The Project Gutenberg eBook, Frauen, by Kasimir Edschmid


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Frauen
       Der Prinz--Sr--Frauen--Der Zuschauer


Author: Kasimir Edschmid



Release Date: January 26, 2011  [eBook #35085]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAUEN***


E-text prepared by Jens Sadowski



KASIMIR EDSCHMID

FRAUEN







1922
Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin

Auer dieser Ausgabe erschien eine vom Verfasser
signierte und numerierte Vorzugsausgabe
in 110 Exemplaren

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1922 by Paul Cassirer
in Berlin

Drittes bis fnftes Tausend

Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig




Inhalt

   Der Prinz
   Sr
   Frauen
   Der Zuschauer





   Aber ich bitte Sie . . . Ein Mensch,
   der sich zum schpferischen
   Leben bestimmt, hat nicht das Recht
   mehr, zu leben wie die andern.

      Flaubert an Maupassant









Der Prinz


Als Riny, grougig, die Schenkel zart und bebend von Linien wie ein
Hirschkalb, einsam aufgewachsen, heierer Sonne hingegeben, verschwistert
dem Laut eines groen Meeres, das ihr Blut nie verga, Vater und Heimat
auch aus der Ferne inbrnstig liebend wie am ersten Tag, als sie auf Mnner
stie, war es Saint-Loux. Er nahm die Sehnsucht von ihr, die sie dann
grer bergo. Er bedrngte sie lange und reizte sie jedesmal neu. Er war
schlank, ein Franzose, das Gesicht von Pocken zerrissen, die Augen scharf
von Klugheit. Er nahm sie hart und glhend wie ein rmischer Ringer. Als er
sich zu sehr an sie verstrickte, da sie ihm strker gegenberstand, nahm
sie einen anderen Mann.

Doch zog sie es wieder zu Saint-Loux.

In Paris betrog sie ihn mit einem kleinen Dichter, der Bewegungen hatte wie
ein Aal. Sie reiste mit ihm ab, hob Wechsel ab und hielt ihn aus. Nach
einem halben Jahr schickte sie ihn fort. Sie reiste zu Saint-Loux. Nie war
sie glcklicher. Sie blieben auf dem Lande. Saint-Loux wuchs jedesmal
langsam. Durchbrach er die Khle, die sie meisterte, verga er sich und
sprach seine Geheimnisse aus. Dann kannte sie ihn, schaute ihm auf den
Grund und wurde schlaff.

Die Hften eines Winzers rief sie zu sich, der den Geruch der wollstigen
schwarzen Erde trug. Sie entfhrte ihn, entwurzelte ihn in die Normandie,
bekam ihn langsam satt und fuhr nach Berlin. In einer peinlichen Sache
setzte sie ihren Ruf aufs Spiel und rettete Saint-Loux, dessen Leben in
vielen Strmungen stand. Es zog sie zu ihm. Sie vereinigte sich mit ihm.

Sie blieb, wenn sie ihr Dasein nach der Welt zu drehte, Dame. Ihr Vater,
den sie liebte, war reich. In Paris wieder verlie sie den Franzosen. Ein
feiner Knstler gab ihr Stunden der Melancholie und des Schmerzes. Die
flammende Rede eines Schauspielers, sein ungestmes Werben gab ihr andere
Richtung und Ersatz. Nach einem halben Jahr fuhr sie wieder zu Saint-Loux.
Nie gelang es ihr rasch ihn zu verlassen. Nach Wochen von Kmpfen zog es
sie von ihm. Ein Erkalten von ihm hielt sie von tausend Abtrieben entfernt.

Sie lebte drei Jahre mit ihm, lchelnd auf jede Versuchung nun,
entschlossen, mehr sogar: nicht in der Lage, ihn zu verlassen. Sie zog, ihr
Leben innig dem seinen verkettend, mit ihm, wo er lebte und kmpfte, denn
er nahm nichts von ihr. Sie schweiften zusammen. Ein Auftrag sandte ihn
nach Indien, wo er die Politik seiner Regierung wahrnahm. Ein wenig drin im
Lande, dem Flu gegenber, empfing er Botschaft, nahm er sein Geschft
wahr. Vier Monate, wie im Traum, lebte sie mit ihm, immer glcklicher an
ihm. Denn er besa Muskel und Hirn.

In einer Nacht wachte sie auf, sah einen Stern am Himmel, es war als
schlge ein Mondflgel gegen sie, sie erhob sich, besah das Haus, den
Balkon, den Flu und sah es schon nicht mehr.

In dieser Nacht verlie sie Saint-Loux wie ein Blitz, ohne da etwas in ihr
blieb von irgendeiner seiner Umschlingungen, die ihn in (wie sie glaubte)
unsterblichen Nchten ihr verschmolzen. Sie kleidete sich an und ging
hinaus. Von den mondhellen Blumen machte sie unterwegs einen Strau.
Trumerisch schritt sie durch die blonden Maisfelder. Als der Morgen kam,
begann sie zu singen.

Zum erstenmal sah sie tausend Dinge genau. Das Gras erhielt Dasein. Grillen
zogen Laute um sie, der Duft der Blten erschauerte sie. Der geffnete
Himmel kam ihr nahe. Sie sah ihn wogen, da es kein Ende nahm.

Sie hob die Arme in Bume. Der Kern gepflckter Frchte schmolz ihr auf der
Zunge und ein ungeheurer Trieb verband sie ungekannten Gefhlen in der
summenden Weite.

Sie ging durch einen Tamarindenwald. Kupfern scho Glanz eines Daches durch
die Zweige. Sie lauerte kurz, dann machte sie einen Bogen. Gegen Abend kam
sie an eine Wiese. Seitwrts ein groes Kloster. Die Ebene lag ganz voll
Sonne. Menschen strmten nach ihm zusammen, gleich Tieren, geschart, alle
trugen die Kpfe gesenkt. Rinys Nstern dehnten sich ein wenig. Sie blieb
sitzen.

Trupp auf Trupp, gelb gekleidet, immer die Nacken zum Boden gestellt, zogen
hinein. Sie hatten Lederriemen um den Leib und Rosenkrnze in den Hnden.
In den blauen Abendfarben leuchtete das Gold von hundert kleinen Trmen
unsinnig. In ihrer Mitte stand eine Pyramide mit einem Fortsatz gleich
einer umgestlpten Trompete. Schatten strzte auf Schatten von oben ber
die Terrassen.

Als der Mond aufging, schlug er wie der Flgel eines Engels durch ihr Herz.
Die Nacht schauerte noch von ferne, es war halb hell. Sie sah hinein und
das Licht drang durch sie wie eine Sule. Dann fiel es auf die Pyramide,
die nach oben sich aufschlug und breiter wurde in den Himmel hinein.

Ihr Lcheln ging nicht nach ihrer vorgelebten Zeit, nun vor Wundern
stehend, wurde sie sicher und gro und die lockende Stille verfhrte sie
tief.

Sie wandte den Kopf.

Ein Mann kam auf sie zu, hielt und ging weiter.

Sie warf ihm einen Blick zu, den sein schrges Auge fate, das gewlbt lag
unter den ungeschorenen Haaren. Die Kette hing um seinen Hals, er trug aus
Seide das gelbe Kleid der anderen Priester.

Sein Blick zerschnitt ihr Gesicht, als er sie streifte. Aber ihr graues
Auge hob sich ruhig gegen ihn.

Einen Augenblick zuckte der Fcher, mit dem seine Hand sich Wind zuschlug.
Einen Augenblick streifte gelhmt sein Fu. Dann trug sein Gang ihn weiter.
Noch in der fallenden Dmmerung sah sie ihn ungenau eintreten durch ein
Tor.

Noch aber war es nicht ganz dunkel, als er zurckkam. Ihre Pupillen sahen
ihn schon von weitem durch die Schatten. Sie lchelte.

Er zog sie an der Hand, flsternd, hochmtig, hinein in das Kloster.

Auf Treppen folgte sie seinem Schritt von Terrasse zu Terrasse. Viele
Priester begegneten ihnen. Aber keiner sah auf, kein Ohr gab acht auf sie.
Leise murmelnd, die Blicke gesenkt, gingen sie ihnen vorber. Durch eine
Allee des obersten Pyramidensockels erreichten sie den Gurt der Trme.

Der Fhrer ffnete die Tre an einem. Er zog sie hinein . . . . . ber eine
Treppe, sie stand in einem Zimmer, von allen Seiten voll Licht. Farbene
Felle lagen darin, geschliffenes Glas hob die Wnde. Aus porzellanenen
Schalen wehte dnn das Rosenl.

Bin ich gefangen? fragte Riny gleich.

Nein, sagte er in einem Englisch, das sich auf seiner Zunge brach.

Aufatmend sog sie das se Licht des Abends aus den Fenstern:

Warum sieht uns keiner?

Sie sind nicht blind. Sie dienen nur. Einer nur hebt fr sie den Kopf.

Du . . .

Ich.

Sie atmete heftig in der betubenden Luft.

Er bewegte sich von der Tr her auf sie zu. Sie sah die Augen eines tief
erregten Mannes, dessen Gesicht die groe Welle schwer nur hielt. Sie lie
das Auge weitergleiten. Durch die Fenster fuhr es auf die Landschaft. Sie
sah den dunklen Schatten eines Waldes. Dahinter lag das Haus Saint-Loux.

Sie drehte sich um und gab sich in seinen Arm.

Seine Liebe war ohne die Begierde, die sich erschpft in der Berhrung der
Haut. Aus seinen Hnden drang ein Strom in ihren Geist. Sein Mund erhob den
ihren in die Hhe wie sein Auge. Sein Leib verschmolz dem ihren mit so
mchtigem Drange, als zwinge er die Vereinigung ber das Berhren der
Krper hinaus. Seine Worte, die sie um Liebe fragten, waren kurz und
suchten wild in ihrem Blut. Ein Rausch berkam sie unter seinen Armen, sie
sah sein Auge schwer ber ihr verzckt.

Ihr erwachender Blick fiel auf die Spitze der obersten Pyramide. Die Sonne
tanzte mit kleinen Flammen auf einem eisernen Ring, der um sie genietet
war. An Seilen zwischen der Spitze und dem Grtel hingen kleine Glocken und
erzitterten zu Tausenden in der erfrischten Luft. Unten zogen die Rahaans
aus den Toren.

Sie schlo die Augen wieder und die Trume der Nacht schaukelten ber sie.

Nach zwei Stunden stand sie auf, unwillig ber ihre Einsamkeit. Sie stieg
die Treppe hinunter. Als sie den Turm verlassen hatte, nahten Menschen. Sie
barg sich in einen Winkel. Weiter vorgehend, kam sie an die Allee. Sie war
leer. Als sie zurckschaute, verwirrten sie die hundert Trme. Sie kannte
den ihren nicht mehr.

Trnen traten ihr in die Augen. Sie bog aus der Allee und stieg hinab.

berrascht trat sie in eine Halle mit Reihen von Sulen. Gesumm von Stimmen
berfiel sie. Sie trat heraus aus dem Schatten und sah Hunderte Priester,
die in dem Raume wogten wie Bienen. Sie sprang zurck, erschreckt, aber vor
ihr standen drei andere, die eintraten. Erbleicht hielt sie.

Aber sie bogen um sie, ohne sie zu beachten. Da ergriff sie ein Schwindel,
dies Gehen wie im Traum erschreckte sie. Niemand beachtete ihren Krper,
sie schwankte. Ihr Blick fiel in einen Spiegel, das gab ihr die Sicherheit
wieder, sie sah ihr wirkliches Gesicht.

Erregten Herzens, durch Hallen schleichend, traf sie den Abt. Er ging
allein hin und her zwischen den Blumen, manchmal eine erhebend,
hineinschauend in den Kelch und sie zurcksenkend in ihre Lage. Er schritt
das kleine Stck hinunter, das von den Wnden der Pyramide eingeengt war
und ber der Gegend schwebte bis an den Rand. Eine Ruhe umgab diesen Ort,
die kein Vogel, keine Fliege unterbrach.

Er blickte auf und sah sie, verstrt noch in ihrem Gesicht. Mit drei
Schritten ging er auf sie zu, die Arme ein wenig gebreitet. Trnen an allen
Wimpern strzte sie auf ihn wie ein Kind.

Als er den Garten verlie, folgte sie ihm willenlos.

Aus jedem seiner Blicke, in jeder Umarmung traf sie eine Macht, die eine
Wolke um sie legte. Sie hing an ihm fest. Sie folgte seinem Schritt, seiner
Bewegung. Nie verlie sie ihn. An jedem Morgen suchte sie ihn durch die
Hallen, jeden Morgen fand sie ihn atemlos wie ein Wunder an einem anderen
Ort. Sie schritt durch die Priester hin mit der nie endenden Bangnis. Wie
von ausschweifendsten Abenteuern erreichte sie seinen Arm. Mit ihm schritt
sie sicher durch die Menge, die ihrer nicht achtete.

Sie sah sie jeden Morgen das Kloster verlassen, hinaus zur Sammlung die
Ebene betreten. Sie sah sie heimkehren, beladen am Abend. Bebend ging sie
durch die Rume ihrer Andacht, die nie eine Frau betreten. Keiner hob das
Auge nach ihr. Gelbde folgend in Gebeten sammelten sie ihre Seele, deren
groe zusammengefate Erhebung der Abt weitergab, Auge und Mund frei.

Aber ihr kam nie die Sehnsucht, die Terrassen zu verlassen. Ihr Blick lag
ohne Lockung auf dem Horizont.

Monate hier lebend, nderte sich ihr Wesen um. Seinem Dasein, das dies
alles in den Hnden hielt, ganz und ohne Besinnung hingegeben, fraglos
ausgeliefert, hatte sie nur Blick und Sinn fr ihn. Strker in jedem Schlaf
erfuhr sie die Inbrunst, die er an sie hingab, dies ging ber jeden Rausch,
den sie erfahren.

Sie wohnte im Kreis die Trme herum. Wind kam ihr von allen Seiten. Sie
kreiste um die Sonne, die tglich aus anderer Richtung auf sie traf. Im
Wechsel der Monde sah sie andere Landschaft, andere Menschen, Feuer kamen
und gingen an den Toren, die Krhen schwebten um andere ausgesetzte Beute.
Ihr Blick nahm es ohne Teilnahme. Was sollte es ihr. Sie lebte nach innen,
suchte den Abt und war glcklich, wenn sie ihn sah.

Nachts an seinem Herzen frug sie:

Wenn jene mich shen . . .

Sie tun es nicht.

Wenn jene mich shen, wrden sie mich erschlagen, . . .

Er legte die Hand auf ihren Mund.

. . . . . . . wrden sie mich zerreien aus Verzweiflung, ber die Mauer
werfen . .

Er gab nicht gleich Antwort.

Ja.

Sie zitterte.

Du wrdest sie wehren.

Du weit nicht, was jene verlren: den Glauben. Sie sind Jahre hindurch,
Jahrzehnte gewandert, wortlos, ohne die Welt zu sehen. Sie haben geflucht
frher. Nun weinten sie hufig, bis sie die Ruhe hatten.

Du wrdest sie wehren . . . .

Eine Falte umzog seinen Mund vor Weh:

Ja.

An seinem Lcheln erkannte sie: das war sein Tod.

Ich will dich begleiten, wenn du das Kloster mit ihnen verlssest am Tage.
Ich will immer bei dir sein.

Er hob sie auf zu sich. Sein Gesicht neben ihr vermischte sich in einem
schnen Rausch gleich einem Fieber mit ihrer Wange. Sie aber im Gefhl,
wieviel er um sie spiele, zitterte klein und schwach in seinem Arm.

Noch Trnen in den Augen fand sie ihn am Morgen. Angeschmiegt an ihn, bat
sie ihn um Kleider, an sein Versprechen ihn erinnernd. Keine andere
Sehnsucht sprach in ihr, als bei ihm zu sein, mit ihm zu wandern, sich
anzuschmiegen an seine Knie. Das war alles. Es ging nichts darber.

In dieser Woche zog er nicht mit den Rahaans. An einem Feiertage gab er ihr
die Kleidung: dnnes gewssertes chinesisches Seidenzeug, Sandalen und die
Schere, mit der sie die Haare ber den Schulterblttern schnitt.

Als sie fertig war, sah sie ihn zurckfahren. Er gab ihr einen Spiegel. Nun
glich sie ihm ganz im Aussehn auch des Gesichts. Nur die Falten fehlten von
den Nasenflgeln zu dem Munde, ihr Auge schwamm mehr in unbegrenztem Nebel,
whrend seines hochmtig dunkel starrte. Es hatte den gleichen Ausdruck bei
ihm, nur an ihr erhielt es ein dsteres Flammen. Er sah sie an voll
Erregung.

Sie neigte sich und kte ihm die Hnde, doch er legte sein Gesicht in die
Flchen ihrer Finger einen Augenblick.

An jedem dieser Tage ging der Abt mit einem anderen Trupp. Sie verlieen
das Kloster durch die Tr, die Pfrtner, Laien warfen sich hin vor ihnen.

In die Drfer eintretend gingen sie von Haus zu Haus. In den Stdten
vergaen sie keine Tr. Die Augen gesenkt, in Bchsen aus Blech empfingen
sie die Gaben: Frchte, Reis, getrocknete Fische. Sie warfen es in einen
blauen Karren, der sie begleitete. Fremde Bettler erhielten an den Toren
ihren berschu.

Sie hielt sich neben dem Abt, sie tat keinen Schritt ohne ihn, wenn sein
Blick sie traf, errtete sie in ihrem von der Sonne kupfern gewordenen
Gesicht.

Einmal sprang sie zurck. Sie sah Saint-Loux vorberreiten. Seine Schenkel
hielten straff den Bauch seiner Stute. Der Fechterkrper sa gelassen im
Sattel. Nur sein Auge zeigte Trbung wie von Trnen. Seinem Pferde die
Sporen gebend ritt er rasch vorber. Freude berkam sie, ihn so wohl zu
sehen. Aber schon schwand er aus ihr.

Das Gefhl ihres kleinen Lebens gegen das groe des Abtes aber wuchs mit
jedem Tag in ihr. Sie besah ihn des Nachts. Auch sein Krper war schn, er
hatte junge Jahre noch, schwankend zwischen den Dreiig und der Nhe der
Vierzig, seine Jugend war geschont. Daraus aber, aus dem, was er entsagte,
quoll die Strke seiner Seele auf sie, da sie vor Staunen oft sich selbst
verga. Je mehr er aber in seinem Rausche auf sie vertraute, je ungestmer
seine Inbrunst an ihr aufschlug, als suche sie durch ihren Leib erst die
Verbindung mit einem greren Blut als dem ihren, um so tiefer schwankte
sie, seiner Liebe kaum wrdig, es nicht ermessend, da er sich so in sie
ergo.

Er aber hob sie immer hher, da sie ihm mehr noch gleiche, hinter der er
die Vervollkommnung seines Wesens suchte.

Er brachte ihr, als er die Fahrten der Mnche nach den Festen nicht mehr
teilte, sein Kleid und die ziselierte Kette.

Sie sollte mit ihnen gehen -- -- fr ihn. Er gab ihr alles in die Hand.

Sie aber wollte ihn nicht verlassen, immer mehr gebunden an seine Gestalt.
Sie sah seinen Mund an, seinen Fu. Sie weinte. Sie wollte nicht getrennt
davon sein.

Er senkte den Fcher, den seine Hand nicht verlie.

Sein Auge sah sie an mit der aufsaugenden Glut, die ihr Blut beherrschte.
Er wollte, da sie alles mit ihm teile, hineinwachse in seinen Geist und
seine Ausbung, wie sie ihm hnlich war am Krper.

Er zog sie an und brachte sie, unscheinbar gekleidet, selbst zum Tor. Das
Gesumm der Mnche trieb in ihr Ohr. Sie kamen auf die Ebene, die sich ihr
weiter wellte an diesem Tage wie je. Das Surren der Rosenkrnze betubte
ihr Ohr, das strker anwuchs, ber die Ungewhnlichkeit der Begleitung des
Abtes waren die Rahaans verwirrt, sie sahen es nicht, aber sie sprten
seine Gegenwart.

In groer Schleife zogen sie ber die Gegend. Ihr wurde jede Sekunde zur
Ungeduld. Langsam erst gegen Mittag geno sie die Zeit. Stillglhenden
Gesichtes vor Sehnsucht ging sie unter den anderen.

Bei ihm die Nacht, erschreckt davor, da er sein Schicksal wie im Spiel auf
sie setzte, frug sie:

Wenn du irrtest.

Er sagte schlicht:

Ich irre mich nicht.

Sein Gesicht war hochmtig vor Glauben.

Sie lag bleich neben ihm, bedrckt von seiner Sicherheit, die sich ber sie
legte so hoch, da sie darunter verschwand. Der Mond spielte durch blaue
Dmmerung um den Turm und deckte ihre Gesichter. Lange lag sie.

Dann sagte sie leis:

Ich liebe dich.

Er sah ihr erschttert in die Augen. Es wurde Morgen. Sie erhob sich.

Wohin gehst du? frug er.

Sie deutete auf die Ebene, auf alle Tore. Sie war aus Liebe strker als
ihre Sehnsucht. Sie zwang es nieder, da ihr Gefhl in seine Nhe sie band
als schne Erfllung. Ihm sich preisgebend in seinem hheren Sinne ging sie
fr ihn hinaus nun Tag um Tag.

Nun zog die Landschaft sie auch an, die sie fr ihn besuchte. Aus seinem
Herzen dankte sie fr Gaben, die berreich sie empfingen. Mit seinem Auge
sah sie voll Hingabe wieder das Licht sich sanft zerteilen auf Bschen und
Sand. Sie folgte im Wald dem Spiel der Sonnenkringel und hatte Freude
daran. Ein Bach wogte vor ihren Schritten, sprudelnd mit weien Wellen, die
sich springend berspielten. Lange noch blieb ihr die Musik des leichten
Wassers im Ohr.

Ihre rmel streiften ber das feine Mehl der Bltenktzchen. Durch ihre
liebkosenden Hnde zog sie die schweren hrenkronen des Weizens. Sie bckte
sich zu Blumen, die sie pflckte. Sie unterschied genau die Farben, blau
. . . wei . . . orange. Sie band sie zusammen und hatte Freude darber im
Herzen.

Des Nachts spielte eine Melodie an ihr Ohr. Sie lauschte lange. Dann kam es
durch das wogende Gemach auf sie zu: das Wiegen des hellen Baches.

Die Musik aber stieg.

Sie lauschte lange: . . das Meer ihrer Jugend, dessen Gerusch ihr Blut nie
verga.

Ihre Brauen spannten sich lang, sie sah Figuren, Geruch ihrer Heimat, aber
die Liebe des Mannes umgab sie zu mchtig, als da die Erinnerung den Ring
durchstie. Es hatte keinen Sinn in der Bedeutung ihres Lebens, das gefllt
war.

Es schwand dahin, wohl begleitet von Trnen.

Aber die wuschen es nur ganz aus ihrer Seele dahin.

Sie empfand auch im hchsten Rausch die untrennbare Zugehrigkeit ihres
Blutes zu ihrem Vater diese Nacht. Sie wute, da ihr Leben tief verwurzelt
zu ihm gehre. Aber an Saint-Loux dachte sie nicht.

Aber sie vermochte nicht, den Gestalten und Landschaften ihrer Jugend an
das Herz zu fhlen. Sie sah sie, aber sie traten nicht auf sie zu,
heischend und verlangend. Langsam spielte um sie wieder das Singen des
Baches.

Auch es erlosch in dem Schlaf, der sie umfiel.

Aus den Armen des Abtes stieg sie in die Ebene. Aus der letzten Ecke des
Waldes hob sich das rote Segment der Sonne. Langsam wie zum Singen ging sie
hinein in das von sem Licht angerhrte Land.

Im Laufe der Wochen erreichte sie streifend eines Mittags eine Stadt, die
dunstig zwei Tage weit vor einer Hgelkette hinter dem Kloster lag.

Das gescharte Volk brach vor ihr auseinander. Sie stand vor dem Einzug
eines Frsten, der abgesprungen war und gerade auf einem Teppich stand, als
sie vorberzogen.

Der Frst neigte sich weit zurck und hob die Hand ber die Augen, gerhrt
vor der Schnheit des jungen Abtes. Er grte tief.

Sie blieb stehen und erbleichte. Sie stammelte ein wenig, dann aber legte
sie rasch die Hand auf den Mund. Sie standen sich einen Augenblick
gegenber. Das weiche, milde Auge des Frsten flackerte schwer auf ihrem
Gesicht.

Rasch bog sie zur Seite, mit einem Lockruf ihre Leute sammelnd. Ihr Gesicht
war ohne Stille.

Sie kehrten zurck und berstiegen die Hgel. Sie sah das Kloster vor sich
wie am ersten Tage in einem pfaublauen Abend mit hellem Golde
hineinwachsend. Wieder stieg Terrasse deutlich abgezirkelt in Terrasse zum
Aufbau der gegrteten Pyramide, die mit Alleen beschattet, vom Kreis der
Trme funkelnd umdreht, fast unertrglich gleiend stand.

Aber es war, als erreichte sie den Bau nicht an diesem Tag. Abendliche
Lichter wiesen ihr deutlich das Bild. Doch sie erreichte keine Nhe, immer
blieben die Trme wie Striche im Horizont. Und als sie die Fe beeilten,
berspannten sie dennoch nicht den Raum, der zwischen ihnen lag.

Solange Helligkeit den Abend noch sichtbar fllte, gingen sie darauf zu,
aber der Bau, der wundervoll leuchtete, ging immer vor ihnen her, bewegt
von den Strahlen der Luft.

Verzweifelt liefen sie mit keuchender Lunge.

Erst in der Nacht kamen sie an den Bau.

In der Nacht suchte in der Beleuchtung des Mondes sie des Abtes Gesicht. Er
schlief und sie sah nicht die dumpfe Glut seines Auges. Aber sie fand ihn
schn. Zufrieden erwachte sie am Morgen. Ihr Blick traf die Spitze der
Pyramide. Die Drhte mit den Glocken, die wie Vogelschwrme daran hausten,
klangen erregt in der frischen anziehenden Luft.

Als sie die Alleen hinunterschritt zu einem der Tore, brausten sie ber
ihr, mit einem geheimen Ton der Erregung, den sie nie hier vernahm. Der
Boden roch, da ihre Nstern sich spannten, es war der schwere Duft der
Erde nach Regen. Als sie hinaustrat in die Ebene, sah sie sie mit einem
ganzen groen Blick. Ihr Auge fate alles Einzelne zusammen und blieb an
der Ferne hngen, an der die seidenweiche Luft als lange Blue hing.

Sie fhrte ihren Weg oft nun nicht nur nach den Gaben. Menschen reizten
sie, sie hatte Freude an unbekannter Gegend. Neue Stdte mit ihrem Schwarm,
der wechselte, berhrend, verga sie in der Freude am Augenblick und der
Entdeckung alles, was ber und um sie war.

Eines Tages bersprang sie einen Bach, fiel auf das Knie, und als sie den
Boden schmerzhaft berhrte, empfand sie Sehnsucht nach Saint-Loux. Ihr Blut
schuf ihn ihr wieder, der die Sehnsucht zuerst von ihr nahm. Er stand in
einem Busch, den Arm entblt, wie fechtend. Sein Muskel tanzte. Die Augen
in dem zerrissenen Gesicht funkelten vor Geist. Sein Mund war khl
gefaltet. So sah sie ihn wieder zum ersten Male, der wie ein
Schicksalsrufer ihr seit jeher die Pausen ihres Daseins wies, der immer nur
kam: nach Vollendetem.

Ein wilder Schmerz brach in ihr aus. Sie blieb eine Weile liegen. Hob
stumpfe Augen und sah nur langsam die Erscheinung verschwinden und sich
verndern in die Gestalt des Abtes. Tief erschrocken ber sich ging sie
durch das Tor.

Die Nacht ging das Sonnenjahr zu Ende um die Mitte des April. Sie wohnte
schon zum zweiten Male ber dem stlichen Tor.

Da schob eine Armee von Lichtern ber die Ebene gegen das Kloster.

Die Nacht war sternlos. Riny beugte sich weit aus ihrem Fenster. Um die
Mauer des Klosters brannten Holzste vor allen Toren.

Wie durch Nebel gespiegelt kam ein dunkler Zug aus dem Horizont herauf.
Eine leichte Musik ging vor ihm her in der hellen Nacht, durch die Scheine
irrten. Langsamer Gesang erstarb. Indische Gitarren und birmanische Harfen
sangen. ber ihnen grollte das Rollen der Trommel und Gong. Pltzlich war
die ganze Nacht wie Gold.

In das hellere Licht der Tore tauchten gespenstisch die ersten Gesichte.

Wagen rollten heran in breiter Linie, vor jedem vier Bffel gespannt, deren
weie Augen blnkerten in den Fackeln und Scheiterhaufen. Sie ebbten in
Wellen heran, die wilden Nacken gebeugt, haltlos, verschwindend gegen die
Mauer, immer neue Reihen aus dem Dunkel hinter sich in die Helligkeit
nachreiend, es war kein Ende zu sehen des schwarzen Heeres und des
Deichselgedrhns.

Da aber barst eine Lcke, Tiere schnaubten, ein Zelt entstand zauberhaft.

Fnf weie Fahnen kamen angetragen und erstarrten in der Luft. Zwei Neger
mit bunten Fahnen, bewimpelt den Schaft bis zum Ende, pflanzten sich davor.
Mnche hinter ihnen fielen in zwei Reihen ins Knie, eine Gasse, die Kpfe
zueinander.

In einer Scharlachweste und gespitztem Wollhut stand ein Geistlicher hinter
ihnen, sein Kopf leckte noch nach dem Licht. Hinter Bedienten schritt ein
Gouverneur, auf weien seidenen Hosen die goldgestickte Weste von blauem
Atlas.

Da hoben sich Speertrger, oben die Spitzen voll Gold, blutrote Troddeln
rauschten fallend herab, ihre Fe standen im Gegenrhythmus der ganzen
Bewegung, noch im Dunkeln halb befangen, eine Woge, die sich berstrzt.
Aus ihren Schatten schon formten sich die Elefanten. Sie trmten gewaltige
Leiber in die Flammenscheine, die wie eine Meute auf ihre Flanken strzten.

Es war eine Mauer. Aber ein Schrei durchbrach sie.

Ungeduldig drngte ein anderer Elefant vor. Mit poliertem Haken ri ein
schlanker Prinz seinen Hals, ber dem ein Diener einen goldenen Schirm
hielt.

Noch einmal schrie er, da hielt der Elefant.

Von dunklem Samt sprang der Reiter, warf die Schuhe zur Seite, sprang,
allein, vor bis zum Tore und warf sich aufs linke Knie.

Vor ihm standen eingebaut in die Mauer gro und gewachsen aus Stein zwei
Bilder: Thasiamis, mit der Feder in der Hand aufschreibend Gutes und die
Laster . . . . . neben ihm das kniende Weib Masumdera, deren hohle Hand,
die Welt schaukelnd, sie schtzt bis zum letzten Tag, wo sie sie aufhaut
wie eine Frucht.

Kaum aber berhrte des Prinzen Knie den Boden, schon fuhr es zurck.

Er verschwand.

Der Abt kam nicht die Nacht.

ber dem Singen der Weiber auf der Ebene um die brennenden Sandelhlzer
rauschten Raketen ber den Himmel, zogen tiefe goldene Furchen und
zerstoben in groen traurigen Strhnen, die schn wie Haar auf die Dcher
des Klosters sich senkten. Riny am Fenster die ganze Nacht, flog auf mit
jeder, sank mit jeder zurck. Am Morgen war ihr Herz unruhig, sie ffnete
das Fenster und hielt ihre Brust und den Kopf in den leise wehenden Wind.

Durch die Allee ging sie hinunter, unruhiger noch, weil sie den Abt nicht
fand, der nie auer der Woche ihrer Schmerzen bei ihr fehlte.

Sie trat um die Ecke der Sulenhalle.

Da kam in dem Gang der Prinz auf sie zu.

Sein Auge berhrte sie, es war schner wie das jenes Frsten, der sie
streifend in einer Stadt anhielt vor Bewunderung. Es war s und grausam
wie eines Panthers. Er ging auf sie zu mit federndem Schritt, aber kurz vor
ihr drehte er ab.

Sie lief drei Schritte und sah um den anderen Sulengang. Am Ende stand der
Abt, die Arme geffnet. Der Prinz ging auf ihn zu. Sie waren beide prchtig
gekleidet und umarmten sich. Sie stand und sah, als die Sulen sie schon
von ihr trennten.

Sie ging hinaus und sah in einen Spiegel, die Hnde an den Brsten.

Sie nickte sich zu.

Sie kam an den kleinen Garten, ein Vogel sa auf dem vorderen Busch. Er
hielt den Schwanz aufgerichtet und sang fein und frisch. Sie beugte sich in
den Hften vor.

Ihr Mund spitzte sich.

Sie pfiff ihm zu. Der Vogel pfiff wieder. Die Sonne lag ganz jung auf dem
Land. Sie hob den Arm, die Augen abschattend. Sie sah soweit hinaus, wie
sie selten sah.

Ganz am Rand des Horizonts zogen sich zarte schwingende Linien Wolken, die
nun von Gold anfingen zu glnzen, darber stand khl das Blau des Morgens.
Das Land begann zu leben. Die Bsche hoben sich ein wenig in die Hhe. Der
Sand erhob ein Gleien. Der erstarrte Wald zog ein Flstern durch die
Bltter, die sich bewegten. Drfer brannten Rauch in die belebende Luft.

Nun kam von den schwingenden Pflanzen aufgetragen der Duft des Landes
langsam herauf gezogen.

Sie unterschied alle Blten.

Der scharfe Geruch der Palmen, das lige der Schlingpflanzen und die
befreiende Zartheit der weien Dolden.

Sie hielt an, die Nstern gespannt.

Wieder erhob sie den Mund und pfiff. Es wurde immer klarer. Helligkeit
berschwemmte frstlich den Raum. Die Sonne kam in den Garten.

Sie machte einen Schritt, dann folgte der andere Fu. Sie ging hinauf zum
Turm.

Dann kam sie zurck, ihre Fesseln sicher setzend.

Im Garten sah sie vorbergehend den Prinz und den Abt. Andchtig sich
beugend sagte der Prinz:

Dennoch hast du dich vertieft.

Der Abt sa, nicht aufstehend, lchelnd sagte er zurck: Du bist jnger.
Wie ich dein Alter hatte, da trumte ich, von Wachen und Hungern sehr
vorbereitet, von einem Hgel aus. Ich sah Gtter wie Bume aus der Erde
wachsen, unsichtbar dem wachenden Auge. Sie waren bald grn wie Laub, bald
vom rotesten Gold. Ich habe nun das Unendliche wiedergesehen. Ich vergebe
dir, aber du siehst es, wie ich mich erhht.

Sie schritt vorber, rasch, keine Silbe drang mehr an ihr Ohr.

Sie sah nicht viel um sich. Blumen lockten sie wieder, gelbe berall
ausgest. Es war die Wiese, auf der sie zum erstenmal das Kloster sah.

Sie lie sich nieder, trumend.

Dann nahm sie das gelbe Kleid der Mnche und schob es in eine Grabenrinne,
in einem seidenen Kleid stand sie da wie frher, flocht Perlen in ihr Haar,
das nur zu den Schultern reichte. Eine Strhne fiel zwischen den Brauen ihr
in die Stirn.

Sie lie sich nieder, dem Augenblick verwebt in wundersamem Verschmelzen.
Kein Gedanke durchbrach ihr Hirn. Ihr Herz saugte sich voll der Landschaft.
Sie hrte das Ticken des Gelndes, den Jubel einer Amsel. Sie sah den
Himmel ber sich wogen, da es kein Ende nahm.

Dann begann der Boden unter ihr zu schwingen wie eine Welle. Ein dunkler
Fels warf Schatten ber die Landschaft, trmte sich und nahm das Licht von
ihr. Ein Elefant in groen Sprngen durchscho die Gegend und hielt bei
ihr.

Sie sah nicht auf.

Sie sah das Ganze des Tages um sich fluten und schwang mit ihm in einem
gleichen Strom. Die Ebene drang in sie ein, als ob sie sie bese, und
durchhallte ihr Blut mit einem warmen Geborgensein. Ihre Seele ging auf.
Sie wute ihren Namen nicht mehr, nicht ihre Heimat, schon verga sie den
letzten Tag. Ihre Augen, die grer wurden, erschauten zum ersten Male
wieder die Welt.

Jede Blume um sie wuchs ein ungeheures Wunder in ihren Sinn. Eine Eidechse
lie sie die Hnde schlagen vor Entzcken. Der groe Himmel ber ihr aber
sog sie auf in sein Wogen wie einen kleinen Klang in sein unsterbliches
Rauschen.

Als die Schatten ber sie fielen, zogen ihre Brauen sich zusammen.

Der Prinz wartete eine Weile.

Dann kniete der Elefant, da das Land unter ihm sich bewegte vom Andrang
seines warmen Bauches.

Dann hob sich ihr Kopf, ihr Blick kam und ri ihn herunter.

Mit beiden Armen trug er sie in seinen Sattel, bewegt vor Zittern, die
heien Augen wie Samt, schreiend.

Der Elefant strmte gegen den Norden, das Kloster verlassend. Wind whlte
durch ihr Haar. Sie ffnete die Augen. Wie lag der Horizont mchtig vor
ihr!

Nach zwei Stunden kamen sie zum Flu.

Das Wasser war tief gefallen, sie sah die Ebene nicht mehr, zwei groe
Schlangen wlzten sich neben ihnen die Ufer, entgegenstrmend mit gelben
Wellen kam der Strom. Sie sah auf.

Vor der Kajte verteilt lagen dreiig Ruderer, angestemmt die Muskeln im
Fahren. ber ihnen standen an den Flanken Pfauenfedern, glnzend rund, und
tibetanische Kuhschweife. Sie kam mit dem Auge an die Stange des
Vorderteils, sie strich hinauf: ein groer goldener Knopf wie die Sonne.
Dann glitt sie, ohne einzuhalten, in den Himmel, der ber dem Flubett
hing, grenzenlos.

Ihr Gesicht frbte sich dunkler:

Wie heit du?

Thengo-Tikien.

Zu einer groen Katze die Glieder zusammengezogen lag er vor ihr:

Du?

Ihr Nacken senkte sich nach rckwrts, ihr Auge nahm die Decke der Kajte
auf, gelt und voll Maserung:

Germaine . . . . . . Rene . . . . . . Duse . . . . . . riet er, der das
Franzsische wundervoll beherrschte.

Sie schttelte den Kopf:

Nenne mich!

To, sagte er.

Sie lachte leis.

Er, der jede ihrer Bewegungen gierig einsog, berauschte sich langsam an
ihrem Gesicht. Er badete darin, sie lie es seinem bewundernden Blick, ohne
Verwirrung. Seine Verehrung war zu deutlich, zu unbefangen, als da sie ihr
nicht gefiel als Frau.

Whrend er sie geno mit den Blicken, sprach er ihr von Europa, von Grten
mit Musik und Slen, sein Auge war nicht ganz sicher diese Zeit. Ein Boy
servierte ihnen auf Porzellan und Silber gebackene Teebltter. Unmerklich
abschwenkend, kam er aufs Nahe, hob die Hand und zeigte die Landschaft, er
redete von Bchern und Elfenbein, seine Finger prahlten, damit ihr Auge
sich bestrze.

Sie ghnte und sah ihn an.

Einen Augenblick wurde seine Pupille hart. Dann wurde er weich, sein
Tonfall kam zu ihr fragend, verehrend, aus groer Entfernung. Er sagte
verwunderliche Dinge, damit sie ihn belehre. Spielend mit seiner
Unkenntnis, gab er sich als Kind, den Mund umzogen von unbefangenen
Gefhlen.

Indem er sich so preisgab, hielt er dem Rtselhaften stand, das ihn an
ihrem Gesicht verstrte.

Allein sie gab nicht nach.

Er sprach von seinen jesuitischen Erziehern, deren frappierende Wirkung er
kannte. Ihre Seltsamkeiten ernst nehmend, wurde seine Lippe ganz kindlich.
Seine Sprache schmollte, derart spielend.

Sie folgte ihm mit einem Lcheln, das er eintrank.

Sie folgte ihm bis auf die Hhe dieser Kindlichkeit.

To, sagte er schmeichelnd wie eine Katze und lehnte den Kopf an ihr Knie
und rieb leicht die Wange daran.

Rasch zog sie das Bein zurck.

Er schnellte auf, getuscht. Aber ihr unbefangenes Gesicht, das sie mit
einem Ruck damenhaft unberhrbar vor Sicherheit verwandelte, gab ihm die
Erinnerung seiner europischen Tage, seine Hand fiel zurck. Er lchelte
ebenfalls unbefangen zu ihr.

Seine Haut aber spannte sich vor Erregung, er war von gttlicher Schnheit
und hielt nur noch schwer.

Sie reizte ihn, da er seine Haltung nderte, sie lie die Augen nicht von
ihm.

Am Mittag erreichten sie einen Platz, wo Stufen, in die Felswand gehauen,
zeigten, da Stdte hier seien. Anhaltend, entstanden ihnen Bambushuser in
fliegender Eile. Ein Landschaftsgouverneur erschien, die Gegend bevlkerte
sich. ber ihnen wlbte sich eine Ebene, auf deren Scheitel unbeweglich ein
Schwarm Tauben hing.

Der Abend war noch weit. Sie nahmen, faul vom Liegen, junge Pferde und
ritten. Je lnger sie ritten, um so grer wurde die Geschwindigkeit der
Tiere. Die Pferde warfen Mais und Gras auf mit dem Huf, eine kleine Wolke
von Sand stand an jeden Fu geheftet. Der Prinz wies ihr seinen Besitz,
sein Finger stie in die Gegend. Seine Stimme war deutend, erklrend, mit
einfacher Wrde.

Er kam ihr mit Gleichmut, und sie lchelte darber.

Der Nagel seiner Hand glnzte. Dahinter standen Berge, die Rubin trugen und
Kupfer. Die Flche seiner Hand formte eine Quelle, die hei lief, mit
Nymphen, blond die Haare. Sie gab ihm freundlich das Ohr.

Die Luft, in die sie tauchten, lste alles um sie auf, so dicht ward ihre
Strahlung.

In das Rot der unsichtbaren Sonne stieg ein blauer Dampf. Die Reiter hoben
sich mit scharfen Rndern unwirklich aus der Landschaft.

Vor ihnen ballten sich Umrisse, der Luft seltsam verwoben, wie ein Kreis.

Die Hufe der Pferde waren in der weichen Wiese kaum hrbar. Kein Ton lag in
der Luft.

Ein Tor schlug sich ihnen auf, dumpfer Schein von Metall darum, das
zerrissen daran hing. Hinter dem Bogen lag weich im dunklen und
goldfarbenen Raum eine Strae. Sie sahen keinen Menschen in der Einsamkeit
der Gebude. Es wogte eine samtene Luft, die sie fast faten mit den
Hnden. Sie sprangen ab und banden die Gule an Penaigobume.

Ihr helles Wiehern scholl blendend wie etwas Helles in der weichen
Verlassenheit hinter ihnen.

Die Fenster der Huser glnzten wie Milch. Die glanzlose Sonne war lang
verschwunden, aber die Dunkelheit war fast wei von Licht durchflimmert,
und Silber band sich in jeden Winkel.

Riny bog in einen Garten, dessen Mauer eingestrzt lag, schon verwachsen,
gegen die Strae. Thengo glitt hinter ihr. In der Ruhe sprang ihr Herz. Sie
fhlte ihn im Rcken, ihr Puls erstickte sie in der Kehle, die Brust
schnrte sich zusammen. Sie sah um.

Sein Kopf war in dem Licht sehr schmal, mit zarter Haut und gerafften
wilden Brauen . . . . . erregend die Tnung der Lippen.

Sie nahm ihr Auge aus seinem und trat rasch in das Haus, ohne den Schritt
zu beschleunigen. Zu einem Fenster des verfallenen Hauses sah sie heraus.

Er stand unten, geduckt. Sein Kopf sah heraus, seine Kehle gab etwas frei,
einen Ton, dann sprang er nach.

Treppen vor sich aufgetrmt, schon berwunden, Sle, Keller, ein plattes
Dach voll weier Disteln . . . . . berall sprte sie seinen Atem,
pochender Schlfe, nie fehlte ihr seine Gegenwart.

In einem Schatten duckend, sah sie seinen gespannten Schenkel, der ihn
vorbeitrug.

Sie stie einen leichten Ruf aus, der ihn anhielt, weich und dunkel sich
verirrte weiter in den Gngen.

Durch das Fenster, den Kopf noch nach seinem Ansprung gewandt, ergriff sie
einen Ast und schwang sich auf den Balkon.

Schon um die Biegung der Galerie, gertet, das Herz haltend, sah sie den
Schwung, der den bronzenen Krper hinter ihr herberwarf auf die Brstung.

Von einer Schar Pilaster aufgehalten, verwirrte sich ihr alles. Verlassen,
allein suchte sie den Ausweg.

Je lnger sie den Weg suchte, um so deutlicher suchte, rufend, sie nun ihn
selber. Von Marmor zu Marmor sich windend, kam ihr aus dem Schatten sein
Mund berall entgegen. Unter einem Bogen sah sie Sterne. Sie wand sich
hindurch und trat durch ein zerfallenes Fenster auf eine Terrasse, darber
den Himmel.

Sofort sprte sie ihn in der vibrierenden Luft.

Sie wandte sich die Lnge des Baus hinunter. Ohne da ein Laut ging, fhlte
sie ihn hinter sich.

Sie fieberte ber die ganze Haut.

Sie lief die halbe Terrasse hinunter.

Dann faten seine Hnde ihre Schultern.

Mit gleitenden unentreibaren Bewegungen ri er sie an sich, ihr Mund hei
und quellend bog sich an seinen, unter feinen Liebkosungen kam sie wieder
zu sich. Sie waren sanft wie die der wilden Tiere.

Der Sand der Terrasse war warm von der Sonne noch wie am Meer.

Sie lehnte den Rcken gegen die Wand des Palastes, an der sich ihr Schatten
gro und gelockert um sie formte. Er lag buchlings vor ihr, sein Gesicht
zu ihrem erhoben, die Zhne frei, die Lippen befeuchtet. Seine Muskeln
lebten alle, auch in der Ruhe war er gespannt. Sie sah auf ihn, hingegeben
dem Bezwinger. Seine Gewalt und Wildheit, das Knirschen seiner Zhne, die
Gltte seines Krpers machten sie wanken mit den Lippen nach ihm. Ihr Kopf
war mde, er blieb an die Mauer gelehnt, unsichtbar bebten nur die Lippen.

Wieder in einer Pause ihres Bewutseins lag er vor ihr. Sein Blick badete
immer noch in ihrem Gesicht und sog einen Rausch daraus, der langsam seine
Zge berzog. Um seine Pupillen gingen im Wechsel die Gefhle, die Augen
erstarrten in glasigem Email. Seine Lippen bewegten sich einige Male.

To.

Er wiederholte ihren Namen.

To . . . . . . ich liebe dein Gesicht.

Seine Stimme ward leis und singend:

Es ist nackt, sagte er.

Sie legte die Hnde unter den Nacken.

Du hast es unverhllt getragen. Nie sah ich Frauen, die so stolz waren in
ihrer Schamlosigleit. Die Stimme versagte ihm heiser.

To . . . wenn andere Frauen ihr Gesicht preisgben . . . To . . . deines
ist schn und hart. Hast du es durch viele Lnder getragen? Viele haben es
gesehen wohl an deinen Seen, in den Stdten, wo du fuhrst -- -- Tausende
Mnner haben ihre Augen darauf gehabt . . . haben es beschmutzt. Haben
Hunde es gesehen? Frauen haben wohl heie Blicke darauf gehabt? Aber -- ich
liebe es.

Sein Blick flehte an ihr, er zog an jeder Falte ihres Gesichtes, und ihre
Augen stahl seine Glut in die seinen hinein.

Ihr Kopf stie gegen die Wand hinter ihr. Sie empfand die Macht ihres
Krpers ausgehen von sich eine Wolke voll Geruch. Noch war ihr Herz tief in
der Gewalt seiner Umarmung, da stieg sie schon, ohne da sie es wute, weit
ber ihn, der sich wand vor ihr in Wollust.

Er hob sich auf, schnellend mit allen Sehnen. Lchelnd bog sie den Mund zur
Seite. Sie sah das Fremde aufblitzen in seinen Augen, die grnlich aus dem
Ring um die schwarze Pupille heraustraten. Sie roch seinen Krper, der
duftete nach strzendem Blut. S geschaukelt in der Gefahr seiner wilden
Entfesselung reizte ihr Mund ihn, bis er als Kind an ihren Knien vergehend
lag und sie, es schwer nur ertragend, den Mund hinberbog an seinen und
klein und schwach unter seinem von Leidenschaften berschwungenen Kopfe
hing.

Ihr Lcheln, bald hingegeben im Vergehen, lenkte seinen Blick, der sie
zerri. Ihr erwachender Blick aus dem Taumel zog ihn zu sanften Worten,
hinter denen, die Fesseln gespannt, das Raubtier stand.

Noch halb in der hellen, aber von Morgenscheinen dunkel versilberten Nacht
trug er sie, mit der Kehle jauchzend, zu den Pferden.

Ihre Schatten fielen langsam auf die Erde, die fast rot war. Sie erreichten
die Schiffe, die Gule ritten Kopf an Kopf, kein Zoll fehlte.

Der Morgen legte die weitaufgebrochene Landschaft vor sie. Mit Licht
ausgefllt leuchtete sie still von allen Seiten in sich selbst. Wind packte
keiner ihr Haar und Gesicht. Sie lchelte bla und verzckt, die Ringe
sanft unter die Augen gezogen.

Die Welt stand eine Kuppel ber sie dnn und zart wie aus Glas.

Der Rhythmus des Fahrens wiegte sie gut. Die Sonne kam bis zu ihr herab und
senkte sich zwischen ihre Brste, mit mildem Licht von hier aus das Licht
ergieend ber die Welt, die sie sah und die sich um sie bewegte, in der
sie tausendfltig in der groen Ruhe war.

Am Ufer parierte ein Pferd gegen Mittag, die Vorderbeine stiegen in die
Luft, ein Zaum bog das Maul in die Hhe. Sein roter Bauch strahlte auf.
Thengos Augen zogen sich zur Seite. Ein Schwimmer holte die Nachricht und
hob sie in das Boot. Sie muten sich trennen, es war nur auf Stunden.
Dennoch erbleichte er. Rinys Blick sah ihn tief bewegt, doch sie blieb
khl. Sie gab ihm die Hand, der er tausendfach sein baldiges Wiederkommen
versicherte. Sie sagte nichts, auf was er lauerte.

Ruhig, unbefangen nahm sie Abschied von ihm, dessen Gesicht sich grausam
zusammenzog. Seine Augen bewegten sich nicht von ihr, solang als ihn sein
kleines Boot zum Ufer fuhr.

Weiterfahrend verglitten die Dmme der Ksten in die Landschaft. Vom Ufer
aus sah sie auf das Gelnde, das im halben Bogen des Horizonts mit Mais
gefllt war, und auf der Tiere still dahingingen bis an den Rand.

Gegen Abend tauchten sie in eine Bucht, Scho--Li--Rua, die Bai der gelben
Boote. Das Wasser stand wie Glas. In einem hohen Bogen hoben sich Huser
mit kleinen Fahnen und senkten sich wieder ber einem Hgel, die Fronten
gegen den Flu gelehnt. Hier nachteten sie.

Sie bewohnte das uerste Bambushaus des Kreises, halb schon an der Bai.
Keinen Augenblick empfand sie Ruhe. Schatten wogten drauen. Durch die
Ritzen sprte sie, unsichtbar, den Glanz sphender Augen. Lautlos trug die
Luft ein erregendes Geschehen, das ihr den Schlaf nahm.

Sie trat, aufstehend, zur Tr. Davor saen zwei Wachen, hinter ihnen
glitten Schatten weg in die Nacht. Sie ging hinein und legte sich von
neuem. Lange konnte sie nicht schlafen, von der Hitze der Gegend und der
Bewegung um sie gestrt. Auch ihr Hirn versagte. Sie konnte nichts denken.
Langsam fiel sie so in den Halbschlummer hinein.

Halbnackt, auf seinem Schwei noch den eines Pferdes wie Schnee, stand
Thengo vor ihr. Sie fuhr auf, noch konnte er nicht reden, als er sie kte.
Noch versagte sein Mund, als seine Lippen schon ihr Gesicht berwanderten.

Du . . . , flsterte er keuchend. Seine Augen wurden lchelnd und klein
vor ihr, als ob sie bten . . . . . . ich habe mich sehr geeilt.

Tagelang noch fahrend, hielten sie eine Nacht dann nicht an. Mit
Windlichtern ruderten sie durch das Dunkel des immer mehr verengten Flusses
hinauf. Mit dem Morgen hob sich Dunst von der Gegend und in dem noch wirren
Ineinanderschieben des Nebels sah sie goldene Spitzen im schon manchmal
erscheinenden Blau.

Ein Palankin hielt, wo sie landeten.

Er, den Schwanenhlse zierten, von zwei Lwen an der Spitze und am Ende
gleich einem Flgel breitenden Vogel berbogen, die frstliche Trmung gelb
darber gereckt, empfing sie aus dem Atlas des Inneren mit Moschusgeruch.

Rasch getragen sah sie durch die flatternden Falten des vorgeschlagenen
Vorhangs, sanft gewiegt im Rhythmus der Laufenden, eine Stadt eine
Hgelkette hinan gelegt und an ihrem Fu ansplend einen See.

Dann hielt sie in einem Garten und sah das Schlo mit Galerien, achtstckig
unter dem chinesischen goldenen Dach, das den obersten Erker berspielte.

Thengo-Tikien empfing sie im dritten Stock, er nahm gleich ihre Hand und
fhrte sie durch die Zimmer. Als er neben ihr ging nun, war nichts mehr von
der Wrde des Armwinks an ihm, mit dem er vor einem Herzschlag noch die
Diener hinausgeschickt. Stets Neues aufkramend, wies er ihr das Alte
wieder. Er brachte ihr eifrig eine Tasse, an der sie vorbeiging. Kissen hob
er ins Licht, da die Lamaseide bleicher scheine. Vasen rckte er ihr
zurecht. Seine Hnde boten ihr, whlend in kleinen gehuften Dingen, von
Tischen Silber und Dosen.

Sein Auge stahl jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht. Mit ihr wurde er
gleichgltig, sein Gesicht ward ausgelassen mit ihrem, verzckte sich wie
sie.

Die Wnde schienen blau herunter, mit in Seide gewebten Figuren durchzogen.
Vor den Fenstern lag der Westen und der groe See.

Sie wandte den Kopf zurck von den schnen geschwungenen Ufern, nahm seinen
Kopf in die Hnde, kte mit langem Ku seinen guten Mund.

Seinen Zahn sprend, gab sie sofort ihn aus dem Ku.

Er zitterte vor ihrem gleichmtigen Lcheln. Sein Fu trat auf, doch sofort
wurde er sanft. Da warf sie sich in die Kissen, und nun fuhr die Flamme
wieder ungehemmt ber ihn.

Oft sah sie ihn nun, ohne da er bei ihr war. Durch das Fenster auf den Hof
schauend, erblickte sie ihn, der Soldaten vorbeiziehen lie. Das
Laubgewinde des Fensters schnitt seine Figur in viele zarte Teile, in einem
runden Loch schwebte der Kopf. Durch das Gitter einer Galerie sah sie ihn
mit Gesandten verbindlich reden, Europer verbeugten sich ihm, er verbeugte
sich ihnen, das flssige kalte Feuer seines Franzsisch schwirrte zu ihr
herauf.

Sie verlor sein Gesicht nie aus den Augen ber seine Haltung, die alles
ausdrckte.

Sein Gesicht war gleichmtig, ihr war, sie htte es nicht gekannt. Es war
ohne Stolz und als htte es nie gewut um Demut. Ha und Freude wies es nie
auf, nach innen gekehrt unter halb geschlossenen Lidern.

So beinahe noch kam er des Morgens zu ihr. Erwacht oben, wo er schlief, der
Sonne am nchsten, empfing er die Masseure, nahm das Bad, whrenddem er las
eine halbe Stunde, dann stieg er hinunter.

Er frhstckte mit Riny, die ihn in heller Matinee, die Arme nackt aus
Tulpenrmeln fallend, empfing. Er griff nach Nssen und Mandeln, schenkte
Riny Milch ein und reichte ihr die Frchte. Immer stand sie tglich vor dem
ihr unbekannten neuen Gesicht. Nur aus dem Eckschlitz des Auges kam
manchmal ein Blick der Unbeherrschtheit. Aber mit einigem Lcheln legte sie
sein Gesicht frei. Es schmolz hin unter ihrem Gesicht, das sich ihm
zuneigte. Kindlich ihren Augen vertieft lag er, wunschlos, verehrend vor
ihr in den Fellen. Sein Blick legte Andacht und gtige Stille auf sie. Ein
groer Schmetterling summte in das noch sommerkhle Morgenzimmer, vor dem
die Stille des weiten Sees sich breitete. Hin und wieder flsterte er ein
leises Wort, das ihr gut tat, hinauf, whrend ihre Augen ineinanderhingen
in einer klaren Vereinigung.

Widerwillig ging er von ihr den Morgen, noch aus der geffneten Tr ihr
traurig winkend, zurckkehrend und sie noch einmal zrtlich kssend, sein
Mund dann verzog sich schmollend. Chri, lchelte sie und zog ihn
zrtlich an sich zurck, bleib hier.

Aber dann ging er trotz ihrem Lcheln, diktierte, lie sich umkleiden,
empfing. Erst am Abend holte er sie, in die beruhigtere Landschaft mit den
Pferden hinauszureiten.

Am Morgen eines festlichen Tages bat sie ihn, eine Audienz sehen zu drfen,
aber er wich ihr aus, indem er sie vertrstete, es ging gegen sein Gefhl,
da eine Frau so sehr eindringe in all seine mnnlichen Dinge. Er sagte ihr
keine Unwahrheit, aber er belog sie mit jeder Bewegung. Sie sah ihn an und
ging an seinem zugeschlossenen Gesicht hinaus aus dem Zimmer, nahm ein Buch
in dem anstoenden und pfiff eine leicht wiegende Melodie.

Er stand in der Rampe des Vorhangs, die Augen grn auf sie gerichtet.

Sie sah nicht auf, empfand Angst, wie jedesmal, wenn das ruberische Tier
in seinem Blute aufstand.

Aber sie kannte die Gewalt ihres Krpers. Sie gab nicht nach und spielte
mit ihrer Furcht. Er kam langsam herein und machte sich zu schaffen an
einer Falte des Teppichs. Zweimal ging er auf und ab am Zimmerrand.

Dann hingekniet neben ihr:

To . . .

Sie streichelte ihn ber den Kopf. Seine Knabenlippe schaute voll Unschuld
zu ihr hinauf. Sie vergab. Du bist schn, sagte sie, tief in seine Augen
schauend. Er strahlte.

Am Mittag sah sie die Audienz, hinter einem groen Schirm aufgestellt. Die
Zeremonie ging rasch vorber. Als der Saal leer war, ging sie neben ihm
durch den Saal.

Sie sah ihn von der Seite an, dann stieg sie auf einen Thron und fuhr mit
der Hand ber das Polster. Es lag auf einem springenden Jaguar aus Silber,
der nach oben brllte, wo, abschlieend, die Flgelbreitung eines Vogels
stand, aus dessen Schnabel ein Dolch herabfiel, schaukelnd im Gleichgewicht
mit Rubin und Karfunkel.

Er hielt ihre Hand sie zu sttzen, sie fhlte, da er unmerklich zog. Rasch
sah sie in sein Gesicht. Es war verschlossen, ohne Ausdruck. Ihre Brauen
zogen sich zusammen. Da kam langsam ein heller Schimmer in sein Auge.

Sie zogen dann im langsamen Trab durch die Gegend den Flu entlang, dessen
Schilf sacht aufrauschte. Ein Reiher hob sich in den Himmel in langen
sicheren Zgen, die Luft war sehr klar, sie atmeten mit geweiteten Lungen
und sahen sich froh an, wenn sie sprachen.

Gegen Abend bemalte der Horizont sich rot und die Luft bekam Dichte, die
Dmmerung fiel mit Schwle, ihre Haut wurde feucht unter den Kleidern, den
Worten benahm die Luft die Sicherheit. Von fern im Bogen anreitend sah Riny
die Lichter einer Niederlassung, zwei Meilen von der Stadt, die sie nicht
kannte, deren Kerzen sich schn im Flusse spiegelten.

Sie frug darauf deutend, er murmelte einen gleichgltigen Namen. Sie sah
die Lichter flimmern und erstaunte sich ber das unbekannte Bild. Sie bat
ihn hindurchzureiten, er schien es nicht zu hren, so lenkte sie die Pferde
von selbst.

Er sah sie an mit einem unbeschreiblichen Blick. Seine Augen waren so voll
Sehnsucht und leuchtend in der Schwle, da er nicht wagte, sie zu reizen,
die ihn mit khler Miene ansah. Er suchte sie abzubringen vom Wege, er
hoffte, da sie es verge, aber sie folgte seinem Pferd nicht, seines
vielmehr schlo sich an das ihre dicht an.

Er konnte es nicht sagen.

Er hatte wenige Geheimnisse vor ihr, aber dies widerstand ihm. Er brachte
seine Zunge nicht dazu. Doch gab er sich Haltung und folgte in
Unabnderliches, fhrte es durch, schob den Turban ab und band im Reiten
ein Tuch um die Stirne, dann stieg er ab und half ihr herunter und band die
Tiere an einen Pfahl.

Zu Fu gingen sie voran, alle Htten waren erleuchtet, aus dem Stroh und
dem Bambus glitzerten die Kerzen still und andchtig. Schatten bewegten
sich in der Strae.

Riny blieb lchelnd, den Finger an der Lippe, an einem Fenster stehen und
schlich sich an, sphte hinein und kam wortlos zurck. Er nahm ihren Arm.
Aus den Fenstern schlichen stille lockende Rufe in die Nacht. Sie sah
Frauen herausgelehnt in verschwommenen Umrissen, ihr Herz klopfte mit einem
Male, als sie verstand, wo sie waren. Im Leuchten einer Laterne stand ein
Weib mit bloen Brsten auf dem Dach eines Hauses und zog an einer Glocke,
die zart und flsternd hinausflo in die Dunkelheit, die immer weicher sich
um sie legte, beladen mit dem Geruch der Krper und der Duftigkeit der
Blumen aus den Grten.

Wortlos ging sie weiter, der Arm Thengos sttzte sie, und sie empfand mit
Freude seine Haltung. Sie sah zu ihm auf. Sein Mund schwebte geschlossen in
der Luft. Er fhrte sie bis an ein Haus, das im Schatten eines Gartens lag,
ihre Hand immer streichend, die wrmer und feuchter wurde unter ihm. Sie
drckte seinen Arm.

Er hob den Klopfer und schlug ihn gegen die Tr.

Zweimal gongte er durch die Dunkelheit, bis die Flgeltore aufgingen, zwei
wei gekleidete Frauen sie anstarrten. Er winkte ab. Fett kam ein Chinese,
schickte sie weg und schaute schielend von unten nach Thengos ziselierter
Kette. Sein Bauch knickte ein und schwabbte ber die Knie, sein Gesicht
glnzte fett vor Ergebenheit, obwohl er nur den Rang, nicht den Frsten
erkannte.

Thengo gab ihm einen Wink mit dem Finger.

Eilfertig schob er die Gardinen weg und sie traten ein, Riny nahm Thengos
Arm. Ein Zimmer sah sie, mit einer Veranda in den Garten hinausgeschoben.
Die Tr fiel zu. Eine zarte leise Stimme sang zu einer Harfe ein Lied und
von der anderen Seite schwoll gedmpft ein erregtes Flstern herein.

Endlich . . . . . Thengo umarmte sie, mit beiden Hnden ihr Gesicht
streichend, unfhig noch zu schweigen.

Den Ausschnitt des Fensters sumten Blumen nach dem Garten, ihr Kopf lag
auf dem Binsendiwan und seufzte. Ihre Augen waren beide starr. Rot sank zu
rotgeschweiftem Hgel. Sein Mund tastete ber ihren Leib, ihre Blicke lagen
bei den Pflanzen, die golden in dem Nachtausschnitt standen, sie schmolz
hin. Sie rief einmal seinen Namen. Er jubelte ihren dagegen. Dann lobte er
ihren Krper, sein Mund hatte viele Vergleiche, die wild waren oder
dufteten wie Blten. Er war so angefllt von verhaltener Sehnsucht, da er
sie nicht mehr sah, wie sie war. Blind hingegeben seiner Trunkenheit machte
er sie zur Andacht. Was ihn erfllte, aufgetrieben noch durch den Reiz des
abenteuerlichen Hauses, strmte zu ihr, er heiligte ihre Knie, er weinte
ber ihr Auge, seiner unbewut koste er sie.

Nie besa er sie so sehr.

Sie lag bla auf dem Lager und gab ihm jedes ihrer Glieder mit einem
hinstrmenden Gefhl. Sie gab jeder Stelle ihres Krpers die Kraft, da sie
jeden Ku aufnahm und erwiderte und strkte.

Erschttert von ihrem Geben lag er neben ihr und schon wieder verschmolzen
seine Augen mit ihren in einem unzerreibaren Zusammenhang.

Er kmpfte, sie in den Armen haltend, um den letzten Rest ihres Leibes mit
allem seinem Gefhl, da, ber ihn gebeugt, sie sagte, was sie noch nie aus
Furcht zum Wort gegeben:

Tiger.

Sein Auge frbte sich einen Augenblick zarter.

Du wirst dich tten, sagte sie.

Es ist besser als anders zu leben.

Spt, als der Mond aufging und seine Lippe sich in seinem Licht beruhigte,
streichelte sie ihn.

Aber dies beruhigte ihn nicht. Sein Gehirn empfand sie anders wie jede
Frau, die er bisher gekannt, die in seinen Harems, ihn erwartend, ihm
hingegeben lagen, ohne Widerstand. Er sah sie, erschpft, in all ihrer
Freiheit, in allem, womit sie, ihm widerstehend aus ihrem Innersten, ihn
fesselte und erhob. Nie sah er sie anders, als ihr Gesicht auch allen
anderen weisend. Ihn zerschlug der Gedanke, da sie wie in seinen, in
anderen Armen gelegen. Was er bei anderen Frauen natrlich nahm, ohne einen
Gedanken, verwuchs sich ihm zu Bildern, die sein Erleben in Tiefen trugen,
die ihn in allen Gliedern durchliefen. Sie lag, die Augen frei und sicher
auf ihn geheftet.

Sie fand ihn schn.

Allein er empfand die unsgliche Trennung von Geschlecht zu Geschlecht an
ihr zum ersten Male und stand an dem Dunkel, das nicht sein Arm durchbrach,
das sein Herz nicht bebend berbrckte.

Er kte ihre Stirn und ihren Mund: Nie sah ich Frauen wie dich . . . .
To.

Sie streichelte ihn wieder. Aber er lie ihren Mund nicht.

Noch in der Nacht bog sich sein Auge zur Seite, seine Schlfe wurde braun,
der Mund ffnete sich kurz.

Dann war er leblos.

Rinys Liebe brach in Weinen aus. Sie badete sein Gesicht mit dem ihren.
Thengo, rief sie, wir gehen in den Garten, die Luft ist schlecht in dem
Zimmer. Drauen stehen die Blumen und machen khl.

Sie legt das Ohr an seine Brust und rieb die Schlfen.

Ihr Blick sah verwirrt auf seinem Schenkel einen Tiger ttowiert, den sie
noch nie sah. Ihr feuchtes Gesicht lag an seiner Brust und schmeichelte.
Ihre Wange, gedrckt, hob sich von einem Amulett aus metallischer Substanz
in geblmtem Seidenzeug mit magischen Sentenzen. Sie legte es auf sein
Herz, ihr Lcheln glaubte, da es half. Ihr Mund kam wieder an sein Ohr,
ihre Finger fuhren langsam zrtlich ber seine Schlfe.

Nach Sekunden glomm Farbe wieder in seinen Mund, sie atmete tief auf, ein
Schluchzen war ihr nahe.

Sein erwachender Blick traf Riny nicht mehr.

Sie stand auf der Veranda, als kme sie aus dem Garten, sie rief zu ihm
durch die Blumen:

Thengo . . . . . . Schlfer.

Ihr Arm wischte die Trnen aus den Augen, die in einem Regenbogen ber den
Kies fielen. Von der Nachtluft erfrischt, Blumengeruch noch im Haar, ganz
hingegeben seiner Mdigkeit, schmiegte sie sich an ihn, er glaubte ihren
Augen, die gut ber ihm standen, er wache aus dem Schlaf.

Sie gingen hinaus spter in den Garten und legten sich in Sthle, die auf
dem Rasen standen, aus dem Hyazinthen herauswuchsen und sich mit dem
Nachtduft vermischten. Es war ganz still geworden in dem Haus, auch die
Harfe schwieg.

Sie hielt seine Hand auf ihrem Schenkel, und wie er sie hielt so in der
Stille ihres abgeebbten Blutes, berkam sie eine Zrtlichkeit zu ihm, die
ihn ihr ganz verband. Kein Wort fiel in dieser Stunde.

Aber die Stunde lag noch in ihnen, als sie vor Morgen zu ihren Pferden
gingen und hinausritten in die Dmmerung. Ihnen war alles vertraut, sie
streichelten ihre Hengste, lieen sie laufen mit kurzem Steigbgel und
losen Zgeln, sahen die purpurn mit goldnen Lasuren bemalten Satteltaschen
an mit vertrauten Blicken und empfanden es innig, wenn in den Reifen ihre
nackten Fe sich berhrten.

Am Abend erfuhr sie, da er den Mittag sie verlassen hatte fr eine
tagelange Reise. Er war vom Gefhl der Nacht noch so sehr voll Gte, da er
ihr den Abschied ersparte, indem er sich versagte, sie noch einmal zu
sehen.

Sie lag aber gerhrt von solcher Liebe die Tage, die vorberschwebten mit
langsamen glcklichen Trumen, auf ihren Veranden und sah in die Luft. Sie
sah sein Bild in jeder Strae, er schritt berall schn und still und das
Funkeln seines Auges erlosch, sowie sie lchelnd seinen Namen sagte.

Sie wandte sich in den Garten, schnitt und go an den Blumen und spielte
stundenlang mit den Tauben, die samtzart in ihrer Hand lagen, sich mit
warmen stillen Leibern an ihre Wange schmiegten.

Die letzte Nacht vor seiner Ankunft war die Luft so hei in den Zimmern,
da sie im Freien schlief. Dnn bekleidet lag sie auf dem Balkon. Immer
noch hllte der Mond die Landschaft in eine Glocke von Silber.

Whrend sie lag in diesen Stunden, band sich das Land in dem Licht zu einer
bernsteinenen Masse, die sich dem Himmel nherte mit jedem Atemzug. In dem
harzigen Licht aber, in dem die Gegend immer tiefer sich senkte, umwlkten
sich ihre Augen und in den Trumen, die sie berzogen, whrend sie wachte,
erhoben sich Gesichte und verschwanden wie hingeweht. Das Letzte kam, aus
ihrem Herzen herausgeholt:

Ihr Vater sah sie an, sie winkte herzlich mit beiden Hnden. Was willst
du? frug sie. Doch er schwieg. Sie erschrak ein wenig, doch seine Farbe
war braun und gesund und stolz. Sie zog ihr Gesicht zusammen zu Milde, die
sie berstrmte: Du bist sehr fern, sagte sie, aber ich kann nicht mich
an dich wenden eben. Habe ich recht Pa . . . . .? Er gab ihr keine
Antwort. Pa . . . . . ich wei nichts von Euch. Euer Haus ist mir ferner
wie etwas. Ich kann nicht zurckdenken an Euch. Aber ich wei, da ich Euch
liebe. Da schien es ihr, sein Auge frage sie: . . . . warum . . . . Sie
erhob sich ein wenig und nun traten ihr Trnen wieder in das Gesicht: Ich
liebe Thengo, sagte sie und ihr Lcheln ward so gtig, da auf seinem
Gesicht ein Lcheln spielte, bis eine weiche Wolke ihn wegnahm aus dem
harzenen Licht.

Dann kamen andere Trume:

Sie sah zwischen zwei rosa Wolken Saint-Loux, den Stundenzeiger ihres
Lebens, aber er kam nicht fordernd, kam mit einem Degen, den er hielt in
verschrnkten Armen wie eine Bibel. Es schien ihr, er frage traurig in ihr
Gesicht. Aber sie sagte kein Wort, nur ihr Gesicht nahm das an, was ihr
Gefhl bewegte, und in seinem gtigen Glanze lste sich die Erscheinung
sofort zu zartem Dampf. Langsam erst streiften sich die Bilder wieder von
ihr und erst in den Stunden der fallenden Nacht wachte ihr Kopf aus dem
Halbschlaf heraus.

Da ffneten sich die Lider ganz klar und hell.

Die gelbe Glocke des Mondes zerflatterte, sie sah Fackeln drauen durch
graue schon rtlich angelaufene Dmpfe qualmen.

Sie trat rasch hinein.

Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und frbte die Augenlider mit
einem schmalen Strich einer seidigen Salbe. Sie go Sandelholzpuder in den
Ausschnitt ihrer Brust und, ihn zerreibend, die Handflchen rosig davon,
trat sie hinaus.

Die Sonne kam gerade mit frhem schnem Licht. Der See lag in ruhigen
quecksilbernen Schatten.

Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis in die Knufe der
Masten. Hunderte Boote schumten den See auf zu einem leichten Glanz, und
die Ruderer sangen, whrend sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes
Lied.

Sie hrte wie im Traum noch Elefanten von dem See herauf den Boden
stampfen, ihre Glser in den Rumen tanzten. An den Rahmen des Balkons
gelehnt, schwach in den Knien, hrte sie ganz von ferne:

To.

Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er vor ihr. Auch sein
Gesicht war von Liebe so gut, da es still vor ihr hing. Sie sprachen
nicht. Die Sehnsucht glnzte nur von ihrem Mund, whrend sie still sich zu
der Landschaft wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saen lange noch
zusammen, berwltigt voneinander zu solcher Stille des Erlebens, und
schauten hinaus, ohne sich zu sehen, bis ihre Augen lchelnd einander
trafen und ihre Krper sich berhrten.

Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Krper vertauschten sich
miteinander, ein jedes wollte das andere beglcken und fr es leiden.

Hattest du groe Sehnsucht?

Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet. -- --

Und du . . . . hast du dich gesehnt?

Ich habe einen Feind nicht tten lassen, weil ich dich so sehr liebte, To
. . . . .

Als sie allein dann blieb, brach der Abend mhlich an und eine angstvolle
Ruhe berkam ihr Herz. Aber wie ein Trost kam die Landschaft ber sie, die
mit Hgeln sich nach dem Norden hin wellte.

Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und dastand.

Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklrend. berall
schritten gro und still die Bffel ber die aufgelegten Felder, die in
schwarzer Seide glnzten, gegriffen von hellen Pflgen. Indigofelder wogten
schwach aus der Ferne heran, als kmen sie zu ihr wie eine schne Herde.
Der Flu bog sich schlicht, in eine Falte der Gegend eingeknittert, vorbei.
In einem nahen Garten mit rotschumenden Hecken saen auf Palmen grne
Papageien und regten sich nicht. ber allem lag das Glnzen wie ein Atem.

Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr an ihrem Leib.

Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer Gte, da sie still
das Wunder in sich glaubte. Sie war von Liebe so sanft und klar, da dies
Gefhl, das ihr wie ein Traum in das Bewutsein schwebte, sie ruhig machte
und sicher vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke, da sie Kinder trge,
nah gewesen ihrem Herzen. Sie empfing es, das ihr frher Schmerz und
unlieber Einfall nur gewesen und ngstend ihr weibliches Gefhl und ihre
Freiheit, nun mit der Aufnahme der selbstverstndlichen Gte, mit der die
Welt um sie voll stand. Ihr Krper verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer
Segnung.

Denn aus der unerklrlichen Stille der auf dem See schon dunkelnden
Fischerboote hrte sie das kleinste Gerusch. Sie unterschied jeden
einzelnen Fischzug. Ja, sie war bei jedem einzelnen Tier, das die Angel dem
See entri. Bald konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer
kommend, den Strand unter ihr traf, und die Schatten einer fernen
Abendwolke fielen wie ein Stoff auf ihr Gemt.

Um sie wuchs die Welt aber unerklrlich in Schnheit.

Sie wurde grer, an der Stadt der gelben Boote wurde der Strom wie
durchsichtige Haut. Viele Stdte wuchsen aus der Ebene und glnzten.

Durch die Steinlquellen erhielt die Dmmerung vom See her einen Schein von
Regenbogen, die sie ohne Pause berzitterten. Unter ihnen berall lagen die
Klster ganz in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten die
Priester sie sacht.

Sie faltete die Hnde: ihr Mund dankte hingegeben an die Klarheit, ihre
Seele aber sog wie einen Atem die Gte ein, die ihre Liebe ber dem Land
empfand.

Wie eine Verkndigung nahm sie den Tag mit in die folgenden.

In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts lauschte sie oft auf ihren
Leib. Auch, als das Blut ihren Krper verlie, lie sie nicht nach im
Glauben, denn die Verheiung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.

Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung. Ihr Gesicht
glttete sich zu mondhafter Weiche. Ihre Glieder formten sich zu
harmonischer Milde der Bewegung. Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer
wilden Biegung auf solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.

Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah keine Fehler an ihm
jetzt mehr, lchelnd verzieh sie und war nie voll Widerstand.

Aber unter dem aufnehmenden Erfllen ihrer Liebe einte sich nicht mehr das
Bndel widerstrebender Gefhle, das sein Wesen ausmachte und das sie sonst
im Gleichgewicht hielt.

Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht gegen ihn.

Er lchelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrchlich gehalten, lste sich
langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick. Wie ihre Hoffnung langsam
nachlie, wichen die sanften mtterlichen Gefhle einer schmerzlichen Ruhe.

Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das Wunder bereit. Sie sah
Monat um Monat ihr Erwarten eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verlie
sie auch in dem sichtbaren Versagen nicht.

Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und gtig beruhigend.
Sein wildes zersprhendes Leben bedurfte ihres Gleichgewichts. Aber ein
Teil ihrer Seele war leer geworden im Warten und mit Hingeben an das uere
trat sie, es zu fllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten und Fahrten. Sie
spielte mit Hunden und befragte ihn um die Fhrung seiner Geschfte.

Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren sie in die Dmmerung auf
den See mit wenigen Ruderern. Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln
streckten sich mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinl berzogen,
gleich schillernden groen Tieren sich ber sie bumten.

Der Mond hob sich langsam und gro.

Sie lagen still in der einhllenden Khle und rauchten wortlos in die
Dmmerung.

Pltzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in Trnen zu lsen. Kleine
Tropfen hingen wie eine Schnur an ihren langen Adern, das Gesicht badete in
einer Feuchtigkeit, die es erfllte wie ein Mondschein.

Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand schlich nur herauf und
prete ihr Knie: ich bin da.

Thengo . . . .

Er hrte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier, die ihren Atem
aufnahm ganz weit und ihre Worte schlrfte. Moskitos senkten sich auf sie
nieder. Sie sogen heftig an den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch.
Aber es war, als lgen sie in einer Sule, so dicht umwanden sie die Tiere.
Die Ruderer hatten die Netze vergessen, Thengo sagte kein Wort zu ihnen, er
schien ihr aufgelst und gut.

Aber die se Schwle der Luft, die sein Druck zrtlich verstrkte, lie
ihr Gefhl ganz hinrinnen. Zum erstenmal sprach sie Thengo von ihrer
Sehnsucht. Sie sah ihn erbleichen. Nun begriff sie, da sie ihn tief damit
krnke, denn seine mnnliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie me ihm
vielleicht die Schuld.

Ich bin elend, sagte sie leise. Ich kann nicht gebren.

Sein Gesicht arbeitete.

Nein, To, sagte er: Ich trage die Schuld.

Sie erschrak. Dann lchelte sie:

Thengo . . . . du Tor . . . . mein Narr.

Er schttelte den Kopf.

Tiger, sagte sie. Sein Blick strmte ber durch die Luft auf sie mit
einem wilden Jauchzen, das sich aus Liebe dmpfte zu einem berckenden
schwrmerischen Band.

Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war noch gro und lag genau auf
dem Spiegel des Wassers.

In den Schwrmen der Moskitos tauchten groe grne Fliegen auf, deren
saugende Stiche kleine Hgel an ihren Armen aufschwellen lieen, da sie
den Arm zum Munde fhrte, um es zu lindern. Thengo rief, da man rasch
rudere.

Sie steckten Zweige an, indem sie zurckfuhren.

Er aber kam herber und legte sich auf sie, da er sie deckte mit seinem
ganzen Krper, mit seinem die Stiche empfangend, sein Nacken war ganz
gertet.

Er kte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung, wie geboren in
dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht und den Schmerz ihrer Leben aus in
einem Gefhl der groen Harmonie, die sie trug.

To . . . . es ist meine Schuld, flsterte er.

Sie lchelte ihm in das Gesicht hinauf: Thengo . . . . . du Tor.

Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein Feuerwerk entzndete
sich feierlich und getragen ber dem See. In langen goldenen Schnren
hingen die Strhnen zersprhter Kugeln hinab in das Wasser, ber dem der
Mond noch rot sich brach.

Sie speisten auf Rinys Balkon.

Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem lauen Wind, der den Abend
kstlich trug. Es lag eine Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, da es
weiter nichts bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu
spren, nichts zu reden -- -- um glcklich zu sein.

Whrend sie speisten, hob Thengo mit einem raschen Schwung eine Kette
schnster orientalischer Perlen um ihren gerade geneigten Hals. Mde und
erregt kte sie ihn zrtlich ber den Tisch.

Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden. Er hob, als sie
aufstand, sein Gesicht fragend, gestrt, da sie die wortlose Ruhe breche.
Aber sie empfand so tiefe Zrtlichkeit, da sie den Gegenstand suchte, sie
ihm darin darzugeben.

Sie hob geheimnisvoll die Hand.

Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen rtselvoll und
lchelnd. Sie sah sein Gesicht hei werden, er nahm ihr die Hand herab und
drckte seinen Mund auf den Ballen.

Sie lachte winkend schon und entlief.

Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Hhe sie mit ihm durchlebt,
kam ihr, als sie in den Garten trat und beruhigter stand. Die weiche Luft
umhllte sie, sie gab sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strau barbarisch
wilder Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und whrenddem ging ihr Blut
in einer Klarheit, die allen Dingen sich verband, mit jeder Zelle fate sie
jedes Ding der Welt.

Sie sprte die Gte, die von Thengos Wildheit ausging und in wunderbarer
Wage die Leidenschaft seines Atems mit ihrer Seele verband.

Das gab ihr Glck.

Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit weit ber
den Zustand des Glckes hinaus. Die tiefe innere Ruhe war aus der Kraft der
Entsagung in sie eingedrungen. Der Schmerz in der Liebe und die Trauer
hatten sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz, der sie abschlo
und vereinte. Sie war gewappnet gegen jedes Schicksal.

Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von Saint-Loux und die
mystische Kraft, mit der er ihr Leben umlagerte, mit dem sie zum ersten
Male schlief, und die seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie
zurckri in das Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lchelte. Sein
Bild schwand und verblate.

Aber in diesen Gefhlen der inneren Ruhe strmte Thengos Liebe auf sie zu.
Sie war ihr ein Sinnbild. Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes
Herz dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie ging, fast
eine Erscheinung, krperlos und doch glhend, hingegeben und verzichtend,
groen Schwingungen der Erde im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die
Dmmerung der Beete, hob die Arme nach den Bschen, seinen Namen sagend,
bei jeder Blume, die sie fr ihn schnitt.




Sr


Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut
stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin
die Frommen Milch unter die heiligen Bume und speisten Kuhzungen mit
geschenktem Mehl in den Stllen.

Es schlgt Acht von der Hhe Lidings.

Gegenber der ersten Stockholmer Schre gehen wir an Bord. Sirola und
Vehkamki rudern von der anderen Fjordseite herber.

Wir gingen hundemde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.

Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der groen Segel und bin
voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rckwrts
ist alles klar, nach dem Zuknftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier
Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Pa nach dem Balkan mu. Was kann es
mir ntzen, da ich es berlege?

Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine
Dankesschuld fr ihn abzutragen auftrgt und der durch viele
Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe
eine Mission in meinem Beruf auerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich
habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem
diese riskante Exkursion. Ich wei also genau, was ich will, wie ich immer
es wute.

In der Pupille, dem Spiegel gegenber, ist kein Nachlassen der Energie, nur
hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und
herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases
liegendes Gesicht heraufzutauchen.

Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurck.

Es gibt nichts, was mich verwirren knnte im Umkreis, Gefahr erschreckt
mich nicht. Ich hre auf zu denken und spre, wie es irgendwo in mir bebt.
Ich laufe auf und ab. Es ist hei, ich gehe im Schlafanzug hinauf, hre die
Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht mde, ich
schlief am Gelnder, bis die Mven kamen. Sirola stand schon vorne und
ftterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit
nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck
flatterten.

Abends sahen wir Leuchtfeuer ber der Ostsee und kreuzten, hrten ein
Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht
ganz erreichten und kamen sdlich von Abo auf das finnlndische Ufer.

Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.

An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen
Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen,
ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, da deutsche
Battaillone in Hang und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und
die Arbeitertruppen in Haufen erschossen htten.

Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.

Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weien
Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen ber Tammerfors bis zum Ladogasee
und den Deutschen im Sden eingeklemmt und gegen Ruland zu im Sack.

Svinhufvund erklrte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in
Abo, saen im Caf. Pltzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins
Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir
schwedische brgerliche Freischrler mit den Schafpelzuniformen in das
Lokal strzen. Wir verbargen uns.

Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und
Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte,
strammen Schritt sdlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten
viel Ernst in ihren unbekmmerten Gesichtern. Die Gule waren bs, aber wir
kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen
etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.

Gegen Morgen sahen wir die Prtten eines Dorfes. Sirola rhrte an den
Donnerkeil ber dem Eingang und stie mit dem Absatz die Tr auf. Dreckige
Leute lagen ber den Boden hin. Die Wnde schwarz vor Rauch. Ein
schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, da wir den Keil
berhrten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die
Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und brgte mit einer
Bewegung fr die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischrler
Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel
signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Htte war abgesperrt, es stank
entsetzlich.

Mittags kamen mit Gebrll Wagen und Reiter, schrieen: langen Hanf, langen
Flachs. Wir sahen durch einen Schlitz der Htte.

Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus
Freude, da die Roten zurckgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen
wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Rcke mehr und
Strmpfe ber den Schuhen.

Mit der Dmmerung rckten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter
Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark
herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem groen Gehft. Der Besitzer
streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die
Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab,
ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber
nackt, die zwei Mnner in Hemden.

Wir fuhren im Auto weiter.

Am Kymmeneflu, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung
und Brand berall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden
irregulren Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der
Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Fhrern, wir fuhren
auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nhe
einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, gefhrt von dem Lehrer
Hannes Uksila, ber eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.

Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebsch trat ein Lachshndler, der
auch Felle fhrte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.

Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen, schrie Gunnaris, der als
Nordlnder die feigen und erbrmlichen Tavastalnder des Sdens verachtete
und schlug ihm den Hut vom Kopf.

Die Percke fiel mit, es stand ein Nordlnder mit gelblichen Haaren vor
uns, und die Heuerinnen und Vogelfnger hatten Gewehre auf uns gerichtet.

Vehkamki und Sirola hatten seine Hnde gefat und schttelten sie mit
einem Singsang des Vergngens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, frher
Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte.
Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug,
auch die meinen.

Nachts ging Tokoi auf russische Erde ber die Grenze. Wir aen Speck,
Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer
Wegscheide umringt und verhaftet.

Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamki hatten keine Papiere, ich setzte
durch meine sehr guten deutschen durch, da der Brgeroffizier uns in das
Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen.
Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war
mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen wrden, falsche
Namen, falsche Route, den Zweck.

In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf
dem Schiff zuerst gesprt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir ber
jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn,
berlegte, schied aus, berging die Situation haarscharf. Aber meine Lage
wiederum strte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus
Gewordenes, was mich an die Rnder eines unbekannten Bezirkes anstie. Es
kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die
strker wurde und reifte, ohne da ich auch nur einen Hauch zu fassen
vermochte.

Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbtten die
Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa
geflohenen Senatorenregierung den krummen Rcken gesthlt und das
Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht
machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mute sich beugen vor meinem
Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich
nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das
wlfische Nagen der Zhne, die bermenschlich lange, drre, vorgebeugte
Figur.

Ich ging darber weg. Ich dachte an Siv und sprte ein glckliches Ziehen
meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.

Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und
wogte in mir, als ob hinter dem Bewutsein sich Kmpfe abspielten und
Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte
stundenlang, ganz still, aber ich fate es nicht.

Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte,
schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe
Gestalt trat ein, ich sprte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der ber
mich fiel, schon, da es Mannerheim nicht war.

Warum haben Sie kein Visum? Ich hob die Handflchen ein wenig, lie sie
auf den Schenkel langsam zurckfallen. Es war nicht ntig, die Frage
idiotisch, ich sah mich im Kreis um. Die Namen der Finnen. Ich gab die
ausgemachten Schlagworte.

Er zgerte.

Dann wies er rasch auf die Zeitung Tymies: Waren Sie nicht mit Eero
Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?

Ich zuckte die Achseln.

Zweck?, rief er barsch, verzweifelt.

Ich war khl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der
Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfllte.

Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle,
wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine
Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.

Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll
Ha, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: Der Herr
General ersucht. Ich trat durch eine Tr. Aber er empfing mich nicht, fuhr
drauen im Auto ab.

Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.

Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei
schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen
Schren, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Eker zwei
Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor
dem groen Stockholmer Hafen. Die Finnen lieen sich an den Schren
aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.

Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal Te--le--fon und deutete. Sie
winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr
sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger
Mvenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen,
das leuchtende Eingeweide Stockholms.

Siv stand eine Stunde schon am Gelnder, stahlschlank, nickte immerzu leise
herber. War die berfahrt gut?

Ich spre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa frbt
pltzlich, wie Finnland sich entfernt ber dem Rudel der Schiffe. Selbst
wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch lig und glnzend
im Silberschaum sehe, hrt alles auf, wo der Blick endet.

Wir drehen uns um, gehen Strandvgen hinauf.

Ich bin merkwrdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme
Sivs Arm. Vor der Brcke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren,
hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik
und den Fhrer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen
Stab hlt. Wir schauen und kommen hher auf den Skansen, wir riechen die
wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nstern die See. Ich schenke ihr
die weien Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik
noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr
flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwlfe, die Silberfchse, pltzlich
schweift unser Blick ber die vielen Fjorde bis dahin, wo die
schwrmerische Luft des sesten Frhlings mit der Herbe und dem nackten
Granit der Felsen zusammenprallt.

Ich verweile eine Sekunde.

Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgrden
schimmert dunkelgrn der Tau. ppig schwillt ber mir die blaue Fahne mit
dem gelben Kreuz. In Kungstrdgrden ist Musik, aus den Fischnetzen des
Mlar fallen langsam die kristallenen Tropfen.

Willst du zu Blanche?

Ein Orchester sitzt hinter den Crmegardinen.

Nein.

Wir gehen auf und ab zwischen den Bumen und den Matrosen in der Dunkelheit
und hren lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.

Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schn, bezaubernd die federnde Gre
ihrer Beine, die Linien, die im Bogen wei von den Hftanstzen ber die
Brste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.

Ich fhle nur: Auf der Ostsee fhrt irgendwo ein Dampfer. Der Expre saust
durch Smland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Br
im Skansen trumt durch die Gitter und die Sterne flirren darber kalt. Ich
fhle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben
ablst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten
Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.

Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr bers Gesicht, die Frhe
lehnt sich kaum vom Mlar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale
biegsame Krper bebt auf den Gardinen.

Zwei Tage . . .

Siv, schne Tage, weil ich an dich denke.

Kopfschttelnd: Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.

Ich bleibe zurck.

Ich fhle, da mein Leben sich ndert. Aber ich wei nicht, warum und wie.
Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.

                                * * *

Am Morgen spter kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht,
leugnete ab. Beim Frhstck las ich, da die konservativen Bltter aus
Liebe zu Deutschland mich deckten, Sozialdemokraten griff mich und
zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich
dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich
beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage,
die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des
Lachsfangs in einer nrdlichen Schre. Mannerheim und die Stockholmer
Presse erhielten das Dementi. Dagens Nyheter erlaubte sich den Scherz
meiner Vielseitigkeit spter. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein
Bursche ein tnzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter,
Erzbischof Sahlstrm, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben
mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gulen in die Politik.

Ich fhrte den blauugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.

Am Gesicht des Gesandten beim Frhstck empfand ich seinen rger: Wenn wir
auch keineswegs die militrischen Narren im Amt in Berlin sttzen . . .
mssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen? Ich hatte eine kleine grne
Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie
hin und verbeugte mich: Die Karambolage mit dem mongolischen
Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . . ich erzhlte ihm leis
einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stck zusammen, und
meiner weit ber seinen hinaus. Ich habe dem Minister des Innern zwei
Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing
mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewsser. Nach dem
Dementi? Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte:
angenommen. Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir
gingen zu anderem ber.

Es gab franzsische Kche, der Gesandte fing seinen bervollen Geist in den
entzckendsten Anekdoten und fhrte die Probleme mit anziehendem Geist in
die Form. Es scho dauernd aus ihm von Aperus, denen das Frhstck an
Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag
das Gefhl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu strzen und
sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte
ich den Plan der nchsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden
wollte und wie ich es zusammenzufhren gedachte.

Der Marineattach kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant
gebundenes Buch, das er in franzsischer Sprache frher ber deutsche
innere Politik in Paris verffentlicht hatte, schleuderte die Augen
anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.

Ich fuhr in einer Fhre nach dem Saltsjbadenbahnhof, wechselte die Oere in
ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbchse, nahm den Motor und
fuhr durch die Schren nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich
konnte ihm nur die Umrisse erklren, er dachte lange nach, grbelte und
hatte pltzlich einen khnen Plan.

Er telefonierte.

Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann
Schwedens. Er war sehr zurckhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein,
Almqvist schien sehr ungehalten, da Gunnaris ihn kompromittiert habe und
Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit
und groer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.

Ich nahm an, da Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wute
nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mitrauisch auf mich sei als auf
einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht.
Er war zornig, da Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre
eigenen Ziele berhrte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied
zwischen seinem Leben und seiner Ttigkeit leicht verwischen konnte.

Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden
muten, die ich von ihm wute. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt,
in dem er seine vielseitige Rolle spielte.

Wir fuhren, eifrig redend, in der Dmmerung zurck. Ich kannte sein nach
der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der
Frauen, anstndig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu
durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede
Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen franzsischen
Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt
gegen alle Widerstnde zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen
Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm
blieben, aus Furcht vor der verrterischen Atmosphre. Unsere Ziele
berhrten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und
niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war
bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schne Frau mit einer
hinreienden Liebenswrdigkeit.

Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich
angestrengt, zog mich in der Dmmerung um und ging zu dem
Portefeuilletrger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war.
Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus
Lund heraufgekommen, waren noch ungengend installiert, aber bereit, mir
den Abend so zu beweisen, da ich kein Stck eines gewhlten schwedischen
Mahles auch nur vermissen knnte. Man hielt bei den Staatsmnnern
Elsa-Lothringen fr die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich
sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurck und gab vor, sehr md zu
sein.

Ich ging ber zwei Pltze. Der Mond ist tief ber Stockholm geflogen, er
geht ber meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue
in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus
ihr verschwrmt und feuriger zurck. Aber ich denke nicht daran, spre es
kaum.

Um halb zwlf tritt an den Tisch der Trken ein bulgarisches Sujet, das
irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Trke gilt, kurz
darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffllig
gerade, fast entfernt voneinander auf den Sthlen, reden aber mit gesenkten
Kinnen, sicher fast lautlos.

Um dreiviertel zwlf kommt Siv.

Sie legt die groen, schlanken und harten Beine (wie die der
Stadionslufer) bereinander und schliet die Augen zum Gru. Das Haar ist
weiblond, mit l ber den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in
die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben
herunter.

Ich bin begeistert, ich fhle ber den Tisch die Frische der Haut, das
Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich
schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an
der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurck,
saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen
Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hnde, zieht den Mund kraus: Was
tatest du? Ich kann erzhlen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem
gescheitelten Haar.

Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fhle jeden Muskel sich spannen in
meinem Krper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der
Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fllt mir zu reden: Ich
will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder
gesehen, und gelesen hast, da er ein Land in China gefunden hat, Tibet,
Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten
tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um
zwlf steckten sie Feuer an vor allen Ksten.

Es interessiert Siv nicht, was ich da erzhle, sie hat die Speisekarte und
liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schne,
viele Sachen, die sie nascht und beit: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . .
Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.

Nun geht Almqvist hochmtig um alle Tische herum, nhert sich dem der
Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich mu wegsehn, das dunkle Auge
Boissonts leuchtete gegen meines.

Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich
durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster
heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie
der Bahnen, die aus den Fjords lngs der Salzkste noch in der Mainacht
schwimmen. Mir fallen Lcherlichkeiten ein, so, da, als ich Siv zum
erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im
Humlegrden, wo sie aus dem Break mir hinterm Rcken des Staatsrats winkte,
da ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behtete und
abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich ber den Teller, ich ksse ihr
die Hand, ja ich wei mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich ksse Siv die
Hand mitten im Lokal.

Da fllt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich
gleichzeitig Almqvist bei dem trkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit
auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.

Die Minister sind also, statt in die Bros, zur Nacht dem Mond und blauen
Kanlen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn
gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hnde das bichen
Schweden, um es trocken durch die europischen Wasserspiele zu tragen. Nun
sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekhlt zurck, weil ich md zu
sein log, bleibt an Sivs Gesicht hngen und lchelt.

Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glcklich, ich setze mich wieder,
ich habe im Spiegel gesehen, da das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache
aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen
Papierpfeil in Sivs Eis; da sie mit der Gabel versucht mich zu stechen,
das macht mich fast bersten vor Vergngen. Gott mge den Deutschen tausend
Gefangene am Tage geben, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es
ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bren schalt. Er wohnt in einem
Landhaus in Sturngen, wo die Mdchen abends am Kamin singen: kom hjrtans
frojd. Er hat den Strindberg, der die Theaterstcke schrieb und die schne
Tochter hat.

Doch ghnt Siv, sie kennt die Mnner nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu
drr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Trken durch das Vestibl
vorberwandern?

Da fllt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht,
Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da
sitzt Rolf, der groe Kabarettist, der Snger des mit swrmeri . . . i
. . . Siv ist voll Neugier, wir starren den groen Mann an und vertiefen
uns in ihn.

Dann lchle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist
wtend, stt den Teller ber den Tisch, sie ist sehr schn in dem
Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergngen.

Pltzlich verlt mich die Laune, ich werde khl, gemessen. Ich hebe den
Hrer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch
siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rcken zu
mir, ich sehe es in dem Nickel des Hrers, es ist seine Stimme.

Schon unterbrochen.

Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hnge ein. Wir sind
bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich
zurckgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die
Zahnschnur. Almqvist ist pltzlich an seinem Tisch nicht mehr da.

Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze
mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form
der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefhl kommt. Ich wei, wir
werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir
werden die Generale drcken, Zusammenhnge beweisen. Ich denke es klar und
khl und fhle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.

Ich bringe Siv nach Hause.

Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das
lautlos Stockholm durchstrmt. Weie Wolken ballen sich hher ber
Schlssern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fhle den Tau der
Morgendmmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.

Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die
Menschen und habe recht gehabt.

Aber ich spre irgendwo, welche Klfte mich trennen, wie ich ausgesperrt
bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die
Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darber nach, doch es verschwimmt,
whrend Sivs Gang und ihre leidenschaftlich khlen Bewegungen und die
herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.

In der Frhe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und
dunkelroten Holzhusern zur Nordsee. Ich fahre zwlf Stunden mit vielen
Menschen. Ich esse Smrgsbord, wenn der Zug hlt, an den Stationen, gehe
auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurck. Ich lese die
Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt Saisonen und beschaue die
eleganten Frauen, dse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den
Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushngen: fnfundzwanzig
Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen,
teils auf dem Rcken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile
mich mit Ma und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich
sehe einmal, als wir wieder fahren, verwhlte Kissen, Sivs hohes reines
Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es
ist kein guter Geschmack, da ich ihn ziehe, aber er amsiert mich
kstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenber sitzt der Auenminister.

Der Zug ist gefllt mit internationalen Raben, Hynen, Wlfen. Ich bin sehr
in der Lektre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am
Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.

Ich bade mich in Gteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Variet. Ich
gehe an einer hollndischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin
ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die
Almqvist mir bezeichnet hat.

Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick
starrt er offenen Mundes zur Bhne. Neben mir links ist frei. Ein
Riesenorchester hat um die Beine einer Tnzerin geknallt, nun schwenkt ein
gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen.
Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen
Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeit das Publikum in
einen Rausch. Der Kommis fhlt sich als Achse des Erdballs und grhlt,
bekommt rote Schlfen und kann kaum mehr sitzen.

Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brstung, sieht
gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. Gut, sage ich.

Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris
und Almqvist Telephongesprche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein
wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht drauen. Mit einer Kapelle
kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im
Knopfloch, mit Schildern: Friede, Klassenkampf, Brot. Krassin zittert.
Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern
schon aber deutlich. Im knallweien Licht der Laternen stehen kleine Huren
mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zhne.

Das Tor des Variets klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den
Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut
hochmtig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht
neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem
Hotel.

Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem
Adlerkopf und Glatze, Davidson schn. Krassin kommt nicht.

Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In
der ersten Wiesenhrde ben Hindus, rsten Kaffee und rauchen. Am dritten
Tor an der dritten Umzunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab,
verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostm zurck
und ben mit Geren und Steinen, whrend Lilljeqvist auf dem Buckel liegt
und raucht.

Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich errte, es wird mir warm
pltzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre
weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus,
wie ich mit Hnden in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mdchen,
die einen Reigen hin und zurck sich werfen, melodisch, mit einem
Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten
Villa stand.

Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die
Hfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. Gre meines
Bruders, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hren,
nahm den Namen auf und nickte, drckte mir noch einmal die Hand.

Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die
Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwhnte er ihn einmal, wies
einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir
hinber, wo schwarzweies Rindvieh mit praller, glnzender Haut uns dicht
umdrngte; wir fahren mit den Hnden darber, es scheint die Sonne immerzu.

Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen,
Wein und Saft.

Ich mu vielerlei denken, whrend die Tanzenden zwischen den Lichtflammen
zucken. Ich sehe die dnne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich
mu denken, da an diesen Bumen die Tragdie des Bruders begann, hier sich
sein Hirn wund rieb an den Bschen. Ich mu denken, da Floda nahe liegt,
da vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald
reitet, da der Wechsel bezahlt wird, da alles gut scheint, aber sehr
schlecht ist.

Ich liege weit zurck und sehe erschttert und traurig, und doch davon
wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer
ber das Meer hinausschwingen.

Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu
tun, ich bin beschftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie
begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die
Bagatelle beigelegt, hinausstie.

Ich denke darber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir
weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fhle es genau. Der Boden, den
er betrat, das Laub frherer Sommer, das er berhrte, verbindet mich eng
mit seinem Schicksal.

Ob er barfu durch Kalifornien luft, auf Akkord in Steinbrchen der
Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu knnen als Boy vorm
genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spre sein Leben hier, ich kann ihm
nicht helfen, ich bin unglcklich darber. Ich habe manches Unrecht an ihm
getan, fllt mir ein.

Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich
nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schn
vollenden. Ich habe die Unruhe zurckgelassen, die die erzwungene Pause mir
auferlegt. Ich fhle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst
gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag
keine Unruhe, ich bin vergngt fast, ich sitze in der Equipage und schaue
auf den Buchenwald, als sei er mein.

An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich wei sofort,
wohin ich mich zu wenden habe. Ich gre die Herrin. Sie geht anmutig ber
den Wiesenpfad, steht vor den weien Sulen des Herrenhauses, hebt die
Hand: Vlkommen.

Ich verneige mich.

Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie
sagt ein Wort: Ebba.

Es ist die Schwgerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid.
Ich sage: Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen. Die Herrin
winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurck, das Souper wird gerstet.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schner Tag. Sie trgt
ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht
die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in groer
Toilette. Neben ihr der Gatte: Vlkommen.

God dag, Sir Johnson. Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt
Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von
dem Duft um mein Hirn, jetzt hre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie
wieder im Nebel. Warum lhmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mhelos
khne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den
Kopf. Ich sage: Als Kind hatten wir denselben Hund. Ich deute auf das
Gras und mache mich lcherlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus
Zorn ber meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es whlt grausam in
mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich wei nichts mehr von
mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme s und weich.

Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir,
ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, da sie es
hren konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint strker als ich! Eine
Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tnte. Ich fhle, als risse sich die
Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.

Ein Gesicht, ein Mnnergesicht steht vor mir auf: Der Lunch.

Sie ist ganz wei, ihre Augen glnzen wei, glasig, sie hebt die Hand,
deutet, ich verneige mich tief: Mein Verlobter.

Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus
ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fhle, es schlgt
mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.

Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze
die Minute fr meinen Bruder, ich flstere: Ich bringe den Dank eines,
dessen Leben Sie gut getan. Sie winkt gtig mit den Augen ab, ich werde
ihr das nchste Mal allein erzhlen, sie lchelt.

Dann geht das Essen wie ein Rad vorber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er
sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich
nicht.

Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenber, das
macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe
Stunde nur noch, man mu sie nehmen und ausfllen so gut man kann.
Vogelschreie der Bahnen chzen aus der Dmmerung. Das Auge Ebbas geht nicht
von meinem, ich fhle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.

Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.

Havannas werden gereicht. Das Glas frbt sich dunkel. Ich bin berauscht,
als ob ich Wein in mir htte, ich habe einen guten Tag pltzlich, ich wende
mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich.
Ich habe so leicht zu reden, Dozent Lilljeqvist sage ich, Sie tun
unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist,
wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet,
der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem frheren
konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krmer . . . nein,
ich wende mich ganz herum, nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann
ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Ttung jedes Menschen ist ein
ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik.
Tod ist nicht Zhler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine
andere schne Wendung sah, als da sie zwei Tage die ganze schwedische
Presse mit Geheul gegen Deutschland vorlie und dann zurckpfiff. Und
Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, da mit hunderttausend
Kronen Entschdigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine
glnzende Lotterienummer gezogen und etwas verndert die ganze Presse der
gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank fr das Feuer
Sverker Ek . . . .

Ich setze mich tiefer zurck, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles
gesehen, ich rede immerzu: Hren Sie, wie anekdotisch dieses Regime
arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als
der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen
drften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg
nicht, khl und kaufmnnisch in den Bart -- da einmal ein Mann gekommen
sei und gefragt habe, ob er rauchen drfe und man habe gesagt: nein. Der
aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hrt: das taten
solche, die _nicht_ frugen. Man verstndigte sich unter Lachen. Stellte ein
schwedisches Torpedo zurecht, lie die Munitionskolonne beschieen, drei
Tage die Presse heulen, dann war es vorber.

Deutschland gab eine Million Weiwein dafr frei. -- -- -- O Malte
Davidson, dreiigtausend Tonnen Schmalz fr den Hunger in Deutschland, das
kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall
solchen Schicksals. Ohne ihn sen Sie in Sibirien, ich wei, er wand Ihrem
Knig manchmal den Entschlu zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es
verfluchte, da Menschen sich tten, aber weil er aus dem neutralen Lande
Essen wollte fr die skrophulsen Kinder . . .

Nein Sir, ich lchle, der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor
ber Ihren Chauffeur ohne Mtze, das ist nicht das Deutschland unserer
Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Mnner, so
sehr ich den Frieden begeistert gre, der Ihr Land beglckt. Sir Johnson,
sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, Sir Johnson,
sage ich betont und staune ber den Klang, denn ich htte nie selbst zu Siv
so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plnen
spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorsto
. . . was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fra
und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in
falschen Konservenbchsen kam. Fhlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek
und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre
Begeisterungen frit? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und
mehr gequlte Jugend mit einem siegreichen Lcheln als Trotz und Auflehnung
entgegentrgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu
haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie
haben in Schweden keine groe Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral,
Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionren, nicht Ha gegen die
Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstrae nach Ruland, das wog Euch
Erschreckten mehr als humane berlegung . . . . Im Museum liegt Euer
Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefhrlich als Rausch fr
Eure romantischen Jnglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das
letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um
auszurechnen, wer Euren grten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn,
erscho, die Feinde drauen, die kriegsmden Schweden innen? Die Narren.
Der Friede erscho ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?

Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist
mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging
verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstnde ich es besser mit
den Sinnen pltzlich wie den Tag.

Schwtzend, wie ein Seiltnzer bebend, die letzte Sekunde.

Ich erbleiche pltzlich.

Sie kann nicht gehen. Sie luft schon hin, reit ab, ich stehe auf.

Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. Es lebe das Deutschland
Ihrer Gesinnung. Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge
mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll,
wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich wei nichts anderes, mich
zu retten, da ich mich noch einmal verbeuge.

Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.

Die anderen Gste verneigen sich.

Gndige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen. Farvl, sagt sie und
nickt mit den Augen.

Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.

Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zhne in den Lippen. Ich
verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem
Blick, er ist wei, zuckt einmal.

Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht.
Welch ein fremdes Gesicht. Strbe ich jetzt, wie schn diese Wollust.

                                * * *

Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich wei noch: morgen fahre ich zu
Almqvists Schwester. Nach Sr. Dann schlafe ich ein. Ich wei nicht, wie
ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.

Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann
legte ich mich nieder.

Ich nahm den Hrer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. How do you
do?

Falsch verbunden.

Ich hnge ein. Es schellt von neuem.

C'est le portier qui parle.

Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er mge verplatzen.

Eine andere Stimme kommt, aus Nebel s und weich: Kan jag f tala med Nr.
417? Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Krper. Ich bin
Nr. 417.

Ich will die Stimme noch einmal hren, ehe ich sie fr immer verliere.

Sie wiederholt. Ich geniee es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine
Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: Ja, Frken Ebba, ich vergesse die
Bcher nicht zu senden, ich ksse die Hnde. Da geht die Leere ins
Telefon. Doch sie ist noch da, ich wei, ich spre es. Ich sehe sie dastehn
mit dem weien Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.

Doch ich darf nichts anderes sagen, ich mu es fallen lassen, wenn es mich
auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich
will keine Verwirrung in diesem Haus.

Wie unglcklich bin ich und schwach. Und doch wie getrstet. Ich ksse die
Hnde, auf Wiedersehen! rufe ich steif und hnge ein. Ich kann es nicht
hren, wenn sie den Gru wiederholt. Ich richte mich auf unter der
Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl -- und breche
zusammen: welches Glck, diese Stimme.

Erst nach dem Mittagessen kam ich in Sr an.

Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine
Welle, die Huser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend
Obstbume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.

Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten
einen Schritt zurck. Sie lchelte mit einer sich nicht entuernden
Bewegung, ihre Schnheit streng bei sich behaltend. Ich sa auf der
Klippenbalustrade vor dem kleinen Schlo. Ich frug nach ihrem Bruder, sie
wute keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein
wenig, ich mute warten. Ich unterlie nicht, ihr meine Bewunderung fr
solche Schnheit schweigend zu bezeugen.

Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte
einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich
wegzog, wenn ich die schmetternde Se der Apfelbume vor dem aufgesthlten
Dunkel der Nordsee empfand. Sie haben recht, sage ich hin, Ihre Brger
sind Hunde wie alle, gndige Frau und ich lchle schief und trotzig, aber
ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, da ich
ihren Vornamen gern wte.

Aber ich frage nicht danach. Da sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha,
meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von
Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und hre nichts wie
ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.

Auf der Klippe gegenber stehen Kinder, rufen Mur.

Sie steht auf, nimmt die grn-wei-orange-schwarze Decke von dem Teetisch,
winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den
kleinen Spitzenhosen.

Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Englnder Golf. Weie
Mnner liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand ber
die Augen und sehe lang in die glserne Blue. Ich vergesse, wo ich bin,
ich drehe mich um: Ich sah Ihr Stadthaus, gndige Frau; darf ich es sagen,
die hollndische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich
wenig ertrge, nie eine Frau damit umgbe. Ihr kristallenes blaues Auge
umfhrt mich ohne Ironie, sieht ber mich weg.

Ich empfinde, da alle lgen, da sie nicht die marmorne schnste Frau
Bohuslns ist; welche Narrheit, sondern, da sie noch nicht gelebt hat und
ihre Gefhle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.

Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist
aufgestanden, an die Mauer getreten, was kmmert mich diese Frau, die Ruhe
macht mich glcklich, berempfindsam, die Segel meiner Seele sind gro und
weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast
werde ich mitteilsam, ein Schwtzer, ich schttle mich und lache in mich
hinein.

Die Obstbume brennen ihr Wei gegen die besonnte Felswand und schwingen
sich selig ber das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht
liegen Vlker von Mven mit ausgebreiteten Flgeln im Sand. Wir sitzen und
reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, mu lachen, die Teetasse
fiel zu Boden.

Ich mu lachen, ohne es zu zeigen (wie khl und hflich ist mein Gesicht),
ich sitze mit der schnsten Frau Westschwedens ber den wiegenden Rahen
ihrer drei Segelboote, und ich sehe ber ihr hinter den Schaumriffen genau
von den in der Brise schaukelnden Kirschsten bis zu der Spitze des
Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.

Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schn ich mit
Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie
fhle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Brentanz vermag ich auf
der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor
entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwrm und Verlieben und
Spielerei schrecklich zurckverirrt? Wie weit lag das hinter mir.

Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die
se Gewalt, die mich von allem reit, mich hier einen Fremden und Kranken
und Unbeteiligten sein lt, o Gott, wie schn ist die Gewalt dieses
Schmerzes, den ich hasse.

Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie
den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll
drinnen bleiben, wir lachen, ich ksse die Hand, die es mir schenkt.

Vom Bahnhof herauf luft ein Auto.

Almqvist.

Ich gebe ihm die Hand.

Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drhte von Plnen und
Absichten und Zielen bewut und klar.

Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich vllig, nichts irrt ab.

Wir fahren in der Frhe nach Gteborg, nehmen den Russen auf, steigen in
den Dampfer.

Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert.
Als wir den uersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der
vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrsthle mit
Batterien hoch, schieen, sausen tief unter das Meer zurck.

Ich lache: Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man
in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschieen.

Da werde ich verhaftet.

In der Kajte verhrt mich der Kapitn. Er ist zu dumm, die Vorzglichkeit
meiner Papiere zu kapieren. Ich kmmre mich nicht um den Ochsen, stehe
wtend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem
Augenblick finde ich mich klar zurck, abgeschnitten liegt das Nebelhafte
von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, khn am Kopf, fhle die
Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.

Da klopft es, herein mit der Lssigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der
Kapitn erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie
eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrhkost auf dem
Kapitnsverdeck aufgetragen.

Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten
Ursteine vorbei, manche haben Huser blau und rot, andere fahren vorbei mit
singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine
verblat in gespenstische Blasen, das Panische sttzt von ihnen gegen den
von Wasserzartgrn und Segel musikalisch tief gefllten Horizont. Die
Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich
ffnet, schiet schrg zwischen den moosgrnen glatten Felsen ein dicker,
geschwngerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhrner tuten.

Um fnf Uhr legen wir an bei Marstrand.

Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, berall See. Zwei Tage
studieren wir mit den Glsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die
Lagermulden, die Badepltze, Frauenbeine, Mnnerkostme. Almqvist spricht
mit vielerlei Menschen, luft in den Garten, macht lange Gnge, schreit zum
Fenster hinaus: Halo . . . s ni sger, schickt den Hausburschen in die
kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, lt Zigaretten holen, setzt
den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein,
einmal in einem Rudel Mnner. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushngend,
wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grt, in Huser
hineinblickt, kleine Grten durchquert.

Er erfhrt sicher vieles, wenn er sich so bekmmert, er erzhlt nichts,
bringt Blumen mit, empfngt allerlei Subjekte.

Im Osten sehen wir einen groen Klngel immer am Meer, der seltsame Formen
annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die
Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung luft aus wie Tinte,
verzogen wie Rosagummi.

Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas she. Es ist die
Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich
dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.

Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schren. An der grnen Wildheit der
Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, knnte ein Herz wohl
aufschrein. Ich glaube es bestimmt.

Mittwochs kamen die Schweden, hrnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist
besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rhrte mich nicht sonderlich bei
den Vorbereitungen, prfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze
zu berschauen, ich ma meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer
in den drngenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stnde nicht ein
Ruhm ungekannter Gre und Bedeutung auf dem Spiel.

Ich sprach mit Almqvist lange ber diese Frage, die endlose Lge der
Geschichte, die uns idiotische Fhrer und geschickte Taktiker als Helden
ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhltnisse
dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lge und dmmster
Brutalitt zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Mrtyrern und
Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.

Es ist Zeit, es ist Zeit, sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom
Hausdach richtete, mit einem Stiersto das Epaulettengenie aus der
Historie zu strzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen. Er lachte
hhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Mnner in den Glsern.
Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer
Gesandtschaft und amsierten uns ber das Schachspiel, das sie miteinander
auffhrten.

Um elf Uhr gingen die weien Hosen des Auenministers vorber. In
Badekostm und Tenniskleidern begann die Brse. Alle heben die Nasen nach
seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem
Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag
geballt zurckbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel,
die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die
Atmosphre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit
zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere
staatenlos, der andere Neutraler, refraktr, krank, desertiert. Sie fluchen
auf den Auenminister, da er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den
Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten,
Telefonen.

Sie haben die Nordsee peinlich in den Nstern, es spielt sich schlechter
vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug,
alle Vergangenheit, sie lgen sich tglich an und glauben sich tglich neu,
sie sterben vor Ghnen darber. Htten sie wenigstens Frauen, es sind keine
Mondnen da.

Die Schweden klatschen in die Hnde vor Vergngen, wenn das Spiel im Sand,
von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen,
mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.

Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich fr den Kenner: wie
zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der
Wirklichkeit sind alles nur Auslnder, die sich sonnen. Alles elegante
Gentlemans, die baden und hflich sind und die Formen der Welt
respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.

Unter dieser Oberflche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:

Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen
zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger
spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Hfliches,
reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . whrend im Untergrund das
Herz anschreit: Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund. Beider
Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick
. . . wieweit die Ernhrungsfrage im Herbst der andere. In beiden
Brusttaschen Banknotenbschel! Ein bulgarischer Kalkl stellt einem
englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prgel, saust
heraus, blamiert . . . oben sind die Kpfe der beiden unberhrt, der eine
berschlgt, da er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere,
wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fngt.

Alle Kpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.

Eine trkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine
Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen.
Abschriften smtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind
bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen
haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un
. . . die Karten fluschen.

Abends ist mancher pltzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von
Ehrgeiz und Bedeutung geht ber dem gesellschaftlichen. Da klotzen die
Kpfe brutaler, stierer sich ins Weie: Kanonenprzisionen, Abordnung von
Fhrern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphre
des Edrucks gehn als Tip.

Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewiheit (wie
stehn die Nerven drben, Freund?) und Industrien schnellen gttlich hoch.
Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine
Offensivmglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknpft,
auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurckschrecken, auf siebentausend falsch
frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am
Abend als Gewiheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis,
Kupferlsungstabellen, Salvarsanschmuggel.

uerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffllig
nach, wnschen sich die Pest in den Schlund, lcheln s, duellieren sich
selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn,
Pistolendrcker, Minenexplodeure.

Am Abend gehen die weien Hosen des Auenministers am Strand zurck. Die
Blutbrse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die
Telegrammzellen auf. ber Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien,
Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kmpfen
weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. -- -- --

Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird
immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre,
wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergngt, machen Skizzen und
Notizen. Siebentausend Moslemin, knirscht Ek ironisch. Viva el Peru
rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schn ist: Happy
day, ha--a--a--ppy day -- --. When Jesus washed my sins away.

Lilljeqvist hat eine Segelmtze auf der Glatze, wir sind in bester
Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der
westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schiet der
Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern
gewlbte Schatten liegen vor einer Schre, der Wind hat nachgelassen,
traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.

Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genieende und Schne ist
aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab,
die Frauen schauen herber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die
atemblaue Seligkeit der Luft:

Ha, sagt Almqvist, was Jaurs, was Ptain, was das ganze Schachspiel
. . . Bagatellen fr Affen. Die Erde ist in den quator der Abrechnung
eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in
das Chaos. Ha . . . wie hngen die Dummen noch ungelst an ihren
Bettwrmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht
verflucht durchs Ganze. Schner Tag, Ek, se Blue, Krassin!

Aus fr uns.

Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in
verlogenen Ruschen von heute schon den Schlu. Unerbittlichkeit, i . . .
i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinbergerettet. Die Weiber mit kostbaren
Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hnde,
Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der
reizvoll die zarte Erdoberflche malt . . . betrgt Euch nicht. Der
Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hrner ein, auch die Gazellen
werden damit verrecken mssen. Putzt die Lampen auf fr andere Jagd. Ob die
Zeithrner blasen oder Frauenbeine spielen, erschpft fr diesmal die Frage
fr das Skulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir
einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.

Ha . . . ser Tag, Ek, milchweie Silberrnder in der Luft, man wird den
Schnheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich
ihn genossen. Einmal wird Schnheit die zackige, rohe Erde erlsen. Nichts
ist das aber vorderhand fr uns.

Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden
entflammen. Stdte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhgel
geknallt. Schwelgerische Sternnchte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen
nicht mehr verzcken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen
Frauenruschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Rte nur
im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gueisernen Kolben
wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem
schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterbltter der duftenden, innen
verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen ffin Europa. Die Erde
hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.

Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei
der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.

Er hrt nicht auf zu lachen, seine eleganten Hnde pressen sich immer
wieder auf die Knie, der Oberkrper schttelt sich, er kann sich nicht
fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wchst ihm vom
Kinn zu den Augen.

Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich
ablst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben
und solchen Fasern lebenden Gefhlen. Ich fhle den schicksalshaften Tenor
seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann
vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spre mich feig und kneifend,
aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ndern, ich kann ja
nicht tauschen, ich hre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit
den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.

Alles erfllt es, alles beglckt.

Ich habe die Bcher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen
beim Hndler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel.
Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am
Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.

Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen
Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu
erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen,
aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?

Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.

Wir gehen ber den Steinhgel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im
Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schren in
die Luft. Die Bojen luten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weien
Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die
Mven rennen tief nach dem Wasser zu.

Almqvist legt den Finger an den Mund.

Die Schweden schwenken ab, mit den Hnden deuten sie noch einmal nach
verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen,
entfernen sich, Steine nach Vgeln werfend.

Ich liege auf dem Hausdach.

Mit dem schrfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann
schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rcken
einer alten Badekabine, deren Dach schrg auffhrt, ich drcke mich platt
an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.

Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern
lssig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.

Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung
entfernen sich die Trken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig
stehen, die Hnde in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn
gebrstet. Pltzlich, je nher Almqvist kommt, begrt er ihn zuerst mit
einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrngen, wird er
immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird suerlich weich,
die verdellerte Stirn mit den schrgen Augen versinkt in Falten und einen
weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Mglichkeit, mit den beiden
Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der
Spionenschwrme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . .
geht in unsere Falle.

Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen
vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt ja schaugts,
schon heben sich die Beine, manche springen auf.

Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verfhrerischkeit,
es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er
unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschftstrgers gegen seine
Hfte:

Frauen, sagt er erstaunt. Sein Rcken lehnte gegen einen Strandkorb: Sie
haben wenig Frauen, meine Herren, sagt er spielerisch und zieht sie in
seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein
anderes Gesicht immer erblicke. Sie haben die kleinen Hasen mit Recht
vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt.
Welch allersestes Kompott von anderen Frauen knnten Sie auf der Klippe
servieren.

Dinieren Sie, ruft mit steifem Blick der Englnder.

Frauen, sagt Almqvist. Franzsinnen, da geht eine Welle von der Gosse
bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergngen. Gekrmmter
Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schnes Geflgel, doch man fngts nur
vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede.
Dann knnen Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Acadmie des Dames bei
jedem Essen mit ihnen vollfhren. Die Wege sind egal, solang sie so
erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken
und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil
Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhngnisvoller Irrtum, die Idioten
waren einfach die Begabteren. Wten die Schreiber sehr erlauchter Bcher,
die oft mit unmglichen Weibern leben, wieviel trchtige Instinkte es
bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie
man fhren, folgen, verlocken, zurckbleiben, lange zgern mu, dabei immer
in Siedenhe der Seelenatmosphre der Frau, wie man vorstoen, mit Ma
berwltigen, gttlich disponieren mu . . . . . . um nur das anonyme
Straenmdchen Chichette, die kleine Brgerstochter Anna zu verfhren
. . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das grte Amsement bei
ihren Bchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den
Sansculotten und fhlten sich den dem Blute viel nheren Abenteurern
wahrhaft gegenber als Nichts und Null. Franzsinnen. Ich diniere als Hors
d'oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann
kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des
Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert
wird. Doch man mu gestalterische Phantasie und viel Einflu haben, Rezepte
aus dem Augenblick saugen und die Soen genial verrhren knnen. Der
Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den
Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es fr seinen
Verdienst zufrieden, heit es nun Lutetia 4, ist's Demut, ist's Glckliche
Meerfahrt. Beschrnktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter
Souvern das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er
beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der
Franzsin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hllen von Schmutz und
Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse
jenes Blasse, ein wenig Sthnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche,
aber jedes anders berspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle,
was man lchelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des
Frauenhaften suchte.

Er hat den Blick fest in dem des Englnders.

Dinieren Sie, sagte der Englnder mit steifem Blick.

Ich diniere voll Vergngen, sagt Almqvist. Ich ziehe es vor,
Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knchel. Dninnen Austern,
feine Hften, keine groe Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man mu
Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Franzsinnen,
sie kommen ihnen am nchsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder
und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und
Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom.
Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die franzsischen
Retuschen, Parfme und Toiletteknste arbeiten. Denn ihr
Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, whrend bei
den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren,
auf Busenwarze, Fuzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich
vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in
Reinkultur der prallen Mnnlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein
wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich
Verchtliches: Logik, Strafe, Zchtigung. Wten die Frauen, die, statt
gro und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der
seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prden Bewegungen widerlich findet,
sie kaprizierten sich weniger auf Werben, Sicherringenlassen, auf
Seelenpflaumen als berraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse
zwischen Salat und Huhn. Whrend sie glauben, raffiniert zu sein, machen
sie nur abscheuliche Rezepte, rhren Ei und l und Preielbeeren an einen
und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natrlichste, ohne
Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht
als Eis, aber als Atmosphre, denn wo wre Seele nicht, wo Harmonie sich
lst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen
Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so knnen nur Dressuren sie
sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europischen Kchen
allesamt, die Art des Klopfens ist berall dieselbe, (lediglich die Nomaden
Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man
treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das
Schpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar fr ein paar Stunden.
In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebrden
Hynen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens
man mit sen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so
erstrebte Dmonie, sie sind nur komisch, meistens bs, nie gefhrlich. Dazu
sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja mnnliche Kopie ist, ihr
Bestreben mnnlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie
dabei die typische mnnliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer
reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie wrden nie Schnaps
trinken und Pfeifen rauchen, weil die Mnner in Scharen Wettlauf von ihnen
weg begnnen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie
instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und
Schicksal sein, Bestimmung und Verhngnis, kann in manchen Momenten mich um
den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und
Frauennhe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verruchert,
Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht
totkrank bei halbstndigem Tee. Mit einem Barmdchen Lilly fuhr ich bis
Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon
einmal mit Abessinierinnen gefrhstckt, Palaumdchen zwischen den Wellen
der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Kche: Milch,
Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gulen
durchs Gras reiten sehen, das sind die schnsten Frauen, gelehrig wie
Papageien fahren schnatternd den Flu mit einem herunter, whrend im Wald
es schreit und drhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den
Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder vertrgt diese
Atmosphre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das
Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch mu ich eine Warnung
hinzufgen, sich nicht zu sehr der Biskuitschnheit der Javanerinnen
hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europischer Grazie nahekommt.
Beine und Brste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist
Bluff. Sie drehen groe Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile
oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von hnlichem Filet, man kann
sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Khnheitsstunden der
Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen
sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann znden sie Zigaretten an und
gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach
zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Bste, braune Marmorschenkel
und se Hftlinien gengen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig
geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich
nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und schtig wie
Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika,
Knobloch und grnen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles,
Beien, ein Knuel, man luft auseinander, schimpft. Schne Spielerei und
immer Gets, man wendet sich bald ab, zieht Fuballspiel und Hockey vor,
welcher Sport auch reinlicher erhlt das Gemt.

Dinieren Sie, sagte der Englnder mit gehrtetem Stimmuskel. Er sa zum
Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er
zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komdie!

Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar
geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hften, Tennisbeine, dnn und zh,
ovale Kpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von
dnnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, da man sehr hohe Ereignisse mit
ihnen erreicht, da man bis an die Mondhgel und die Milchstrae schwebt,
verzckt. Doch das ist Zchtung, man erreicht es nur im auserwhlten Fall,
meine Herren, das Landlufige schlgt Sie mit Entsetzen, ein Schreck
zwischen Sentimentalitt und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht
bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der
Spree, ein nur durch sdlichen Himmel gemildertes in Mnchen. Nur
Dsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner,
franzsischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soen nicht zu
prparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht
aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche,
Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, da die pikanten
Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Wrze. International leider als
Kapitalanlage verwandt. Da von Genu nicht die Rede mehr ist, geht bei der
Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphre auch jedem,
selbst belsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verlt jeder ohne Dank,
ohne Erinnerungshauch, der kstlich noch nachschwebt aus der Morgenrte,
dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen,
die qulen, nicht passiert. Auf dem Dngerhaufen der Welt modert dies
berbleibsel, getreten in London, in Bordellen Sdfrankreichs, roh, heiser,
in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert
das Mtterliche hingegen sich zu Gte und Brille. Man steht erschrocken vor
Sympathien, die einem unertrglich sind. Auch gibt's spielerische Abarten,
Blutmischung von Polen, Prag, Elsa. Da liegen Kegel Luftschicht flsternd
um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein
Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wnschen,
Mnnerblicken und dem Weib, Lustfcherspiel aus Luft. Besonders aus dem
sterreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt,
riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht,
aber sie mchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den
Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu
langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht
Straueneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie
selten und dazu sehr gut.

Dinieren Sie, sagte der Englnder.

Asiatische Wrze in europischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur
Tafel, er zog die Englnderin herber, spielte mit ihrem Haar und bersah
den Rufer. Heit das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist
jdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das brgerliche
Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale.
Heit's aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien ber Saloniki, ist schmal,
hat kein Ghetto gehabt, zh, geistig und voll Charme. Vielleicht das
Hchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreiendsten Grazie
serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als
unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige
Gelehrte und Knstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die
herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den
Jdinnen zurckkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude.
Erotische der Ideen, Glhende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was
Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfltig, fast
primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich fr einen tten
zu lassen, Adel und Ausschweifung, Knigin und Dirnengeschwtz,
dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte -- -- das fliet
fabelhaft ineinander, man vergit diese Frauen nicht. Sie sind wenig
entdeckt, man degoutiert ihre Mnner und sieht sie nicht. Wer sie aber
erfahren hat, lt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr
Trieb ist, Freiheit geben berallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man
schlgt das Auto, etwas betrunken, mit ihr vllig in Fetzen, im Abfahren
ruft sie Sufer, du Protz, man steht eine halbe Stunde auf der Strae,
beschliet, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr,
sagt ihr's, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr
anzeigt. Es soll sogar, so vielfltig ist der Typ geschichtet, chinesische
und negerische Jdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale,
Suahelikpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung,
berweie Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis
zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nance vertreten. Asien wird uns
als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho
und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstrae und Silberhimmel sind
in ihrer Neigung zusammen, es betubt und man ist immer wieder da zu Hause.
Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den
Suppen, man will endlich einmal ber die Hors d'oevres hinaus, zu Forelle
und Fleisch. Sei es auch  la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische
Sardellen, Anchovis als Wrze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brsseler
Trauben als Frchte dazu haben. Man fhrt auf solchen Gedanken wie auf
roplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri
von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach
Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die
wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, fhrt der Liebhaber die
palstinensische Gttin, grohftig und braun, am Fock.

Dinieren Sie. Dinieren Sie, schrie der Englnder.

Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: Ich verga die Gemse Ihrer Insel,
ich bin bestrebt, ihre Lendenstcke nicht auer acht zu lassen.

Der Krper des Englnders scho an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit
dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden
ausgewichen.

In der Dmmerung lief er drei Stze.

Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine
Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewrts an das Gelnder, sie
sprangen beide hinein.

Der Abendwind ri mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am
Gelnder fiel der Englnder stumm um, hmmerte die Faust auf das Knie, tac
. . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der
Verwirrung der anderen zurck.

Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine
Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstcke fielen dauernd ber die
Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich sa
stundenlang am Fenster, wartete, sah mhlich die Nacht ber den Silberglanz
hingehen, die Dfte immer strker auf der schweigenden Insel nach oben sich
wlben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.

Um zwei Uhr kam Krassin.

Um zehn hatten sie den endlich ungestrten Boissant nach seiner Unterredung
mit den trkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betubt, in einen
hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt.
Krassin blieb zurck, ffnete, kopierte die Abmachung, lie die Kopie
zurck auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt,
unterschrieben, wie das Original.

Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinber, las
es, ging zu Bett, schlief ein.

Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der
Kste und der Insel, er hatte sogar die Mglichkeit, sich mit der
Englnderin zu unterhalten, Englishman? frug sie mitrauisch, die Hand in
Almqvists Genick.

Allright.

Sie setzte sich etwas hher, weil sie schrg lagen, sah ihm ins Gesicht.
By Jove, sie erschrak zu Tode ber das Affengesicht.

Hallo cap, hallo cap, murmelte der Franzose und stierte ins Wasser.
Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzhlte ihm, als es
ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um
Entschuldigung, indem sie ihn tatschlich wider Willen beim Wenden am Land
noch durch eine Ruderwelle bespritzten.

Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der
Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Flschung stark schon in
Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natrlich auf Almqvist.

Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen,
von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tr
war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging
zurck.

Ich kmpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es
wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit ber meine
Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und
gejagt.

Eine Abschrift war fr den mitrauischen Ludendorff nur Gelchter. Das
Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Auenposten seiner Politik im
Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren
nach London sich spitzten. Ich hatte fr das Schicksal der Monate das
wichtigste Papier, hielt es in der Hand.

Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein.
Schicksale, Menschen, Entscheidungen wlbten sich aus ihm heraus, das
Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz ffnete die Akte der folgenden
Wochen. Meine Handlung!

Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie khl, entschlossen bin ich.
Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des
Momentes schneidet alles ab, es geht weit ber die Rcksicht auf einen
Menschen.

Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg.
Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schlu.

Gegen Mittag sah ich pltzlich deutlich, da ich nur von mir aus empfand
und beschlo. Die Einstellung war zu klein. Ich schmte mich trotz dem
Stolz, der mich fllte. Ich fand mich hlich, wenig unterschieden von den
Schweinen der Spionagezentrale.

Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.

Ich berlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus
Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht
hinfllig, klein und dnn der Streit zwischen Papier und Papier? Der
Zweifel fra mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht
um.

Aber ich verstand mit einem Male, da gegen alle meine Klugheit und
Entschlossenheit Mchte aufschossen, die eine andere tragische Macht als
die helle Sicherheit meiner kleinen Plne beherrschte, und wie weggeblasen
und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.

Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.

Dann ging ich hinber, Almqvist das Original zu bringen.

Er war nicht mehr da.

Ich fahre nach Stockholm. ber mir schlft ein weihaariger Priester. Ich
habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken
steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen ber den Mlar und das
knigliche Schlo. Der Gesandte fhrt mit dem Finger ber die Tinte des
Schreibens und trommelt amsiert ber die entzckend zugezogene Falle an
seinen verbndeten Kollegen auf dem groen Karo seiner Hose, das das Knie
bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin
geschmhten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes l,
in dem sein scharfer Vorsto seltsam glitzert.

Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Hnden und den
Zwirnhandschuhen, der serviert, drauen, klopft er mir jedesmal auf den
Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr
Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl. Die Glser stoen an. Er macht
mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief bergeben
ist, wir lcheln. Noch vor dem Dessert prsentiert sich der beste Kurier,
er fhrt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat
den Brief.

Exzellenz erzhlt, wie die alte King verwechselt abends, da er von Pyjamas
sprach und Bananen versteht und das die unanstndigsten Folgen in der
Geschichte hat, zerlegt die Nancen wie den Apfel, springt begeistert nach
Mokka und Schnpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein
franzsisches Buch ber innere Politik in rotem Leder.

Ich habe es dreimal.

Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze
am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal.
Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.

Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter wei ich nichts. Bis zur
Bengstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich
ber alles zu freuen. Vielleicht gefllt mir die Gegenwart so sehr, weil
ich so wenig in ihr bin.

Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch
meine Wade hinauffhrt. Ich nehme herzlich auf, wie schn ihr herrliches
pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich fge
ihr den Stolz an, zu errten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein
bewundert, whrend ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche
der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. Willst du Rolf sehen
im Variet, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse
schreien, Musik, Siv, ich brchte dich gern zu Musik, du mut mir das
glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik. Ich will ihr Gutes
sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was
auf sie pat.

Ich sage ihr pltzlich und nun kann ich wieder lachen, da es ihr gefllt,
nun sage ich ihr lchelnd, da wir vor Hofs mit ronautischen Karten
gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine
aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt,
einer weien Stute, versteht sich, eine: Siv.

Ich fge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich fge hinzu, in den
Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schner wie
Siv?

Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.

Ich fge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die
Unwahrheit: Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen,
Siv . . . inte . . . inte . . . .

Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten
Stock. Siv ist halb entkleidet, in schnen plissierten Hosen und dnnem
Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der
Strae hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hren das weiche, flutende
Wasser.

Manchmal erzhle ich Siv. Dann sage ich manchmal: Mittags sprach Per Geyer
vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner
Expedition. In Saltsjbaden die bronzene Tr mtest du sehen, Siv, die
Heiligen sind verrckt geworden darauf, du wrdest lachen. Im Schlafwagen
fuhr ein Englnder mit mir, ein alter Herr mit guter Wsche. Wir waren
beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Sr. Ich
wei ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare
riechen, Siv.

Ich schliee die Jalousie.

Mir ist, ich trge die fremde und stille Welt, die ich in mir spre,
irgendwie ber diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinberhebe in die
weien, dmmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe
alles vorberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.

Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre groen Beine
glnzen. Sterne berall ber Stockholm. Unaufhrlicher Mvenschrei auch die
Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Hre
Kungstrdgrden brausen.

Ich schliee die Augen: Ist Mlaren nicht blau, Himmel nicht erschttert
von noch serer Blue, ist nicht Fanfare das Luten vom Turm des
Sdermalm? Ihre Haare sind weiblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie
trgt mein Krper noch auf Jahre das Glck des ihren beruhigt im Blut. Auch
dies verliert man nicht.

Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, da ich
ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, da ich sie noch einmal ganz
sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schn
gestaltet der Leib, da der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege
mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.

Es ist Unsinn, ich habe dumm getrumt, da sie an Werktagen Schuhe verkauft
in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lge gewesen, die ich
betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in
Humlegrden mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh
mit schwarzen Schnren. Ich wei es genau noch, ich belge mich sicher
nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer
von deinem Anblick.

Ich liebe Ebba, Siv, sage ich pltzlich, ich sage es nur, wenn du
schlfst. Ich wrde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im
Gedanken an dich. Du beglckst mich.

Jene ist Pein.

Ich wei, Siv, ich besa dich nie ganz, meine Freundin, auch in der
tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei
denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das
Dasein, es gibt mir keine Grenze: Stdte mit Wolken, Schiffe in Gefahr,
Hauch der Obstbume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die
unteilbare Wucht des erschtterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin
voll Sorge und Liebe fr dich, Siv . . . lebe, Siv, da Geliebtes dir fremd
bleibt, du lebst dann gut . . .

Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schlfst nur, das ruft in der Nacht.
Das pret die Hnde vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt
lautlos die Hnde. Das reit tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein
leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe
sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.

Du bist schner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie
vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber
sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Gerusch; dein Atem bringt sie, das
Auto, das auf Engelbrechtsgatan sthnt, der Mond, der Stockholm berfliegt,
das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrstrm . . . deine Haut selbst,
die atmet -- -- -- alles, besinnungslos dasselbe.

Schlafe weiter, Siv, hre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.

Ich rede noch auf der Treppe, ich wrde tagelang reden, wenn Siv so lange
schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr
gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.

Schon bin ich Stunden entfernt. stergtland . . . Smland mit Wldern
. . . Skne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft
war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder
als Ministerstochter auf rosanen Rdern durch die Parks gefahren, wie ist
das eine so gleichgltig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in
einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rhrend und vollendet weggewandelt
aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergrndlicher
Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blsse schon unbedingter dann
hinbergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verfhrerisch und bis
zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene
unergrndlichen Pas tanzend, die unvergelich betuben.

Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straen voll betrunkener
Studenten. Ich drcke im Hotelzimmer gegen die Seitentr, sechs Koffer
fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett
springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Strauenei, die
kleinen berlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein
esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.

Mir ist, als schwebe alles zart und gefgig wie in einem glsernen
Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemhe mich lange, mich zu entschuldigen um
die Strung, um das Miverstndnis. Die selbstverstndlichsten Dinge
bedrfen eines Eingehens heute.

Ich ziehe mich langsam zurck.

Fahre in der Frhe nach Barsebck.

                                * * *

Ich wohne Barsebckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe
Stunde vom Hafen Barsebckham und dem Bad Barsebcksaltsjbaden. Ich wohne
bei Jns Holgerson.

Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich wei nicht,
warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine grte Sehnsucht gelungen
ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der
Tiefe und ich kann es kaum zurckwerfen, so tief und reif ist es. Ich
frchte mich vor mir.

Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und
ahnungshafte Flaute in mir. Ich wei. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut
steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer ber mir.

Nachts kommt Jns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre lhosen
an, er hupft auf einem Bein vor Vergngen und schlgt die Faust auf die
flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, berall paddeln die
Ruder.

In der Dmmerung ist Jns verstrt, ich bemhe mich, ihn zu trsten wegen
der Frau, allein er grbelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den
Grund. Jns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht ber die
Wurzeln der Ereignisse.

In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei
wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld
nachts. Er wei dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen
brdet ihn schwer, er schttelt den Kopf.

Wir ziehen alle aus allen Krften hoch, stemmen uns nach rckwrts und
winden die Garne auf.

Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen
schlagen. Der stille abseitige Strand wird pltzlich in Licht getaucht, ein
Horn tutet dreimal leis herber.

Zelte von Kufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknppelt mit
Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen
abziehenden Wagen.

Am fnften Tage kommt von Barsebcksaltsjbaden der Bote herauf mit meiner
Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die
Zahlen 3 -- 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.

Der Gesandte schreibt, da der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht
trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschchtert. Gut.
Dies war umsonst.

Berhrt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht
mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich wei, auf
diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie,
berzeugungsknste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen,
auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir mssen
uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind
dumm und klein.

Gunnaris und Vehkamki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen
via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr,
seit und solang in Potsdam ein preuischer Prinz auf die singenden Vokale
dieses Landes gedrillt wird.

Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem
Tag von Marstrand, sein eines Leben lste sich mit einer arithmetischen
Przision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber
mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.

Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, da man
mich nicht ausweist, da man mir aber ein Agrment verweigern wird in
Zukunft, Schweden wird nicht mehr wnschen, da ich einreise.

Das ist der Schlu.

Ich lchle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles
schlgt mich nicht, das macht mich nur fester.

Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund
herbergekommen ist. Er fhrt dann weiter nach Christiania durch die
Schren. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und
zuverlssig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.

Von Schlo Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederstrm hinter Bjerred her, wir
singen mit den Mcken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth,
Kallskol, Punsch.

Er fhrt acht Tage vor mir nach Deutschland, fahren Sie wohl, sage ich
und drehe mich in die Blue, ich drehe mich tief in die Blue und vergesse
zu singen, er stt mir in die Rippen.

Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den
Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.

Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlngelnden Welle
nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht gro, nicht
strmisch, ich liebe es nur.

Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle
Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine
zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf
Dunkelblau, Basalt mit einem weien ovalen Ring, purpurviolett schraffiert,
gekrnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit
Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bndern.

Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie
die Muscheln gemacht, oval und handgro. Nehme ich sie heraus, erlschen
sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berhren. Ich schaue sie nur durch
das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien
ist ein fabelhaftes Geglnz.

Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend.
Wie liebe ich die Steine, wie beschftige ich mich lange und heftig mit
ihnen.

Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurck, whrend ich
noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fllt
die Dmmerung herunter, es verliert sich jeder Umri, man kann nicht einmal
rufen, so allein ist es.

Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz
legt Dmme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und
Brombeer. Ich schaue lange zu, er fhrt den Spaten lssig und fest, seine
Hand ist weniger braun wie die meine.

Die Blue ber dem Meer steigt immer hher und ser. Ich fange an zu
blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es
ist der Kuckucksruf.

Auf einer Erle hinter Barsebckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich
spter langsam an, vom Meer am besten her, da glnzt der Baum wie ein
Signal, wenn die Bltter sich drehen von der Brise und die zinnweien
Unterseiten wirbeln. Die Strchin sieht gromtig zu, wenn eine Wolke
Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie berreste
herunter und schnattert bsartig, sie liebt mich nicht.

Ich fahre langsam wieder hinaus.

Jns Holgerson erzhlt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt
vom Bauch erlst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer
und Esse arbeiten lie. Es ist sehr lang, dieser Erzhlung zu folgen, sie
hatten einen Vertrag gemacht und es war unmglich, diesen Holgerson zu
strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es
erzhlt.

Am Abend ist Gets, weil Marye Eyllenkrok die Khe dreimal gemolken hat,
wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im
Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor
Wut.

Als er auer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: Sakramentskade fan.
Sofort sinkt sie wieder zusammen, hrt auf zu fluchen, steckt die Hand in
den Mund vor Schreck.

Adelkranz nmlich steht im Fenster, hrt nicht auf zu donnern, wirft einen
Blumenstock herber: Jdrans . . . karibel . . . . . . frbannade djrne
. . . .

Sie hebt die Rcke hoch ber die Schenkel und luft vor Schreck so an den
Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und
ich, wir rauchen beide, ich ffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich
znde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit,
ich wei nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewut.
Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang,
jedem Fleck. Um mich blaue Maliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut
und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke
ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfllte Sachen,
ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten
Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn frher nie gekannt,
ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stck an meinem
Verstndnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite
gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung
leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht
von den Menschen wendet und es gegen sie verhllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so
genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache
sein Leben mir zu eigen, ich erlebe _sein_ Leben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt
von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und
Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag,
ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie
Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nhren, obwohl das Fleisch sehr
billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie
nicht verdienen, aber ich mu es manchmal; so habe ich nicht viele und ich
habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen
entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der
anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus
im Mund und schreit: Hast du ein Streichholz, John?

Ich gehe wortlos an ihm vorber, ich sehe ihn nicht an, ich wei nicht, ob
er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich wei nichts von ihm, er ist schon
vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont
schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer,
fngt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der
Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Bffelmist und mache mir ein neues
Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh,
und mich ein Husten gefat hat, da ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in
die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe
viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewlzten grauen Steppen
Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffskche und Vagabunden und
Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen
Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: Y tu
compagnero?

Aber ich habe keinen Gefhrten: Ich schttle den Kopf. Sie starren mich an:
Verrckt. Ich gehe weiter.

Ich liebe es so -- -- --

Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn
jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Trfe ich ihn wieder,
ich knnte ihm alles sagen von ihm.

Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.

Fllt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich bersehe.

Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und
den Krutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit
Eidechsen und Grillen.

Wenn die kleinen Zangenkfer die Schnecken angreifen, laure ich
stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch
Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurckzieht, die
wtende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe
ihn die Zangen einbeien in den Kalk des Gehuses, ich sehe ihn ermatten
und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehuses eine
Ldierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte
berrascht und zersbelt.

Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen
sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehre
dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich
erfahre es so seltsam, ich gehre dazu.

Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten
Gtern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kmmert
es mich.

Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich ffnen, wie sie
sich schlieen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen
die giftigen Rckenflossen aus der Flut heben.

Ich wei dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.

Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der
Abreise nach Abo mich berfallen. Sie kommt jedesmal strker, ich ertrage
sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe
alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.

Ich gehe hinunter nach Barsebcksaltsjbaden, es ist keine Pause, kein Halt
in mir, ich htte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schne spektrale
Quallen in den Fjorden, wie gern htte ich mich ihnen noch gewidmet, htte
Heringe gefangen, htte mit den Steinen mich eingelassen.

Mein Pa ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit,
ich mu zum Balkan, sofort, ich wei nicht warum.

Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er bertrifft die anderen, er ist
aus Blau und Grn und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin
nach Barsebcksaltsjbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst
Cederstrm, er ist bereit, es pat gerade, er kommt am nchsten Morgen.

Wir lassen am nchsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln,
eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken drauen mit
Adelkranz und Jns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der
weiesten Frhe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit luten, sind
wir schon tief im Gesang.

Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. Es lebe Mannerheim, es lebe
. . . der General Mannerheim, rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er
kennt den Namen nicht.

Aber Adelkranz speit aus und Cederstrm kann sich nicht halten vor Lachen.
Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fllt Holgerson und zerreit im Wasser
Adelkranz' Netz.

Wir kehren zurck und begren aufgerichtet im Kutter die Kste, indem wir
die Deckel der Bowlengefe aneinanderschlagen, wir ben uns ein und kommen
in einen schnen Takt.

Am Strand geben wir einer von Jns Khen Kallskol zu trinken und spannen
sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebckby,
Cederstrm liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und
skandiert mit den Hnden, und alle Kinder hinter uns her.

Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.

Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs
nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber
ich suche es auszugleichen, Cederstrm will, nachdem wir ein Rondell
umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das
wir hereinkamen.

Ich pfeife einem Grtner, und er nimmt die Kuh am Horn und fhrt uns an die
Hintertreppe des Schlosses.

Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel,
stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder
Cederstrms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir
sind nicht sehr gut auf den Fen. Nicht, da wir es spren oder frchten,
es she jemand, das ist unmglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.

Wir kommen nur im Reden in immer grere Erregung, wir treten ans Fenster,
da rckt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron
Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.

Wir stehen auf der Terrasse und begren sie, machen tiefe Verbeugungen,
erschpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.

God dag, rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurck, hole
ein Schallrohr und rufe, whrend sie die groe Freitreppe heraufsteigen:
Vlkommen. Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie
in meinem Leben, ich lchle innerlich, ich wei sehr gut, da ich in
Borgeby bin, aber wer wei, vielleicht bin ich doch in Floda und gre
Ebbas Brutigam, gre ihn nochmals.

Cederstrm schlgt mir in den Rcken, sein Bart steilt sich vor Lachen im
Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull
auf die Schultern, Sie haben einen Kopf wie ein Strauenei, sage ich ihm.

Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er
beginnt auf der Treppe zu erzhlen, wir bleiben alle stehen, er erzhlt,
da ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer
Freundin ber die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, tglich ber
einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche
Verwechselung und am Schlu der Geschichte sa Uxkull nach Jahren das Vieh
gelegentlich tot, es war nicht unamsant, aber wir verbrachten eine
Viertelstunde darber auf der Treppe und bckten uns vor Vergngen, und
Cederstrms Diener bckten sich mit.

Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich wei genau,
da ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe
ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:

God dag, schne Frau, glcklich Cederstrms Gattin zu sein, ich gre Sie
ehrfurchtsvoll.

Vlkommen i Borgeby.

Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: Auf solchem
Schlo zu wohnen, welches Glck, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag
des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, lie er
Erde erobern, soweit Hrner bliesen. Lagen nicht Dnen einmal davor,
steckten Schwnze der Sperlinge an, setzten zwei Flgel in Brand . . . ,
wir knnen nicht mehr lange das anhren, wir mssen unterbrechen, wir sind
sehr hungrig geworden.

Ich fhre die Herrin zum Esaal, riesengro. Sie weist auf den Tisch in der
Ecke.

Ich verbeuge mich, ich bersehe ihn, ich bin erstaunt und lchle: der beste
Smrgsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, gerucherter Aal,
fnf Bchsen Fische, verschieden gewrzt, Krabben, gebackene Wurst,
Krebsschwnze in Mayonnaise, gerucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in
Terrine, Hummer, Brenschinken, lsardinen, junge Krhen als Ragout,
gebackene Klops, gerucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate,
kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst fhre ich die
Herrin zu Tisch.

Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederstrms Nichte, wie
ein Tautropfen zart, ich gre sie.

Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederstrm hlt vier
Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Mrchen von Andersen
herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wre nicht hflich, aber ich frage
nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.

Da spricht er wieder, und nun mssen Cederstrm und ich ihn unterbrechen,
nun redet er von den abgeschnittenen Brsten der Ehebrecherinnen und ich
sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.

Sie mssen, sage ich, Baron, Sie mssen Ihren esthnischen Diener, der
uns im Hotel den Himbeer in den Tee go, beauftragen, mir ein Tuch zum
Schuhsack zu nhen, ich bringe es sonst nicht ber die Grenze, es fllt mir
ein unwillkrlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schne
Frau schenkte es mir in Bohusln.

Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brderschaft
mit Cederstrm.

Ja, ich will Brderschaft mit dir trinken, Ernst Cederstrm, denn du
liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.

Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer lngere
Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem
Cederstrmschen Silber.

Lilian schwebt als ewiges Lcheln zwischen den kreuzenden Glsern, wir sind
bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.

Der junge Mann aus Helsingborg fhlt, da es an ihm ist, aus Schweigen und
Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.

Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederstrm trumt. Ich denke an
Angermanland, mir fllt ein, ich liebe Lappland, ich mchte in Erdhtten
den Winter verbringen, dalarnische Tchter bestaunen, den glhenden Mond,
kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fllt sehr viel ein, ich
denke nicht daran, da ich nicht mehr erwnscht bin als Einreisender in
Schweden, ich berschlage es rasch, warum daran denken.

Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe
Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.

Chopin schwingt ab.

Eine Pause, ein Diener luft.

Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flstert uns zu.
Die Saaltren ffnen sich weit, die Pchter Cederstrms erscheinen mit dem
Pfarrer, schlanke Mnner fllen die Sle, sie haben die blonden Haare aus
dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzge und ihre Frauen sind
blond, anstndig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen
sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Sthle der Halle an die Wnde.

Das Konzert fhrt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.

Der Kupferschdel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den
Spieler, sagt ihm den Dank, er hlt uns fr einen deutschen Zirkus und
spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht,
um ihn nicht zu krnken.

Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die
Blumen dem Generalpchter, der Geburtstag hat.

Wieder Konzert.

Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer trumerischen Flamme.
Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt
ihre Tnung.

Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische
Wandervgel rufen Cederstrms Namen. Man tut sie in die Seitenflgel, man
zeige ihnen spter das Schlo.

Der Abend steht noch rotbla mit der Pfirsichblte unserer Etde. Wir gehen
die Treppe langsam und majesttisch hinunter in den Park.

Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.

Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln
bereit?

Fest in Borgeby.

Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel,
der khl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwrme schreiender Raben in
der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschnem
Vieh in schwarz und wei. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo
manches noch blht.

Ich bleibe zurck einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein
Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand ber dem Rasen: Du kalter
Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.

Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys
jahrhundertalten Apfelgarten, die Stmme sind nicht sehr hoch, aber die
Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulsen, das
mich beschftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.

Die Dmmerung schwebt durch die Eichen. Zeigt den Wandervgeln das
Schlo߫, ruft Cederstrm von der Mauer. Lilian, gib ihnen ein Schreiben
mit fr alle Schlsser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen
Abend heiter. Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des
Tags glht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederstrm bringen sie aus,
dann schauen sie in die Hhe.

Lilian schttet vom Turm Krbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr
schn.

Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fhle den Sturm in mir wie
Reinigung, Skl rufe ich, Cederstrm, wie frei ich atme, ich liebe die
ozeanische Luft.

Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.

Nun fllt der Tanz.

Lilian schwimmt madonnig geneigt in groen von ihrer Sanftheit erfllten
Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens
mitten durch die Ebene der Nacht.

Nun flackern alle Lichter, nun ber dem Strahl der Pan, der Sturm am
Klavier: nun tanzt Ernst Cederstrm allein, in lederner rmelweste, den
Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verfhrer
. . . er macht eine groe Wendung, er springt durch das Fenster, er grt
herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster,
wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter
dem Arm im Sprung heruntergebracht.

Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederstrm, sie gehen
mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewlbe.

Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spre es pltzlich mit einem
zrtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Khlung durch die Boskette.
Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo
hinter Windmhlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die
Ostsee.

Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns
sagen, ich wei, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne da
sie es hrt:

Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so trumerisch. Ein
Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Krper Musik kommt.
Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind
schon viel zu schwer geworden fr Ihre glserne Sanftheit.

Ich wei nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig
macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tchtig getrunken,
vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzckung, ich
steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger
Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederstrm um den Hals und ziehe
ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.

Ich fange an, ihm von Siv zu erzhlen:

Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederstrm. Strandvgen,
leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weinacht,
das granitne Meergebi erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lcheln.
Shst du ihre Beine, Cederstrm, du wrdest zittern wie ein Hund in deinem
Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem
Fenster. Nein, Cederstrm, sonst wollte ich dir nichts erzhlen, dies ist
alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.

Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun
unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns
in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederstrm.

Dann marschieren wir ber die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den
Gebuden des Generalpchters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpchterin
hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim
Konzert am Mittag um einen Tisch.

Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zpfen geben, sie ist
meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer
tiefer, man hat ein groes Mahl uns bereitet mit groen Zeremonien.

Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es
ist nicht richtig, da ich ihr zutrinke, ich verstoe gegen die Sitte, aber
ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.

Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schnes,
festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer,
im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich trste sie.

Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich htte einmal versuchen
wollen, eine Bremse in die europische Politik zu legen, ich htte sie fest
in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwrmerisch, es sei nicht
soviel wert wie eine Rbe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versumtes
zurck.

Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: Baron, Sie fallen von der
Stange, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich
hmisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.

Tcher liegen bis hinber zum Schlo.

Polonse.

Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederstrm. Kerzenschein umgibt uns durch den
Park ber den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlschbar
auf.

Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich hre einmal, es schlgt
vier Uhr, aber es schlgt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bume,
was gehen mich die Klnge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.

In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frhe kommt mit Gartenduft und
Rosa aus den Bschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend
danach die flaumenweiche Morgenluft.

Pltzlich steht eine Sule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlgt die
Schleifen: Der Diener Cederstrms.

Er meldet die Equipage.

Er hat blanke Knpfe bis zum Fu, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch
einmal die Equipage.

Das reit uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren
dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fnf Uhr des Morgens, ich
vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versumen, wir
steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.

Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skne im Morgen, dunkelgrne
Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gule scharren. Immer noch
Krhenschlacht ber den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine
Luft.

Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks
ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit
Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:

Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skne, sie zischen um
Borgeby, sage ich. Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.

Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:

Baron, heute fhrt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und
Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben,
welches Leben, Baron.

Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um
uns getaut.

Fldje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.

Malm, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.

Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind
noch recht betrunken, es legt sich langsam, whrend das Schiff schon fhrt.

                                * * *

Wir werden langsam nchtern auf dem Schiff. Das Schiff fhrt mitten in den
Wind hinein, ich glaube, da das uns khlt.

Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Kste verblat immer mehr, ein
Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Ksten, der
Horizont wlbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen
mit dem Schiff auf der obersten Wlbung wie ein Knauf.

Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger
surrt nach ihm, wir gehen frhstcken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal,
wir sind aber keineswegs mde, Cederstrm hat schwere Augen, es hat einen
anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann
so rasch nicht enden.

Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen
immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.

Da schieen Hagelwolken herauf, der Frhling klatscht ins Wasser, wo ist
unser frher Sommer mit einem Male? Es wird strmisch und spritzt herauf
bis zur Takelung.

In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der
Mondbewegung ber Borgeby vorber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist
zu kalt, es hagelt in Schloen, die Wolken binden sich in die Schorne und
beschieen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den
Schwnen und dem sknischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das
Gesicht in die Schloen.

Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwrzer, Cederstrm bleibt zurck,
er schaut wie ein Vieh und will in die Kajte, ich halte ihn nicht, soll er
ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.

Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe
die Kmme der Wogen an, sehe die Mven zurckschieen berall von dem Meer
zu der schwedischen Kste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm.
Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die
schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weie Krone
aufbricht, die sich heraufschmeit.

Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe
oben nur manchmal das Auge des Kapitns, es ist grau und ironisch.

Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu,
ich fhle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen
so glcklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem
Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren mu, da mich das Schiff nicht
abkippt.

Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen
einen Bndel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist,
entfaltet er sich mchtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht
knatternd.

In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rgens stehen
vor uns, sie stehen so dicht und wei, da sie zuerst blenden; als ich die
Augen wieder ffne, schreit jemand:

Die Grenze.

Ich lchle, die berfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter
Mittag taucht mit Rgen auf, ich znde eine Zigarette an, und lchle in
mich hinein.

Pltzlich reit es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hnde
irgendwohin pressen, ich wei nicht wohin.

Da macht sich der Mund auf, weit.

Ich schreie.

Ich sehe in dem Schrei.

Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt nher, die
Grenze lockt und schlingt. Ich suche Cederstrm, wo bist du, mein Bruder?
Ich kann nichts mehr sehen, verhngnisvoller Irrtum mein Bruder Cederstrm,
ich habe umsonst gelebt.

Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Gelnder, meine Lippe hngt
herunter, ich starre auf das Meer.

Aus dem Meer wchst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es ttet
mich, ich reie die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders,
o wie ich verblute.

Aus dem Meer wchst Sr, die Obstbume schmettern das Blhen gegen den
Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: Mur.
Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spre jede Linie, ich rieche ihren
Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich wei ihren
Vornamen nicht, immer noch nicht.

Meine Hnde gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr ber den Krper.
Ich laufe weg, ich suche Cederstrm. Ich finde die Kabine nicht, ich wei
gar nicht, wohin er sich zurckzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer
allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das
Meer nicht, was soll ich das Meer beschauen?

Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Englnder, die Golf spielen, es
gibt keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen
weigekleidete Mnner, das Blau der Nordsee wiegt die weie sthlerne
Melodie der Blten.

Ich will nicht wissen, da Ihre Brger Elende sind wie alle, schne Frau,
sage ich lchelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit
einem groen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mchtig
und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem
allem, die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn
gebeugt.

Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.

Wie liebte ich diese Frau und wute es nicht.

Die Grenze rckt nher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz
unten am Heck Cederstrm. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht
bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich hre, ich stammele: keine
Hilfe von dir, mein Bruder?, nimm meinen Pa, Cederstrm, la mir den
deinen, la mir die Rckkehr.

Ich mu nach Bohusln, ich kann dir nicht sagen, warum dies so pltzlich,
es geht um mein Leben.

Du kommst mit meinem Pa auch nach Deutschland, du bekommst einen anderen
auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurck nach Schweden,
hr mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.

Ich hatte Siv, Cederstrm, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba,
welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich
alles, es ist zu spt. Ich hatte noch eine Frau, ich htte es nie gesagt,
ich sage es in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederstrm, ich
bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist
nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte
mich nicht.

Ich kam lchelnd nach Sr, mein Bruder, ich sa einen Tag vor dem
marmornen Lcheln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir
gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlgt sie mich entzwei.

O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederstrm, die
tdlichen Gre beim Abschied in Sr, ich sah sie nicht, es ist zu spt
jetzt.

Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewut . . . . . .

Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederstrm nicht mehr, vielleicht
hat er nie am Gelnder gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es
schiebt sich zuviel ineinander.

Die Sonne fngt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne
brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.

Ich ringe die Hnde.

Es kommen Passagiere. Die Grenze rckt nher, ich bin am Zerspringen, im
Hals ist eine Starre, htte ich nur wenigstens Atem.

Die Adern der Augen tun mir so weh, da ich zu weinen beginne, ohne da ich
es will.

Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich
schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar
nicht darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich wei nicht, warum.

Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.

Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es bengstigt mich
nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es
nicht sehen, aber ich wei es, ich fhle es, es ist da.

Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb,
zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr
besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich,
mein Himmel, aber ich bin kaput.

Doch bin ich frhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun
eins seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das,
was blieb).

Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen hei griff, immer war mir,
ich mchte lieber rcklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken
wandern sehen mit ihren schnen fliegenden Schatten. Ich spre das genau,
ich habe das immer empfunden, in jedem Tag der Geschfte, im Traum, im
Schlaf.

Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im
Streit sein, aber mute ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich
das kostet?

Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich
habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.

Wie bitter ist mir unter den Menschen.

Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern
zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich
setze das Bein, da die Hose gut gekantet darum schwingt.

Ich lchle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur
ein wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.

Ich lchle vor mich hin, ich werde in keine Wste gehen, ich habe mich
nicht verndert, ich fahre mit Auftrgen zum Balkan, ich fhre sie aus. Ich
werde mich keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele
verstndig, nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das
konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht ndern, das nderte sich gar
sehr von selbst.

Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorber, wie
leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemht, ich
liebte Gefahren, war anstndig, auch ohne mich innerlich darum zu mhen.

Wie sehr bin ich gedemtigt. Wie eitel und gering strzt das meiste von
frher.

Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdstert, der alles
wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht ber mich.

Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da
werde ich noch einmal schwach.

Ich sehe Cederstrm nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst
langsam, dann strze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor
allen Passagieren:

Dein Pa, Cederstrm, Dein Pa, mein Bruder.

Ich sehe auf, mein Bruder Cederstrm wankt, ich sehe sein Auge, er ist
betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lchle wieder. So soll es sein.

Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mifall
war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der
Orangenschale ausgeglitscht.

Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es
mir an?

Ich zahle alles damit ab.

Ich be jeden Tau, der mich in Barsebck erfreute. Ich be die Vgel, die
mir eine Lust sind zu hren. Ich be meine graden Glieder. Und da, wenn
Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll
war. Ich be alle Tage mit Frauen und meine schnen Jugendjahre. Auch da
ich glubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich be mich selbst, wer
kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.

Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne,
die ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles ben kann.

O Gott, wie vieles mu ich heute ber mich denken, ich bin es nicht
gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was
sich anschwemmt an den Ufern. Ich fasse an die Schlfe, ich ertrage es
kaum.

Ich schttle Cederstrm, fhre ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf
die Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:

Habe ich keine Zhne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen,
verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich:
waren diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel
im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreiend schner Gedanke in solcher
Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederstrm: die Pomade ihres Haares.

Wenn ich sterbe aber, Cederstrm, gibt es nur einen Gedanken von heut ab:
wie habe ich diese Frau geliebt und wute es nicht.

Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederstrm
nicht halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er
stammelt: Pomade; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.

Ich lasse ihn fallen, er fllt auf die Rolle, er schlgt sich den Kopf auf,
ich kann es nicht ndern, ich schaue immer nach dem Meer.

Ich fange aber pltzlich an, atemlos zu laufen.

Der Kapitn kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfu mit
Seilen und Tauen. Die Pfhle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben
Gegendampf und drehen uns.

Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den sterreichischen
Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cppi. Ich hre die Fahne ber mir
knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hrner, die Ventile ffnen sich, das
Schiff knirscht und sthnt.

Ich komme ber Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich
sehe Cederstrm fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne
vorbei.

Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schliee den gelben
Koffer auf, reie die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron
Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fllt heraus, ich achte es
nicht. Ich schliee zu, ich hebe mich schwerfllig am Gelnder.

Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reie die Nhte auf,
ich hebe mich breit in der Hhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen,
immer in die Luft.

Dann fhre ich das Tuch ber mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein.
Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.

Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Kste.




Frauen


Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, mde der
Herzen, die verfhren und peinigen. Die groen Nebelwolken, die mit Sausen
wie Batterien angefahren, haben die Kste verdet. Man hat die Nebel
zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den Himmel
spannt, mit unaufhrlicher glcklicher Monotonie. Die Dunkelheit des
Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und
in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit,
jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten,
Reibenden, all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer
Traurigkeit, die man grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen
unbeschreiblichen Glanz der Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie
eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dnen
haben den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum
einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Hnden.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weien Grey Lad. Man
birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich
dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des Windes
hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht hat
sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an
das Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dmpft das
erlschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und
verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt ber die
schrgen Glser der Tren und, hinaustretend, berfllt ihr Wesen einem,
wie ein Nebel durchdringt sie das Blut, unerschpflich. Es saugt einem
voll, grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist bla
geworden. Die Dnen zittern fltenhaft erregt: man geht von neuem aus der
Einsamkeit hinaus.

Man lt den Tiefsinn zurck. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den
kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfllten. Was war es?:
Glck.

Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor
Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.

Aber Kerstin zu sehen nur, welch schne und bittere Verfhrung!

                                * * *

In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die
schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern ber den Bodensee
geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner
Verborgenheit auf Mnner um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen
lang und zrtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen
hinberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den
Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth
kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich
voneinander gelst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz
mitten auf die Brust.

Ich qulte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre
Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben
teilte. Ich begann zu leiden. Zurck? Wozu in die Traurigkeiten, die
verbittern mit Einsamkeit?

Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entznden mit
einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und
berschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.

Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins
Gebirge, fuhr an das Schlo, sie war verreist fr eine Tour. Man erwartete
sie. In der Dmmerung lie ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich lie den
Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu
fahren, die Glocken schellten.

Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen.
Die berschne Schlankheit der Hnde und das fiebrige Feuer der groen
ruhelosen Augen schienen den Knabenkrper mehr in den Ruf des Erlschens zu
ziehen als in das Muskelgekrach.

Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und
nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und fhrte
ihm Luft zu, whrend der Saal in Erwartung der Schlge chzte. Whrend der
Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der
kleine Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut
nahm und niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebumt. Grey Lad
preschte davor mit Kerstin.

Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber whrend Frauen
auf den Sthlen dem Neger zuschrien, die Mnner wteten, Bauernburschen die
Tirolerhte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm,
lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube
erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Khle der Frau neben mir.

Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp ber die Felder
zurck. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwlen
Ekstase des Saales mit einer berlegenen Deutlichkeit und einem gewissen
hochmtigen Lcheln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen
des Verzichtes frher als alle durchstoen und von der in ihr reisenden
Nhe des Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte,
obwohl sie nichts floh.

Das Verzckte war hinter ihr in schwrmerischen Bgen abgeschnitten. Sie
hatte jene Gre, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von
dem Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betubung strzte. Sondern sie
lie, allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und
unbegehrt, vorberflieen, whrend ihr Mund in schmerzhafter Blsse nicht
zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedmpft, wenn sie gtig nickte!
Welcher Sprung, im Ha, federte und ward nicht getan!

Ich neige mich ber ihre Hand.

Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht
nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit
entfernt, ber mein Zugewandtsein.

Ihr Leben beginnt ber meinen Horizont zu laufen, ruhig und gtig, ohne
deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne
entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.

Damit ist mein Leben eingezeichnet.

Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem
Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es
hat in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer
durchschaut das Schicksal? Vielleicht wei ich es, wenn mein Blut langsam
rinnt und meine blonden Haare so hell geworden sind, da das Urteil bis an
die Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man mu sich unterwerfen.
Stolz ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon
hinein in sein Schicksal.

Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum
Anstarrn. Der Kreis ffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die
Leidenschaften, die hineinreien in ihren Bann und entznden und verzehren.
Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwrmerisch wie Vgel
auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung.
Welche Woche!

Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzgen Venus und
Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendrte
den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die
Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner
Bewegung? Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre
Rasse aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad
auf der Lippe gesprt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die
seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle
huldigend auf diese schne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet?
Schossen wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im
Rodel, durch die Kurven auf den Hften hinunter uns wiegend wie im
Liebesspiel?

Welche Woche, Lil Pax, whrend Sie lagen! prall, festgefllt, aufgestubt.
Wie bunt. Doch was ist es am Ende?

Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um
Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.

Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der
Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung
der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mhnen folgen. Es gibt keine
Frage darber. Das ist Bestimmung.

Ich sehe Margit. Ihr Hund heit Lorm. Ihr Lied O Dolly. Ihr Herz ist voll
von schnen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen
Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnrten Offizieren, von Pr-Catlan,
von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von
Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schnen
Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino, von
Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.

Ich fahre mit Margit, whrend Sie krank liegen, zwei Tage sdlich. Ich
kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den
serbischen Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon
sdlichen Springbrunnen verzaubert, und die Honigdmmerung unter den
Schneebgen der Hgel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem
Golddach. Ich lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die
Statuen, sie teilt es dem provenzalischen Knig zu, dessen Erzbrust hundert
Amouretten berspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der
Unerschtterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es
ist ein rotseidenes Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm
ein glckliches Aussehn.

Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Mdigkeit. Nun laufen die
Berge der Bahn wieder bei unserer Rckfahrt entgegen. Ich sehe sie an
gegenber, wie sie schlft. Mit zerfleischten Rcken sinken die Berge in
schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch
einmal ber die Grate.

Sie trumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein
Rntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bte ich nur, sie
vermachte es mir. Es stnde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des
Gordon-Setter. Sie wacht pltzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spre
ihren Atem, sehe sie herbergleiten. Ein schnes Geschenk der Stunde. Ich
versage sie mir ohne Bemhung. Warum?

Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist
nur etwas wie eine zrtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die
Bewegung dieses Mdchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hfte gegen das
Malose Ihres Todes.

                                * * *

Das Dasein hat zwei Seiten fr mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das
sind die Leidenschaften, die erheben, und die Gensse, die man erobert. Ich
erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis.
Ich ziehe das Dasein herein aus seinem uersten Kreis. Ich warte noch
immer auf Kerstin.

Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet.
Man schliet die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber,
Liebe, kein Lcheln auch nur vergeht, ohne da seine Deutung sich bezieht
auf Sie, irgendwie.

Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die
Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er
dem Prsidenten der Republik, der das Monstrum des groen Apachen
beschaute, ein Stck Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: Mon corps est
foutu . . . . h . . . . non pas mon orgueil. In der Stille seines
Gesichts lag unterdrckt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben
gellt.

Auch liegt dieselbe Khnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm
eingezeichnet, und daran wei ich ebenso, wie an der bergroen Lssigkeit
Ihrer Hnde, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfllt im Grunde.

Htte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingefhrt zu
der Harmonie Ihres Geistes mit jener Gte und Milde, . . . . Sie htten auf
der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:

Wren unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Htten die
pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man htte zwischen Karlisten und
Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie
htten Ppste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische
htte ein Pferd ber Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im
Reifrock htte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf
wren Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbuche gerannt, makkabische
Knigin. Ihr Ha htte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.

Am Ende erst, vielleicht, ausstzig, alternd, verlassen, einen Dolch im
Rcken, wren Sie der liebenden Gre nahgekommen, mit der Sie heut
berschauen, was sich heranwlzt auf dem Schicksal.

O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern
von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurckgeworfenen Blutes
nachgewandert mit den gepflegten Ngeln:

Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Mrtyrin, sich
verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als
Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut,
Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernchte, Steine,
Schmuck, Lcheln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften
hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.

Jeden Morgen aber waren Sie zurckgeworfen in den Krper, der, verseucht,
aus allem vertrieb. Sie haben mit einer bermenschlichen Bewegung der Seele
langsam gut gelchelt mit dem Partner Tod.

Dies Lcheln ist die Lebensrichtung geworden fr den, der Ihr Dasein
streift. Man strbe gern fr Sie. Was an Versagtem in das Gef Ihres
Krpers zurckfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder
von Ihnen aus.

Selbst wie Sie den wilden Regenbgen, die ber den Hausberg flattern,
nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nchten abgerungen. S mu
der Tod sein, der im Nahen schon so schn verwandelt.

Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig
Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem
Sie nun entsagend lcheln.

In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre
Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies
Schicksal, auf der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem
englischen Geschftstrger Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht
geschleudert. Ihr unterdrckter Husten bei dem Besuch des alten russischen
Admirals gleicht aus, was Sie an Triumph, Tnzerin, auf die Spitze des
bolognesischen Balletts unter Blumenwrfen gehoben. Der Charme der
Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wre nichts andres gewesen, als da
Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlssen, mit der Pistole einen
etruskischen Drfler gettet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone,
aufbrennende Opern haben den Anla, aus Ihrem anderen verhinderten Leben zu
springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als shen Sie die sieben Freuden
Mari, in den Schlaf Ihrer Mdigkeit hinbergleiten.

Aber, was an Macht ber Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche, was
an Zauber Ihrem Krper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an
unaussprechlicher Sigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine
Bedeutung erhht hat, deren berlegenheit Sie am deutlichsten spren
. . . ich wei, Sie gben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit
dem Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie wrfen als Hundebissen in die
Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon
Jauchzende, dafr getauscht sei: prall, sthlern an Leib, vogelhaft atmend
mit den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hlle und Seligkeit, mit
einem Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die
Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frhling Merans zu toben.

Doch man soll die Wnsche nicht wecken. Man stirbt an den Wnschen.

Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoensein mit solchem Gleichmut, da ich
manchmal in der Gewiheit nicht zweifle, da Sie zu gleicher Zeit wohl auf
einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulsen Figur alle
Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein strmen, mit
selbstverstndlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Gre
des Ausmaes durchfahren.

Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres
Lebens.

Und ich kann sie nicht vergessen.

Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und
Fiebern und Lngegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter
diesem Schicksal verndert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit
geworden, die in schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in
einer meinem Blut nicht zugnglichen, schn berglhenden Welt, hher als
jene dieser Dinge, die mich hier hart verzcken und in Begeisterung fangen.
Das ist unser Leben.

Die Lawinen brllen durch die Woche und gren Sie aus der Mondsteppe wie
wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt.
Morgens stehen mosaische Signale, Sulen feuriger Wolken auf den Spitzen
des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.

Auch die Abschiedspolonse auf Skiern fr Marga Ritterstad und Margit,
Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenber hoch im
Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komdie mit
einem roten Turban geschmckt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen
Margits lst die Schleife: Azt a kutja fajt. Die Schnbel der Skier
haben sich auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weier Wolkenschaum um die
Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeit ihn zurck.
Schmetternd wie eine Posaune kreuzt sie ber dem Tal.

Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und
gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebsch. Die
Ritterstad fhrt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln,
weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen
ab nach Ihrer Villa auf dem blulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand
macht Margit noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu
Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem
Sdbalkon Ihres Hauses, das Glas ber den Augen, diesen Herabflug aus den
Hngen auf sich zukommen lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen
unaufhaltsam nicht mehr zugehrige Bewegung.

Ich strzte, ber Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine
Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurck, der Bergkreis glhte, blau,
dann schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil
Pax.

Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber
sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Strze
noch im Hirn, der Tod hat mich nicht gedmpft. Ich bin voll Khnheit und
Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglckung
aufquellen satt und voll. Das brllende Tier des Gestirns braust gierig
durch das Blau. Ich fhle mich umschwungen von den Menschen und der Flle
ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit der diese alle ihre
Leben hier gelebt.

In dieser Sekunde der Hhe aber reien die Menschen ab aus der Melodie. Die
Woche, die sie fllten, gleitet zurck zu Ihnen, wie zum Mundstck eines
Instrumentes.

Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, fhren es an
die Lippen: da strzt sich alles in Sie hinein, begierig, da Ihr Atem ihm
erst Gesicht gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das
Getmmel? Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller
meiner Flle.

Ich spre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in
der Entferntheit der Blumengrten Immenstads, in Norrbr, im fensterlosen
Gemach meiner Heimatjahre spre ich Sie als die grere Vielfalt. Denn wenn
Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand
mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glnzender als die
meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem
Instrument zart herber aus der Einsamkeit der berwindung in meine
Einsamkeit der Flle.

Ist dies der Abschied?

Ich kann, beglckt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne ber die
Steppen schttelt, sportiv, krftig, Strapazen berlegen, ich kann meine
barbarische Strke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus
Verhngnis und Versagtem gebildet, Ihr Lcheln ist. Es ist zu schwer, wenn
man so Groes durchschaut, an sich zu glauben.

Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den
Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfllt von dem Aufgerichteten
meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft fr meine Welt. Sie sind neidlos
entzckt, wenn ich diese Welt in die Hnde nehme, mit Fingern und Zhnen
den Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Strke, Sie glauben
an die Schnheit des wilden Bildes und die Gre des erregten Blutes.

Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik,
da, was Ihr Elend ist, ich liebe, da, was mir ein Nichts ist, Ihnen
erhaben scheint. Man soll sich nicht belgen. Wie kann man genieen, was
den anderen qult? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen
wir unseren Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht
mindern knnen.

Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf dem
Schnee.

Als mich die Bretter in weitgeffneten Schwngen ins Tal hinunterziehen,
sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der
Entfernung.

Ich bin ein trichter Mensch und zchte mir Qualen, statt sie leicht zu
nehmen und mit Selbstverstndlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie gro,
weil ich sorglos bin. Man knnte leichter leben.

Wie ich die Skier unten lse, hindert mich nichts mehr am Abschied.

Am Abend kam Kerstin.

                                * * *

Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge
schimmerten nher von ihrer Blsse. Die Sarabande des Sturzbachs formte
ber ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.

Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.

Ich dachte:

         Man solle vor wilde Tiere sie fhren und
in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit ins Bse bricht,
damit das Gleichma vom Ineinanderflieen der Beine und des Bauches und die
rhrende Schnheit des erschtternd schlanken Gesichts die Stille auslse.
Brllende wrden lcheln, Tobende demtig werden an diesem Krper.

Keine der Frauen, deren Hfte mein Frhling, deren Brust mein Weglager
waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht
als dies ledigliche Dastehn.

Sie hatte, wenn sie lchelte, etwas, was schon zerflo, und das
orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelst ber der alabasternen Hhe
der Brust.

Sie nickte, als sie aufstand.

Sie ging.

Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den
Abschied erdrngten, und mit einer mrchenhaften Hebung der Achseln beweist
sie, da ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft
behlt diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.

O Sommer, den wir glcklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr ber
den Rasen lief:

Als jener See damals nichts war als ein Spiegel fr ihre Schlankheit, der
manchmal selbst in seiner blausten Verjngung zu schwer schien, soviel
Anmut zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem fate in
einer Demut und Geduld, die uns berraschte . . . .

Als Lella neben ihr ging, die gyptische Knigstochter, und von der braunen
Vierzehnjhrigkeit ihrer Knie und der Hngelocken ber den Ohren die Reiter
hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und berlegen standen wie das
schwarzseidene Trikot um ihre engen Hften -- -- und als ein Rascheln
deines Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen
selbst die fnfzigjhrigen Landrte und Rennstallbesitzer Lcher in das
Damenbad bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit
ihrer Jugend erhhte . . . .

Als sie im Stern von Gudrun sa, und wie eine Weiberbrust unser Segel im
Mondschein flauschte und sie pltzlich das Wasser kte mit einer jhen
Bewegung ber Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See gekt, meine
Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen
die Dmmerung nicht mehr . . . .

Als durch die Dorfstrae auf dem geschmckten Narzissenmotor die Hochzeit
kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Snger im
Requiem stecken blieb, wie er sie an der Sule sah . . . und pltzlich alle
von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Sule
gehauen und flge mit ihr auf abgesenkten Flgeln in die Hhe, nachdem eine
Sekunde ihnen unwiederbringlich die Hften des Paradieses gezeigt.

. . . und als nach einer Woche alle Skilufer, Dirigenten, Spieler,
Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als da ihr
Blick auf kurze Zeit auf ihnen ruhe -- -- und wir den Berg in der Frhe
erstiegen, die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel
. . . und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging,
die Hand hob und nun kein Blut, kein Fleck der Haut es anders wute, als
da ihr Lcheln nur, ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte,
Amaranth hingab und seidige Hrte -- -- und als sie bei mir war unter dem
Park und aufschrie, und am Morgen im Pyjama durch den Taugarten ging, und
die vier Nachtigallen wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo
bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .

         aber das Trommeln
und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Hhe der
Lust, da ich den Scheitel des Sommers erbebend unter mir fhlte und wute,
nach so ungeheurem Erfllen kme nur ein hinab . . . . . . -- -- --

Was ist geworden in den Jahren, die ich im Sden ein Hund war und Suchender
und Wstling und nicht gedachte an deine groe Schnheit -- und zwischen
Segelfahrt und hellenischem Frhling nichts die Zeit berbrckte zwischen
mir und unseren zartesten Sekunden -- -- und was hat dich in anderen Armen
verwandelt und hinter welchen Mannes Gefhl ist dein Gesicht verborgen, da
nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mdchenhaftigkeit mir vertraut
und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich
ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht fr deine frauenhafte Bedeutung
. . . . . und da nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst, die
Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Khle deines Lchelns mich
tot machen, meine Freundin?

                                * * *

Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.

Wenn sie die Locken schttelt und feig vor der Schufahrt in die Knie geht,
und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zhne
flattern, hren selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu
werfen und zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist
nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte
Meute sechs- und achtjhriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen.
Zehn Mnner, die den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten
lediglich nicht mde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch von ihren
spielerischen, lesbischen Beinen.

Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das
achtzehnjhrige sizilische Gesicht ist krank, bs, schn gespannt in der
aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.

Sie qult, lchelt und ist khn genug, im verruchtesten Loch mit der groen
weien Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch
ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz
um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberrcken und wilden Fusten
sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurcklassend,
aufgepeitscht bis ans Geheul.

Ich wei nicht, ob sie mich hat, aber es mag sein, da dies ihre Liebe
ist.

Die Syrakusanerin lt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht,
hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehrigen eines religisen Hotels,
mondne Nonnen, an uns vorberstreichen. Es geschieht, da die Midussi, die
Zhne im verbrauchten Gesicht, sagt, da Picard zum drittenmal ihr an den
Hals gedroht, fhre sie nicht nach Mnchen -- -- frchtet sich, schaut
schrg auf.

Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfllt sich unser Gelchter zu einer
Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.

                                * * *

Samstag kam ein Brief von der groen Diva.

Marga Ritterstad.

Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der
Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurck. Unsere Augen treffen
sich dazwischen.

Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin knne
soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser
Bedeutung, und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste
sehr viel.

Ich sage:

         Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf
das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lchelt. Niemand klagt an. O,
wenn ich die Kinos alle htt in meiner Hand!

Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafs und Theater und
einen unvergelich perlmuttenen Frhlingstag geglitten, und aus einer Loge
sie durch pltzliches Schneegestber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie
Verzauberung ber den Straen hngen . . . . denn soviel Liebe sie
empfngt, strahlt sie zurck.

Man kann ihrer Spur folgen durch die Wste. Morgens kam ich nach Nrnberg,
lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag. Am
Abend berwogte mein Auto aber die Brcken und Hgel der Stadt, ich fuhr
von Kino zu Kino in der von der Dmmerung entzndeten Sehnsucht, die Blonde
zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das
dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.

Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung
ihrer Augen!

Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Trume haben nie
geglaubt, da so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und
speise.

Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Knigin ihrer
Liebe.

Kche, vom Gercht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren
Fisch mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen
gemietet, unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen
und schmeicheln sich, mit groer Bewegung sie grend, keinen Lohn zu
empfangen.

Nie htte ich gewagt, zu glauben, da dies Volk der Sklaven, das vor
verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen
erbleichte, so viel Gre habe, sich eine Frstin ihrer Liebe zu schaffen.

Sie ist die weie Gttin der Masse.

Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lchelns willen.
Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.

berall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die
Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in
Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrchen,
Sanatorien, Irrenhusern, Auswrtigen mtern, Polizeibros,
Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und
Vlkerkriegen.

Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen
den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lchelnd und, moderne
Berserker, anrckt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln
klappt und nicht verget, dabei die Marseillaise eurer schnen Herzen zu
singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie
ich hinaus: Nehmt die Waffe. Lat die Theater, die Intellektuellen nur
spielen und bourgeoisem Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz,
treibt diesen Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.

Schiebt die Erschtterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern,
fllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung.
Treibt die Besitzer der Saustlle aus, baut Kinohallen. Enteignet diese
Gesellschaft.

Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt
als ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu
pflegendes Tier.

Dann wird die weie Blonde in der Stille kommen. Der Moment der Erfllung
wird ein Blitz sein.

Auf da sie nicht mehr der weie Vampir sei, die goldene Schlange, das
helle Marderspiel, sondern da sie eine gewisse Demut ertrage und, von
zehntausend Leinwnden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von
Rosenheim bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den
sieben Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in
Wahrheit herauffhre bis zu der sanften Hhe ihres Lchelns aus dem Rausch
der romantikverstunkenen Lcher, in denen selbst die Verwstetsten, um
ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die
Dmmerungen des Frhlings hinzugeben.

Und, die heute tglich suhlt  la boche in den Lachen der von Kocherls und
Ladnerinnen umjauchzten Geschwtze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig,
Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und
dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Trnen, guter Handlung -- -- --
.

Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen
Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt:
Silberner Vampir.

Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten Glanz. -- -- --

Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten,
stampfen, werfen auf eine Sule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den
Laden fest. Nehme die Skier.

Folge Kerstin in ihr Haus.

Staune nicht.

                                * * *

Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswrdige Maske von
Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hnde erreiche in der Berhrung
der Tasten eine Erhhung der Tne, die sich dichter immer zwischen sie und
mein Hren stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele
sammle aus der florentinischen Seide der Wnde und den aus Feuer gefrbten
Bildern Mares eine Strke, die sie mir wehmtiger und ferner entzog.

Sie sprang zu Chopin.

Ihr Rcken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Sigkeit der
Weidengerten war dazugegeben, die den Mrz zum schmiegsamsten und
verfhrerischsten aller Monate macht.

Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermge
wenig Sinn zu finden fr dieses, wo die Natur uns tglich sugt und wir
verliebt sind in sie mit unsterblichen Gsten.

Ich sage:

         Weit du, wie Lia von Florenz sprach und
jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die
mit Gold und Musik Ihr morgens ber die Hgel strztet -- und ich schwarz,
zerschlagen, gepeinigt vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals
verbrachte (Stadt bestrzender Enge, niederen Behagens, wohlgenhrt, aber
ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal Prfungen nie gab, feist, faul und
brgerlich und selbst zu feig zur Snde) -- -- da ich gepeinigt nicht
sagte: Dulden ist mein Los -- -- sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbume
hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureien an den Rndern des Gefhls,
mit Zorn mich anzuschwellen, zu trnken und zu strken, da ich, unser
dichterisches Schicksal erfllend, blutigen Mundes den Ha der Vaterstdte
ausrufe . . . . .

         und da ich, weit du noch, am gleichen
Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern,
Hgel violett und bebend sich malten auf die sie kaum ertragende
himmlisch-japanische Seide, da ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes
tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz, und wie es
heraufstieg aus der illustren Kette der groen Revolutionre und Helden
Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung _und_ des
grenzenlosen Hochmuts (ber den schwarzen Brauen und unter dem rauhen Helm
der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen Erlsung:

         nie habe gemischtes Blut von Franzosen,
Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde Schlankheit der
Hften und schmerzliche Verhaltenheit der schnen Nase in eine lckenlosere
Harmonie des guten Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen
Leib wie ein Schild mit inbrnstiger Entsagung gegen den von Schwrmen
bersternten Himmel.

Weit du . . . . . als an dem Tage, wo drauen an der Notbucht einer
umschlug, und die Kreuzb uns berfiel, zu dritt wir uns ber Backbord
warfen, es drckten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Lnge im Lee
durch das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das
Focktau in die letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein
mir lohte.

         . . . . . wie von dem Turm,
wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum Land wie ein Rabe
malte, jener Reiter, von Entzckung Illuminierter, dir die ganze Nacht
Feuer ber die Seezunge brannte.

         . . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf
den Rdern um die Seebgen heimwrts rannten, und das Aleppogetrum des
Prinzen und Bagdad und Pera unsere Herzen verband, als lgen wir Gesicht an
Gesicht in deinem Haus zu Fiesole.

         . . . . wie der groe Gelndelufer,
in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens im Boot entfhrte
und abends abreiste mit eingesunkener Schlfe

         . . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen
kriegerischen Medaillen die Brust berschwammen, die Regatta unter deinen
Augen verlor, am Strand sa und heulte

         . . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem
Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn
noch wies nach zwei Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.

         . . . . . weit du, wie
ich die flachen Hechtsprnge machte, um dir zu gefallen, obwohl die Narbe
mich feurig schmerzte, und deine Hnde, die gemacht sind, da, wenn man
dich liebt, man sie spren mu oder krepieren, sie snftigte und meine
Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.

         . . . . . weit du, wie, als wir am
Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Huser uns verzauberte im
glsernen Mittagssturz, jene fremde augenmalayische Frau mit dem schnen
Mund und den vielen Steinen, die wir als groe Freundin von der
Freundschaft spter so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten lie und
ausstieg und zu dir einfach sagte: Wie schn sind Sie, als seiest du eine
Wiese.

Aber eins, weit du, kann ich nicht ertragen:

         Du hast
zwischen Tau, Flieder und Vgeln mit deinem Krper getanzt in unserem Park
am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und deinem Hals und
den Brsten -- -- und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und
geliebkost wie ein Irrer . . . . .

         und kein Teil deines Krpers,
Kerstin, verga mich (wenn ich anders sprach, log ich) und jeder hielt an
sich, blieb bei mir und besa mich toll in den Jahren, die sich, whrend
ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben dahintrieb,
geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhlltes Leben
spannen, meine Freundin.

Sie stand auf.

Die zwei dnischen Doggen gehen vor ihr her.

                                * * *

Ich folge. Ihrem Rcken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit
weien Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der
andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Strchen, blies
Frsche auf, verga nie, da der schlagende Horizont einziger Freund.

Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Krper mir noch Erlebnis schien,
wert nachzuspren dem gttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere
und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen,
Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitten, nach Sumatra.
tiopinnen liebten mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja--ka
. . i lrmten die Papageitaucher hinter Trontje.

Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer
groen Heirat um ihre Zehen. Habe an Hfen gelungert, war Photomodell,
Araber im Sketsch des Odon, verkaufte Zeitungen vor der Opra und quer
ber die Boulevards. Wie gro war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!

Wie sthlern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Ruschwanz der
Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem
Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit
dem Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.

Was soll mir hier um dich der Plunder?

Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer
Sdleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehuften, Verfaulten,
hinflligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hnde in
diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgrtel um deine Schenkel
und Augen, Jahrhunderte nur blutlos huften, verehrten, bewunderten, um
allein dich abzuschnren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser
Feierlichkeit hier. Doggen erfrieren und ghnen. Mir ist im Hals, als e
ich Waldkirschen, Gallpfel, Holzbirnen.

Der Rmer aus Bronze glnzt ab auf deinem Rcken. Die sieben Knaben
Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkhlen dich zu Ferne. Die
frechen, schmalen Stiele der Orchideen berwuchern dich mit solcher
Geilheit, da sie der Kstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien
hinzufgen.

Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren
des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Ma
der Entzogenheit, da selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir
zurckfllt.

Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, da selbst die sechs
Sekunden, die ich dir ber die Veranda langsam folge, dich, um die unsere
Statuetten gierig glhten am See, Schmetterlinge und Tcher brannten,
Struche wie Wind wehten, da selbst die sechs Sekunden dich verhllen und
vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhate, langsam
Entfremdende? -- -- --

Sie bleibt stehen.

Ich schaue auf.

Die Brust des Schlosses strzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle ber
den Abgrund.

Da steigt und bumt das Gebirge drauen auf hinter dem Glassturz, flammt im
Saublut des Mittag, steigt und brllt und saust und sinkt hinter die
glitzernde Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.

Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.

Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende:
drauen das? Hier? Ist drauen das ein Phantom, was ich liebe zum
Verrcktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden,
das Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschlte wie eine Orange,
Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrste der Schneehimmel, an
denen wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen
Mulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es
hinter dem Glas? Hlt nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch
aus dem Jahrhundert, der Gebrde schrankenlos aufsteigenden Daseins,
verwirrenden Gobelinsprchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos Tritonen?
Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, bla, ein Nichts? Blhung, die
mir ins Gesicht fhrt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben
umsonst?

Da dreht Kerstin ihre Hfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der
Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben
mir, in Hosen die schnste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom
Gletscher scho. Die Wagzunge bebt.

Die Wage schwankt, geht hoch.

Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.

Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsen die Bogen der Schneefelder,
wie herbergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich ineinander
in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.

Es war, als mische in einer unlsbaren Sekunde die Landschaft und das Weib
sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich
lieben und erfassen knnen bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer
Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung,
nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren,
und die blutige Wut keines Eistages fehlte.

Wie strudeln die Weidenbume mrzlich herein! Suchen Schneeflammen sich an
dir zu zerstren. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschttert der
Himmel sich mit Se!

Die Wagschale saust in die Hhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich sprenge
die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein
Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Krpers,
wie an dem Tag, da du tanztest.

                                * * *

Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den
segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.

Du wirst die schnste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der Kameradin,
und das Geheimnis wird sich in dir besttigen von der spten Freundschaft
mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der
Mondflamme uns golden ausgeruht.

Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel
wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und
verschwimmen. In groer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.

Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer
Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Gerusche des Bodens in der Ahnung
nur steigert, aufglnzt, hebt.

Jedermann wei, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in einer
Sommerkuppel. So warst du.

Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Trumen. Die Sarabande der
Sturzbche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfruliches
Herz verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem
Eindringen entgegenzutreiben.

Und siehe:

         Dennoch . . . . . bringst du Unheil ber mich
und alles, was ich tue.

Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim
Halsen, milang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr,
raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen
Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spre. Wird morgen der Sprung
vom Skihgel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen,
erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt,
der Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir
auflauern, mich erschieen?

Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.

Aber ich lache.

Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte
ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schnen
Fleisch, entzckte Parade, und mein trommelndes Herz wre jede Sekunde
bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals
hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht
mein Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstnde, Schicksale abdonnert, sich
riskiert -- und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strmt vor
Stolz.

Aber du.

Du hast deine Schnheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge, die
um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu
festes Halten ist Tod aber fr die groen Liebenden. Deine blumenhafte
Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glckhaften Bewegung
in die anderen Zustnde deines Verweilens, zerstrte nur deine kostbare
Form. Es heit zurckgeben dich an das Viele, dem du gehrst, Entzogene den
Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und
Weidentroddeln der Bche, den Drfern, Gehften. Sie lieben dich alle,
warten in Sehnsucht. Ich kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein,
dich nicht mit tausend Vertauschungen sehnschtig halten.

Wie sollte ich leben?

Nur auf der Hhe der weit und wie Pfauenrder verwirrend geschwungenen
Gefhle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen -- -- wie
schn unser Schicksal.

Du wirst nicht weinen.

Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen
darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.

Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, da du
sanft durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische
Schaffner den Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza
. . . und milde See dein florentinisches Lcheln spiegelnd tragen.

                                * * *

Die Leidenschaften haben sich erfllt. Selbst die Trennung ist da eine
heitere Bewegung. Man mu zu leben wissen und sich einrichten. Man trgt
den Kopf nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem
seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft
gezogen. Da etwas so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie,
welch ein Besitz!

Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die Bronzenymphe
des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, da sie sich mit Bauch und
Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen Oberflche
bewege.

Das Grn kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, da
dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre
hinzuzufgen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder
entrollte.

Der Mund neben mir lchelte voll Zurckhaltung.

Es gab nichts mehr in der Dmmerung als die selbstverstndliche Bewegung
der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf
der mondmagischen Berge gab sie das Ma ihrer Gegenwart. Wir fuhren durch
die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif
bewegten.

Kann man, sage ich, jetzt noch den Mut finden zu glauben -- und sei es
nur der Sportlichkeit der Vergleichung halber -- da eine unter der Masse
jdischer Rodlerinnen, Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster
Antiquariatsweiber, wrttembergischer Reichsgrfinnen, der
Pilules-Orientales-Breeches, der Dichterinnen, der A. E. G.-Direktricen
. . . . . da eine nur vermchte, dieser gttlichen Bewegung sich
anzugleichen und auch nur annhernd dieser berlegenheit nahezukommen
. . . .

         da eine vermchte,
zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen Wade und den breiten dunklen
Schenkeln, Kniescheiben von dieser Kleine und Rundung zu wiegen und die
sthlerne Wucht der Jgerin auf so verengten Hften zu heben, da Kerstin
selbst diese Linien der Gttin nur in ihren besten Stunden ertrge . . . .
. .

         da zwischen hirnlosen gelben Husaren im
Schlitten solch unirdische Geste irgendwo hier aufzustehen vermchte, und
da unter der Verbrmung der Pelze der Blick einer solcher Anmut
gleichkommenden Frau den Horizont absuchen knne bei den idiotischen
Foxtrottphrasen der bayrischen Flachstirnen . . . . . .

         da am Tisch in der Nase bohrender
Tanzdivisionre, korsettierter Hochstapler, kastrierter Erlauchte, gemalter
Perlenweiber eine so gestaltete Frau die Angst der rasenden
Grokapitalisten umschwirre . . . . .

         da
sie eintrete in von jdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner Glatze und
schlechten Knickerbokkers ihr geffneten ausgehaltenen Appartements . . . .
. .

         da vielleicht auf dem
Eliteball der geflchteten Aristokratie sie heimlich ihren Fcher trge,
und, in weien Handschuhen und Hofballpantomime in schbigem Restaurant die
verfallene Zeit in den kleinsten Symbolen aus Trotz betonend, vor
Spartakiden jede Minute erzitternd, zwischen schlecht geratenen frstlichen
Kuriositten und vermiesten Exzellenzen in steifen Tnzen stnde . . . . .
. und vielleicht sogar in einer unheilvollen Sekunde dem fehlenden Kinn und
der Grande-Bouche-Chevalerie des hohenzollernschen Reichspinguins
entsetzlich verfiele . . . . . .

         und da in der pltzlich ausgelschten
und ohne diese Erinnerung freudlos gewordenen Schneesteppe berhaupt
irgendwo, da in Hotels, auf Bobs, bei Sonnenaufgngen, in gescheiterten
Schlitten, bei Skistarts sich die grenzenlose berraschung solch gttlichen
Lchelns zu entfalten vermchte, an dessen Entzndung die Leidenschaften
erst sich zu entwickeln vermchten in die mrchenhafte Hhe . . . . . . --
-- --

         Aber alles in mir wird
nun trotzdem die entsetzliche Bemhung antreten, dennoch ein lebendes
Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und dieser Gebrde an Schnheit
vergleichbar, der frauenhaften Adligkeit Kerstins auch noch das
Unbegreifliche der Gttin hinzufgte. Suchen wir. Es gibt keine
Phantasien.

Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke gleich ber dem
Wagenbord flauschten:

         sie vermge in Wunsch
und Absicht dieses Planes schon nichts anderes zu sehen als jene malose
berhebung unserer Rasse, die, ohne bergang der Kulturen, das Herrliche
sofort fr sich requiriere . . . . . und die wir glaubten, pathologische
Athleten, neben der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft tragend, auch
das Gezchtetste und berirdische neige ohne Bemhung schon sich unsrer
Ungestalt als natrliche Beute . . . . . .

         und da das kindische Haschen (und nicht begehrenlos
Ertragenknnen) nach der gttlichen Spiegelung mit seiner rohen und nur auf
Gewalt gestellten uerung in seiner naiven Zufriedenheit schon jener
unendlichen Rhrung nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe
vor anderen es auserwhlt zur Herrlichkeit (obwohl er es mehr wie irgendein
anderes als Sklaven gestempelt und tglich vor die Tiere warf) seine
schwarz-wei-roten Patrioten als so besonders arme Akkoucheure des Glckes
erscheinen lasse . . . . . .

         und da schlielich doch nur Besessene
und Wilde das Unmgliche nicht zurckschrecke, die wir auch nach der
tragischen Lcherlichkeit unserer Revolten seit der Reformation bis zu den
Bolschewiken das Bittre unserer menschlichen Unvollkommenheit immer noch
nicht als Verworfenes erkennten . . . . . und unserer Rasse tiefste
Mischung von Roheit und Sentimentalitt auch in den berlegensten Minuten
nicht verleugneten . . . . .: Barbaren der Sehnsucht. -- -- --

Wieder berflog ihr Auge und den Mund der Charme, der an ihr Leben
bedingungslos band, und der auch in der Anklage dem Gezchtigten
Bewunderung nicht entzog: Immer, klagte sie, sind die erstaunlichen
Vgel seewrts gezogen und ins Meer gestrzt. Man kann sie nicht hindern.

Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.

In ihre Kosakenpupillen ist pltzlich das Grn getreten. Auf dem Bach zur
Linken flimmert es in Kreiseln. Der Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit
Scheinwerfern herauf ber die Schneeprrien. Die Erinnerung der Nymphe ist
aus dem Spalier der bereiften Bume heraus bis vor den Himmel gedrungen.
Alle Entgegenkommenden haben Seefarbe ber den Brauen. -- -- --

Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften sind in die grte
Spannung getreten. Man sollte das Unvergleichliche nie erblicken. Man ttet
sich aus Sehnsucht.

Wann hat das Gttliche je sich heruntergeneigt?

Ich finde es trotzdem.

Das Glck ist eine Hure fr junge Leute und bereit fr die zwischen Zwanzig
und Dreiig den Traum einer Taille zu besttigen.

Uga!

Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das Wasser deines Sees ein
wenig erregtest und ich zittre, du seist es selber, so sehr hat die Frau,
die auf Skiern nun steht und gegen das Gebi der Gebirgszge hineinschwebt,
deine Kraft und deine Khnheit. Sie hat die Hnde in den Taschen und fhrt
mit karierten Breeches, die die Bluse wie einen Kelch heben. Man mu sie
auf Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.

Uga!

Ich hole sie ein. Es ist unmglich ihr einen anderen Namen zu geben. Ihre
Haltung hat nur etwas Durchbebteres wie von einer Gazelle in den Hften und
von einem Schwan etwas Khle um die Schultern. Sie erstaunt. Sie stellt
sich. Ich sehe ihre Hnde, ihr Gesicht. Selbst der Unmut ihrer Braue hat
eine Richtung, als vermge er sich aufzulsen und wegzuschwinden mit ihr in
andere Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.

Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung, bemhe mich, da sie
auf mich, die Gewandtere, wartet. Aber auch ihr stolzes Lcheln hat keine
festere Begrndung als ihr Zrnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr
Leben wei, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies Lcheln zu sehen, tausche
ich die Qual es nicht ertragen zu knnen? Welches Scheitern!

Mit groen Schwngen nehme ich die Fhrung pltzlich.

Gttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit Skiern nicht den Berg
hinauf. Sie folgt geschlagen ins Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen
wir unseren Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijring,
Musik hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!

                                * * *

Wir nhern am dritten Tag uns dem Kloster. Dem Wagen tritt in Parade Stck
auf Stck der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond schmal
gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna sieht, mit der groen Zehe den
Zeiger der Sonnenuhr weisend, herber zu Uga.

Sie zeigt das Raubtiergebi, das Lachen der jagenden Diana.

Wir nhern uns dem Kloster.

Gold, blau und zrtlich im Wei summt die barockene Kuppel in das flieende
Hell, im Schweben von dem Aufstieg des Korbinian, Katharinas, Benedikts,
Sebastians und der Heiligen Familie begleitet.

In der schwelgerischen Blue steht die lateinische Stimme des Przeptors
rund und hoch, eine Lobpreisung.

Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten, geht im Kreis in
sanfter Herde die welligen Raine hinauf ber die Zacken bis ins Licht.

Selbst die Gule haben die Stille erfahren und traben an der Bergschlucht
zum Brunnen mit einer bereinstimmung der Hufe, als liefen sie in den St.
Leonhardstag, an dessen Dmmerung die Pferde eintreten in ihre eigne lange
und einsame Prozessuale.

Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flchen auf die Revolten, falschen
Pssen und in Mnchssoutanen durch den Hohlweg nach sterreich flohen,
haben die Fahnen der Weidenbume ber dem Schnee sich so gesenkt, da das
seidene Rot von Ugas Mantel pltzlich von gelben blhenden Fransen umweht
liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste heruntersteigt und sich mischt
in die Huldigung, die der frhe Frhling mit Himmelschlsseln und Krokus um
sie entfacht.

Selbst die Nsse, die vom Humus den Geruch des Frhjahrs zu der Bewegung
der springenden Knospen hinauftrgt, scheint sich an ihr mit allen Dften,
von denen die Luft sich schttelt, zu entznden, und jedes Element und
jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.

Wenn sie kein Fohlen wre im Mutwillen ihrer Gelenke, in jedem Traumzustand
der Wnsche wrde sie als Forelle mit mir schwimmen in allen Bchen, die
Abfahrt der Hgelflche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen als mein
Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen ber die Psse. Welch
sichere Gegenwart! Und wrde nicht, der ungewissen schattenhaften Wildheit
eines Tieres gleich, das mein Gefhrt nur wie auf Sekunden begleitet, erst
durch die scheue Berhrung ihres Blickes die Sicherheit eines Lebens und
einer glhenderen Gegenwart mir geben, deren Khnheit mich erst vllig in
den Rausch des Tages hinein begeistert:

         O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee
und dem Wildbach! Brieftrger zwischen den Leberblumen und Gletschern!
Biene ber den Ktzchen! Pferd nach dem Bergsee! Die rote Weste des
Postillons, der die Kurven zum Pisaner Gnadenbild fhrt, vor dessen
elfenbeinerner Schnheit die Bauernmnche des Klosters tglich erschrecken.

Da spre ich den Druck ihres Knies.

Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu einer Se erhoben, um die
nun alles ohne Abwehr kreist und fliegt.

Und whrend wir, in den Schleifen der Strae hngend, herauf und herab uns
bewegen an der Seite des Gebirgs zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge
spielerisch sich neigen und heben und, sausend auf der Schaukel der
Seligkeit gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben in den
gleichen Takt.

Mit gewechselten Pferden geht's in den Abend weiter. Fnf Fackelwagen
liegen ber uns in der Spirale. Die Feuerscheine huschen flackernd ber
Ugas Gesicht, ich sehe sie nicht deutlich.

Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht in den Umwegkreis
zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung mit der bronzenen Schwester
ich den Zweifel, sie sei es selber, verlieren mte, und, spiegelnd, das
schne Bild sich vollzogen htte:

         da der khnen Bewegung der
ber das Grn des Wassers gebeugten Diana das schwermtige und wilde
Lcheln der Nymphe vom Grund herauf entgegengetaucht wre in einer
beispiellosen Vollendung.

Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geffneten Mundes, wie vom Feuer
aufgesprengt, heben die Gule die Hufe und die weien Buche senkrecht auf
und biegen gegen die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein, den
beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnckig whlend, den
Terrassen zu, um ber dem eisern und grau vor das Bergmassiv genieteten See
den Morgen mit der Brandlawine zu erwarten.

Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schne gipsern geweite Frau
des Amerikaners neben mir nicht so viel Fhigkeit mich abzulenken, da mir
auch keine Zuckung an Ugas Arm unter dem rmel entging.

Meine Vermutung wei, ohne da ich es sehe, vom Ansatz der Knchel aus
deutlich, wie braun sie ist bis in die verschwiegensten Falten der
bergnge des Leibes, und die Haut, die fhnig den Krper berfliegt, hat
nur die eine prchtige Stauung, wo sie den dunklen Hgel der Brust
heraussprengt.

An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken Jnglingen hingewandte
Flieger Sofias, da, mit solch verschlungen gesthlten Sehnen, sie, auf
einer Kugel stehend, Tage verbringt, im Gras ber Hgel und Raine
hinspielend. Denn die erlesenen Muskeln, die gro und gedehnt geworden sind
im Streifen durch die Sonnenkringel der Buchwlder und des Jagdparks, gehen
in der Verwegenheit der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.

Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und angstvollem Pochen
gefllt hlt es an. Denn wenn das Lcheln ihr Profil erhellt, fllt sie so
sehr ber die anderen weg in eine Sphre, die mich erbleicht, da auch das
weie Glnzen ihrer spitzen Zhne nicht die heie Furcht zu bannen vermag,
da unter den Kanten des Tischs ihr Leib in einer kristallenen Flosse sich
manchmal vollende.

Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im Zenith den Schnee blau
geflaumt. Ich sehe das Kap des Bergmassivs immer wieder, wenn der
Schlitten, der mit den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer
Maske hlt das Gletschergesicht sich monden verhllt. Dunkel brllt unter
dem Hufschlag das Wasser gegen das Eis. Ich sehe noch durch den Traum des
Jagens die Mnner mit Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde
springen. Da beginnen die Blaumeisen aus dem Frhlingswald im Tal
unsichtbar die Frhhelle s zu durchsingen. Ich hole den Wagen Ugas ein,
es fllt mir von den Augen: weg die Betubung, welche Klarheit!

Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor riesenhafter Bewegung.
Als sie den Gipfel des Gletschers erreicht, verrauscht das Seidene der
Luft. Der Himmel zerbricht, die Lawine gleitet, welche fltenhafte
zerbrechende Musik!

Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung pltzlich auf meine
Unsicherheit um das Verflchtigende ihres Wesens. Ich durchdringe ihr Auge,
whrend die Brandlawine mrzgro im Donner herankommt. Als die Felsen sich
bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet. Wie ich eindringe,
sicher, morgenlich, schn umsungen aus nun erhellten Frhlingswldern, das
bis zum Weinen verengte Herz von den Vgeln golden erhoben, wei ich eine
Sekunde lang sicher, da ich sie nie mehr, die Flchtende, verfolge,
sondern da ihr Lauf immer mir entgegen sein wird, und da eine andre mit
achatnen Augen den See bewohne.

                                * * *

Sie wird nicht ber den Strich eines Gedankens, nicht ber die Lnge der
brodelnden Wiese entweichen. Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie
wird sich der Mnnlichkeit, die sie einmal besa, nicht mehr entreien. Man
flieht nur, was man nicht kennt. Das Blut vershnt. Man gab den Amazonen
kein Vorrecht.

Als ich im Schneegestber sie kommen sah, den Mittag zu durchstreifen, in
Breeches, wie irgendeine schne Frau, durchfuhr mich Rhrung, sie nicht
mehr so sehr hingegeben zu sehen an die Mchte, denen sie mit einer
gewissen Blsse des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug,
bisweilen gehrte.

Sie trug die Gelenke des untersetzten Jgerinnen-Krpers in einer dunklen
und erlsten Herbe, und langsam, whrend sie die lange Strae heraufkam,
schlossen mit hngenden Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die
den Knuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von Tr zu Tr in
Meute sich an.

Uga!

An den Riedhngen entging es sogar der knurrenden Gefolgschaft deiner Tiere
nicht, da, tief grend, der Reichspinguin einen Bogen um deinen lrmenden
Einzug schlug und nicht in die Nhe der glhenden Lefzen gelstete, ber
denen deine kleinen Hnde spielten.

Du lachtest noch, als wir auf der Hgelkuppe in das Haus des Matrosen
traten, der, fnfzig Jahre die Welt berwandernd, immer neu hingerissen
nach quator und Pol und Wendekreisen seiner buerlichen Sehnsucht, das
Seltsame der Erdteile in seine Hhle stapelte . . . . . . und du in einem
Regen dich umschwingender birmanischer Harfen und Phalloswurzeln, Haimaulen
und Palaumasken so im Schatten standest, da nur das Wei deiner Iris im
Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.

Ich sage:

         Deine Gefolgschaft . . . . .


                  Graf Cantacuzene
umschleicht dich nur noch fern und Wrede wchst ein Geweih vor Eifersucht,
wenn du, zur Meute gewendet, einem Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst.
Dein Park von Edelgetier schweit gegeneinander und stampft vor Zorn, Bohan
zerschmettert am Meilenzeiger bebend seinen Stock, den seinem Grovater ein
dicker Kurfrst dedizierte aus Gnade und Dank fr die Errettung vor einer
Sau, wenn er dich nicht antrifft . . . . und Sailern vermag (oben Lnau,
unten Mikosch) nicht einmal mit seinen gewonnenen Schlachten und der
Zartheit seines von Frauen sehr gerhmten Schulterknochens ber seine
Niederlage bei dir sich zu trsten.

Der rosendnne Morgendiskant Uwaroffs ist unter deinem Zimmer verstummt.
Saluzifsky hat den Zirkel um den Spieltisch in resignierte Enge gezogen.
Und der seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-Dioskure hat
nicht unterlassen, in rotem Sweater und gelben Gamaschen den Falsett seiner
schneidenden Kindlichkeit auf seine Nebenbuhler zu hetzen.

Aber wie kann selbst die Klglichkeit solch halbseidener Haltung und die
Kretinerie dieser Drohnen nicht die Wrde verletzen, die den wahrhaften
Kern einer gezchteten Rasse so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und
wo Hohn und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten knnen
einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!

Und die zu bekmpfen heute nur die weltfremde Idiotie deutscher
Dichterknaben und orgiastischer Revolutionre ermglichen kann, die, trotz
Umsturz und Revolte um hundert Jahre versptet, durch ihre Ahnungslosigkeit
der Vorgnge die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Brgershne
und Kopisten adliger Gebrden noch nicht zu erfassen die geistlose
Dreistigkeit besaen.

Lcherliche Blague! -- -- -- --

         Wo niemand begreift, mit
welch ahnungsloser und erlauchter Schnheit die wirklich adlige Rasse der
Staufer und Kreuzzge neben der ihnen unverstndlichen Zeit her in den
Abgrund hineingeht, und wo selbst die besten und raffiniertesten Exemplare
nicht einmal soviel Barriere-Mut aufzubringen vermgen, da (was ihre Sache
immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure zeitweilig ins feindliche
Lager bergingen . . . . . .

         wo zwar
das Gemecker eines ehemaligen Knigs ber seine eignen Stiefelspitzen in
seiner namenlosen Albernheit von derselben Widerlichkeit berhrt wie die
Brillantenschiebungen des sddeutschen Prinzen und die Massierung der
Grenze im amerikanischen Auto (und Diplomatenpa) voll Antiquitten . . . .
. .

         wo zwar die Kavallerieattacken des wrttembergischen
Generals am Bakkarattisch des Kurhauses zwischen Schiebern und
aufgekommenen Zuhltern in ihrer Wurstigkeit um den Brand des ringsum
angezndeten Europas noch glnzender berhren als das schwachsinnige Gekeif
gegen die Republik der ehemaligen popogescheitelten Beamten . . . . . .

         und wo erst recht die theoretische Hingabe
an den neuen Zustand vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit, Zgerung,
Bedingtheit nur die ungeheure innere Befremdung und lediglich von adliger
Gebrde berglttete Hilfslosigkeit anzeigt.

         . . . . . . Wo sie bei Eisners Ermordung
zwar Faschingsblle abhielten, whrend in Mnchen Hunderttausend eine
Blutwolke wie nie seit den Hugenotten zu beschwren nah waren . . . und bei
der Baltikumer und Kapps ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich
hinlnglich bewiesen ihr Dsinteressement an Deutschland, das freilich ihre
Herrschaft nicht nach der franzsischen Revolution geknickt, sondern nur in
seiner bubenhaften politischen Nachlssigkeit es unter dem zweiten Wilhelm
zu so falscher und maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen
Leute hatte werden lassen.

         . . . . . . Wo die Entfernungen zwischen
den geistigen Trgern der Rasse und den Aristokraten so irrsinnig sich
verzogen haben, da den meisten adligen Exemplaren in Deutschland sogar der
Knstler, mit dem sie gern frher sich mischten und den sie trugen in die
Hhe der wundervollen Epochen . . . . da er ihnen ein Wesen geworden,
bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit, ein Pudel, halb blau und
halb grn, und den sie nur frchten oder hassen oder sich ihm unterwerfen,
wenn seine Breeches besseren Schwung besitzen und seine Ledersachen und
Reitzeug eine noch khnere Diskretion verraten wie die ihren.

         . . . . . . Und wo schlielich die falsch angesetzte
antisemitische Parole, von rotgemalter alternder Duchesse mit den Pistons
ihrer Zahnplomben aber auch den Pauken ihrer Hften angegeben, zwar weder
ber die Unasiatischkeit ihres Stammbaums noch ber die Fragwrdigkeit
ihrer Vergangenheit hinlnglich beruhigen kann . . . . . . wo die Ohnmacht
der ungarischen Grfin, die alle Mdchen verfhrte, beim Namen eines der
gehatesten revolutionren Fhrer . . . . . . ebenso wie das goldene
Kettenarmband um den Skistrumpf der Hessin . . . . . . und der meskine
Brgerwehrschwindel und Antibolschewistenpathos lterer burischer
Offiziere in seiner falschen und bourgeoisen Verplamperung

         nichts zwar als unser breites und vollendetstes
Gelchter bereit findet,

         . . . . . . . die wir, auf hrteren
Seiten des Sternbogens stehend, aber auch mit Wollust alle Hhen
berschweifend, keine Sekunde unterlassen werden, die Albernheit der
menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen . . . . . . und die wir,
bereit jede Snde gegen Welt und Freiheit bis auf das Blut zu bekmpfen,
auf keinen Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der
Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher Seite auch immer)
schlieen wrden.

. . . . . . die wir aber dennoch nie umhin knnen, hinter den besonders
publiken kleinhirnigen Ausnahmen den groen Blutgeruch der Zchtung und
Erlesenheit triumphal zu spren und, bejohlt von den Polizisten von links
aber eiskhl bis auf die Ngel darber, gerade in diesem Versagen das
Erlschen der Rasse wie langsam gewordene Scheinwerfer auf die tragische
Epoche zu empfinden und zu lieben . . . . . . und bei den Frauen diesen
bewundernswert schlanken Hineinritt in die Rte des Sturms.

Wie ungewhnlich unbetrchtlich sind in der Ausbung ihrer Mission und der
Handhabung ihrer Berufung die aristokratischen Wlfe geworden, aber wie
glnzend und liebenswert blitzt noch das Gebi dieser Feinde der Freiheit!

Denn auch du, die du zwischen den Drfern die Schneeobeliske der Hgel, den
Stock mit dem Seidentuch daran in der Hand, gestrmt hast, und in deren
Kehle der Blutruf der Kriegsgtter neben den der groen Jgerin trat, auch
du hast nichts in deiner gttlichen Entferntheit als Unverstehendes und
Gleichgltiges zu Zeit und Qual dieses armen und geschundenen Volkes
. . . . . . denn du bist so sehr von durch die Jahrhunderte erlesenen
Instinkten geleitet, da du, Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner
Wahl jener der nicht gut gezchteten Menschen unbedenklich vorziehst.

Und ich liebe dich auch dafr.

Auch wenn du an einem Fenster einmal stndest, unter dem ich fsiliert
wrde oder erschlagen, und von dem Fenster in naiver Laune und unwissend,
in wen der Donner einschlug, dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich
dir einmal schenkte.

Denn ich liebe dich um deiner Flle von Rtseln, um deiner Widersprche und
deiner Entferntheit und nicht zum wenigsten darum, da du selbst sogar
vielleicht bereit bist die mykenische Lanze gegen meine Brust zu
schleudern. Ich bin ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe,
aber voll von Lust auch, sie ganz zu umfassen und in der entlegensten
uerung zu begehren. Ich bin nicht ihr Affe, nicht ihr Sergeant, sondern
ihr Geliebter, auch im Kampf. -- -- --

Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der Hand, und es ist kein
Unterschied zwischen ihrem Schenkel, dem Bauch, dem Nacken und der Spannung
des Instrumentes. Hinter ihr ist rotes Glas, darber weicher aufgeriner
Himmel.

Und whrend sie den lautlos den Garten durchjagenden Tieren zuwinkt, steht
ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen arischen Nase wie eine metallene Maske
in dem Rubin . . . . . . ohne Rhrung, als sie der Feinheit der Glieder die
bedeutende Kraft der Lenden zu solcher Bewegung hinzufgt.

Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelst und ist mit ihm in die
Beete gegangen, wo er, mit Schneeglocken winkend, aus den halslosen breiten
Schultern den eisgrauen Trollkopf erhebt.

Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne Huldigung, ihr nicht
wie irgend einer anderen um Geld Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan,
Mumien, zirkassische Amulette der Liebe und andere Symbole seiner
schweifenden Sehnsucht zeigen, whrend neben ihm zwischen der weien Wolle
des Koptiabaums pltzlich sie die Schultern aufzieht und in der Veranda wie
in einem Tigerwagen steht.

Du willst Lil Pax sehen, Uga.

Aber ich schttle den Kopf.

Nein.

Denn ich kann dieser schrgen Richtung deines Blickes nicht folgen, Uga,
die blhende Sicherheit deines Atems Lil Pax entgegenzufhren, denn ich
wei nicht, ob sie geneigt ist, soviel tierischer Anmut sich hinzugeben.
Die sie entfhrende Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und
geballter unter ihre Fe. Und ich will nicht, da, von soviel
unbertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen die jdische
Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor der kugelbrstigen Diana.

Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des Blutes und in deiner
frchterlichen Mischung, die von der Grausamkeit der Gttin bis zur
elastischen Strke der irdischen Hften sich wundervoll ausdehnt, zu weit
entfernt von ihrem Pol des Entsagens, als da du nicht ohne Gefahr der
Zerstrung zu pltzlich mit ihr zusammenstieest.

Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des Herzens und nicht ohne
demtigen Eifer meine Sehnsucht der deinen genhert. Du begrenzest in einer
unnatrlichen Hhe alles, was nur Wnschbares bis zum Unmglichen mein Blut
durchfhrt.

Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser Frau zu dir gespannt
sind, durchjagst, auch durch die Kreise deiner Vollkommenheit, Uga,
empfinde ich nichts als ihr Schicksal.

                                * * *

Wir fahren nach einer Schneehtte am Gletscher. Die Woche senkt sich. Die
Einsamkeit steht zwischen uns und den Menschen, das ist Glck.

Brchten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt Heu auf unsere
Hhe, whrend sie schlft, in der Sonne vor der Htte, ich dchte, der
Himmel, der herabkommt auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter
der Taldrfer, der Berghnge unten sind am Hintergrund unserer Einsamkeit
aufgezogene Zeichen der Menschen, die wir geheim verlachen in unserer Ruhe.

Nur einmal, als dumme Passanten, halb gettet vom Aufstieg aber ihre
Niedrigkeit mit schsischem Geschrei schamlos preisgebend, uns nahten,
hatte sie Gelegenheit, mild und im Erklren sich neigend, eine Gre zu
beweisen, die weit das mitleidlos spttische Lachen der Gttin bertraf.

Die Rhrung ber das Glck hat die Grenze erreicht, wo das Alberne ein
Geschenk wird, wenn man es gibt. Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut.
Hinter dem Gebirg berhrt er meine Kindheit:

         Als ich klein war, Uga,
ward ich krank und bekam den Pudel Fosko. Mein Bruder stahl ihn in einem
Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte mich, aufzustehen, um das
Gartenviereck mit ihm zu rennen und ihn zu hetzen, da er Wildkatzen
zerbeie. Zehnjhrig habe ich auf dem groen Gut Tivolis im Bett meines
Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen vergessen und erwartete
Monate die Entdeckung, und da man mich als Verworfenen an den Pranger
schlug.

Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt, die Mdchen
liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe von Keller und Dachstiege
geheimnisvoll sich begegneten.

Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten wir Eichhrner und
bissen die Zhne aufeinander, so bedrckte es uns, da wir mit Quarzsteinen
sie aus den Lrchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung haben
wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum gehit. Einem Dobscher, der
von Rennfahren trumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die
Kniescheibe durch, da er schneidernd bald bei der Petrollampe flirrte.

Als die Canneri, die das bezauberndste Lcheln trgt, mit goldnen
kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah, stand sie kerzengrad im
Wagen auf mit dem Lorgnon und rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte
qulte ich, als ich noch nicht wute, da Liebe kein Gesetz, sondern nur
eine Masse Zuflligkeit, und nicht ahnte, da man Frauen eher besitzt, wenn
man verstt, als wenn man bindet, meine erste Geliebte qulte ich durch
Fragen, ob sie mich als Krppel noch liebe und prgelte die Arme, als sie
entsetzt auswich.

War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit. Sie lebt wie ein Baum,
ein Fuchs. Sie schttelt und biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und
ab, als ob du mit ihr spieltest, und ist in ihrer mrchenhaften Gemaltheit
deinem Lcheln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit so schon gelst
ist, da es die Einsamkeit spiegelt. Das ist unsere Brcke. Wie unwichtig
unser Gram. Wie kindisch selbst das Schwerste.

         Verstehst du, Uga . . . . .


                  du bist
nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und Glanz an dir beim
ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr mit der scharfen Schmalheit deines
federnhaften Augenlides zu sehr vermhlt an das schwingende Brausen des
Blaus, als da du anderes wie Schwebendes vertrgest.

Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weie Adlerin, auf unser Auto
herabstie. Ihr Geschlecht allein, das drei Jahre lang die Welt
durchfliegt, und dann mit einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat
die fr dich genug beherrschte Ruhe.

Nur deine Farbe ist verndert und aus der Helle herausgetreten, als httest
du, whrend ich schlief, in Marokko Jagden durchstreift und von einer Hecke
Ginster, die du berhrtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den Berg
getragen.

         . . . . . . Der Firnschnee fllt, na und glatt,
man braucht die Skier nicht mehr zu wachsen, der letzte Schnee. Enzian
flammt auf den Matten berall, als wir hinunterzogen.

Sdlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen Tlern meiner Heimat
blhen Kirschen, Mirabellen. Die Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch
heller.

Was hilft es, wo sie scheidet.

Zinn, ruht die Sonne im Schneegestber. Nur wenn der Hausberg aus dem
Geflock schaukelt, flattert die Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf,
s, voll qualvoller Inbrunst spiegelt, grn und hell, der Eisrcken, wie
ein Bergstraenwald morgens frh. Das glserne Wunder verschneit.

Uga.

Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die weibeseideten Fesseln
noch schmler machten und mit ihrem Pelzrand dem Gang das Schleifende der
groen ruhigen Raubtiere gaben.

Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind wandte, um noch einmal in
das Tal zu gehen, kamen die Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite
wie frher die Hunde.

Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Htte, als Uga
hinaufstieg und die leichte Biegung des Dachs erklimmte, den roten Schirm
ber sich, die Knie im Telemark gebogen, die Jgerin, mittel und fest
gebaut und lchelnd, die Hundepeitsche in der Hand, . . . . . .

         schien es,
sie schritte durch das dichter gewordene Geflock ber den Scheitel des
Daches mit einer unnachahmlichen Stellung der Fe in den Horizont hinein.

Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fhlte in dieser Sekunde den Abschied so,
da mir keine Erinnerung blieb. Es befiel mich in diesem Augenblick nichts
anderes als die Freude der Fische, als hrte ich alle ihre kleinen Herzen
stoweis schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurckkam in den See und sie
wie frher zrtlich zwischen ihren Brsten und Knien spielten.

                                * * *

Die Brandlawine hat den Frhling frei gemacht, er kommt mit leichten Wolken
nachgeschwommen. In die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der
Enten, die das Geschrei der um die Pftzen gelagerten Hhner bersteigen.
Die Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk die Sonnenbndel, schnurrend
vor Wonne. Heere von Bienen hngen am Aprikosenbaum und summen mittags in
die Hnge. Die metallen schnen Giftmcken tanzen gegen die Scheibe. Den
Ochsen treibt Glanz ins Fell. Zwischen den Schafherden, die den Horizont
sumen, schleudern junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die Luft.
Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in die verliebte Luft, Mist
auf die Matten. Die Mdchen haben prall mit graden Beinen sich an das
Stbern gemacht. Die Huser fangen an zu funkeln. Die Wlbung des
Frhmorgens erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien, seidig und langsam, wie
ein Ballon.

Die Wandlung der Nchte, die Sfte der Erlen, der Glanz der Blumen treibt
in das Blut: man kreist mit ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem
Samtglanz ber den Wchten, dem Blumenduften. Man horcht zurck aus dem
wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den Wespen Erinnerung heraus.

Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselstruche. An den Grten
hngen in Schnren die Wasserperlen der Frhjahrsgewitter. In ihnen hatten
wir am Anfang, einmal, uns getuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den
Silbertau fr Ktzchen gehalten. Sie kmpfte damals mit den Trnen.

Aber damals standen auch ber ihrem hellen Gesicht die Kurven der
Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie nahm der Winter ein Ende,
solang sie zum Himmel aufsah mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der
selbst ihre Melancholie durchkhlte.

Erst durch den Schleier der Trnen ist sie eingegangen in das schttelnde
Rund, unerreichbar, des Horizonts.

Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit und Arbeit
auswich, werden sagen, ich habe einen Frhling vertan.

Die Armen.

Welche Flle trug er in mich hinein:

         Du warst die
Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis Haus, das
Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein elender Winter dann erfror
. . . . . . die aus dem Boot auf den Aalandsinseln mir entgegenlief,
weiblond, im Hemd zwischen den Dnen . . . . . . die aus dem rumnischen
Zirkus herauspreschte in die Pflaumenblte meines Wagens. Du bist die Hure,
die mich am Pont Neuf in den abscheulichen Monat der Hallen zog. Der
Ritterstad mtterliches Lcheln schwankt manchmal elfenbeinern ber deiner
Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas deutlich auf deine
Lippe getreten, Uga.

Du saest, die Knie zum Kinn gezogen, am Florand mit mir zwischen Worms
und Ems, bist die Pastellufer der Lahn schwrmerisch mir nachgezogen, durch
Vogelsberg und Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo
zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren dein schwarzes Haar
die Bauern feindlich erregte.

Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen, Landwein
getrunken, die gut gersteten Kpfe und Flossen mit Hasenzhnen geknabbert,
standest am Dampferkreuz genfwrts, sangst befeuert: Le soir est doux et
parfum . . . . . . und hast in der Nacht dir den Kopf zerschossen.

Du warst Rene, die mich fand, Rue Bonaparte, als mich beim Verkauf des
Intransigeant ein Verkehrsauto berfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast
du im Kreis getanzt und die Hnde zusammengeschlagen, wie ich das
Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.

Am Thomasstaden Straburgs stie ich dich zurck, weil in dem gotischen
Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit ergriff wie die steinerne Schnheit
der kreuztragenden Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschlo,
dir den bermtigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die zu lsen in
meiner Hand lag, abzunehmen.

Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im Ruf als Gentleman
geschdigt und ausgeplndert auf die Manschetten im Hotel Royal
nachdenklich auf die entlaubte Allee hinunter erwachen lie, weihutig du
wie keine.

Du hast im Auto Sekt gefrhstckt, in Neuilly eine Mansarde mit mit
bewohnt, warst der dunkle Tierblick einer Komtesse in einem Schlo des
Maingau, das ich mit dieser Last, Versumnis eines Sommers, verlassen. An
dich dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder haben, eine
Farm, ein Gut bewohnen, gut grau werden wollte. Du warst trstend da, wenn
mich das Elend fast krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte
und die, welche auch mit unvergleichlicher Vielfalt darber hinaus die Zone
meines Traumes durchflammte.

O Diana.

Das Unsichere, in dem du kamst, und das berlegene Lcheln, mit dem du dich
entferntest, haben eine Vollkommenheit in die Spanne dazwischen gesammelt,
die selbst das Unfabare des Abschieds nicht verschleiert.

Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder Sekunde, die tief
zu dem Laster und hoch in das Herrliche sich spannte, habe ich den
Kontinent der Abenteuerlichkeit meines Herzens grenzenlos durchlaufen.

Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.

Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich htte es nicht einmal
gewnscht. -- --

Wenn ich im Herbst zurckkomme, ist Einsamkeit. Die groen Nebelwolken, die
mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Landschaft verdet. Man hat
den Bltterfall zum Anstarrn, mde der Herzen, die verfhren und peinigen.

Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls zum See fahre,
whrend sie abwesend lchelt, von der Jgerin erzhlen, da der Teich leer
war einen Frhling, da ich eine Woche auf der Schneehtte mit einer Nymphe
wohnte, da der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt als Ruhm, als
Ehrgeiz, als alles.

Das Grn des Sees wird uns verfolgen durch den Pferdeschaum und die
Spaliere der Fichten, die auch in der Rotglut des Herbstes die Erinnerung
deiner Anmut manchmal noch tragen, wird versprhen am Bleihimmel und
zuletzt wird ein geringes davon ber der Braue der Frau sein, die schweigt:

         wie fern ist mir davon selbst das Nchste,
aber wie grausam ist Glck.

Du wirst es hren, jeden Laut, wenn ich von dir rede.

Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die Sonne schwenkt prasselnd
Glut aufs Heu. Die weien Krokus sind nicht zu fassen in der Flle.

Du hrst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser du abtatest, vorziehst die
Pause deines Daseins in unserem Bezirk zu verbringen:

         Ob du durch Stadtpalste feierst, auf
westlichen Schlssern vor einbrechenden Horden nachts fhrst . . . . . .
kein Laut, wenn ich rede, der dir entginge, den du nicht schmeichelnd
empfindest. Wir sind nicht getrennt. Du nimmst alles auf, wie immer, die
schmalen Lippen wenig verschoben, den Kopf auf dem krftig gegossenen Halse
kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie gab ein Gott einer Diana so viel
von einem Kinde.

Ich trume nun, allein jetzt auf den Matten, in die Hnde, wo du seist:

         Jagst du nackt vor Mnnermeuten
skiernd nach Kautokeino mit hell schreiender Gurgel? Wlzt du in
Osorisschnee das erglhte Gesicht? Funkelst mit nchtlichen Lanzen den
Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst auf Delphinen durch violetten
Abendhimmel? Blst ein Horn auf den Sternbgen?

Uga.

Wie gleichgltig dies Rtseln. Es war. Es bleibt. Welches Glck!

                                * * *

Das trumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man stirbt. Aber man gert in
das Elend. Die Leidenschaften steigen in die Niederung dann, wo sie um
Hunger, Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn wir
abstrzen. Wo sind dann die Geliebten?

Du weit keine Antwort auf die letzte Frage, Uga! Bist du bei mir, wenn die
Mondsichel tragisch auffliegt. Steht das Zucken deiner Braue als Trost am
Horizont, wenn man mich fsiliert, wenn ich im Straenkampf stehe, elend in
einer Vorstadt vegetiere, der groe Sund meine Malaria nicht mehr
herunterwirft in die Tiefe des Thermometers?

Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind zerborsten in die Welt
gesprengt. Man wei nichts von den Herzen, an denen man unirdisch gelegen.
Unsere Kraft versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.

Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen nachts die Midussi
zu Tode qulen? Wer wird mit einer Achselbewegung Margits Frische im Keim
ertten? Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip sich zu
wenden? Stirbt Bambulas Strke an einem foul blow des giftigen Ukrainers?
Wer rettet Lella vor der Schwermut im Walde?

Selbst Kerstins tdliche Sekunde zeigt niemand meinem Auge, wenn sie,
verstrten Gesichtes, schn und schmal zum letztenmal ein Bild in dem
Seespiegel sucht.

Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen. Alles war umsonst.
Wir sind allein.

Wir haben wohl Gttliches genossen, aber sind vor dem Tode eine Null. Alles
war Lge, die wir uns gestatteten. Wir waren einsam im Getmmel. Waren
frauenlos in den heiesten Weibernchten. Wir haben uns mit Kameradschaft
gepanzert, aber, ach, es berlie uns dem Nichts. Die Menschen haben uns
wie Bienenschwrme umschart, aber wir haben uns getuscht, sie haben nichts
genutzt.

Die Landschaft, von der wir dachten, sie trnke uns, durchsple uns mit
Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See, einzigem Meer, weicht aus, wenn
unser tdlicher Blick sie sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfhig
dem, der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit, wo wir, als
wir olympisch zu schweifen glaubten, sie wie eine reife Polle aus der
Ewigkeitstunde schlrften.

Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht, was wir
wnschten. Mit den Leidenschaften, die sterben, erlischt auch ihr
Gegenstand. Man ist in Einsamkeit.

Wir Armen.

Wenn wir nchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir haben uns an uns
selbst berauscht. Haben unsere Stimme mit Glanz, den nur jugendliche Kraft
so schmerzlich und hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die
besten Stunden wegen Chimren verlitten. Als wir am schnsten glhten,
waren wir in schweiniger Bitternis.

Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Dreckscke in die Hafen zu
laufen. Ausgestreut haben wir, aber nichts eingenommen. Gegrndet haben
wir, die Bilanz ist bankerott.

Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen, aber liegen als
Pack vor die Karren gekehrt. Das ist der Schlu. Man kommt nicht heraus aus
der Einsamkeit.

Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern, verdet, trostlos,
preisgegeben, und der Fluch zerschlgt auch selbst hinter uns die
Erinnerung unserer Fahrt, die manchmal doch an paradisische Landschaften
kreuzte. Die Blitze sind nchtern, wenn sie zerstren. Wo bist du? Wir
sehen einander nicht mehr.

                                * * *

Wir Kleinmtigen. Wir Schlucker der Verzweiflung. Dieses Leben.

Wie herrlich mu es sein, da auch seine besten Tugenden manchmal selbst
den Khnsten bezweifelbar scheinen.

Welches Glck, da wir erkennen: Bestien sind wir. Belmmert, klein,
Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf. Wir haben als Helden uns
maskiert, wenn wir als Hynen uns fhlten. Wir haben uns Mchte angemat,
die wir, nur gedrehte Figuren, nie besaen. Haben uns emprt, die wir
zerbrechlicher sind wie Glas. Wir sind Arme und Trbselige, im Verbrechen
befangen, nach Schmutz sehnschtig, Gre abgewandt mit Eifer, und selbst
in unseren Instinkten unverzeihlich mileitet.

Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die Mglichkeit, tiefer
zu fallen, unser Elend und unsere Wnsche vergleichend, die Sehnsucht nach
der besseren Station wie alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt
jedes Aases antreten.

Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschtzen, um so heller
sind noch immer die Montgolfieren der Leidenschaft in unwahrscheinliche
Mglichkeiten geschwebt.

Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen das eine erbleicht ber
unser Elend, whrend gleichzeitig schwrmerisch das andere in grazisen
Minuten Glckshgel berschweift.

Denn wir sind khn genug, das Nichts zu berschreiten und an die Tiefe
unserer Erbrmlichkeit die Hhe unserer Leidenschaft anzuschlieen, mutig
genug, statt Sklaven uns zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des
Ewigen, in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehngt
sind.

Wir haben kein Anrecht auf Glck.

Gut.

Erobern wir es.

Wrden wir nicht gleich platten Frschen manchmal zusammengeknallt auf die
Tiefe unserer Erbrmlichkeit, wir fnden, Satte, Eitle, nicht die Kraft,
die groen atemlosen Mondaufgnge immer wieder mit erregten Herzen zu
erwarten, die ruhige Sonne ber Tulpenbeeten zu genieen und ber den
Wldern geheimnisvoll die wandernden Regenbogen zu suchen.

Seltsames Leben.

Wie niederschmetternd mu es im Grund sein, da selbst die Khnsten so sehr
sich daran zu begeistern verstehen.

O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus dem schmalen Hafen von
Antibes mit der gleitenden Bewegung der sdlichen Frau, die frische
Syphilis im Krper, verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten,
mit dem groen Segelschiff in das tdliche Schicksal fuhr . . . .

         aber
gereizt von der unwiederbringlichen Schnheit, mit der von den Seealpen her
ber Aloe, Orange und Lorbeer der Mond das Silberrot der Wellen wie Duft in
sein Licht hinaufzog, die Arme in eine groe Bewegung des Entzckens vor
dem ersten Segel aufzuheben wagte -- -- -- eh wir sie morgens mit den
tierisch schnen nackten Oberschenkeln an den Strand getrieben sahen.

Wie ging da sterngleich jener Frhling der Erkenntnis am sdlichen Meer
meiner dumpferen Jugend auf:

         O Frau
von Tervani, vor deren weier Palmvilla und abenteuerlichem Schmerz mir der
Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die hellen Stufen
von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend meinen
verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua erwartete
auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht
des gelben lbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani umrahmten -- -- --
-- -- bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen
aufgegangnen schmalen Lden ber der Terrasse unten im Hafen die gyptische
Fregatte Bonapartes erblickte . . . .

. . . . . da von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute,
jedem Wolkenschauer ber der sen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus
dem Hain herauf weckte, unzhmbar berschwemmte:

         nun in die noch unbekannten
Lnder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter Form, Menschen
beispielloser Vielfalt zu erkennen und genieen und belauschen, Stdte,
Meere, Kape zu bersteigen, Frchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Strme
an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken . . . . . . und
einmal dann am Ende in Bcher Menschen ohne Zahl und berlegen wie Krner
durch das Sandglas strzen zu lassen, da noch vier Generationen der Jugend
nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat hier unvergelich
gewandert.

                                * * *

Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich
erkannte, wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschmend eingehrdet in
diese Welt, da ich schlielich vermochte, auch ber die Zweifel unserer
Unzulnglichkeit hinweg so Verflchtigendes und so gttlich Unerreichbares
wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch wunschlos noch zu genieen und zu
lieben, wo unsere Hnde schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften
nicht mehr gengen und fassen.

Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und nicht
weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem
Leben und der ihnen zugewandten Flche meiner Existenz glauben. Niemand
wird es wissen.

Es mu nicht sein.

                                * * *

In diesen Tagen kam der Fhn unter wolkenlosen Sternen ber die Steppen
gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax' Herz.

Sie lchelt. Wenn sie allein ist, sthnt sie leis. Depeschen kommen.
Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das
Erdenkliche in die Villa. Sie erhlt Kampfer, Veronal, Morphium. Es
vergiftet sie, sie lehnt ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager.
Die Helferinnen pumpen den Sauerstoff ber ihr Gesicht. Das Telephon ist
belagert. Sie empfngt niemand. Eine Rippenfellentzndung trifft in eine
Nacht, sie breitet sich nicht aus.

Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Krper es berwindet, ob er versagt.
Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als
sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit
ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt
verbinden. Nichts erleidet eine Strung. Sie diktiert ihre Post. Sie
empfngt, sie unterhlt sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit
liebenswrdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus
verkt: Haben Sie keinen anderen Geliebten? Der schnen Nonne strzen
die Trnen. So gro ist die Rhrung ihres Zaubers.

Aber als nachts pltzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die
Rippeninflammation zurckging, die Krise berschwang . . . . . nahm sie
Lcheln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:

         Sie entfernte sich in
einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Proze der Lsung
schien der Krper immer weiter sich zu verflchtigen, und ihr Geist allein
beherrschte in quecksilberner Reine die Bgen der Stirn. Ihre Hnde
schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe
nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gesprt.

Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums
im Garten zu ihr gefhrt. Ich habe pfel, die noch rochen, ich habe Krokus,
Aprikosenzweige in Blte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie
hrte das Jgerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf
ihre Hand gelegt, da sie das Murmeln der Wellen wieder hre.

Sie war zwar gefolgt.

Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glhenden hier wie
immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Fhn und
die Wiesen voll Himmelschlsseln und den betubenden Heranmarsch des
blhenden Grases von allen Hngen und Matten.

Aber ihr Geist lchelte: das Spiel zerfiel.

Sie wollte nicht mehr zurck den Weg ber die dreiundzwanzig Nchte der
Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entfhrt, als da sie um den Tausch
eines zerbrochenen Krpers die groe Sinnlichkeit gegeben htte. Denn was
geblieben wre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte
es zu dem andern: Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering fr
meinen Anspruch.

Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie
gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen
Krpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschlo. Sie erwachte:
Es ist spt.

Die Schwester, geneigt: Du bist md Lil. Sie richtete sich auf: Man mu
sich nicht gehen lassen. Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.

Die schmalen braunen Mrtyrerhnde lagen auf der gelben Seide der Decke.
Sie lagen schn und krperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie
nicht mehr verbrennen.

Dann machte sie noch eine Bewegung --: sie wandte, unzwingbar, dem Feind,
der seit Jahren in ihr zerstrte, mit einer unerschreckbaren Gre, gebend,
mild das Gesicht zu, da er erbleichte. Sie war souvern. Er besiegte sie
nicht. Sie gab sich hin.

Zum erstenmal lie sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.

Was ist nun Sterben?

Ich habe mit niemand ber diese Tage viel und gro gesprochen. Wie
glcklich bin ich. Wie frei.

Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schn gedmpften Musiken gleich
rollt aus dem Westen ber mich tglich der schmetternden roten Sonne zu die
heimliche dunkele ber meinen Horizont.

Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlschen sie beide an den
Polen der Flche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spre sie beide
unauslschlich, jede in ihrem Kreis.

Ich fahre.

Mit abenteuerlicher Flle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer mit
allen Prrien und Wassern und Wldern und Hgeln und Flssen dazwischen
entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewlbten Brust des
Seglers und Fechters in ihn hinein.




Der Zuschauer


Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar auf Schlo Favorit
bei Baden-Baden, als schon heller Frhling war. Sein Vater war der Portier,
der in gelber Livree, rotbehost, die groherzoglichen Farben zur Fhrung
der Fremden trug, das Kind Cepha Billy nach einem Nick-Carter-Schmker
nannte und Ehrfurcht vor den Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die
viergegliederte Allee heraufstrichen.

Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur, der sie mit
Glasketten behngte, mit der Pistole den Gatten bedrohte und die
schmalhftige Frau in fliegenden Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.

Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem Prinzen Schlitz-Glitsch,
der auf der Wiese das Strumpfband einer deutschen Aristokratin zu
befestigen suchte. Der Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm
fnf Mark, was den erbleichten Vater so erschreckte, da er zwei Schritte
gradaus machte und in strammer Haltung, die Mtze auf der flachen Hand:
Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten . . . zu singen begann.

Mit neun Jahren ri Billy aus, indem er sich an ein Auto hngte, was erst
in Karlsruhe entdeckt ward. Ein Gendarm brachte ihn zurck. Gestraft wurde
er nicht, der Portier lie eine fast furchtsame Verwunderung spren.

Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am Schwanz in den
Kastanienbaum und sagte das Vaterunser auf, whrend er im Kreis der
Gehftkinder Steine nach ihr warf.

Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte die bermige
Angst dem Portier Mut, das Ende einer Komdie zu finden, in der nur sein
Respekt ihn hinderte brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in
dem er alles aufzhlte und sich der besten Gnade empfahl.

Einige Wochen spter, als Billy im Bett lag und auf die Mondkringel
lauerte, die durch die Alleen strmten, fuhr ein Wagen herauf, es wurde
angeklopft, geffnet, eine Stimme rief mein Sohn, stie die Tr auf, kam
her, von einem mderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn aus dem Bett.

Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Frsten Wolkowski, der ohne
Unterla redete, der Portier sollte Tee machen und von seiner Frau
erzhlen, aber er kam immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette
hinein und kaute wie mit dem Mund einer Rstung schnarrend und sinnlos. Am
Morgen nahm Wolkowski seinen Sohn mit.

Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach vielleicht gelegen
htte, als durch die Ereignisse berholt und des Kindes Blut offensichtlich
nicht entsprechend, rasch von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft
entgegenzufhren.

Lebewohl, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht zu finden, erst wie
sie rasch das Haus verlieen, trat er in den Alleegang, als der Wagen schon
lief, vermochte kein Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme
Prsentiert das Gewehr und den Kopf Augen links. So fuhren sie an ihm
vorbei, Billy winkte mit einem Tuch.

Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, da er unter allen Umstnden keine
Mutter habe und brachte ihn nach Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt
seinen Namen, nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefgt,
man nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewhnlich schner Mensch mit
kleinem dunklem Bart am Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein
Interesse am Kleinen mit einem Wachsein fr ein langes und weitgespanntes
Dasein verband.

Ein Jahr spter bersiedelte Harri, der seinen Vater nicht mehr sah, auf
seinen Wink in die Odenwaldschule, wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei
Geschlecht, wilden Mdchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm
Freiheit des Geistes als oberstes Merkmal pries.

Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im Kloster mit der halb
burischen, halb besten aristokratischen Jugend Bayerns, lernte er
strengste, kirchlich geheizte Zucht mit dem vereinen, was an der Bergstrae
seine Lehrer ihm als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefhl unausrottbar
ins Blut gesetzt.

Wolkowski war tot, als er das Kloster verlie, ein Anwalt verwaltete ein
ansehnliches Vermgen, das der Magnat seinem Bastard bermittelt.

Er ging nach Genf, Mnchen, Berlin, sah kurz Warschau und Petersburg und
verbrachte seine Zeit in der blichen Form seiner Gesellschaftsklasse.
Ausschweifungen besttigten ihm nur vom Kloster her Bekanntes in grerer
Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst war nichts Neues
da, auer dem, was das Auge durch Vergleiche ablas.

Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits zwischen ihre schon
heftig mahlenden Mhlrder zu nehmen, und, zwischen fernen Gewittern und
glatter Gegenwart, war ein Mann nur, wer sich entschied.

Durch ein Mdchen, das er mitnahm, kam ihm das niedere Schicksal in seinen
Gesichtskreis, was man mit einer Handbewegung sonst abtat, was man nicht
wissen und erlebt haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte und ihn
begann das Dasein der anderen tieferen Schichten anzuziehen, jedoch nicht
mehr als mit teilnehmender Neugier.

Mit glnzenden Beziehungen, reich, schlank und mit blonden Haaren ber
dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen Rcken zwischen der slavischen
Eleganz tierisch anmutiger Bewegungen auf schmalen Hften schaukelnd,
angesehen und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles eigentlich zu
Erfolgen und Siegen seiner Schicht.

Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her sein Blut bewohnte,
zwang ihn immer wieder, eifrig den Ausgleich abzutasten von seiner Klasse
zu der, wo man fern demonstrierte, schuftete und stank.

Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flchtete er zu neuen
Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort wieder hinunter.

In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben, a Speck, Brot,
grhlte und schnapste. Krftig, braun, erfrischt, aber innerlich erschpft
kam er nach Kln ins Hotel.

In Mnchen arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Frsorge,
Antituberkulose. Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn im Seminar aus, wo er
durch khne Einflle die besten volkswirtschaftlichen Florette fhrte.

Als es anfing ihn zu verwirren, da bei allem Drang und aller Lust er in
den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverstndliche
Gemeinschaft, whrend das, was er von Natur leicht besa, ihn in seinen
Mglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der
neun Jahre sein Vater zu sein schien.

Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier ber den
Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen
Weltgefhls sich ihm zrtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten
Autoritt zu suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der
badischen Dynastie herunter.

Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.

Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein
Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.

An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen
Dinge respektvoll beizubehalten.

In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberflche seines
Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefhr dieses
Existierens und blieb schon durch den Gedanken, da er bei Unkenntnis
dieser Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich
nur geschenkt und leihweis dem Leben berlassen sei, lchelnd pltzlich
jenseits der Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.

Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedchtnis unter, er begann
neu die Eindrcke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.

Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Gre seiner Nhe und
nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch
einzuschtzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so
fhlte er sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein
entgegenschreitend, das er einerseits nicht besonders einzuschtzen
vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden Lockungen und
dauerndem Wechsel ihm gegenbertrat.

Noch md fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll
Gewlk und lichter erst ber den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den
Riffen und Blumen und Bchen, Hornissen und Sturmschwalben gingen Wochen,
die nichts gaben, nichts nahmen.

Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rckenliegen, im Anblick eines Hauses, des
hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes,
die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur fr Hockey, im Anblick
von Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick
eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von
Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem
Kerzenbegrbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von
Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends ber
Khen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran
Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strmte
unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape
Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in
die Luft sprang und ins Meer strzte, im Anblick einer dauernden besonnten,
reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das
sich abendlich verdunkelte, in der Frhe immerhin nicht ohne Sympathie war.

Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer durch Cornwall zurck. Am
Waldrand bei Liskeard bettelte ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurck.
Da lief der Strzer wie ein Eber schreiend davon. Simpelst thing in the
world, sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar Tage Forellen mit
Edinburgher Studenten, fuhr durch blhende Grassteppen ans Meer, durch
Sussex, und kam nachts nach Paris.

Im Hotel neben dem Panthon schrillte dieselbe Nacht unter einem Dietrich
das Trschlo, sein Schlssel flog heraus, das Licht ging an, ein Herr im
gelben Pyjama stand vor seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf
die Lippen, deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt lautlos
hinaus.

Wie heit der Mann? Gallow.

Sie flsterte zitternd, whrend drauen der Lift hochscho, Mnner liefen,
ein Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen und langsam zurckfliehen und
verschwanden. Harri bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im
Lehnstuhl zu schlafen, die hatte einen Kimono ber dem Hemd, die nackten
Beine bebten. Nach zwei Stunden entfhrte sie Gallow mit einer Verbeugung,
eine Limousine nahm sie auf vor dem Hotel, die Vgel sangen bereits in das
Lila einer Dmmerung.

Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang in Ettal zusammen war,
fuhr er die ersten Tage nach St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit
Shanvadys Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville. Im Motor
begleitete er sie durch das Abendrot der Seine am Trokadero.

Ihre Schlfen waren leicht eingebogen, die lebhaften Nstern zitterten
scharf und anmutig, das Auge war bedeckt mit einem perlmuttenen Schleier,
unter dem das leidenschaftliche Herz sich khl verbarg.

Vor Bildern, im Muse Moreau, vor den Ruschen bergroer Empfindung, fiel
ihr Gesicht wie eingestrzt noch nach innen. Sie war so unerlst, da der
Hauch einer seelischen Bestrzung sie erstarrte, eine Zrtlichkeit der
Stimme sie fiebrig den Blick verschwimmen lie.

Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator Gallow wieder, der
eine Bande kommandierte, die zwischen den Buchmachern, Jockeys und
Startrichtern hin- und herscho und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips,
gewann, verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb er dabei,
nachts endete er mit einem Umzug durch die Brasserien des lateinischen
Viertels. Da Gallow am nchsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem
Rderwerk einiges an Harri heran.

Er schaffte den hollndischen Photographen Visser, der die dunklen Hfe fr
drei Sous aufknipste in ein illustriertes Journal, wo Visser die Klischees
an Althndler zu verkaufen vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine
Gage. Er schob Germaine als Tnzerin in das Ballett, wo beim
achtundzwanzigsten Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem Kritiker auffiel und
Germaine auf den Punkt gelangte, ihr gewisses Renommee und diesen Ruhm zu
abenteuerlichen Rubereien an der Gesellschaft zu benutzen.

Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall des Prsidenten, der
dann, von der Opposition bestochen, das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf
der Strae von Neuilly umschmeien und den wackelnden fetten Mann als
Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern mit Birnen beschmeien
und in aller Taghelle besudeln lie, bis seine glnzende krate Kompagnie
herbeikam, aber den Skandal nicht mehr aufspiete, der aus einem Film und
hundert Karikaturen ber Europa flitzte.

Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flchtlinge, bankerotter
Literaten, sozialer Bohmes und Glcksrittern, in diesem nihilistischen und
auf Karriere bockgeilen Milieu mit der Sicherheit seiner Beziehungen und
seiner Uninteressiertheit.

Dazwischen sah er Mirei.

Bald mischte sich sein Leben.

Er sa mit der Ungarin in der Opernloge, a mit ihr und Shanvady im Caf de
Paris und fuhr im spiegelglatten Auto in den Klub der Rue de Grenelles.

In derselben Nacht in schiefer Sportmtze und Sweater decouvrierte er den
Rennfahrer Mller, der im Absynthrausch in der Rue Champollion gestrzt
war, als Besitzer eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von
fnfhundert Francs, die er verschwiegen und sich von den kleinen Kokotten
hatte aushalten lassen.

Er tastete mit Mirei die Knoten der ltesten Spitzen ab im Muse Cluny und
ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten Verstelungen.

Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke, wo er zwischen
dem Bild einer Frau, die ihn betrogen, und dem Glas darber, eine Brut
Wanzen zchtete, und brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen
zum Fhrer des Chors in eine dramatische Revue des Odon.

Er ging im Promenoir der Folies Bergres, den Zylinder im Genick, die Hand
in der Fracktasche neben Mirei, und machte in dem Caf der kleinsten Huren
den Kroaten Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die einen
phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann und Aristokraten seiner
Rasse bei Geschick in seine Hand gab.

Er fuhr zum Golf auf den grazisen Avenen zwischen den Idyllen und
Zartheiten der Gebsche mit Mirei im Bois de Boulogne auf dem
Mail.-Phaeton, und brachte Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig
bei dem serbischen und sterreichischen Konsulat.

Er glitt mit dem Rderwerk, das er stellte und spielte, tief in das Milieu,
war im arabischen Viertel heimisch wie ein Zuhlter, kannte und lernte die
Tricks der Polizei, der Gesellschaft, lernte die Finten dagegen, die
Fallstricke, die Betubungen der Gegnerschaft. Wute, wie Mdchen verkauft,
Mnner ausgetrieben werden, kannte die Fhrer der Milchdiebe und der
panslawischen Komitees, lebte in dem Rauch der europisch gemischten
unruhsamen Retorte, wurde von Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot
ein Abendblatt vor der Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem
Chor im Odon die Stichworte gab, aber er brachte genug unausgesprochener
fremder Welt an sie heran, da sie ohne Begreifen aber gefllt bis zum Rand
mit Instinkten mit ganz weit geffneter Iris und dem fiebrigen Pochen,
gleich einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenbersa.

Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim Grafen Castiglione,
jenem groen ungarischen Sportsmann, vorgelassen wurde, nahm er selbst, in
Petrovas Maske und ausgefransten Hosen und ohne Kragen die
kompromittierenden Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel am
Vendmeplatz drei Appartements, ging in das vierte, von der erblaten
Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im Peignoir halbnackt, aber mit
deutlicher wunderbarer Schulter durch einen Vorhang verschwinden und hielt
mit ruhiger berlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren
Burschen mit rtlichem Brstenschnurrbart die Papiere und die Situation vor
und lie ihn whlen.

Verwirrt griff der nach dem Schlssel seines Schranks, um auszuzahlen, da
strzte Petrova auf die Papiere, warf sie dem Grafen vor die Fe, warf
sich in den Teppich auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als
Gegenleistung fr die Papiere seine Geliebte fr eine Nacht.

Der Graf ri die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung Mut, spannte
eine Pistole, und nur mit schrecklichen Stzen gelangten die beiden ins
Freie. Der Figaro brachte Castigliones Bericht durch seinen Interviewer,
das Journal sein Bild, der Polizeiprsident setzte eine Belohnung auf die
Erfassung der Attentter.

Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, da er nichts, Harri alles
zu verlieren habe, und da er Geld brauche. Harri lachte und schlug ihm
zweimal seine Handschuhe ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf,
eiferschtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung. Harri gab
ihm eine Banknote. Einmalig . . . . wie der Tod, sagte er.

Yes -- Gallow.

Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von einer anderen Seite. Harri
suchte ihn durch einen Dritten, der zuhrte, zu fassen. Es gelang nicht.
Als er ihm entgegnete, da er, wie seinerzeit den Strzer am Waldrand bei
Liskeard, ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die Brust schieen werde,
fragte Gallow kalt: Wieso?. In der Tat gab es gegen diesen eleganten und
gefhrlichen Halunken kein sicheres Material.

Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er mit ihm vor dem Caf
d'Harcourt sa, und damit trat Shanvady in sein Leben, in das er tief wie
niemand einschnitt.

Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement berlasse, Harri nickte; Gallow
verschwand.

Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei nach Fontainebleau. Das
Wasser hatte eine zauberhafte Durchdringung der Luft, die Parke standen
hauchklar und leicht.

Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften blauen Tags hinein
in die Schnheit des, was sie umgab. Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon
Abschied nahm vor Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze
Kompagnie zum Heulen brachte.

Vom Wagen links und rechts sich neigend, verstndigten sie sich, da hier
der Rousseau gemalt, dort der bauernhafte Millet, da der Daubigny, und am
Ende berall der aus Silber und Flte die Welt geschaffen: Corot.

Schon im Schlo lchelten sie sich zu und begannen die Sle zu durchrennen,
immer ser wie von ihrer eigenen gleichstrmenden Harmonie weitergetragen,
bis Mirei neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette
stehen blieb, errtend, ihn erwartend und die Hand auf der Brust, atemlos:
Fhlen Sie mein Herz.

Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte sich in ihrem Gesicht
aufgestellt, bereit wie mit einer groen und feierlichen Zeremonie ihn zu
empfangen und ihm entgegenzutreten.

Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem Blick, er
fhlte keinen Anla und keine Begeisterung hineinzutreten in diese Welt,
als sie sich ihm ffnete, er vermochte sich nicht darauf zu spannen, da
dies ihm etwas sei. Der Tod hatte ihn zu sehr entrckt, er bestand die
erste Probe nicht, mit der das Dasein ihn lockte.

Flaumenweich, dnn und zwecklos flo es ihm weg, er neigte sich nur
lchelnd und zurckhaltend, als hre er. Abends nahm er im
Luxembourg-Garten eine tschechische Studentin mit, kte ihre Knie und
lachte ber die Nationalbnder, die sie durch ihre Wsche geflochten.

Am anderen Abend erffnete er mit Hallboog das Kabarett in der Rue
Champollion. Er suchte Hallboog damit durch die Varietsensation in die
Literatur hineinzubringen, aus der dieser abgebogen war durch ein
Weiberunglck, und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal
zusammengeklappte Jngling mit penetranter Begabung gehrte.

Den Tag ber hatte er alles, was irgendwie ihre Kreise streifte, als
Sandwichmnner mit Plakaten herumgeschickt. Germaine, die er gestartet, war
im Auto mit Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun wiederum
diesen Start zu machen.

Shanvady in grnem Seidensweater, Apachenmtze, Lackpumps und rotem
Halstuch erffnete, indem er ein Florett durch das Billard stach und, das
sechseckige Monokel eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe
verhhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er drhnen lie. In der
vierten Nummer sang Germaine, indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte:
J'offre ces violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces
vermeillettes roses / Tout freschement closes / Et ces oelliets aussi. Die
Spanier kamen, warfen ihre spitzen Hte hoch, schrien ihre Namen: Tom
. . . Elisabat . . . Camacho . . . Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack
pfiff dazwischen, aus den Ecken gingen Grammophone wie Bller los,
berraschungstren knallten mit aufgebundenen Akteuren um eine wagrechte
Achse.

Da sprang ber einen Tisch der Hollnder Visser, streckte sich eine Sekunde
mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein Pferd in die Hhe, machte einen
Riesensprung und stie, ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in
den Rcken. Die Scheiben des Cafs wurden eingedrckt, Sanittsleute liefen
vom Boulevard herber, das Polizeirevier sperrte ab.

Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu sagen als den Namen
seiner Schwester, die verschwunden war, er sagte ihn bis an sein
Lebensende.

Das Komitee ward verhaftet und zurckbehalten. Shanvady rettete sie, indem
er pltzlich mit dem grauen Torpedoauto der Botschaft vorfuhr.

Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend, Mirei. Wir sind im
selben Wagen gefahren und haben uns nicht gesehen. Er nickte. Ihr Gesicht
sprang fast wie dnn gewachsenes Glas unter den verhaltenen Trnen. Ich
fahre am Abend. Er nickte und schwieg. Sie gaben sich vor ihrem Haus die
Hand. Bald darauf kam Harri an die Seine.

Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand, der ihm winkte. Ein
Englnder grte von dem Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber
erst, als dieser die groe Reisemtze abtat, erkannte er Petrova, der,
zwischen Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glck eines Tricks
nachfuhr, der ihn in die Hhe geworfen, und den sofort eine Rauchwolke, die
das wendende Schiff machte, verhllte.

Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen Stern geordnet und Zge,
die in das gewellte abendblaue Ackerland hinausrollten. In einem der Zge
war Mirei.

Gegen Mitternacht sprang er ber das Gitter des luxemburgischen Gartens,
trat in die Platanenallee und kam in die Nhe des Platzes, wo der Wind auf
fnfzig Meter die Fontne gleich einer Peitsche herumschlgt. Auf der Bank
sa ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang, Shanvady.

Harri hatte die Hnde vor die Augen geschlagen, um besser zu sehen. Das
verkannte Shanvady und machte eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm
vollstndig hinzugeben. Als she er in ihm einen Zusammengeschlagenen,
sagte er: Kommen Sie mit mir, schlieen Sie sich mir an. Ich fhre Sie, zu
was Sie wollen. Harri starrte ihn an.

In diesem Augenblick kam die Fontne armdick angesaust und Harri fing sie
mit der Brust und entgegengeworfenem Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in
das mondvolle Rondell getreten, die Wache am Schlo trat ins Gewehr, ein
Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bume. Die beiden sprangen
zurck, machten kehrt, rannten durch die Allee, ber die Mauer auf die
Strae und verloren sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von
dem Abend zu sprechen, im Zug nach Straburg, von wo Shanvady auf eine
Besitzung fuhr.

Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn spter zu besuchen, reiste
weiter, im brigen verga er diese ganze Epoche rasch, sie blieb ohne
Widerhall in seinem Leben.

Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus mit dem Flu schon
abgestrmt und nichts da als das pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und
Dcher, das Kuhgebrumm und das Schlafbedrfnis, das von den kruselnden
Ulmenschatten ber die abendlichen Matten herberwehte. Als er Dover sah,
nahm er es nackt und ungetrbt, ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in
sich spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand, auf den
Schiffen, als sei nur pausenloses Leben vor ihm und hinter ihm nichts.

Es gab viele Gensse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es htten
ihn aus seiner entfernten Khle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In
Husum knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkufer
weiter, weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: Glorie, glorie,
Hallelujah / Schn sind die Mdchen von Sankt Pauli-Altona. In dieser Zeit
vermochte er sogar viel zu lesen und zu studieren.

Von Hamburg fuhr er pltzlich direkt zu Shanvady.

In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen lie Shanvady
ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden,
karmoisin und golden, und einer Krone als Abschlu. Mit Fackeln kamen sie
abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster
schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach
spielte. Am Portal lie er Harri durch den Hausintendanten begren, es lag
eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der
Luft.

Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre
Tochter zwanzig Stufen ber ihm. Pltzlich fiel mit glatter Bewegung die
Hose des Mdchens ber ihre Schuhe. Mais . . Juju . ., entsetzte sich die
Dame. Das Mdchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte
Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe.
Sie hatte einen Frottstoff im Kostm bis zu den Knien, war etwa
siebenzehnjhrig, mit biegsamen Beinen.

Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht
einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den
Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nchtlich blauen
Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte
Jnglinge und hielten sich, murmelnd, an den Hnden.

ber sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem
Schlo fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und s, spielte
eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht
hindurch.

Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an
einem Band fhrend, das Haus verlassen.

Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen
Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres
Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo
die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prgung
erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit
eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers
Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein
Gurgeln gerade beendete.

Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort:
Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel
vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen
Reservedivisionen das lppische Rtsel der Erscheinungen dieser Welt wie
mit Handgranaten aufzuschmeien . . . . . . worauf mit leichter Bewegung,
den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrckend, Harri freundlich ber die
Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Khnheit sich diese
Lebensfasson am krftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, da
in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbcken dem Diener ein
bestrzender Knall entfuhr.

Doch erschien glcklicherweise der Hausintendant, half Harri in das ber
den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys fr ganz kurze Weile in der
Nacht stattgefundene Abreise.

In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknpfe einziehend,
meinte Harri, als der Adept nicht wich, da man beim Lesen feuchte Knie, im
Schlaf hin und wieder Hundetrume habe, im Gewitter grne Leichen sehe wie
er sage, das sei amsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der
auf das Frhstck aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen
Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener
auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.

Als aber darauf der Hausintendant pltzlich nach dem Garten schielte und
mit zitternder Stimme auf eine schne Junonin neben einem taprigen, elegant
arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum
erstenmal seine verklebten Augen aufri und mit schttelnden Verneigungen
den Gaga als jenen Holzer grte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach
ihrer zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit
seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Wrdigung
mit Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gef, drehte sich um:
Excusez, worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem
Donnerschlag verschwand.

Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den
barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte.
Er folgte um Gebsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch
Juju.

Er trieb sie ber den Flu, aber als er um eine tiefere Brcke herankam,
entwich sie zurck, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum
sich schwang.

Im gleichen Augenblick mute Harri zurck, sich am Ufergebsch verstecken,
denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr elegant,
teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brsten und Indianerhaaren die
Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen
Weisheitsschule Couleur in Form eines Frsten bei sich fhrten, der
unablssig an einem violetten Seidenkissen stickte.

Ihr jngster Nachwuchs blieb mit hochmtigen Hlsen unter dem Baum stehen
und versuchte, indem sie ihre Beschwrungsformel tak . . . tak . . . tak
. . . tak . . . ore riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die
Kpfe spuckte.

Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung
geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus fhrte, herum und
schlug dem Jngsten Laotses Sprche heftig auf die Ohren, worauf der Frst
sich umdrehte und knurrte, weil ihm mifiel, da der Aufenthalt der
Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jngling
piekte.

Als sie im nchsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brcke und
kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.

Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schnen Beine baumelten,
ging ein Lrm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach
einigem Lauschen sah er, da es nur ein Dutzend Jnglinge waren mit
wallenden Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege
herschritten, mit einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach
innen gesetzten Fe.

Harri bemhte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnten, denn diese
Mnner sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Fe
den unteren Rcken schwangen.

Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen zu
lieben, ihnen gengte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie
Georges ausklang und, wenn er kein jdisches Symbol bedeutete, ihn
schlieen lie, da hier ein balkanischer Stamm sich in Riten bte, worauf
auch die Ziege den Akzent gab und hnlich versunken mit dem Stei flog.

Im Augenblick, wo sie einbogen, lie sich Juju an den glatten sten
heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in
groer Erregung Menschen sprangen.

Die schne Frau des Vormittags zuerst, die Rcke geschrzt, den Busen
fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hften und Schminke im Gesicht,
der sofort an einer Ritze der Badezelle Posto fate und der Entkleidung
zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch
freier sah. Hinter einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden
Holzer aber stand, das Gesicht von Trnen berlaufen, der Hausintendant,
trostlos und ohne Hoffnung gegenber so alter und konkurrenzloser
Leidenschaft.

Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten
Erregung so gestiegen, da er Anastasia zu rufen anfing und auf den Zehen
hpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorber, am Steuer der Adept des
Vormittags, aber selbst das Gesthn ihres Meisters, der sich die Haare
raufte und aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot
wechselte, vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und
Heil zu rufen.

Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von
zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.

Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Gerusch, das den Horizont umspannte
und dabei dnn und weich vor dem Schlo erstarb, wieder ausklang und
verging und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.

Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.

Hinter der Herme hrte er einen Pfiff.

Mit kleinen ngstlichen Schritten hpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am
Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre
entzckende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm,
die Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.

Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch
ber eine Wiese schwang. An den Fen zog er sie herunter. Sie schluchzte,
als er sie ins Boot hob. Er mute zurck, ihr zitterndes Hundevieh Rouge
mit an Bord nehmend.

Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen.
Pltzlich glitzerten ihre Augen, sie ri ihr Kleid ab und warf sich mit
einer rollenden Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter
trug. Er zog sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und
kam mit dem Badeanzug zurck, whrend die Vgel aus dem Schlaf schrien.
Ihre Beine wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im
Wind, sie paddelten weiter.

Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Gerusch
entgegen, weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es
das Boot an.

Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, ri die vom Licht Bezauberten
heraus, drckte sie auf den Bauch, da sie die Muler aufsperrten und warf
sie in das Wasser zurck.

Nun war es kein Zweifel mehr, da das Gerusch, das immer dunkler die Nacht
erfllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit
auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie bi ihm vor Vergngen in die
Lippe:

Chri . . . mon ami.

Sie hrte den Gesang zum erstenmal.

Wie lange bist du da?

Sie wute es nicht mehr.

Wie lange bleibst du?

Sie lachte: Fragen Sie Maman.

An einem Teich vorbei, Hgel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus Arm
an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal
hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der
Ferne. Pltzlich kam ein Haus.

Die Tr ging in den Garten. Es wurde vollstndig still. Jujus Zittern ging
durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des
Gartens wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte
zurck, sie stieen an elektrische Drhte. Die Tr zurck war geschlossen.
Im gleichen Moment begann das Singen wieder.

Der lichte Teil des Gartens _bewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer
Leinwand bebte,_ zu verhllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu
sein.

Er sah den Zug vorberlaufen, und verga Juju, die vor ihm stand:

Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur
Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit
Olivenstruen am Grtel. Jtische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen
Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weiblonde Finnin von den Stromschnellen,
eine kleine von den Hochzeitsgtern. Neuseelnderinnen kamen, Kinodiven mit
kurzen Rcken, hochbeschuht. Jdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in
Kleidern Poirets, den Bauch herausgepret. Kunstreiterinnen sausten vorbei,
Russinnen mit Madonnenscheiteln, Armenierinnen mit den Hften der
Wolfshunde. Negerinnen, die schne Melonenbrste ber der Schulter trugen.
Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende Frauen aus
Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris, Provinzmdchen aus Krain mit
anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen vom Elsa, Sehnschtige aus
Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt, Australinnen,
glatt wie Zebufell.

. . . . . . Augen, Hften, Beine kamen. Fe schritten, die auf Kies nicht
treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knchel so
hochgespannte, da sie die Sandalenschnur verschmhten, Waden,
geschwungener als Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser
als Vgel schwangen, Hlse khner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die
wie Schwanennester schwebten, Brste wie Hgel der Bretagne aus der
blausten Abendferne, Leiber, die mit der Bewegung der khnen Gestirne
aufzogen, Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten, Knie,
deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo verjagte, Hften, die der
Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der Erntefelder und Flsse
hinzufgten.

. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in
Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen
mit Quarzaugen, Damen, die wuten, alles sei duftig, reizvoll, sie
angemessen erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen
gespannt, Reiterinnen mit bleichen, herrschschtigen Gesichtern, Mdchen
mit Gliedern, als trge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit
roher Trumerei vor dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und
Gibsons Wald, burgundische Tler, der Po, die Rheinflsse, Verona, der
Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufscho,
unter die der Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt
legte, Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Stdte sich
formten, Abhnge glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die
ber Birkenrinks bei groen Concours wegsetzten, Frauen auf dnischen
Gtern, dalmatinischen Schlssern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die
in Jachten brunten, die durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Fe
die Liebkosung der Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische
Nacht auf Tiere schossen.

. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumninnen mit lasterhaften Hnden.
Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die
kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weien Hengsten,
Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit ppigen Brsten unter Ketten und
Bronze, rote Haarbschel ber der Stirn. Die sbelschmalen Weiber aus
Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie
Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit
Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen
mit grostdtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte
berhrten. Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rcken. Mit
Niggermusik in dem Bauchmuskel. Khle Schottinnen. Amerikanerinnen mit
Diamanten in den Zhnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im
Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzchtiges im weichen
Blick, Frauen mit aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den
Starnbergschlssern. Frauen aus den Pyrenen. Ruteninnen, deren Vter
Franzosen waren.

. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich
umarmten und dem Mann noch unergrndliches versprachen. Frauen mit
Unterwerfungsgebrden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von
Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe
gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekndlich
wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhnden. Frauen mit
ttowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. tiopinnen, die
auf Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die
mit ihrem Krper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie
Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebder, wie
Borkum, Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der
Vierzehnjhrigen im Juli im Inselhotel des Bodensee.

. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien pltzlich auf den Handtellern
trugen. Frauen, in deren Augen tdliche Geschichten eingeschrieben standen.
Frauen, die zwei Meter ber dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten.
Bobfahrerinnen, Trumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als
Tnzerinnen. Mit Flten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt,
Frauen wie Hynen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe
Katzen aus Chile. Pumas, nackte Ruberinnen, Frauen, die einen Fjord
berschwammen. Frauen, die Timbuktu pltzlich entfachten, die
Fidschiinseln, Honolulu malerisch zwischen den Brsten wiegten. Frauen wie
Luchse, wie Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jdinnen,
Katalonierinnen, Frauen vom Roten Meer, von der indischen Bay, heie Weiber
aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang
ber den Schren beschworen. Frauen, die Tod hieen oder Pense. Erregte
mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Lwen
antik gejagt. Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an
der Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akt, die Hasselquist, die
Durieux. -- Isis und Huschnaia. Gttinnen in einem wundervoll vollendeten
griechischen Flug, mit berirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. -- --

Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In
das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.

Der Garten war leer.

Sie umgingen torkelnd die Drhte, die mit einem Mal sie nicht mehr hemmten.

Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem
Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer groen
Schleife fuhren sie nach dem Schlo. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr
Boot am Flu.

Noch zweimal hielt er.

Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. Chri . . . mon ami.
Wie lange bist du da? Pause. Wie lange bleibst du da? Fragen Sie
Maman.

Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: Mon ource . . . mon
rigolot . . . mon grand bb. Aber sie zitterte nur wegen dem Wort
Maman.

Harri lag im Wagen. Er berlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht
fllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff
ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und dpiert. Er ahnte
nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er
spielte nur mit Jujus Hand, es war ihm gleich.

Das Schlo war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog,
auf der Treppe kte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fcher
mit ihm kokettierte, was Juju errtete. Im Billardsaal stand winkend
Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt lchelnd.

Sein Lcheln deutete, da das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht
entwirrt werden knne, und da der Versuch es zu lsen, nur noch strker an
es verstricke.

Aber Harri stand khl beiseite. Er fhlte, nicht beteiligt genug auch
hierbei, da Shanvady den Reiz, der ihn unbewut zu ihm geleitet seit jener
Nacht im luxemburgischen Garten, selbst zerreie, indem er ihn darin zu
fangen suchte, und da das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt,
darum fr diesen verloren war, nicht fr ihn. Ein Sieger wider Willen hob
er die Augen.

In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfnger, ihn unterjocht dachte,
weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlsbaren Reizes in der
Falle glaubte, ri er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausbte.

Es gelstete ihn nicht, das Geheimnis zu lsen. Er lie es fahren
ungeffnet. Es reizte ihn nicht mehr.

Wie unter einer abgrndischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was
an ihm gezogen. Als Zuschauer flo ihm dieser Tag fort wie jeder andere
Tag, er verga ihn, verga die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der
mit einer leisen Gebrde seine berlegenheit hite, erbleichte Shanvady
unter dieser unbeweglichen Klte, die nichts rhrte. Die Gebrde zerbrach
mitten im Schwung.

Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.

Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser
Atmosphre lste. Sein Hirn war pltzlich nur eingestellt von dem Drang
wegzufahren, das erfllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich
den Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, da es ihm schien, er
vermge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.

Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, da sie abgefahren, aus Eifersucht
auf Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die
ihren Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht
verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschler ihre Kleider,
widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten,
die Jnglinge Holzers aber unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo
Weiberkleider lagen.

Da sie am Flu lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte
Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebrunten Schnurrbart wie
ein gyptischer General, griff in den Mund, ri das Gebi mit den vielen
Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah
um sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter,
gehssig, demtig, ein rchelndes Skelett.

Mit einer zrtlichen Bewegung ffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser
Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert,
die Maskerade zur Tragdie getrmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den
Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in
seinem eigenen Wagen, von Trnen des Glcks berschwemmt und in
himbeerroter Livree.

Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen
des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone
als Abschlu, Fackeltrger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte
ihn mit nichts mehr. Vorbei.

In Paris lernte er Blriot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal
berflogen, die Welt schien von Mglichkeiten um so tiefer ins Herz
bedroht, als die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zulieen und
fast noch keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blriot als Passagier,
schon figurierte sein Bild neben dem Blriots im Journal, Matin, Petit
Parisien. Auf dem Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud
Kordelin vor.

Sie sah ihn nicht an.

Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie
wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben
vorber, durch angekerbte Drhte, deren Wundstellen unter Flammen standen,
an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem
Druck sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blriots, auf
seinen Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurck, um die
Konkurrenz zu ehren.

Sie lag im Torpedospritzer, fhrte das Rad ber dem Kopf zum Steuern, die
Luft scho wie unter Wasser kruselnd gegen das dicke Glas der
Schutzplatte. Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve,
ohne ihn zu beachten.

Am nchsten Morgen trat Harri bei Rippre ein, acht Wochen vor dem
Concours, einen Schal um den Hals.

Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem
Messingkessel. Der Hammer tat hundertfnfzig Schlge die Minute. Als die
Bnder genietet waren, hrte er nichts mehr, zwei Tage spter war er
darber weg, trainiert auf jedes Gerusch. Im Ausprobraum zwischen
fnfundzwanzig Motoren von pro Stck zweiundzwanzighundert Schlgen
Tourenzahl die Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und
feurigen Sulen ber den Ventilen die Auspuffung, den gleichmigen
Herzschlag der Eisenkuben.

Um das Gets, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar,
dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkhlung an den Wnden
herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und
stiegen in langen Schwaden von selbst wieder auf.

Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.

Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit
Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit
Stechuhren, mit dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in
Tarascon zu zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schulinie
ber die Chausseen.

Eingedrckt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie
das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn,
liebten die Maschinen, wurden wieder geliebt.

Sie rissen beim berrunden einem Mbelwagen die eine Seite ab, aber sie
behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken lieen sie die
Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehft,
wrfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich.
Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzge
unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.

In der tollkhnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie
khl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.

Drei Tage blieb Harri im Bro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der
Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l'est, lernte die Verstopfung
der Gase, die Qualitt der Kohle, der le und Benzine.

Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus
beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimitt
zum Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.

Er beherrschte und liebte.

Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer
sthlernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten
Flugzeugs, das aus allen Seilen sang, zu spren.

In der vierten Woche trat er bei Blriot in den Hangar, der Schatten der
ingenisen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mtze lag an
der Wand wie mit Dynamomulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen
bte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Khnheit nicht
kalkulierbar, kein Tod nicht ausmebar und zu berwinden war.

Er liebte an dem Flieger das Unerschtterliche. Dieser gewhnte sich bei
Harri an das Nichtmitreibare.

Gegenseitig liebten sie ihre Khle und Distanz, die bei dem einen das
unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch
durch solch unvorstellbare Kurven der Khnheit des Geistes und der Gefahr,
da er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon
wieder verstand. Sie empfanden, da die nach auen gekehrte Reserve eines
jeden von ihnen kein Manko, sondern der gehrtete Widerhall einer feurigen
Seele sei.

Harri lernte, da die Welt als flache Scheibe zurckfiel, wenn er das
Steuerrad zurckri, und wenn er dann nach hinten sich warf, da blaue Luft
die Erde tiefer zurckstie. Er fhlte das Grausen der Vertikalben als
Musik im Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des uersten
rechten Flgels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten
Flgels stieg unter seinem Druck.

Die Schnur lief langsam ber den Kreis hinber nach links, der linke Flgel
senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.

Nun fhlte er das wunderbare Gefhl des Kreises, den die Libelle machte,
als befreite Bewegung seines Krpers, dann zischte der Renner in kurzen
Spiralen hoch in Blriots Hand.

Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte,
beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fubewegung und des
Flgelaufhebens. Er lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der
Gefahr.

Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das
berschieende der Sicherheit gegen die verderblichen Mglichkeiten. Er
fhrte auf Umwegen ihn jederzeit dahin, ber das Ungefhre der technischen
Dinge und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle
Sicherheit der berlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.

Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinber zu Abrahamowitsch, der
ein neues Modell startete.

Von Blriot erfolgte nichts, er rhrte sich nicht.

Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei
seiner Schler sprangen fr ihn ein.

Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem
dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, lieen
sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.

In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum
Takt von Motoren, jagten dann um zwlf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.

Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte Harri
die Hand. Mit ihren schrg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum
erstenmal grau an.

Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum
erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhhte Reklame, aber sein
blasses und scharfes, auf dem bergroen Krper immer umnebeltes Gesicht
bemerkte es nicht, nur ausgefllt von den Kombinationen seiner Modelle.

Was er vom ueren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewut sein
Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das brige des Daseins war
Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das
Schpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von
seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes
nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufri. Ein
Leben daneben gab es ihm nicht.

Bei der Prfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer khnen Bewegung
auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. Sie traitieren
die Maschinen wie andere die Frauen, flsterte Sauerwein vom Matin mit
frivol gestrubter Mouche. Aber wir sehen die Frauen nicht wie Sie die
Maschinen, sagte Elie.

Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen tickten.
Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.

Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen, zischte Elie hinter
ihm, als er Maud anband.

Das Gebrll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon
schwebten sie auf Rue St. Honor, die lngste Strae Frankreichs.

Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geffneter Fcher ihnen
entgegen. Elyse, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die
Place Vendme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des
achten Arrondissements, das Ministre de l'intrieur. Sie schwebten auf
einer sanften weien Kaskade, den Champs Elyss.

Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren
dunkelrot gebumt Trocadro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue
Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.

Sie fuhren zurck: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, glsern der
Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du
Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.

Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die
Brse, Gare de l'est. Fuhren Marcadet, Poissonnires, Porte du canal St.
Denis. Solang sie fuhren, sprte er Mauds Knie.

Sie fhlten das Herz pltzlich in den Schlfen: das Meer.

Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm sa die Sonne auf der Flche. Der
Rauch der Brandung verging in Mvenschwrmen. Wie eine Wolke hing das Meer
mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.

Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berhrten sich die zartesten
Wellenkmme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stieen sie auf den Strand.

Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valrie, mit vielen Booten
davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des ber
das Blau tief heraufsteigenden frhen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der
Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie
nickte, whrend die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den
Scho warfen.

Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte
Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mute auf ein Fabriktelegramm hin
noch einmal durch einen Rechentrick laufen.

Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer,
erreichten es bei Le Trport. Maud bog von der Landstrae ab und fuhr
direkt hinein, bis die Hinterrder in der Luft rotierten. Als sie die
Strmpfe auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen
geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten
Wolken. In Eu strahlte es schon . . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In
St. Valrie tranken sie Schokolade auf der Strae . . . . . . Fcamp
. . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.

Die Seine wuchs ganz gro ins Meer. ber Deauville mit einem Tulpental nach
Caen. Sie lie das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in
die Dmmerung, hrten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In
einem Dorf machten sie Halt mit einem bererhitzten Khler, es ging nicht
mehr.

Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich fr ein paar Stunden
zurck. Harri hrte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen
und Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein
Kupferkopf stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den
llampen und Netzen humpelten fluchende Alte, breimulig liefen sie nach
dem Meer.

Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberberschtteten Meer auf
den Sand kommen, mit einem tierisch hinreienden, kaum unterbrochnen Wei
der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.

Er sicherte, ohne da sie es sah, ihren Rckweg. Eine Stunde noch lag er in
der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Gerusch kam
durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinber und klopfte.

Einen Augenblick zgerte sie an der Tr. Dann ffnete sie.

Sind Sie sehr mde?, sagte er ruhig.

Sie lchelte.

Fahren wir weiter.

Sie nahm die Mntel und Decken:

Gut.

Mit Pfeifen und Glsern voll Cidre torkelten die breitbrtigen Fischer im
Hof, die roten Boutons ihrer Mtzen schwankten. Sie rissen die Muler auf,
rollten die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten
einen schwerhrigen Kapitn in der Mitte, der sich bemhte, die Fuste
unterm Kinn, sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er
hatte nicht begriffen, warum sie so erregt waren, aber er verstand, da sie
besoffen waren und grhlte am lautesten, als ob er es wte, warum.

Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, da er hinschlug, mitten in
das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden
vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrckt auf die Buche sich
schlugen.

Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen ber der Chaussee der Mond
aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren
durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.

Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer
selbstverstndlichen Bewegung vom Steuerrad.

_Er_ fuhr.

Sie hinderte ihn nicht. Die Ksten fielen in groen Erkhnungen in den
Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, da Maud an den
Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast trumerisch lagen ihre
Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre
Blick suchte das Steuer immer, das er fhrte, suchte den Mond, der
lilienwei im Tag noch stand, ging die Normandiekste nach Sden hinunter
und fiel wieder auf seine Hand. Sie lie Grandville . . . . Abranche
vorbergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als
Harri hielt, lag in Orangesonne der Hafen St. Malos unter ihnen.

Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.

Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie
sich hingab, als kennte sie das nicht.

Sie htten mich lieben sollen, sagte Harri.

Zu spt.

Sie wandte sich um. Er hrte nicht auf sie zu kssen.

Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine
Verhaltenheit aufri und in ihr ergo. Glhend an seiner Seite fuhr sie
zurck.

Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem Wagen.
Die Mnner musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit
geworden: Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie
scheiden aus. Isaac fhrt

Beide sahen auf Maud.

Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinberwerfen solle zu dem, der
sie in ein kaum geffnetes Leben ri, aber als nichts von diesem her
erfolgte, der khl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu
Elie, dem ihr Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das
Mitleid, da seine groe Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll
in ihren Hnden lag.

Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf
keinen Aufruf und blieb nachlssig bei seiner Libelle. Das Publikum
bedrohte die Startrichter aus Angst, da Intriguen gegen seinen Favorit
dahinter seien. Es war schon gereizt, weil Blriot am Morgen die weie
Fahne ber sein Zelt hatte hissen lassen.

Die Tribnen schimpften auf Blriot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit.
Sie warfen mit Tomaten und pfeln nach seinem Zelt, nannten ihn lsardine,
Lapin, Birnenstei.

Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drckten sie ber die Barrieren
und winkten ihm mit Tchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb,
als hre er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief
zu Elie hinber, der sagen lie, er fliege nur, wenn der Akzent seines
Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine
Riesenovation, Harri sah dahinter, da Elie nervs war.

Kurz darauf strzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalb, die es
umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein
Stein. Die Stafette kam von dem kleinen Wald.

Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.

Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in unverstndlich
schmalen Kreisen, dann scho eine Querflamme durch den Apparat, fra die
Flgel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als
sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen zu.

Die Stadtsergeanten sperrten den Hgel ab.

Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schlfenmassage die Augen
auf. Nach kurzem Besinnen frug er:

Mein Bruder?

Alle schwiegen.

Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel,
der zerbrochen war, spiete ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.

Er wurde ganz bleich:

Die Frstin?, frug er seltsamerweise.

Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:

Maud.

Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstbe
hatten die Lunge durchbohrt. Frauen bleiben Frauen, sagte Elie noch, eh
er sich umlegte und zu atmen aufhrte.

Als Harri aufsah, trat Blriot auf ihn zu. Sie haben mich umsonst
verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod am Schlu geschenkt.

Harri sah ihn an: Htte ich ihn bei Ihnen vermieden?

Sie htten ihn vermieden, sagte Blriot unerschtterlich, aber Sie waren
nicht konsequent. Er zrnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares
schneidendes Urteil ber die Dinge, womit er sie berwand.

Da kam ein Auto angefahren, am Khler stand Shanvady, das Gesicht bedeckt.

Seine Zhne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghgel heran.
Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.

Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch
zurck, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht
entstellt, die Augen geschlossen, schrg und energisch ber den Leib
gelegt. Er machte einen Schritt: In meinen Wagen. Sie ward
hineingebettet.

Ein Kommissr erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady pltzlich mit
einer furchtbaren Blsse: Meine Frau und zog den Hut.

Harri trat an den Wagen und legte die Fe Mauds, die heraussahen, unter
die Decke. Ich wnsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen, sagte er in
groer Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hte gezogen. Shanvady stie
einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche
davonjagte.

Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke
des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses fllte sich
morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die
heitere Dmmerung.

Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgrndig erlebt hatte, nicht
hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachtrglich an ein
Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekmpft hatte. Er
berwand mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und
verblassender in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene
majesttische und entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gltigkeit
der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu,
sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene
Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast
erschreckendem Hochmut erhoben.

Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag lie er die bunten
Vorhnge durch die Luken ber seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit
gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn
am dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand bi, da er vor
Zhnezusammenbeien ohnmchtig wurde, sah er aufatmend in Mdchenaugen,
hrte eine Stimme begtigend: Lon.

Das Gebi des vllig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand.
Er hielt den Schmerz nur durch, gelhmt und bezaubert durch die Stimme,
whrend man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings ber den
Boulevard ins Spital St. Lusac.

Ein seidenschnurrbrtiger Arzt beugte sich ber ihn mit einer Phiole:
Wollen Sie, da der Hund lebt?

Htte ich ihn sonst nicht gettet?

Es dauert fnf Minuten lnger.

Wie heien Sie?, frug er das Mdchen.

Aira Belmont.

Er wurde ohnmchtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, da keine
Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham
wortlos. Sie berging seine Verwundung. Sie dankte, da der Hund lebe.

Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der
Haltung der hollndischen Dame, die mutig und in aller Jungfrulichkeit von
Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um
unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concirge verfolgt, der Hund
bellend hereinstrzte, verlor sie diese Geste, machte eine hlflose
Bewegung und jagte ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend
drehte sie sich um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.

Die Wrme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende
Sicherheit des schlanken Krpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und
Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenber die Welt unerprobt
und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Fhrer.

Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzckungen vorsichtig entlang.
Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der
Freude ber die siebenundfnfzig Fruchtlden um Notre Dame de la Lorette.

An seinem Arm besuchte sie Kirmisse auerhalb der Stadtwlle und bog
zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden
nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bllen schossen.

Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen
murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straen bewegte, und seinen
Gulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einfhrung bevorstand,
umwlktes Alter erzhlte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen
Stellen der Pferdehlse mit der Peitsche tuschte.

Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den
Straenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das
Glas mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der
Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden
Pappeln.

Er fhrte sie wieder in das Gewhl der Seinedampfer und brachte sie hinaus
an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Bschen der Stadt entgegenkam.

Aus Blumen, Bumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von
seltsamer Kraft.

Etwas trat pltzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn
manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie
heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstrkt zurckwandte und ihn einem
Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem
inneren Hren war.

Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft
sprote St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst fr ihre
eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lssige schlanke Mdigkeit lehnte
sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der
Abendluft zustrmte, ber ihn.

Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschmt, mit dem Gedanken an ihre
verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen,
war ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, da sie ihn mehr besa
als er sie.

Morgens fuhren sie nach Versailles.

Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf
sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schlofenstern und wartete
auf den Wildentenpfiff.

Dann kam sie.

Da fhlte er eine Vernderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und
er begriff, wie das in sein Leben hineinfate und es bestimmte.

Er sah, wie alles sich pltzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus
den Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen
nach ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr
anschlo, See, Wiese und Guirlanden hineinstrmten in diese abendliche
Bewegung.

Die Marmorstufen, die rot und wei unter ihren Schuhen sich streckten,
drhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu
Treppenfall gleich von sanft strmenden Kaskaden heruntergegeben. Es
schien, als treibe alles ihr nach in dieses Gleiten.

Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schlofenstern
abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schlo sich an allen
Stationen des Herabgangs das Vorhandene an sie an.

Die Delphine und Tritonen liehen ihr das ngstliche ihrer khnen
Bewegungen. Diana drngte nach ihr den Busen. Die Knigin der Frsche
wandte die glhende Achsel herber. Der Fltenblser sah zitternd in
stummer Betubung zu ihr hinber. Der rtliche Marmor Apolls selbst und die
bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und
beruhigten sich wieder. Die Orangenbume neigten in dem Vogelschweigen sich
in eine flsternde Brise.

Schmerzlich und verlassen standen die Gttinnen der unteren Terrassen und
wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.

Und nun begannen in ihrem Rcken die groen Wasserspiele aufzugehen und
sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich
niedergelassen und schlo mit den schaumigen Kpfen der tanzenden Fontnen
oben zwischen zwei Vorhngen sie ab von der Welt.

Erschttert frug er: Wo ist Lon?

Sie machte eine verhllte Bewegung.

Warum?

Weil ich dich liebte.

Tatest du es selbst?

Gestern abend. Ja.

Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr
Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die
Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstnde empfingen von ihr Wrde
und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu
wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres
Wesens.

Saftigeres schlte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade,
Bosch, Grnewald, Brueghel, Mleskirchner. Da flossen Speisen berall,
knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und
in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben
gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal
gestellt.

Airas einfache Einstellung wute jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch
Oxygne, was ein Purgier ist, fr einen Vornamen. Unfabar, aber auch
nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen,
das irgendwo in einem apfelgrnen Himmel jh ertrank.

Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher.
Ah? frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: Sie sehen keine Vernderung.
Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets
als Prinzip. Harri lachte: Sie waren nicht so bestimmt. Petrova lchelte
mit dem Mundwinkel: Das ist der Vorteil des Besitzes. Fr einen
Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung. Allein
seine Sicherheit war nicht so gro wie sein Auftreten. Er deponierte bei
Harri fnfzigtausend Francs.

Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube
an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er
vermied, aberglubisch, den Tresor der Banken wie Pest.

Mit einer lteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er ber den
Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.

Die Hitze fiel ein in Paris.

Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraen die Absynthsufer an.
Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitler gerollt.

Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel
der Groen Hallen stand eine geffnete Kloake und strzte Wolken Gestank in
den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zrtlichen Champs Elyss
zwischen den auf ihren Bnken geruschlos Winterspeck ausschwitzenden
Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bume. Selbst die
Militrmusik der ffentlichen Grten klapperte nur verzweifelt mit gelben
Flgeln und schleifte doch nie die Tne bis an die erfrischendere
Trommelflle der Fontnen.

Sie packten.

Harri ffnete die Luken, lie die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von
Glas mit feuriger Steigerung. Die Strae unten lag noch voll Schatten.

Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entfhrte, sahen sie zurck.
Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehit, vom Morgenwind immer
wieder festlich gefllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.

Sie fuhren nach Holland.

Schon fhrte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner
berlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie
Rotterdams Hafen, sprten die Viehherden ber riesige Drehbrcken in dies
Loch Europas strmen, fhlten die Vorstdte mit Reis, Tabak und Tee sich
fllen wie eine gleichmige groe Bewegung.

Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in
s'Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der
bevorzugten Sippen bei Flten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die
Gegengebrde der saftigen derben Leiber a Spuistraat drhnend in dieselbe
Kadenz.

Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die lgefleckte Gracht,
zog die Bluse kreischend aus und schttelte den mchtigen Busen, so trugen
sie mit dem gleichen Lcheln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem
Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den
Strand erhellte.

Sie fiel auf durch die schlanke Lssigkeit ihrer selbst im geringsten
rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.

Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurck und die Lichter der
Seebrcke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken
aufscholl und mit glitzernden Fischnetzen der Lrm in den Hafen zurckkam.
Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im
gleichen Puls. Sie gewhnten sich so aneinander, da sie das gleiche schon
empfanden, eh es in ihren Gesichtskreis trat.

Erotische Landschaft sprten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten
meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanlen zu fahren machte es ihnen
bereits, bernachteten sie auf Mhlen, duschte der Gastherr sich nackt
morgens im Garten. Wie unter Stichworten trstete ber dem Gestank des
Judenviertels sie der goldene Staub.

Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch
in die Wiesen, wo aus den Lindenkanlen und fetten Grsern bis unter den
letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder
mitten in der Frische, von jedem Erdstck, jedem Glockenschwung, die sie
berhrten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und
Bschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos fr sie
hingab.

Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, da
sie gewissermaen zurck in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder
schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Khen, die
von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen
der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken
ebenfalls Sitz.

Am Abend verlie sie ihn fr wenige Tage. Sie kam zurck damit, da sie,
ihr Vermgen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht
aussprach, da sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein
fhre. Er plnkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn
warnte, mit Zwingen dahin vorzustoen, wo in ihren Hintergrnden der
Entschlu sich festgesetzt, lie er die Sache fallen, wie alles, was sich
ihm entzog.

Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord
hinliefen, berfiel ihn Mdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen
sollte, was ihn floh, und selbst fr diese Frau schien Kampf im Augenblick
ihm noch zuviel.

Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darber, gaben sich Stunde
und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.

Eine Woche lebten sie in zwei Drfern, die eine Dne trennte. Auf dem Kamm
trafen sie sich morgens. Der Dnenfu war mit Makrelen best,
Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.

In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendnung.
Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen
Wagen, bis sie sich zwischen den Dnen kaum mehr auskannten. Dann schlossen
sie eine Lagerhtte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen
Schlgen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.

Eine Woche bremste weikpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht
brach der gewittergederte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri
erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos strzte er in den
Garten. Da kam sie, umwlkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das
Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hften aus der mattschimmernden
Nacht, wie ein Stck dampfende Erde in seinen Arm.

Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends
sahen sie durch die Rosenhnge der Veranda die Lichter des wartenden Autos
an der Kste. Sie schwammen hinber, damit sie das Meer noch einmal koste,
das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, kte ihn.
Auf dem Strand der Insel drben hrte er noch das Verrauschen des Autos am
Horizont.

Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte
zu geringes Ma Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht
sthlte, um sie zu kmpfen.

Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke,
jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.

Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus
Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Wei des
aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang
ihn mit jedem Gegenstand, den er berhrte.

In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar
gekettet, im Luten des unsichtbaren Viehs hinter den Dnen klang ihre
Stimme, an den Lmmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flstern des
Schilfs war ihre Stimme.

Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, da nicht die Dinge nur, die sie
berhrt, sie ihm zurckbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in
seine eigene Figur, da der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines
Schattens, da selbst das Zittern seiner Hnde nichts war als ihr Ausdruck,
ihre Stimme, ihre Anmut, und da er, wenn es ihn berfiel vor Sehnsucht,
sich fhlte, als sei in ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum
auch er.

Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht lnger: seine
Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefhl blieb. Alles andere hatte sich
ganz aus ihm gelst.

Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es drhnte, als er sich zerstreute,
zwischen Stdten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.

Da fhlte er, da er es nicht ertrge ohne sie, er beschlo ihr zu folgen,
aber er war so sanft geworden, da er schon anfing ihre Gedanken nicht nur
zu denken sondern zu leben, und damit er sie nicht stre, von niemand
gesehen werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ngstlichen
Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.

Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, berschiffte er das Meer. Zum ersten
September legten sie in Samarang an. In der Dmmerung kam Aira Belmont mit
ihren Brdern in einer Barkasse herber und ging ber das Deck in die
Kajte. Er sprach sie nicht an.

Als sie zurckkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse
legte wieder an. Aber whrend sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die
Trnen in die Augen vor besinnungslosem Schmerz.

_Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben
eingekreist_ und ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun
spielerischen Dinge stellte.

Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und whrend
das Liebste seines Lebens verschwindet, erglht seine Seele zum erstenmal
voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich ffnet, mit der
sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des
Zuschauers in den heien Kreis des Daseins, der schmerzt.

Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit
Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Lusen entging ihm
nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die
Nigger walkten ihn, bis er schwoll.

Die Stickluft machte ihm eine Entzndung. Nachts brachen sie, wuschen die
Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und gro, fiel auf die
Knie und betete. Es entging ihm nichts.

Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. Ausgespien, schrie sein
Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer
Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:

   Uns rettet nie ein hhres Wesen,
   Kein Gott, kein Knig, kein Tribun,
   Uns von dem Elend zu erlsen
   Vermag nur unser eignes Tun.


In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitn einen galizischen Rabbi, weil er
ffentlich die Gebetszeremonie machte.

Als Harri frug, warum er sich nicht empre, gab er keine Antwort. Vor der
Landung ri er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter,
er sah Shanvady. Er suchte ihn zu berreden, mit ihm auszuschiffen, seine
Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.

Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da
drben, sagte giftig Shanvady am Schlu, was habe ich Ihnen nicht
entgegengefhrt? Dies Land ist pleite drben, denn selbst Sie vermochte ich
nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Khle mich reizte, Ihnen alle
Raffinements entgegenzustellen. Er ging allein von Bord. In der Nacht
starb ein junger Mann ber Harri. Harri entschlo sich, zurckzufahren, die
gleiche Tour.

Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick
war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken lie zwischen den Schichten
mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen lie und sich darber so
verndert fand.

Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit ber sich
selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er frher nur
sah wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zhen Teilnahme sich
geworfen fand.

Er entschied sich gar nicht, die Sache war vllig klar. Mit Shanvady schied
der Vertreter, glnzend und reprsentativ einer Klasse, die nicht mehr
baute, nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Spen das
Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stcken umdrehte,
bis sie, der Witze mde, floh.

Ihn aber gelstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene
zurck.

Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herber mit Aira
Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brdern. Die Mtze ber das Gesicht
gezogen mute er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.

Whrenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn
sah, schrie sie Harion.

Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der
Nacht starb, aus den Papieren, da es seine Mutter war.

Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurck,
wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne
diese Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des
Lichts, die die Kste weit ber den Horizont hob, stob ihm durch das Segel
in der Dmmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine
Schlfen.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAUEN***


******* This file should be named 35085-8.txt or 35085-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/0/8/35085



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

