

Mit einem bsen Trotz wandte er sich gegen sich selber: So ist es recht!
Der Strkere gewinnt! So warst du der Schwache!

Weshalb war er der Schwache? Weil er etwas unternommen hatte, das von
vornherein den Rand seiner Fhigkeiten berstieg. Ein jeder bescheide
sich zu sich selber.

Was hatte ihn verfhrt, ber sich selbst hinaus zu wagen? Weshalb konnte
er jetzt, im verlorensten Augenblick, den sein Leben jemals besessen
hatte, und der ihm so unglaubhaft schien, da ein letzter ser Zweifel,
es mchte alles bser Traum sein, ihn nicht verlassen wollte ...,
weshalb konnte er seine Gedanken fhren wie kleine, khle,
wohlgezirkelte arithmetische Probleme und Lsungen? Was hatte ihn
verfhrt?

Er wute es. Das Gute in ihm war es gewesen. Die Einordnung in die
flieende Macht des Gewissens, das er gegen sein Volk hatte. Er hatte
diesem helfen wollen. Und weil sein Gewissen mchtiger war als seine
Fhigkeiten, war er dem Verderben entgegengegangen.

Wenn dies Erlebnis seinen Tod am Ausgang hatte, so starb er einen Tod,
der edel war. So waren die seelischen Atome, die aus seinem Vergehen in
neu entstehendes Leben hineinschwebten, von edler Fruchtbarkeit ... Er
lebte im Geist weiter unter den Menschen ...

Der Schall des Motors pochte durch den Wald. Das hrte Wenk.

Was hatte der Feind mit ihm vor?

Das Auto schlug sich mit einer Raserei durch die Nacht wie ein Schiff
durch einen Taifun.

Wozu? Wohin brachte man ihn?

Nach Mnchen? Aber weshalb?

Wenn man ihn richten wollte, weil er die Wege bser Krfte gestrt hatte
und ihnen unterlegen war, weshalb setzte man die Rache noch aufs Spiel,
indem man ihn stundenlang verschleppte?

Er sah, die Fenster des Autos waren nicht verhngt. Er erblickte Sterne,
die mit bebenden Sprngen die Scheiben durchtanzten. Nach Mnchen kam
man nicht bis zum Morgen. Bei Tageslicht aber konnte man es unmglich
wagen, ihn gefesselt hinter unbedeckten Scheiben durch halb Deutschland
zu fahren.

Man verschleppte ihn irgendwohin. Wohin? Wohin? flehte er inbrnstig.

Es mochte Mitternacht gewesen sein, als er die Villa verlie. Aber auch
das war nicht ganz sicher. Denn er wute gar nichts mehr von dem, was
mit ihm geschehen war, whrend er noch mit der einen Hand den Puls der
andern gefat gehalten hatte.

Da stand eine raum- und lichtlose Kluft in ihm. Er kam nicht hinein und
nicht hindurch. Der Puls war das letzte, was er jenseits noch in der
Erinnerung erblicken konnte.

Ja, er wurde zur Richtsttte gefhrt.

Er erinnerte sich mit einer Sehnsucht, die keine Grenzen hatte, und die
ihn wie in ein Meer warf, an seinen toten Vater. Mit allen Sinnen und
allen Nerven klammerte er sich an diese von einer schreienden
Melancholie hingepeitschten Erinnerungen.

Das Werfen seines haltlosen Krpers im Auto durch Stunden zusammen mit
der Erregung seines Innern machte ihn krank. Er besudelte sein Gesicht.
So wurde er hilflos und verzagt. Sein Gehirn verlie die Kraft, den
Vorstellungen genaue Umrisse zu geben. Spuk trieb aus ihm auf. Teufel
spielten Ball mit ihm zwischen dem Gaurisankar und dem Aconcagua, lieen
ihn fallen und erhaschten ihn wieder, einen Augenblick, bevor er auf dem
einsamen Kap der Guten Hoffnung zerschellte.

Dann wieder war ihm, als sei er von einer riesenhaften schwarzen Hand in
eine Hhle gestopft worden wie ein Sack. Die Wnde der Hhle waren so
eng, da er sich nicht einmal umlegen konnte. Aber pltzlich, langsam
und ohne Unterbrechung, begannen die Wnde zu wachsen. Sie wuchsen aber
nicht auseinander. Sie bewegten sich von allen Seiten mit demselben Ma
auf ihn zu. Und vor ihm stand greifbar schon der Augenblick, in dem die
Felsen zwischen sich seine Knochen bersten und sein Hirn zerplatzen
lieen.

Das Bewutsein verlie ihn in einem traumhnlichen Zustand, den eine
dumpfe, aus der Tiefe gellende, unsichtbare Todesangst beherrschte.

Als er erwachte, lag er ausgestreckt auf einem Ledersitz. Die eisernen
Bnder waren nicht mehr ber ihm. Aber seine Arme waren an seinen Rcken
gefesselt und seine Beine bereinander gebunden. ber das Gesicht war
ein breites Tuch mit schmerzendem Druck geknpft, das ihm den Mund fest
verschlo und ihm den Atem schwer machte.

Es war Tag.

Er hrte ein Brausen, das in gleichen Abstzen aufscholl und verklang.
Bald wute er: es ist das Meer!

Ein Mann schaute herein und ber ihn. Das Tuch verhllte Wenk nur ein
Auge. Er sah mit dem andern ber den Rand der Binde halb die Dinge, die
auf gleicher Hhe lagen. Er kannte den Mann nicht.

Der Mann rief einen zweiten an: Komm! Er ist wach!

Da kam auch der zweite schauen. Jedoch auch diesen hatte Wenk nie
gesehen.

Er hrte die beiden zusammen sprechen. Es geht auf fnf Uhr. Der Doktor
mu bald da sein!

Der andere antwortete: Wenn er gesagt hat, kurz nach fnf, so kommt er
dann auch! Wir mssen uns parat machen!

Sieht man noch nichts?

Die Mnner entfernten sich.

Wenk versuchte, den Kopf zu heben. Aber er sah nicht ber den Rand des
Fensters. Die Landschaft mute flach sein. Nur Himmel stand drauen.

Gib das Glas! Da ist er! hrte Wenk auf einmal rufen. Jetzt kommt die
Entscheidung, sagte er sich. Er sammelte alle Kraft, den Vorstellungen
zu widerstehen, die mit grauenmachenden Fragen seine Phantasie
bestrmten und aus dem Dunkel heraus Zge von Bildern zu zerren
versuchten, vor denen ihn graute.

Was nun geschah, ging sehr rasch vor sich.

Die Tr des Autos wurde aufgerissen. Hnde faten ihn an der Schulter.
Die Schulter lag in der Nhe der Tr. Die Hnde zerrten sie hinaus.
Seine Fe schlugen schmerzend auf das Trittbrett und dann auf den
Boden. Der zweite Mann hob die Beine auf, und sie trugen ihn ein Stck
weit.

Da sah Wenk kurz vor sich Dnen. Nur ein paar Schritte waren es bis zu
ihrem Kamm. Diesem kletterten die Mnner nun mit ihm entgegen.

Rascher! rief der hinten, indem er sich umdrehte und rckwrts in die
Landschaft schaute.

Wenk hrte einen Motor. Er wute, das ist Mabuse, der Motor! Auf einmal
baute sich ein lichtes Gewlbe ber ihn. Erst nach einer Weile erkannte
er, da es die Tragflchen eines Eindeckers waren.

Die beiden Mnner verrichteten alles mit hastigen Bewegungen. Wenk wurde
auf den Sand gelegt. Zwei Stricke wurden ihm unter Brust und Armen
durchgeknpft. Ein Mann hob ihn an den Beinen hoch, und auch diese
wurden mit zwei Stricken, die irgendwo am Gestnge schon vorbereitet
waren, hochgebunden. Ein dritter Strick wurde dann um seinen Leib
geschlungen.

Es dauerte nicht lange, bis Wenk erkannte, da er mit dem Rcken an die
Wand der Gondel des Flugzeuges angebunden hing. Er lag da, angepret wie
ein Paket, das mit auf die Reise genommen wurde. Mit dem freien rechten
Auge sah er ber den Rand der Binde hinweg, da das Flugzeug auf einem
vorbereiteten Platz ber einer sanft ins Meer fallenden Laufbahn stand.
An ihrem Fu lief der Strand weiter. Es war Ebbe.

Ich werde eine Reise bers Meer machen! sagte eine traurige Stimme in
ihm. Wie lang ist es seit meiner letzten Seereise her! Der ganze Krieg
liegt dazwischen. Aber jetzt kommt fr mich erst der Krieg ... erst die
Granate.

Aus der Tiefe seiner Muskeln brllte eine Antwort gegen dieses kleine,
wehmtige Stimmlein. Die Muskeln lehnten sich gegen die Fesseln auf.
Sein Krper warf sich in den Stricken hin und her. Die Tragflche bebte
unter den Schlgen und schwankte ber ihm.

Da neigte sich ein breites Gesicht und ein hochgeschwungener Schdel
ber ihn, und zwei Augen brannten seinen ganzen Leib an. So! prete
sich ein Laut aus dem Mund des Mannes, der sich ber ihn neigte.

Ja, das ist der Feind! Mabuse! durchfuhr es Wenk.

Steig' ein! rief dann Mabuses Stimme.

Man hrte ein Rauschen wie von Frauenkleidern. Dann stieg aus dem
Rauschen eine Stimme ... eine Stimme, die ihm unter dem Fleisch auf die
Knochen bebte. Er kannte sie! Das Kleiderrauschen wurde heftig und nah,
die Frauenstimme rief: Was ist das?

Wenk hrte Entsetzen, Qualen und Grausen aus dieser Stimme und Frage.

Was ist das? rief die Stimme schrill und versagend nochmals.

Steig' ein! schrie Mabuse dagegen.

Da fragte die Stimme der Frau, diese wohlbekannte, se und dunkle
Stimme der Grfin Told, wie verschchtert in sich zurckgesunken: Was
geschieht mit diesem Mann?

Wenk sagte sich: Sie kennt dich nicht!

Steig' ein! Er geht mit auf die Reise! Es ist kein dritter Sitz da!
Steig' ein, rasch! rief Mabuse.

Wenk sah, wie Mabuses Arme die Frau erfaten und ber ihn hinweg in die
Gondel hoben. Dann stieg Mabuse nach. Er benutzte als Tritt Wenks
angebundenen Leib, und wie er im Fhrersitz sa, keine zwei Finger breit
ber Wenk, beugte sich Mabuse herber zu seinem Kopf und sagte mit
rauhem Hohn: Der Herr machen die Reise mit. Wohin? Glck auf!

Fertig? fragte Mabuse dann rckwrts.

Alles in Ordnung!

Der Propeller klopfte, und unversehens rutschte das Flugzeug in die
Bahn, und mit dem Augenblick, wo Wenk den Motor stoen fhlte, waren die
Rder schon vom Boden frei, und die Erde fiel unter seinem halben Auge
hinab ins Grausige.

Das Flugzeug stieg jh aufwrts. Es war Wenk, als stnde sein Krper
fast aufrecht. In der Gondel wurde kein Wort gesprochen. Die Luft
prallte brutal an ihn, als sei sie aus fliegendem Holz. Bald begann ihn
zu frieren. Die Klte schlug ihm durch den breiten Ausschnitt des
Frackhemds mitten ins Herz. Er sprte nur, da die Klte immer tiefer in
ihn eindrang, wie mit whlenden Messern. Seine Haare waren starr und
standen aufrecht. Sie waren wie Nadeln schmerzhaft in seine Haut
gestoen.

Von aller Fhigkeit zu denken war nichts mehr in ihm als eine mit
dunklen Farben aufgemischte, flieende Scheibe. Eine kleine, unklare
Vorstellung sprang ihm daraus nun wieder in die Hnde: als erleide er
ein Martyrium und als erleide er dieses Martyrium der Grfin Told
zuliebe, die er einmal geliebt habe, wo es nicht erlaubt war.

Dann fhlte er einen kurzen Fauststo an seinen Kopf. Eine Stimme fragte
roh wie ein Holzknttel auf ihn hernieder: Ist Ihnen viertausend Meter
hoch genug?

Nach wenigen Augenblicken fragte es nochmals: Oder haben Sie sich aus
Angst schon vorher verabschiedet?

Die Stimme ging fort, wie ein Geist. Wenk sprte, wie sich das Flugzeug
grade richtete. Als es eine kurze Weile so geflogen war, kam eine Hand
an seinen Kopf. Sie ri hastig und mit heftigen Sten die Binde fort.

Da sah Wenk, wie sich weit ber seinen Kopf das Gesicht Mabuses
vorbeugte. Er blieb stumm. Aber die Zge waren wie auseinandergerissen
von einer Lust, die Entsetzen verbreitete. Die grauen Augen hatten keine
Form und keine Iris mehr. Sie waren wie alte verwitterte Steine. Sie
waren hart und voll von einem Tod, der sich Wenk gleich einem spaltenden
Hieb durch den Krper schlug.

Dann sagte der verdehnte Mund und ffnete sich wie der Spalt einer
Klamm, die ins Rutschen kam: Sie haben gewagt, meinem Weg
entgegenzutreten. Sie stehen vor Ihrem letzten Augenblick. Ich habe
Ihnen den Knebel vom Munde gerissen, da ich mich an dem Schrei ergtze,
mit dem Sie die viertausend Meter zurck zu Ihrer Welt fallen!

Wenk hrte die Stimme wie einen ber einen Blitz einkrachenden Donner.
Er sprte, wie die Hnde Mabuses die Stricke an den Beinen lsten. Er
zerrte und ri daran. Auf einmal waren seine Beine frei. Sie fielen
hinab, einen Augenblick nur, dann hielt der Strick, der den Leib
umschlang, sie wieder an. Die Hnde rasten um diesen. In kurzen Sekunden
war er gelst.

Wenks Leib im weiteren Fall richtete sich aufrecht, nur noch gehalten
von den Stricken, die seine Brust an die Wand anschnrten. Er fhlte
pltzlich, da seine Hnde frei waren, und mit diesem Gefhl schlug eine
jhe Hoffnung durch sein Blut.

Aus dem Verhllten seiner Phantasie stieg, wie ein Mrchen, prangend,
mit Wollust und Sehnsucht beladen, mit Glck durchstrahlt, die
Erinnerung, da er die Schnheit und Menschlichkeit der seinem Ende
jetzt so nahen Grfin Told einmal angebetet und nicht vergessen hatte.
Eine wundersame Macht ging von diesem Gefhl aus, das sich im nchsten
Blutschlag schon, in der Kraft des letzten Augenblicks vor dem Tod, zu
einer unlsbaren Blutsbrderschaft gesteigert hatte und wie ein Gewlbe
voll Stolz und Mut ber den wilden Schdel des Mrders hinweg auf der
anderen Seite auf das menschliche Herz dieser Frau einen Fu absetzte.

Er sah, wie auf einmal die Augen der Grfin irr, wie Vgel, die aus dem
ther abgeschossen werden, ber Mabuses weit und gierig vorgebeugten
Kopf sich errichteten ... Er sah, wie die Hnde aus den Pelzhandschuhen
zuckten und wei funkelten, so nackt, als bte sich ihm ihr ganzer Leib
in keuschem, heiem Opfer dar, sich an Mabuses Schulter krallten und ihn
zurckreien wollten.

Aber Mabuse schttelte die Frau mit einem Ruck seines Krpers zurck. Er
hob die Hnde mit einer tobenden Wut an den letzten Strick. Sie rissen
die ersten Knoten auf ... der Krper Wenks rutschte etwas tiefer ...
schlugen Wenks Hnde, die nach dem Rand der Gondel irrten, mit
geschlossenen Fusten zurck ...

Da erhob sich ein letzter Widerstand aus einem flutenden Schein von
Lebenswillen heraus, und Wenks Stimme brllte in die Luft hinauf, die
das Flugzeug brausend umschwankte: Der ist der Mrder des Grafen Told.
Der lie ihn falsch spielen! Der gab ihm das Rasiermesser in die Hand,
um sich die Kehle zu durchschneiden!

Eine Faust schlug ihn in den Mund. Er sprte Blut hinter der Zunge
flieen, und es schmeckte in diesen vorletzten Augenblicken, in denen er
noch sein Leben besa, voll von einer seinen Geist vulkanisch
durchbrausenden Sigkeit.

Dann war es, als wollte ihn eine letzte Gewalt aus dem Strick stoen.
Ein furchtbares Gewicht prete sich auf seinen Kopf, rollte ber seinen
Leib, um ihn abzudrcken. Das Gewicht war grenzenlos, schwarz, von einer
tosenden Eile erfllt.

Aber mit einemmal war das eiserne Gewicht von ihm abgerutscht. Ein Teil
lste sich vom Flugzeug ab, unerkenntlich, und versank. Wenks Hnde
hielten den Rand der Gondel umklammert wie Schrauben. Das Flugzeug
schwankte, als sei es von der hohen dnnen Luft betrunken.

                   *       *       *       *       *

Es war folgendes geschehen:

Als der Name des Grafen Told durch die Luft klang, wie hergeworfen von
der raum- und zeitlosen Hhe, war es der Grfin, als erwache sie aus
einem Traum auf dem Grund eines Moores. Seit jener Nacht, die sie von
ihrem Mann gerissen und an den bsen Willen Mabuses gefesselt hatte, war
dieser Name von ihr nicht mehr gesprochen und nicht mehr gedacht worden.
Er hatte sich in ihr Inneres, tief in das Chaos, aus dem sich ihr Leben
nhrte, verkrochen. Er war da hineingeschlagen worden von der
dmonenhaften Gewalt des Herrschwillens Mabuses, und die Frau hatte es
geduldet, in einer Art unbewuter Selbstwehr. Sie wre sonst ganz und
ohne Rettung dem Werwolf verfallen gewesen.

Dort im Innern hatte der Name nun gelegen und gewartet, hatte gelauert,
bis er wieder emporsteigen konnte, um ihre Seele zu retten.

Wenks letzter Schrei hatte ihn aus dem Unterdunkel hervorgerissen. Die
Grfin hatte ihn empfangen wie eine erste Waffe gegen die geheime Kraft
des Mannes, der ihren Willen und ihre ganze Persnlichkeit so lange
vergewaltigt hatte. Sie war auf einmal wieder zu sich selber
emporerwacht. Das Erstarrte zerschmolz. Die Finsternis, in die sie
eingekrallt lag, erleuchtete sich. Es ward Tag in ihr.

Und da bekam sie all die stolze junge Kraft ihres Gemts wieder in die
Hand. Sie geriet in einen Grimm, den Gott ihr einflte. Ihre Muskeln
nhrten sich an ihm unberwindlich. Ihre Hnde wurden eisern wie ihr
Herz, und sie nahm die erste Waffe, die herumlag, den schweren
Schraubenschlssel, und schlug dem Verbrecher zur Rache und zur
Befreiung mit ihm von hinten den Schdel ein.

Mabuse, gerichtet, bekam das bergewicht und strzte ber Wenk hinber
in die Tiefe, die ihn gleich begrub ...

                   *       *       *       *       *

Wenk erreichte mit den Beinen eine Querstange, schob sich blitzschnell
hoch, der Knoten ber der Brust, gelockert, lste sich von selber. Wenk
fiel in die Gondel. Das Flugzeug strzte schon in irren Schwankungen im
Raum. Da bekam Wenk noch rechtzeitig die Hebel zu fassen. Der Motor
tobte weiter. Das Flugzeug errichtete sich wieder, und nach einer
raschen Orientierung den Motor ausschaltend, lie es Wenk im Gleitflug
zur Erde zurck und auf das Ufer zu sinken.

Es landete an den Dnen der ostfriesischen Kste.

Wenk half der Grfin aus der Gondel. Sie war bleich, aber bei vollem
Bewutsein. Sie fiel vor ihm nieder und drckte ihr Gesicht an seine
Hnde.

Er hob sie auf und sagte: Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet.
Wir wollen schweigen! Und versuchen zu vergessen. Trennen wir uns!

Aber da sagte die Grfin: Nein! Ich habe nichts zu verschweigen und
nichts zu vergessen. Das Blut, das ich vergieen mute, kam vom Bsen.
Ich habe ihn von sich selber und die Menschen von ihm befreit. Wer kann
gegen mich zeugen?

Wenk schaute sie stumm an. Langsam begriff er. Dann gingen Schauer durch
ihn. Wie stolz! wie khn sie ist! wollte er sich sagen. Aber sein Herz
warf Strahlen auf in ihm. Er breitete die Arme aus in einer
selbstopfernden und sich hingebenden Gebrde. Das Leben, jung,
wiedergewonnen, berstrzte ihn, und in demselben Augenblick brach die
von so vielen Geschehnissen verschttete Liebe wieder auf, die sich nie
erfllt hatte.

Dann stiegen sie zusammen ber die Dnen dem nchsten Dorf und wieder
den Menschen zu.







                 Von Norbert Jacques erschien ferner
                          im Verlag Ullstein

                        DIE ZWEI IN DER SDSEE
                      Ein Abenteuer unter Wilden

                                  *

   Zwei deutsche Freunde werden Stewards auf einem australischen
   Dampfer, lassen sich als Pflanzer einstellen, wirken unter
   alkoholisierten Schwarzen, die sie mit Tod bedrohen, und
   fahren mit einem chinesischen Koch auf einem kleinen Segelkutter
   kreuz und quer ber das Weltmeer. Bunt und abenteuerlich wie
   Kapitel aus dem Lederstrumpf hat Jacques diesen Stoff
   gestaltet.

                                  *

                             Preis 4 Mark

                           ULLSTEIN-BCHER

                         DAS INDISCHE GRABMAL
                         von Thea von Harbou

   Abendland und indische Wunderwelt flieen seltsam ineinander.
   Bauwerke von himmelanstrmender Groartigkeit ragen empor;
   Palastrume und Tempelhallen werden von spukhaftem Grauen
   durchwebt.

                         DAS RECHT DER MUTTER
                          von Helene Bhlau

   Dieser Roman ist das Hohelied der von der Natur geheiligten
   Mutterschaft. In einem stillen Thringer Walddorf lt die
   Dichterin von Alt-Weimar, Helene Bhlau, die romantisch
   verschlungene Handlung enden.

                           DAS EXPRESSKIND
                       von Fedor von Zobeltitz

   Das Exprekind ist der Inhalt des Gepckstcks Nr. 666, in dem
   ein junger Hund befrdert werden sollte. Eine Komdie der
   Irrungen hat zwei Pakete vertauscht. Das ist die Lustspielidee,
   die das Schicksal des kleinen Mdeli und ihres unfreiwilligen
   Finders und Vormundes, des Studiosus Werner von Ewekerken, trgt.

                         DER ENGEL ELISABETH
                           von Hans Reimann

   Elisabeth, der Engel, lt sich auf die Erde beurlauben und
   versucht, trotz Mhsal und Niedrigkeit, des Himmels wrdig zu
   bleiben. Wie es ihr gelingt und wieder nicht gelingt, das
   schildert Hans Reimann mit Phantasie, mit grotesker Lustigkeit
   und empfindsamer Gte.

                       In gleicher Ausstattung

                           ULLSTEIN-BCHER

                           SCHLOSS VOGELD
                          von Rudolph Stratz

   berraschend im Stoff, berraschend in der Psychologie der
   Hauptgestalten ist diese Geschichte eines Geheimnisses. In die
   Vergangenheit hat Stratz sie zurckverlegt. Aber durch die
   eigentmliche Technik des Berichts macht er uns zu unmittelbaren
   Zeugen von Ereignissen, die dunkel und drohend herannahen.

                            STRANDKORB 57
                        von Friedel Merzenich

   Der Strandkorb 57 steht im Sand von Bansin, und drei Paare finden
   sich darin frs Leben. In diesem heiteren Roman gibt es allerlei
   Leutchen, Gste der Pension Sommerlust, eine Zufallsgesellschaft:
   liebenswrdige Menschen und auch andere.

                   FRAU DOLDERSUM UND IHRE TCHTER
                           von Clara Ratzka

   Von Frau Doldersum und ihren drei Tchtern erzhlt Clara Ratzka,
   von den Erinnerungen der Mutter, deren Gatte verschollen ist, und
   die in Soest, der alten westflischen Stadt, eine Zuflucht sucht,
   und von den Liebesabenteuern der Mdchen.

                               FLAMMEN
                          von Helene Kalisch

   Im Titel des Werkes klingt das Motto an; und zugleich deutet er
   auf die roten Flammen, die zuletzt, im Schweigen eines
   sommerlichen Kiefernwaldes, aus einem Fabrikgebude bei Berlin
   emporschlagen. Andere Kapitel spielen im ltesten Berlin, im
   Kllnischen Viertel, wieder andere, reizvoll in den zerflieenden
   Stimmungen von Luft und Licht, an der Ostsee.

                       In gleicher Ausstattung

                      Bcher von Norbert Jacques

                    Im Verlag S. Fischer, Berlin:

                              DER HAFEN
                         Roman / 42. Tausend

                            PIRATHS INSEL
                         Roman / 32. Tausend

                             LANDMANN HAL
                         Roman / 10. Tausend

                            HEISSE STDTE
                      Eine Reise nach Brasilien

                      AUF DEM CHINESISCHEN FLUSS
                        Reisebuch / 4. Auflage

                                  *

                   Im Drei Masken-Verlag, Mnchen:

                         DIE FRAU VON AFRIKA
                                Roman

                                SDSEE
                              Reisebuch

                                  *

                   Im Verlag W. Seifert, Stuttgart:

                             MARIENS TOR
                             Erzhlungen

                                  *

                         Im Wegweiser-Verlag:

                           DIE HEILIGE LANT
                                Roman







                            Ullstein A. G.
                                Berlin




Anmerkungen zur Transkription

In der Vorlage fehlen in der Kapitelnumerierung die Nummern V und XVI.
Dies wurde wie im Original belassen. Ebenso wurde die offensichtlich
falsche Entfernungsangabe Buchloe-Rthenbach (18 Kilometer, S. 51) nicht
korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original
g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren,
wurden ^so^ markiert.

Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 8]: (mehrfache Flle)
   ... Es war ein A, eine Zehn und ein Bube! ...
   ... Es war ein As, eine Zehn und ein Bube! ...

   [S. 23]:
   ... Man spielte Baccarat. ...
   ... Man spielte Bakkarat. ...

   [S. 45]:
   ... der Erinnnerung alles, was ihm von jenem Blondbrtigen noch ...
   ... der Erinnerung alles, was ihm von jenem Blondbrtigen noch ...

   [S. 60]:
   ... ber Bord. Sie bekommen mit niemanden Streit. Der ...
   ... ber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der ...

   [S. 62]:
   ... da Suli das Zeichen nicht pnklich gab. Die
       Grenzer-Automobile ...
   ... da Suli das Zeichen nicht pnktlich gab. Die
       Grenzer-Automobile ...

   [S. 64]:
   ... knnen nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebude! ...
   ... knnen nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebrde! ...

   [S. 67]:
   ... Sonderbar ... wie war es gegangen, da er mit dem Lehen ...
   ... Sonderbar ... wie war es gegangen, da er mit dem Leben ...

   [S. 78]:
   ... geiistgen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir
       nicht. ...
   ... geistigen Vaters ... Sie wissen: Die goldene Kette gib mir
       nicht. ...

   [S. 82]:
   ... Wie Sie wollen. Solo, indem sie sich wie in ein Domino in ...
   ... Wie Sie wollen. Solo, indem Sie sich wie in ein Domino in ...

   [S. 100]:
   ... Noch sind! Ja, da ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ...
   ... Noch sind! Ja, das ist etwas anderes. Soll ich Ihren Gatten ...

   [S. 149]:
   ... um viewiel Uhr? ...
   ... um wieviel Uhr? ...

   [S. 165]:
   ... Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs? fragte Mubuse ...
   ... Ist Ihr Diener ... bin ich ein Auerochs? fragte Mabuse ...

   [S. 217]:
   ... Tod sie stren konnte. Sein Frstentum Eitepomar wartete mit ...
   ... Tod sie stren konnte. Sein Frstentum Eitopomar wartete mit ...

   [S. 228]:
   ... Weltmann hatte den Schurrbart schwarz und dicht und an ...
   ... Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an ...






End of Project Gutenberg's Dr. Mabuse, der Spieler, by Norbert Jacques

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DR. MABUSE, DER SPIELER ***

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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